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www.ChristianReder.net: Publikationen: Wörter und Zahlen: Übertragen

Wörter und Zahlen
Das Alphabet als Code

Springer Wien New York 2000
Sonderausgabe: springer / komet 2001

Grafisches Konzept: Ecke Bonk
Grafik: Richard Ferkl, Asia Sumyk
Essayistische Studie zur Schriftkultur, zu Codes, zu Präzision, zu Wahrnehmung, zu einem 'berechnenden' Denken.

 

ÜBERTRAGEN

 

 

In einer berühmten, hier auf Kernaussagen komprimierten programmatischen Schrift wird davon ausgegangen, daß eine bestimmte Art von Text nicht "als Ganzes", sondern "als etwas Zusammengesetztes" aufzufassen ist. Es sei eine "Chiffriermethode" notwendig, die ihn "wie eine Art Geheimschrift behandelt, in der jedes Zeichen nach einem feststehenden Schlüssel in ein anderes Zeichen von bekannter Bedeutung übersetzt wird". Offensichtlich wird in der Regel, daß in ihm "das Nebensächliche und Unbeachtete" eine andere Bedeutung bekommt, weil die Auswahl der Themen, der Bilder, der Aussagen "nach anderen Prinzipien" erfolgt als gewohnt. Die Berührungen und Verbindungen zwischen den Gedanken erzeugen "Knotenpunkte", führen zur "Bildung neuer Einheiten". In solchen Prozessen werden Worte "häufig wie Dinge behandelt und erfahren dann dieselben Zusammensetzungen wie die Dingvorstellungen. Komische und seltsame Wortschöpfungen sind das Ergebnis."

Geheimschrift
130
Topographie
130
Abstraktion
130
Deshalb ist "die Analyse unsinniger Wortbildungen" besonders dazu geeignet, "die Verdichtungsleistung" aufzuzeigen. Sichtbar wird auch, daß ein solcher Text "anders zentriert", "sein Inhalt um andere Elemente als Mittelpunkt geordnet" ist. Es findet "eine Übertragung und Verschiebung der psychischen Intensitäten der einzelnen Elemente" statt. Einen "logischen Zusammenhang" gibt er wieder als "Gleichzeitigkeit", "die Verursachung" wird dargestellt "durch ein Nacheinander"; ein "Vertauschen des sprachlichen Ausdrucks" ist wichtiger Teil dessen, was vor sich geht. Ein anderes Spezifikum ist es, daß er "die Alternative ‚Entweder-Oder' überhaupt nicht ausdrücken kann; er pflegt die Glieder derselben wie gleichberechtigt in einen Zusammenhang aufzunehmen", scheinbare Alternativen werden durch "und" verbunden. "Die Kategorie von Gegensatz und Widerspruch" wird vernachlässigt, "das ‚Nein' scheint in solchen Texten nicht zu existieren. Gegensätze werden mit besonderer Vorliebe zu einer Einheit zusammengezogen oder in einem dargestellt." "Die Relation der Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Berührung, das ‚Gleichwie'" wird zur dominierenden, oft zur "einzigen unter den logischen Relationen". "Das Wort, als der Knotenpunkt mehrfacher Vorstellungen, ist sozusagen eine prädestinierte Vieldeutigkeit", die "Wortbrücken" sind es, "über welche die Wege zum Unbewußten führen".1

Rechenprogramm
154
Wortbrücken
155

Inzwischen dürfte klar geworden sein, woraus hier zitiert wird. Es ist Die Traumdeutung; nur ist das Wort "Traum" durch "Text" ersetzt worden. Wird in der Code-Beziehung von Wörtern jenes vorerst Unbekannte gesehen, das neue Einheiten, Verdichtungen, Berührungen, Verbindungen, Knotenpunkte, Gleichzeitigkeit, Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Vieldeutigkeit und die Möglichkeit für Verschiebungen und Vertauschungen erzeugt, so ergeben sich offensichtliche Parallelen zum hier thematisierten, zwei Zeichensysteme verbindenden Wörterbuch. Die Berechnung produziert unvermittelte Übergänge, die Wörter als von einer externen Instanz geordnet erscheinen lassen; sinnlos, aber dennoch Fragen nach der Bedeutung auftretender Assoziationen stellend. Diese Instanzen sind die Zahl, die Berechnung und der Wunsch, derartiges festzustellen. Wenn Freud "das Problem der Absurdität des Traumes dahin aufgelöst" hat, "daß die Traumgedanken niemals absurd sind", dann läßt sich das auch auf rechnerisch erzeugte Wortkonstellationen übertragen, selbst wenn kein träumendes Subjekt an ihrem Entstehen mitgewirkt hat. So simpel dieser Mechanismus ist, so mysteriös sind oft die Zusammentreffen. Die Qualität vermeintlicher Zufälligkeit wird sichtbar. Wie das alles entsteht, ist zwar einfach zu verstehen, trotzdem ist es eine Art Begegnung mit dem Unbekannten, mit einer im Unlogischen steckenden Logik. Daß die Aufklärungsmöglichkeit begrenzt ist, dessen war sich auch Freud sicher: "Wir können es unmöglich dazu bringen, den Traum als psychischen Vorgang aufzuklären, denn erklären heißt auf Bekanntes zurückführen, und es gibt derzeit keine psychologische Kenntnis, der wir unterordnen könnten, was sich aus der psychologischen Prüfung der Träume als Erklärungsgrund schließen läßt." "Die Traumgedanken, auf die man bei der Deutung gerät, müssen ja ganz allgemein ohne Abschluß bleiben und nach allen Seiten hin in die netzartige Verstrickung unserer Gedankenwelt auslaufen. Aus einer dichteren Stelle dieses Geflechts erhebt sich dann der Traumwunsch wie der Pilz aus seinem Mycelium."2

Traum
73
Spiegel
73
Apparat
73

absurd
65
links
65

schweigen
93
aufklären
94
begründen
95

Geflecht
66
Alphabet
65

 

Worttabellen, Wortfelder, die wie Bilder gelesen werden können, ohne daß von vornherein "sinnstiftende" Verbindungen sichtbar sind, aktivieren Subjektives, Erinnerungen, Vorbewußtes, Unbewußtes, so als ob es sich um etwas Geträumtes handeln würde. Das Mechanische daran entspricht Freuds Vorstellung vom seelischen Apparat, "dessen Bestandteile wir Instanzen oder der Anschaulichkeit zuliebe Systeme heißen wollen". Offensichtlich ist dabei, "daß die kompliziertesten Denkleistungen ohne Mittun des Bewußtseins möglich sind". Gerade jene Vorstellungen, "die einander ihre Intensitäten übertragen, stehen in den lockersten Beziehungen zueinander und sind durch solche Arten von Assoziationen verknüpft, welche von unserem Denken verschmäht und nur dem witzigen Effekt zur Ausnützung überlassen werden."3

 

Die Ansammlungen unzusammenhängender Wörter, wie sie sich aus Codierungen ergeben, entsprechen dem Sachverhalt, "daß der Traum (fast) nie geordnete Erinnerungen aus dem Wachleben, sondern nur Einzelheiten aus demselben übernimmt", das Traummaterial ist oft "eine Sammlung von psychischen Resten, Erinnerungsspuren". Es ergeben sich Muster, auch die Psychoanalyse spricht von "Traummustern". Entscheidend sind die einzelnen Zeichen, denn "der Trauminhalt ist gleichsam in einer Bilderschrift gegeben, deren Zeichen einzeln in die Sprache der Traumgedanken zu übertragen sind. Man würde offenbar in die Irre geführt, wenn man diese Zeichen nach ihrem Bildwert anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen wollte." Es gehe darum, sich zu bemühen, "jedes Bild durch eine Silbe oder ein Wort zu ersetzen, das nach irgendwelcher Beziehung durch das Bild darstellbar ist. Die Worte, die sich so zusammenfinden, sind nicht mehr sinnlos, sondern können den schönsten und sinnreichsten Dichterspruch ergeben."4

"Der Traumdeutung bleibt es überlassen, den Zusammenhang wiederherzustellen, den die Traumarbeit vernichtet hat", da diese "ja nicht beabsichtigt, verstanden zu werden". Letzteres trifft auch auf Berechnungen zu, die Buchstaben mit Zahlen gleichsetzen. Es deckt sich auch, wie bereits erwähnt, mit kabbalistischen Vorstellungen von Textanalyse. Der wirklich essentielle Unterschied zum Traum besteht vielleicht nur darin, "daß jeder Traum die eigene Person behandelt. Träume sind absolut egoistisch."5 Das ist ein Berechnungssystem auch, weil es eben nur seiner eigenen engen Logik folgen kann. Ob es tatsächlich jemanden braucht, der mit seinen Ergebnissen etwas anfangen kann, wird nicht unmittelbar ersichtlich. Weil es imstande ist, Wortbeziehungen zu erzeugen, die solche Sachverhalte auf den Punkt bringen, beweist es eine Leistungsfähigkeit, die auf Ansätze zu künstlicher Intelligenz, auf ein Mitdenken des Systems schließen ließe.

Unbewußtes
168
Traummuster
169

Zeichenbeziehung
167
Symbolhandlung
167
Demonstration 167
Grundvokabular 167
Muttersprache 167

 

Umgangssprache
152
Wortfetzen
152
Transparenz 152
Suchprogramm 152

Bild
27
Code
27
Ego 27


Psychoanalyse 163
Geschlechtsorgan 164

Traumdeutung 165

Triebverzicht 165
Zivilisation 165
Weltzustand 165
Unwissenheit 166
Symbolhandlung 167

 

 

Daß Natur74 und berechnen74, träumen97 und erinnern97, Berechnung97 und Beziehung97 Gleichungen bilden, Sündenfall113, Orgasmus113 und Verdrängen113, oder Lust72 und Gewinn72, kann als Zufälligkeit abgetan werden. Auch die Beziehung von Sperma72 und Spalte73 oder die Summierung des Ich20 und des Es24 zum Tabu44 ist noch nicht allzu auffällig.

Die Gleichung Traumdeutung165 - Triebverzicht165 - Zivilisation165 - Weltzustand165 hat aber eine intellektuelle Prägnanz, die von Freud selbst stammen könnte. Gekreuzt mit der Reihe Psychoanalyse163 - Geschlechtsorgan164 - Triebverzicht165 - Unwissenheit166 - Symbolhandlung167 wird sie gleichsam zur Formel, zum Ideogramm. Unbewußtes168 läßt sich rechnerisch unmittelbar von diesen Begriffen ableiten. Was dahintersteckt, hinter einer solchen sich "buchstäblich" ergebenden Konstellation, ist nichts als Berechnung.

Sogar Gegenpositionen erscheinen in vorkalkulierter Weise diffamierbar, da etwa der Anti-Ödipus133 (Deleuze/Guattari) als Wort mit überreagieren133 und kaputtmachen133 gleichgestellt ist. Immerhin haben dessen Autoren ja Freud als einen "allzu sehr vom Bewußtsein durchdrungenen Idioten" bezeichnet, "der weder etwas von Mannigfaltigkeiten noch von den Bildungen des Unbewußten versteht" und bei dem "es immer eine Reduktion auf das Eine" gebe.6 Ihr Angriff auf die "Figuren der Selbstbestrafung, die sich aus Ödipus ergeben" und die nur die allgemeine bürgerliche Repression fortsetzen würden, wird aber, in der Sprache Freuds, selbst wieder von der Terminologie eingeholt.7 Selbstbestrafung190 als essentieller Faktor von Kulturgeschichte190 verweist auf Sisyphusarbeit191 und auf Produktivität191. Damit schlägt sich das Alphabet auf die Seite des bekämpften Systems, weil es ihm offensichtlich recht gibt.

Daß C. G. Jungs Begriff Archetypus136 - der als Parallele zur Physik mit den "primären Wahrscheinlichkeiten" seelischer Reaktionen gleichgesetzt werden könnte8 - mit Organismus136 und Intensität136 korreliert, klingt so, als ob die Wörter von sich aus solche strukturellen Komponenten des kollektiven Unbewußten spekulativ136 und produktiv136 dramatisieren136 würden. Dabei macht Jung in seinen Schriften deutlich, daß er in kabbalistisch-alchemistischen Verfahren nur eine Quelle für über große Zeiträume vergleichbare Symbolismen sieht, eine Vorform der Psychologie, und "daß die Alchemie mit ihrem überquellenden Reservoir von Symbolen und Bildern, von Metaphern und obskuren Wortprägungen, die sich wechselseitig ersetzen können, eigentlich nur eine Projektionsfläche für die innerpsychischen Strukturen des Alchemisten und seiner Zeitgenossen darstelllt."9 "Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge" hat ihn im Rahmen seiner Psychologie der Übertragung dennoch sehr interessiert; als Zusammentreffen von Unzusammengehörigem, dem subjektiv Bedeutung beigemessen wird, als Gefühl der Korrespondenz, der Fügung, bis hin zu einem Beziehungswahn. "Worin jener Faktor, der uns als ‚Sinn' erscheint, an sich besteht, entzieht sich der Erkenntnismöglichkeit", schreibt er dazu. Das Tao der chinesischen Philosophie gebe eine Antwort: "Sinn heißt dann Richtung."10

In dieser Art verbalisierte Zahlenbezüge können zwar auch für eine solche Loslösung vom Gegenstand herangezogen werden, für eine Bestätigung der Absicht, primär das zu sehen, was gefunden werden soll, was gebraucht werden kann. Sie führen jedoch gleichzeitig ein solches Begehren ad absurdum, weil der rechnerische Zusammenhang bloß Wahrscheinlichkeiten offenlegt, die von der Programmierung abhängen. Antiquiertes kippt in neue Dimensionen.

Der Computer steht, als Zäsur in der Geschichte der Wahrnehmung, "für die Überführbarkeit des Gegenständlichen in die Schrift, das heißt für die Idee einer universellen Programmierbarkeit". Die binäre Logik des Codes erzeugt ein Maß an Abstraktion, "welches jegliches Denken, das in den Kategorien der Ähnlichkeit operiert, übersteigt. Im Zeitalter des Computers (…) löst sich der Raum in die Beschreibung des Raums, die Zeit in die Beschreibung der Zeit und der Körper (ein Werkzeug, ein Stoff) in die Beschreibung des Körpers auf."11 Die damit angesprochene Beschreibung113 bildet mit Trennung113, Einzelheit113, Austausch113 und Schauspiel113 eine fiktive, bloß durch den gleichen Code verbundene Begriffsgruppe. Als ein Übertragen116 verbindet sich die Beschreibung mit wiederfinden116, entwickeln116 und verstehen116.

 

Ich
+ Es
20
+ 24
= Tabu
= 44

 

Angst
61
Modell
61

verheimlichen
131
Schuldgefühl
131
Zwiespalt 131

Familie
55
Dreieck
55
Chiffre 55

Selbstbestrafung
190
Kulturgeschichte
190

 

unsichtbar
115
synchron
116
irrational 117

Unmittelbarkeit
180
Anziehungskraft
180
Korrespondenz 180
Improvisation 180

Richtung
100
Gewissen
101
Unschuld 102

 

Programmierung
175
Selbstbeobachtung
175

Ähnlichkeit
105
Zustand
105

übertragen
116
wiederfinden
116
entwickeln 116
verstehen 116

 

  1. Sigmund Freud: Die Traumdeutung (1899/1900). Studienausgabe, 1994. Band ii. S. 124, 118, 177, 286, 296, 297, 304, 305, 307, 312, 314, 335, 315, 316, 317, 336, 368
  2. Ebda., S. 429, 490, 503
  3. Ebda., S. 513, 563, 566
  4. Ebda., S. 69, 235, 117, 280, 281
  5. Ebda., S. 311, 337, 320
  6. Gilles Deleuze/Félix Guattari: Tausend Plateaus (1980). 1997. S. 51
  7. Gilles Deleuze/Félix Guattari: Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie i (1972). 1988. S. 63
  8. M.-L. von Franz: Das Unbewußte und die Wissenschaften. In: C. G. Jung u. a.: Der Mensch und seine Symbole. 1968. S. 308
  9. Dieter Daniels: Duchamp und die anderen. 1992. S. 248f.
  10. Rosemarie Boenicke: Materie mit latenter Psyche. C. G. Jungs Begriff der Synchronizität. In: Carola Hilmes/Dietrich Mathy (Hg.): Spielzüge des Zufalls. 1994. S. 55ff. C. G. Jung: Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge (1950). In: Gesammelte Werke, Band viii. 1976. S. 542
  11. Martin Burckhardt: Metamorphosen von Raum und Zeit. 1994. S. 30

 
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