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www.ChristianReder.net: Publikationen: Wörter und Zahlen: Thema

Wörter und Zahlen
Das Alphabet als Code

Springer Wien New York 2000
Sonderausgabe: springer / komet 2001

Grafisches Konzept: Ecke Bonk
Grafik: Richard Ferkl, Asia Sumyk
Essayistische Studie zur Schriftkultur, zu Codes, zu Präzision, zu Wahrnehmung, zu einem 'berechnenden' Denken.

 

THEMA

 

 

Diese Texte beschäftigen sich mit Buchstaben und Ziffern, mit Wörtern und Zahlen, mit dem Alphabet. Ausgangspunkte sind, wie bei einer physikalisch-statistischen Betrachtung, die Einzelteile und deren Bewegungen, die Kombinationsmöglichkeiten. Untersucht werden strukturelle Beziehungen des Materials, das für schriftlich fixierbare Mitteilungen zur Verfügung steht.

Der erzählende, kommentierende Teil folgt verzweigten, oft undeutlichen Spuren davon, welche Wortmuster sich aus Berechnungen ergeben und wie sie sich anderswo bemerkbar machen. Im Kern geht es um die 36 grundlegenden Schrift- und Zahlzeichen und ihre gemeinsamen Aussagemöglichkeiten. Das Interesse gilt Codierungen und der Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit auf Wortbeziehungen gestützte Bedeu-tungen entstehen, wenn die Zeichen "selbsttätig", aufgrund ihrer Position in der Struktur, Ordnung herstellen.

Als zweite Ebene wird daher auf ein eigens erstelltes Wörterbuch zurückgegriffen (Wörter i-v), aufgebaut als Matrix und Index, in das Wörter nach ihrem vom Alphabet bestimmten Eigenwert aufgenommen sind. Das macht mathematisch festgelegte Strukturen und Konstellationen sichtbar, die den eingeübten Umgang mit dem Raum zwischen Wörtern und dabei auftretenden Assoziationen irritieren. Es sind nicht wie üblich die Anfangsbuchstaben bestimmend, sondern jeder einzelne von ihnen, mit seiner Doppelfunktion als Schrift- und Zahlzeichen. Die Beziehungen jedes Wortes ergeben sich damit aus dem Konstruktionsprinzip des Alphabets, aus seiner Reihenfolge. Wie ein Wort, im technischen Sinn, zusammengesetzt ist, bleibt präsent. Sein Zeichencharakter gewinnt an Kontur. Damit gelingt es auch, Zahlen zum Sprechen zu bringen.

Die Wörter stehen für sich, wie codierte Bildpunkte, aus denen etwas Zusammengesetztes entstehen könnte. Gleichzeitig öffnet sich ihr Selbstbezug, sobald andere neben ihnen auftauchen. Die Integration von zwei für die Kommunikation essentiellen Zeichensystemen führt zu gemeinsamen Äußerungen, die überprüfbar machen, inwieweit solche Wortfolgen Ansätze erzeugen. Weil so viele plausible Relationen auftauchen, obwohl eine "sinnlose" Kausalität die Ursache ist, fällt es schwer, sie als berechnet zurückzuweisen und ihnen bloße Zufälligkeit zuzubilligen, ob nun Sinn und Unsinn, richtig und falsch oder passend und weniger passend als Oppositionen herangezogen werden. Unterscheidungsfähigkeit und Urteilsbildung werden gefordert. Das ergibt Analogien zu Transfers zwischen verschieden codierten Zonen, zu den dabei auftretenden Unvereinbarkeiten. Die entstehenden Effekte demonstrieren, wie reflexhaft derartiges wahrgenommen wird, und provozieren die Unterscheidung von sinnvollen und sinnfernen Systemauswirkungen, als über Wiederholung wirksam werdende Mustererkennung. Unsinnig können die Ergebnisse sein, aber - bei korrekter Berechnung - nicht falsch. Die Künstlichkeit solcher Beziehungen wird von der zugrundeliegenden Ordnung automatisch hergestellt. Mehr oder minder abgenutzte, in verschiedenster weise belastete Wörter werden neu gemischt, durch ein Medium, das nicht lügen kann.

Wegen dieser Orientierung auf Automation, auf eine subjektlose Mechanik, bilden die Anfänge moderner Codierungsverfahren, als entscheidende Impulse zur Computerentwicklung, den gedanklichen Einstieg. Die strukturalistische Argumentation - von der Sprache, als Grundmuster sozialer Mechanismen, bis zur Selbstreferenz von Zeichen und zur Rolle des Beobachters - wird mitgedacht, im Sinne eines Tests für die Übertragbarkeit und als Gegenfrage zu aufgestellten Behauptungen. Das gleiche gilt für Theorien zur Selbstorganisation und Selbstreproduktion, der Autopoiesis, und ihre Anwendung auf das Alphabet. Das dafür notwendige offensive Öffnen gegenüber dem Paradoxen wendet sich gegen die immer häufiger auftauchende finale Bedeutung dieses Begriffs als Erklärung für alles, das nicht mehr geklärt zu werden braucht. Um dies zu bestärken, wird fallweise auf die Fiktion zurückgegriffen, eine spätere Archäologie des Wissens, der vom Sprachgebrauch nichts mehr bekannt ist, würde aufgefundene Schrift-Artefakte nach deren numerischen Strukturen verstehen wollen. Dadurch wird deutlicher, was es auslöst, wenn Ordnungen konstruiert, dekonstruiert und rekonstruiert werden, wenn offensichtliche Unordnung als Ordnung dechiffriert werden kann, einschließlich der Fallen, in die ein Herstellen von Zusammenhängen führt.

Durch Rückbezüge auf griechische, hebräische, lateinische oder arabische Zahlenschriften wird der Raum erweitert, die Parallelität und Identität von Zahl und Buchstabe anhand solcher Schriftkulturen nachgezeichnet. Einen besonderen Stellenwert haben kabbalistische Methoden, als Beispiel für eine akribisch vom Buchstaben ausgehende Theorie der Schrift. Mit Bezügen zur Moderne, zu Literatur, zu Musik, zu Architektur, zu bildender Kunst wird erkundet, welche Unterschiede eines berechnenden Denkens und mathematisch analysierter Strukturen sich andeuten. Die Allgegenwart der Zahl, die nichts anderes als Mengen bezeichnet, wird in experimenteller Weise dazu benutzt, Schrift als System von Relationen aufzufassen, die mit dieser Begründung neu gesehen werden können.

Einfache Rechnungen reichen aus, um die auf pythagoräisches Denken zurückgehende Verbindung von Mathematik mit Theologie, von Kalkül und Gläubigkeit in Feldern zu verfolgen, die für gewöhnlich nicht als berechenbar gelten. Damit wird Berechenbarkeit als solche einbezogen. Sich anbietende Tendenzen zur Esoterik führen sich von selbst ad absurdum. Trotzdem wird offenkundig, wieviel Metaphysisches aus dem mentalen Archiv von Beobachtern abgerufen wird, als Wiedererkennen gespeicherter Relationen. Für falsche Sinnstiftungen ergeben sich laufend Beispiele; interessanter aber sind die Strukturen verborgener Bedeutungsschichten, die als Beispiel für vieles stehen, einschließlich einer Beachtung des Unsinnigen.

Zur Logik des Sinns hat etwa Gilles Deleuze schon in Zeiten durcheinandergeratender Orientierungsmuster differenzierte Argumente geliefert. Die Art der Fragestellung sei entscheidend. Er geht nicht davon aus, "daß Unsinn einen Sinn hat, der darin besteht, keinen zu haben", denn "mit der Annahme, daß Unsinn seinen eigenen Sinn aussagt, möchten wir ganz im Gegenteil darauf hinweisen, daß Sinn und Unsinn in einem besonderen Verhältnis zueinander stehen, das nicht dem Verhältnis von wahr und falsch nachgebildet werden kann, d. h. das nicht einfach als ein Ausschlußverhältnis begriffen werden kann". Die Aufgabe bestehe eben darin, "die prä-individuellen und unpersönlichen Singularitäten zum Sprechen zu bringen, kurz, den Sinn zu produzieren". "Die Paradoxa sind Zerstreuungen, Entspannungen nur, wenn man sie als Initiativen des Denkens begreift."1 Für Richard Rorty ist es signifikant, daß sich dabei weiterhin entweder ironische oder metaphysische Tendenzen bemerkbar machen; im einen Fall sind "radikale und unaufhörliche Zweifel" am Vokabular bestimmend, während im anderen vorausgesetzt wird, daß es Sicherheit bietet, "daß es nicht auf die Sprache ankommt, sondern darauf, was wahr ist". Es gehe oft gar nicht so sehr um Sätze, sondern darum, "Vokabulare gegeneinander auszuspielen". Denn: "Alle Menschen tragen ein Sortiment von Wörtern mit sich herum, das sie zur Rechtfertigung ihrer Handlungen, Überzeugungen und ihres Lebens einsetzen. Es sind die Wörter, in denen wir das Lob unserer Freunde, die Verachtung für unsere Feinde, unsere Zukunftspläne, unsere innersten Selbstzweifel und unsere kühnsten Hoffnungen formulieren." Selbst liberale Metaphysiker wünschten sich "ein abschließendes Vokabular", wie Rorty es nennt, "mit einer inneren organischen Struktur" und hätten die Hoffnung, "daß Ironie nicht mehr nötig sein wird". Für Ironiker wiederum "kann als Kritik an einem abschließenden Vokabular nur ein anderes solches Vokabular dienen; Antwort auf eine Neubeschreibung kann nur eine neue Neubeschreibung der Neubeschreibung sein".2 Es geht also, so wie in den folgenden Texten, um eine Auseinandersetzung mit Statik. Ein Ansatzpunkt dafür ist ein ähnliches Wort: Statistik. Sie macht erkennbar, wieviel Dynamik in vermeintlicher Statik verborgen sein kann.

Verführend ist, daß es beim Zählen leichter weitergeht als beim Denken und Schreiben. Gleichzeitig wird eine Intensivierung der Suche nach richtigen Wörtern forciert. Wörter wie Fundstücke zu behandeln, macht sie kostbarer. Aber erst das Gesetz der großen Zahl zeigt, zu welchen Wahrscheinlichkeiten es tatsächlich kommt. Das macht das Unberechenbare von Sprache greifbarer. Der Begriff des Spiels, als Gegenmodell zu Arbeit, ist in diesen oft lange unterbrochenen "Vermessungen" sonderbarerweise nie dominierend gewesen, es waren eher Konzentrationsübungen, Untersuchungen zum Bedeutungstransfer. Trotzdem gibt es Parallelen, am ehesten zu Schach. Es geht um die Stellungen der Figuren (der Wörter) zueinander. Die Freude an kleinen Entdeckungen entspricht jener über den richtigen Zug. Es wird kein Gegner gebraucht. Wörter zu berechnen, sie durch interessantere Versionen zu ersetzen, ohne deswegen gleich Sätze bilden zu müssen, ist eine Politik der kleinen Schritte und - im wörtlichen Sinn - eine Ersatzhandlung. Dagegen hat es innere Widerstände, Aggressionen, Unsinnigkeitsbehauptungen gegeben. Die Beschäftigung mit den Eigengesetzlichkeiten von Institutionen, mit dem Unverständlichen, Irrationalen, das als Blockade oder als Öffnung in Erscheinung treten kann, und die latente Abwesenheit von (wenigstens irgendwie argumentierbarer) Genauigkeit haben aber ermunternd gewirkt. Solcherart bestimmte Funktionsweisen einer weitgehend unveränderbaren Grundstruktur offenzulegen, ist lange als privates, eher peripheres Testgebiet aufgefaßt worden. Schließlich hat es einen Abschluß und eine knappe, verschiedene Felder skizzierende Kommentierung verlangt. Das entstandene künstliche Gehirn, ein provisorisches Modell berechnender Denkvorgänge mit berechneten Wörtern, kann wieder alleingelassen werden. Für Fragen steht es weiterhin zur Verfügung. Es ist durchaus imstande, für ausbaufähige Gedankenfolgen Impulse zu setzen, und demonstriert zugleich, wie einfach es ist, mit diesen oder anderen als durchaus konsistent geltenden Methoden Bedeutung zu produzieren und vorgefaßte Meinungen zu bestätigen.

Bedeutung müßte anders entstehen. Das ist auch so, manchmal. Die mehrfach determinierten Sprachstrukturen lassen sich aber nicht so leicht überlisten. Am Ausdruck production of meaning zum Beispiel wird deutlich, wie auch dessen Distanziertheit nicht davor schützt, daß die bezeichneten Sachverhalte diffus bleiben, völlig abhängig vom Gebrauch, vom Tonfall. Aus meaning wird in der Übersetzung Sinn, Bedeutung, Meinung, Absicht, Wille, Zweck, Signifikanz. Jedes Zeichen verweist auf andere; jedes Wörterbuch definiert durch Verweise auf andere Wörter. Das Code-System des Alphabets "definiert" durch eine eigene Art von Verweisen: Mit Bedeutung ist nach dem hier dargestellten Verfahren göttlich, zufällig und langweilig (Code 99) rechnerisch verbunden. Sogar über Sprachgrenzen hinweg liefert es weitere Bezüge; meaning (Code 63), dieses offenere Wort für derartige Sachverhalte, ist mit Beweis, Markt und Erfolg in einem solchen System gleichrangig.

Wörter und Zahlen behandelt also Aspekte des Künstlichen. Die rechnerische Codierung unterwirft jedes ausgewiesene Ergebnis einer zwingenden Gesetzmäßigkeit. Das soll, trotz dieser Beschränkung verbaler Freiheiten, beobachtbar machen, was unter derartigen - inhaltlich a priori belanglosen, aber methodisch korrekten - Prämissen im Spielraum von Notwendigkeit und Unabhängigkeit vor sich geht. Verbunden damit ist ein Erkunden von Strukturen, der rechnerisch feststellbaren Zusammenhänge in gegebenen Datenmengen, der Nähe und Ferne von Wortbedeutungen, eines Verstehens ohne Verwendung von Grammatik. Wörter werden wie Markierungen auf einer Landkarte behandelt; ihnen zugeordnete Zahlen bezeichnen die Position in einem Koordinatensystem. Sie lassen sich auch als aufgelistete Programmierungsdaten lesen, deren Interpretation erst bei Weiterlaufen der Operationen plausibler würde. Bevor es dazu kommt, sind sie bloß gespeicherte Vorstellungen. Viele der Konstellationen erscheinen erstaunlich natürlich; künstlich wirken sie vor allem dann, wenn sich keine halbwegs plausiblen Entsprechungen ergeben.

Inwieweit paradoxe Vorgehensweisen Muster erzeugen, die den Umgang mit Zeichen bereichern, ob sie nun als Vermittlung zwischen Oberflächen- und Tiefenstruktur aufgefaßt werden, als experimentelle Kombination einer sprachlichen und einer rechnerischen Ebene oder als Projektionsfläche für ein eingelerntes Wiedererkennen, ist Thema der folgenden, nur lose vernetzten Kapitel, die bei Codes und Geheimschriften beginnen und verschiedenste Zugänge zu einer Mathematisierung von Zeichen einbeziehen. Sie können auch als Parabel über Wahrscheinlichkeiten und Trefferquoten oder über Strukturen, die sich ihre Antworten selbst geben, gelesen werden.

Sichtbar wird, wie sich Kalkulationen auf die Beziehungen der Wörter selbst auswirken. Sichtbar wird, inwieweit es für ein berechnendes Denken etwas ändert, ob es zählt oder nicht.

 

 
  1. Gilles Deleuze: Logik des Sinns (Logique du sens, 1969). 1993. S. 94, 100, 101
  2. Richard Rorty: Kontingenz, Ironie und Solidarität (Contingency, irony, and solidarity, 1989). 1993. S. 127, 129, 130, 135, 127, 157, 138

 

 
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