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Diese Texte beschäftigen sich mit Buchstaben und Ziffern,
mit Wörtern und Zahlen, mit dem Alphabet. Ausgangspunkte sind,
wie bei einer physikalisch-statistischen Betrachtung, die
Einzelteile und deren Bewegungen, die Kombinationsmöglichkeiten.
Untersucht werden strukturelle Beziehungen des Materials,
das für schriftlich fixierbare Mitteilungen zur Verfügung
steht.
Der erzählende, kommentierende Teil folgt verzweigten, oft
undeutlichen Spuren davon, welche Wortmuster sich aus Berechnungen
ergeben und wie sie sich anderswo bemerkbar machen. Im Kern
geht es um die 36 grundlegenden Schrift- und Zahlzeichen und
ihre gemeinsamen Aussagemöglichkeiten. Das Interesse gilt
Codierungen und der Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit
auf Wortbeziehungen gestützte Bedeu-tungen entstehen, wenn
die Zeichen "selbsttätig", aufgrund ihrer Position in der
Struktur, Ordnung herstellen.
Als zweite Ebene wird daher auf ein eigens erstelltes Wörterbuch
zurückgegriffen (Wörter i-v), aufgebaut als Matrix und Index,
in das Wörter nach ihrem vom Alphabet bestimmten Eigenwert
aufgenommen sind. Das macht mathematisch festgelegte Strukturen
und Konstellationen sichtbar, die den eingeübten Umgang mit
dem Raum zwischen Wörtern und dabei auftretenden Assoziationen
irritieren. Es sind nicht wie üblich die Anfangsbuchstaben
bestimmend, sondern jeder einzelne von ihnen, mit seiner Doppelfunktion
als Schrift- und Zahlzeichen. Die Beziehungen jedes Wortes
ergeben sich damit aus dem Konstruktionsprinzip des Alphabets,
aus seiner Reihenfolge. Wie ein Wort, im technischen Sinn,
zusammengesetzt ist, bleibt präsent. Sein Zeichencharakter
gewinnt an Kontur. Damit gelingt es auch, Zahlen zum Sprechen
zu bringen.
Die Wörter stehen für sich, wie codierte Bildpunkte, aus
denen etwas Zusammengesetztes entstehen könnte. Gleichzeitig
öffnet sich ihr Selbstbezug, sobald andere neben ihnen auftauchen.
Die Integration von zwei für die Kommunikation essentiellen
Zeichensystemen führt zu gemeinsamen Äußerungen, die überprüfbar
machen, inwieweit solche Wortfolgen Ansätze erzeugen. Weil
so viele plausible Relationen auftauchen, obwohl eine "sinnlose"
Kausalität die Ursache ist, fällt es schwer, sie als berechnet
zurückzuweisen und ihnen bloße Zufälligkeit zuzubilligen,
ob nun Sinn und Unsinn, richtig und falsch oder passend und
weniger passend als Oppositionen herangezogen werden. Unterscheidungsfähigkeit
und Urteilsbildung werden gefordert. Das ergibt Analogien
zu Transfers zwischen verschieden codierten Zonen, zu den
dabei auftretenden Unvereinbarkeiten. Die entstehenden Effekte
demonstrieren, wie reflexhaft derartiges wahrgenommen wird,
und provozieren die Unterscheidung von sinnvollen und sinnfernen
Systemauswirkungen, als über Wiederholung wirksam werdende
Mustererkennung. Unsinnig können die Ergebnisse sein, aber
- bei korrekter Berechnung - nicht falsch. Die Künstlichkeit
solcher Beziehungen wird von der zugrundeliegenden Ordnung
automatisch hergestellt. Mehr oder minder abgenutzte, in verschiedenster
weise belastete Wörter werden neu gemischt, durch ein Medium,
das nicht lügen kann.
Wegen dieser Orientierung auf Automation, auf eine subjektlose
Mechanik, bilden die Anfänge moderner Codierungsverfahren,
als entscheidende Impulse zur Computerentwicklung, den gedanklichen
Einstieg. Die strukturalistische Argumentation - von der Sprache,
als Grundmuster sozialer Mechanismen, bis zur Selbstreferenz
von Zeichen und zur Rolle des Beobachters - wird mitgedacht,
im Sinne eines Tests für die Übertragbarkeit und als Gegenfrage
zu aufgestellten Behauptungen. Das gleiche gilt für Theorien
zur Selbstorganisation und Selbstreproduktion, der Autopoiesis,
und ihre Anwendung auf das Alphabet. Das dafür notwendige
offensive Öffnen gegenüber dem Paradoxen wendet sich gegen
die immer häufiger auftauchende finale Bedeutung dieses Begriffs
als Erklärung für alles, das nicht mehr geklärt zu werden
braucht. Um dies zu bestärken, wird fallweise auf die Fiktion
zurückgegriffen, eine spätere Archäologie des Wissens, der
vom Sprachgebrauch nichts mehr bekannt ist, würde aufgefundene
Schrift-Artefakte nach deren numerischen Strukturen verstehen
wollen. Dadurch wird deutlicher, was es auslöst, wenn Ordnungen
konstruiert, dekonstruiert und rekonstruiert werden, wenn
offensichtliche Unordnung als Ordnung dechiffriert werden
kann, einschließlich der Fallen, in die ein Herstellen von
Zusammenhängen führt.
Durch Rückbezüge auf griechische, hebräische, lateinische
oder arabische Zahlenschriften wird der Raum erweitert, die
Parallelität und Identität von Zahl und Buchstabe anhand solcher
Schriftkulturen nachgezeichnet. Einen besonderen Stellenwert
haben kabbalistische Methoden, als Beispiel für eine akribisch
vom Buchstaben ausgehende Theorie der Schrift. Mit Bezügen
zur Moderne, zu Literatur, zu Musik, zu Architektur, zu bildender
Kunst wird erkundet, welche Unterschiede eines berechnenden
Denkens und mathematisch analysierter Strukturen sich andeuten.
Die Allgegenwart der Zahl, die nichts anderes als Mengen bezeichnet,
wird in experimenteller Weise dazu benutzt, Schrift als System
von Relationen aufzufassen, die mit dieser Begründung neu
gesehen werden können.
Einfache Rechnungen reichen aus, um die auf pythagoräisches
Denken zurückgehende Verbindung von Mathematik mit Theologie,
von Kalkül und Gläubigkeit in Feldern zu verfolgen, die für
gewöhnlich nicht als berechenbar gelten. Damit wird Berechenbarkeit
als solche einbezogen. Sich anbietende Tendenzen zur Esoterik
führen sich von selbst ad absurdum. Trotzdem wird offenkundig,
wieviel Metaphysisches aus dem mentalen Archiv von Beobachtern
abgerufen wird, als Wiedererkennen gespeicherter Relationen.
Für falsche Sinnstiftungen ergeben sich laufend Beispiele;
interessanter aber sind die Strukturen verborgener Bedeutungsschichten,
die als Beispiel für vieles stehen, einschließlich einer Beachtung
des Unsinnigen.
Zur Logik des Sinns hat etwa Gilles Deleuze schon in Zeiten
durcheinandergeratender Orientierungsmuster differenzierte
Argumente geliefert. Die Art der Fragestellung sei entscheidend.
Er geht nicht davon aus, "daß Unsinn einen Sinn hat, der darin
besteht, keinen zu haben", denn "mit der Annahme, daß Unsinn
seinen eigenen Sinn aussagt, möchten wir ganz im Gegenteil
darauf hinweisen, daß Sinn und Unsinn in einem besonderen
Verhältnis zueinander stehen, das nicht dem Verhältnis von
wahr und falsch nachgebildet werden kann, d. h. das nicht
einfach als ein Ausschlußverhältnis begriffen werden kann".
Die Aufgabe bestehe eben darin, "die prä-individuellen und
unpersönlichen Singularitäten zum Sprechen zu bringen, kurz,
den Sinn zu produzieren". "Die Paradoxa sind Zerstreuungen,
Entspannungen nur, wenn man sie als Initiativen des Denkens
begreift."1 Für Richard Rorty ist es signifikant, daß sich
dabei weiterhin entweder ironische oder metaphysische Tendenzen
bemerkbar machen; im einen Fall sind "radikale und unaufhörliche
Zweifel" am Vokabular bestimmend, während im anderen vorausgesetzt
wird, daß es Sicherheit bietet, "daß es nicht auf die Sprache
ankommt, sondern darauf, was wahr ist". Es gehe oft gar nicht
so sehr um Sätze, sondern darum, "Vokabulare gegeneinander
auszuspielen". Denn: "Alle Menschen tragen ein Sortiment von
Wörtern mit sich herum, das sie zur Rechtfertigung ihrer Handlungen,
Überzeugungen und ihres Lebens einsetzen. Es sind die Wörter,
in denen wir das Lob unserer Freunde, die Verachtung für unsere
Feinde, unsere Zukunftspläne, unsere innersten Selbstzweifel
und unsere kühnsten Hoffnungen formulieren." Selbst liberale
Metaphysiker wünschten sich "ein abschließendes Vokabular",
wie Rorty es nennt, "mit einer inneren organischen Struktur"
und hätten die Hoffnung, "daß Ironie nicht mehr nötig sein
wird". Für Ironiker wiederum "kann als Kritik an einem abschließenden
Vokabular nur ein anderes solches Vokabular dienen; Antwort
auf eine Neubeschreibung kann nur eine neue Neubeschreibung
der Neubeschreibung sein".2 Es geht also, so wie in den folgenden
Texten, um eine Auseinandersetzung mit Statik. Ein Ansatzpunkt
dafür ist ein ähnliches Wort: Statistik. Sie macht erkennbar,
wieviel Dynamik in vermeintlicher Statik verborgen sein kann.
Verführend ist, daß es beim Zählen leichter weitergeht als
beim Denken und Schreiben. Gleichzeitig wird eine Intensivierung
der Suche nach richtigen Wörtern forciert. Wörter wie Fundstücke
zu behandeln, macht sie kostbarer. Aber erst das Gesetz der
großen Zahl zeigt, zu welchen Wahrscheinlichkeiten es tatsächlich
kommt. Das macht das Unberechenbare von Sprache greifbarer.
Der Begriff des Spiels, als Gegenmodell zu Arbeit, ist in
diesen oft lange unterbrochenen "Vermessungen" sonderbarerweise
nie dominierend gewesen, es waren eher Konzentrationsübungen,
Untersuchungen zum Bedeutungstransfer. Trotzdem gibt es Parallelen,
am ehesten zu Schach. Es geht um die Stellungen der Figuren
(der Wörter) zueinander. Die Freude an kleinen Entdeckungen
entspricht jener über den richtigen Zug. Es wird kein Gegner
gebraucht. Wörter zu berechnen, sie durch interessantere Versionen
zu ersetzen, ohne deswegen gleich Sätze bilden zu müssen,
ist eine Politik der kleinen Schritte und - im wörtlichen
Sinn - eine Ersatzhandlung. Dagegen hat es innere Widerstände,
Aggressionen, Unsinnigkeitsbehauptungen gegeben. Die Beschäftigung
mit den Eigengesetzlichkeiten von Institutionen, mit dem Unverständlichen,
Irrationalen, das als Blockade oder als Öffnung in Erscheinung
treten kann, und die latente Abwesenheit von (wenigstens irgendwie
argumentierbarer) Genauigkeit haben aber ermunternd gewirkt.
Solcherart bestimmte Funktionsweisen einer weitgehend unveränderbaren
Grundstruktur offenzulegen, ist lange als privates, eher peripheres
Testgebiet aufgefaßt worden. Schließlich hat es einen Abschluß
und eine knappe, verschiedene Felder skizzierende Kommentierung
verlangt. Das entstandene künstliche Gehirn, ein provisorisches
Modell berechnender Denkvorgänge mit berechneten Wörtern,
kann wieder alleingelassen werden. Für Fragen steht es weiterhin
zur Verfügung. Es ist durchaus imstande, für ausbaufähige
Gedankenfolgen Impulse zu setzen, und demonstriert zugleich,
wie einfach es ist, mit diesen oder anderen als durchaus konsistent
geltenden Methoden Bedeutung zu produzieren und vorgefaßte
Meinungen zu bestätigen.
Bedeutung müßte anders entstehen. Das ist auch so, manchmal.
Die mehrfach determinierten Sprachstrukturen lassen sich aber
nicht so leicht überlisten. Am Ausdruck production of meaning
zum Beispiel wird deutlich, wie auch dessen Distanziertheit
nicht davor schützt, daß die bezeichneten Sachverhalte diffus
bleiben, völlig abhängig vom Gebrauch, vom Tonfall. Aus meaning
wird in der Übersetzung Sinn, Bedeutung, Meinung, Absicht,
Wille, Zweck, Signifikanz. Jedes Zeichen verweist auf andere;
jedes Wörterbuch definiert durch Verweise auf andere Wörter.
Das Code-System des Alphabets "definiert" durch eine eigene
Art von Verweisen: Mit Bedeutung ist nach dem hier dargestellten
Verfahren göttlich, zufällig und langweilig (Code 99) rechnerisch
verbunden. Sogar über Sprachgrenzen hinweg liefert es weitere
Bezüge; meaning (Code 63), dieses offenere Wort für derartige
Sachverhalte, ist mit Beweis, Markt und Erfolg in einem solchen
System gleichrangig.
Wörter und Zahlen behandelt also Aspekte des Künstlichen.
Die rechnerische Codierung unterwirft jedes ausgewiesene Ergebnis
einer zwingenden Gesetzmäßigkeit. Das soll, trotz dieser Beschränkung
verbaler Freiheiten, beobachtbar machen, was unter derartigen
- inhaltlich a priori belanglosen, aber methodisch korrekten
- Prämissen im Spielraum von Notwendigkeit und Unabhängigkeit
vor sich geht. Verbunden damit ist ein Erkunden von Strukturen,
der rechnerisch feststellbaren Zusammenhänge in gegebenen
Datenmengen, der Nähe und Ferne von Wortbedeutungen, eines
Verstehens ohne Verwendung von Grammatik. Wörter werden wie
Markierungen auf einer Landkarte behandelt; ihnen zugeordnete
Zahlen bezeichnen die Position in einem Koordinatensystem.
Sie lassen sich auch als aufgelistete Programmierungsdaten
lesen, deren Interpretation erst bei Weiterlaufen der Operationen
plausibler würde. Bevor es dazu kommt, sind sie bloß gespeicherte
Vorstellungen. Viele der Konstellationen erscheinen erstaunlich
natürlich; künstlich wirken sie vor allem dann, wenn sich
keine halbwegs plausiblen Entsprechungen ergeben.
Inwieweit paradoxe Vorgehensweisen Muster erzeugen, die
den Umgang mit Zeichen bereichern, ob sie nun als Vermittlung
zwischen Oberflächen- und Tiefenstruktur aufgefaßt werden,
als experimentelle Kombination einer sprachlichen und einer
rechnerischen Ebene oder als Projektionsfläche für ein eingelerntes
Wiedererkennen, ist Thema der folgenden, nur lose vernetzten
Kapitel, die bei Codes und Geheimschriften beginnen und verschiedenste
Zugänge zu einer Mathematisierung von Zeichen einbeziehen.
Sie können auch als Parabel über Wahrscheinlichkeiten und
Trefferquoten oder über Strukturen, die sich ihre Antworten
selbst geben, gelesen werden.
Sichtbar wird, wie sich Kalkulationen auf die Beziehungen
der Wörter selbst auswirken. Sichtbar wird, inwieweit es für
ein berechnendes Denken etwas ändert, ob es zählt oder nicht.
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