 |
|
|
Wörter und Zahlen
Das Alphabet als Code
|
|
|
Springer Wien New York 2000
Sonderausgabe: springer / komet 2001
|
Grafisches Konzept:
Ecke Bonk
Grafik: Richard Ferkl, Asia Sumyk
|
Essayistische
Studie zur Schriftkultur, zu Codes, zu Präzision, zu Wahrnehmung,
zu einem 'berechnenden' Denken.
|
|
|
|
Zeugen II
|
|
Spinoza
ist die Ordnung und Verknüpfung der Ideen und der Dinge ein
zentrales Thema gewesen. Gott und Natur setzte er gleich, atheistisch,
sich auf deren Gesetze konzentrierend. Als er, der vierundzwanzigjährige
Häretiker, aus der jüdischen Gemeinde von Amsterdam ausgeschlossen
wurde, "nahm er nicht nur Maimonides und die hebräische Bibel,
Crescas und die Kabbalisten mit, sondern vor allem und für ihn
lebenswichtig eine spezielle, einzigartige Erfahrung", die Erfahrung
der aus ihrer spanisch-islamischen Umgebung vertriebenen iberischen
Juden. Mit diesem Hintergrund, so bekräftigt sein Biograph Yovel,
"wurde er zum ersten bedeutenden Europäer, der die Welt der
Offenbarungsreligion überschritt und der zugleich eine ernstzunehmende,
systematische Alternative zu ihr entwickelte. Sein Schritt enthielt
das Prinzip der Moderne in radikalster Form." Als "Begründer
der modernen Philosophie der Immanenz" hat er "jede Spur einer
jenseitigen Welt" getilgt, die absichtslose Notwendigkeit betonend.1
Einstein hat sich ausdrücklich auf ihn berufen oder Louis Althusser,
der rückblickend feststellte, er und seine Freunde seien keine
Strukturalisten, sondern Spinozisten gewesen. Ernst Bloch hat
dafür den Ausdruck "mathematischer Pantheismus" geprägt.2 Für
Fritz Mauther ist er logischerweise der "Lieblingsphilosoph
unserer Dichter"; seine "heitere Weltanschauung" habe ihm ermöglicht,
die Welt als Buch zu sehen. "Auf der ersten Stufe buchstabiert
das Kind gedankenlos; auf der zweiten faßt es die einzelnen
Sätze, auf der dritten versteht es den Sinn des Ganzen." Sogar
hinter seinem großen Irrtum, "Sprache einer mathematischen Anwendung
für fähig zu halten", sich auf seine geometrische Methode zu
stützen, stehe "eine noch größere Ahnung dessen, was wir in
unserer bettlerfrechen Wahrheit Sprache nennen".3
|
|
mathematische Anwendung
von Sprache
|
349
|
| Informationsverarbeitungsmagie |
349 |
| Wissensvermittlungsmodell |
349 |
|
|
Welt 60
|
Himmel 60
|
Geist 60
|
Zeit 60
|
Lächeln 60
|
|
Angst 61
|
Gehirn 61
|
Archiv 61
|
Modell 61
|
Spiel 61
|
|
Krise 62
|
Mensch 62
|
Gott 62
|
Fleisch 62
|
Kreis 62
|
|
|
Element 74
|
Natur 74
|
Biologie 74
|
|
|
|
Ursache 75
|
Gewicht 75
|
Grenze 75
|
|
|
Tarnung 95
|
Projekt 95
|
Immanenz 95
|
Tagesablauf 95
|
Gedächtnis 95
|
|
Gegenstand 96
|
Muster 96
|
Theologie 96
|
Eigensinn 96
|
Versuch 96
|
|
Mystik 97
|
Melancholie 97
|
Berechnung 97
|
Reichtum 97
|
Geometrie 97
|
|
Diese aus
Buchstabenwerten gebildete Wortmontage könnte Spinoza gewidmet
sein, als Muster einer Profanierung transzendent aufgeladener
Begriffe; Welt60 und Himmel60 sind dabei gleichwertig, zwischen
Mensch62 und Gott62 besteht, wenn es um die Wortzeichen geht,
kein Unterschied. Zur merkwürdigen numerischen Gleichsetzung
von Mensch62, Gott62, Fleisch62 gibt es im Alten Testament eine
Entsprechung, wo es im Buch Ijob (Hiob) 19, 26 heißt: "Ohne
mein Fleisch werde ich Gott schauen." Sie ist fixiert auf den
Tod als das andere Wort für ewiges Leben. Mit der Vorbereitungsebene
Gehirn61, Archiv61, Modell61 werden die Relationen diesseitsbezogen.
Daß außerdem Mensch62 und Gott62 über die bedeutungsvollen Zahlen
12 und 33 mit Natur74 und Immanenz95 verbunden sind, könnte
sogar Zahlenmystikern Spinoza näherbringen. Auch sein Weg von
der Theologie96 zum Gegenstand96, von der Mystik97 zur Geometrie97
bildet sich ab.
|
|
Den Schlüssel
zu Kafka, um solche Fragen ganz woanders neu aufzugreifen, hat
Walter Benjamin darin gesehen, "der jüdischen Theologie ihre
komischen Seiten" abzugewinnen.4 In der ständig präsenten Gerichtsthematik
gehe es weniger um ein Eingehen auf die traditionelle jüdische
Vorstellung vom Gericht als Bilanz und Ende der Geschichte,
sondern eher um die kabbalistische Sicht der Dinge, mit dem
Gericht als "Motor der Geschichte", mit himmlischen und irdischen
Gerichten, bei denen alles auf die guten Beziehungen ankommt
und "weniger auf eine sachlich fundierte Argumentation und den
Beweis der Unschuld". Kafka hat sich gelegentlich dafür interessiert,
mit "kabbalistischen" Buchstabenspielen "innere Sachzusammenhänge
und Identifikationen" zu finden.5 Auch seine Beschäftigung mit
absurden Verwandlungen, mit Trennungen, mit dem Gerichtspersonal
kann als Bestätigung von Scholems Auffassung gesehen werden,
wonach Kafkas Schriften "die säkularisierte Darstellung des
(ihm selber unbekannten) kabbalistischen Weltgefühls" seien.6
Günther Anders bestritt solche Bezüge vehement, weil Kafka "nicht
an keinen Gott, sondern an einen schlechten" geglaubt habe.7
Die Vergeblichkeit scheint dafür zu sprechen. Ob seine Sprache
"sich bruchlos in die kabbalistische Lehre von den Gottesnamen
und dem Alphabet als den Elementen der göttlichen Schöpfersprache
einfügt", trotz ihrer Modernität, stellt an die Auffassung von
Modernität mehr Fragen als an kabbalistische Traditionen.8
|
|
Gericht
|
70
|
| Sprache |
70 |
| Ironie |
70 |
|
Geschichte
|
87
|
| Weltbild |
87 |
| Praxis |
87 |
|
|
Rund um Kafkas Wort Prozeß jedenfalls ergeben die alten Methoden
Begriffsfelder, die, weil sich ausufernde Bedeutungen zusammenballen,
seinen komplexen Denkwelten näherstehen dürften als einer
professionell abgegrenzten, systemanalytischen Betrachtungsweise
irgendwelcher Prozesse.
Sogar bei Eigenschaften oder bei Zeitwörtern entstehen solche
beziehungsvollen Auffächerungen, die zu abrufbaren Vorstellungsbildern
passen. Das Wort Prozeß118 wird einerseits von irrational117,
depressiv117, vielseitig117, von idealistisch118, wahnsinnig118,
von subjektiv119, korrupt119 oder unbeweisbar119 eingekreist,
andererseits von beschwören117, untergehen117, von verwandeln118,
wiederholen118 und kalkulieren119. Der Prozeß118 wird komprimiert
auf ein Verwandeln118.
|
|
Der Prozeß
|
145
|
| Selbstzweck |
145 |
| Numerierung |
145 |
| Montagetechnik |
145 |
| Laboratorium |
145 |
|
| |
|
Erlösung 116 |
|
|
| Gesellschaft 117 |
Realismus 117 |
Sachverhalt 117 |
Geständnis 117 |
Aufklärung 117 |
| Lebensweise 118 |
Geheimdienst 118 |
Prozeß 118 |
Disziplin 118 |
Faschismus 118 |
| Gleichgewicht 119 |
Verachtung 119 |
Störung 119 |
Berechtigung 119 |
Fingerabdruck 119 |
| |
Vernunft 120 |
Absurdität 120 |
Kausalität 120 |
|
| |
|
Fatalismus 121 |
|
|
|
|
Milan Kundera hat darauf hingewiesen, daß sich in Kafkas
Welt fast nichts von dem findet, "was den Kapitalismus ausmacht:
weder das Geld und seine Macht, der Handel, der Besitz und
die Besitzenden noch der Klassenkampf". Es finde sich "keine
wesentliche Spur politischer Interessen"; die Tragweite seiner
Werke beruhe gerade darauf, "daß sie ,nicht-engagiert' sind,
beruht auf ihrer völligen Autonomie gegenüber allen politischen
Programmen, ideologischen Begriffen und futurologischen Prognosen".
Seine Figuren befänden sich "in einer Welt, die weiter nichts
ist als eine einzige riesige labyrinthische Institution, der
sie sich nicht entziehen und die sie nicht begreifen können".
Diese Institution Welt sei "ein Mechanismus, der seinen eigenen,
von irgendwem irgendwann programmierten Gesetzen gehorcht,
die mit menschlichen Interessen nichts zu tun haben und daher
unverständlich sind". Würde die Suche nach dahinter Verborgenem,
nach dem Gedicht mit einer im voraus feststehenden Wahrheit
verbunden, käme das einem Verzicht "auf die der Poesie eigene
Mission" gleich, sich ausschließlich an der "zu entdeckenden
Wahrheit zu orientieren, (…) die Blendung bedeutet".9
Paul Celan wiederum, der sich intensiv mit kabbalistischer
Sprachtheorie beschäftigte, hatte schon sein Pseudonym durch
ein Anagramm aus seinem Familiennamen Ancel gebildet, durch
Umstellung der Buchstaben. Am Titel des Gedichtbandes Sprachgitter
war ihm wichtig, daß in ihm "die Schwierigkeit alles (Zueinander-)
Sprechens und zugleich dessen Struktur mitspricht". Die häufigsten
von ihm verwendeten Substantive sind Aug(e) und Wort.10
Wenn andererseits Ezra Pound postuliert hat: "Große Literatur
ist einfache Sprache, die bis zu den Grenzen des Möglichen
mit Sinn geladen ist", so werden Bezüge zu einem kabbalistisch
anmutendem Umgang mit Sprache unübersehbar: Es gehe um die
Kunst, "Sinn in die Worte zu bekommen"; er glaubt an einen
"absoluten Rhythmus" in der Dichtung, an die - aus der Zahl
kommende - in Musik gesetzte "Komposition von Wörtern" und
hält die Kunst, Literatur, Poesie für eine Wissenschaft "genau
wie die Chemie", die minderwertig werde, wenn sie "ungenau"
sei, wenn sie nicht "höchste Präzision" erreiche. Er betont
das Bildhafte, das image, als "das Wort jenseits des Formulierten".11
Seine Begeisterung für das Mittelalter, insbesondere für die
provencalische Dichtung, macht dies sogar in zeitlich-räumlicher
Sicht plausibel.
Eine solche Berufung auf die Troubadoure, die "Erfinder von
Versen", so die eine sprachliche Wurzel, oder die "Sänger"
(von arabisch taraba für "singen") läßt sich am Beispiel Guihelms
(1071-1126) konkretisieren, einem der bedeutendsten unter
ihnen und "der erste Dichter in einer modernen europäischen
Sprache", dem heute noch in Südfrankreich von einer Minorität
gesprochenen Okzitanischen. Neben den dadaistischen Grundzügen,
die den wenigen erhaltenen Texten zugeschrieben wurden, sind
es wieder Spuren eines Berechnens, die solche Verzweigungen
zweckmäßig erscheinen lassen. Eine der Wurzeln von Poesie,
so Raoul Schrott, komme dort zum Vorschein, "ihre Legitimation
in der Sprache, aus der ihr innewohnenden Struktur heraus,
in der der vers erst zur Sprache und schließlich zur Schrift
findet. Das Wort, der Buchstabe erhalten ihren Sinn durch
ihren gematrischen Zahlenwert, ihre Materialität, die zum
Symbol der Emanation Gottes wird. Diese hypogrammatische Struktur
gibt einen Raster vor, der mathematisch kalkulierbar ist und
erst dann zum Spielfeld der Imagination wird; sie ist handwerklicher
Qualitätsmaßstab neben dem des Vortrags und der selbst komponierten
Melodie." Das Lied wird zum paradoxen Rätselgedicht, "das
den Schlüssel zu seiner Lösung im Text selbst birgt". Von
der Symmetrie der Initialen am Beginn jeder Strophe bis zur
Zahl der Zeilen, dem eigenen Namen, dem Geburtsdatum spielen
Zahlenrelationen und die Zahlenwerte des Alphabets eine entscheidende
Rolle. Unmittelbare Bezüge zur andalusischen, jüdischen und
islamischen Dichtung sind offensichtlich. Entsprechungen finden
sich auch in vielen "klassischen" griechischen und römischen
Gedichten. "Allen ist die gematrische Methode gemeinsam, die
wir von der Kabbala kennen, wo es darum geht, einen verborgenen
Sinn über den Zahlenwert der Buchstaben zu entdecken. Die
offensichtliche Legitimation für diese Poetik ist die Legitimation
des Wortes durch Mystik und Magie, durch seinen göttlichen
Ursprung, eine sprachphilosophische Position, die zuletzt
noch Karl Kraus vertrat. Es ist die Suche nach einer vollkommenen
Sprache, um die es dabei geht - nicht nur in diesen extremen
Beispielen, sondern im Grunde legt es jedes Gedicht auf das
richtige Wort an und steckt die Ränder der Sprache neu ab,
in dem Versuch, ihre Grenzen auszudehnen." Versucht wird,
"durch die Kombinatorik einiger weniger poetischer Elemente
die Gesamtheit einer Welt zu konstruieren", es mittels Perfektion
der Sprache den anderen großen Symbolsystemen gleichzutun,
"der Musik und der Mathematik."12
|
|
Institution
|
170
|
| Gleichgültigkeit |
170 |
| Physik und Chemie |
170 |
|
Labyrinth
|
109
|
| Dunkelheit |
109 |
| Kontext |
109 |
|
Wort
|
76
|
| Stern |
76 |
| Meteor |
76 |
|
Sinn
|
56
|
| Suche |
56 |
| Kraft |
56 |
| Gedicht |
56 |
|
|
In diesem Sinn sind die Struktur und das visuelle Bild auch
für "Pounds unabdingbar graphische Poetik" (Derrida) essentiell.13
Erst "als Descartes die Zuständigkeit der Sprache für die
exakte Mitteilung in Frage stellte und die mathematische Formel
an ihre Stelle setzte, fing das Selbstbewußtsein der Dichter
zu kranken an", heißt es dazu in einem Kommentar über ihn.14
In der Moderne wird darauf auf eigene Weise reagiert; Apollinaire
hat in seinen Caligrammes schon früh einen Text als Uhr montiert,
mit verbalen Entsprechungen für die Zahlen eins bis zwölf.
Sonia Delaunay und Blaise Cendrars haben das erste "simultane
Buch" als ausfaltbares, fast zwei Meter langes, in Farben
und Figurationen integriertes Gedicht realisiert.15 Das Tabu,
in Bildern Buchstaben, Zahlen, Wörter darzustellen, wurde
von Picasso, von Braque gebrochen; von den Futuristen, den
Konstruktivisten, den Dadaisten sind laufend Zahlen vermischt
mit Buchstaben und Wörtern verwendet worden. Die Trennung
zwischen Bild und Text und Formel wird aufgehoben. Sehen und
Begreifen, Anschauen, Lesen, Rechnen sollen nicht mehr an
getrennte künstlerische und wissenschaftliche Sphären gebunden
sein.
Als Parallelerscheinung zur Begeisterung für ein Berechnen
oder dadurch ausgelöste Irritationen ist die Deutung von Wörtern
und ihren Beziehungen mit Hilfe von Zahlenwerten diskreditiert
worden. Daß solche Methoden dazu dienen könnten, durch Übereinkünfte
abgesicherte Aussagen über Sinnschichten zu erhalten, ist
ihnen nur noch in esoterischen Zirkeln zugebilligt worden
- trotz der in den Naturwissenschaften oder in der Literatur
zunehmend wichtig genommenen Beschäftigung mit dem Zufall,
mit statistischen Wahrscheinlichkeiten. Gegenstimmen zu dieser
Abwendung sind aber auch in der Moderne schon in prästrukturalistischen
Phasen nie völlig verstummt.
|
|
Gesamtheit
|
107
|
| Identität |
107 |
| Symbiose |
107 |
| Erdoberfläche |
107 |
| Untergang |
107 |
|
Fragment
|
84
|
| Bewegung |
84 |
| Gelächter |
84 |
|
|
Einer der markantesten dieser Verteidiger ist Jorge Luis
Borges, der dazu in surrealistischen Zeiten lakonisch Stellung
genommen hat: "Über dergleichen Operationen zu spotten ist
leicht: ich bemühe mich lieber, sie zu verstehen." Er ging
davon aus, daß die Vorbehalte auf Fehleinschätzungen beruhten.
Die Kabbalisten seien ja keineswegs am Spiel des Zufalls interessiert
gewesen, sondern am "absoluten Text", in dem er keine Rolle
spielt. Dessen "unberechenbare Beimischung" wollten auch Schriftsteller
wie Paul Valéry so weit wie möglich abweisen und unterbinden.16
André Breton war völlig gegenteiliger Ansicht: "Alles ist
geeignet", fordert er im Ersten Manifest des Surrealismus,
"um von bestimmten Assoziationen den gewünschten Überraschungseffekt
zu erlangen." Die "Alchimie des Wortes" ist ihm in solchen
Prozessen immer wichtig geblieben. "Dieser Ausdruck, den man
heute mehr oder weniger zufällig immer wieder aufgreift, will
wörtlich verstanden werden." Gefordert hat der Theoretiker
des Automatismus auch, sich "mit keiner Art von Filtrierung"
abzugeben. Es gehe darum, "zu bescheidenen Registriermaschinen"
zu werden.17
Im Zufall ist eine zwar kritische, aber durchaus auch magische,
schließlich wieder sinnstiftende Instanz gesehen worden, ein
Zeichensystem des Unbewußten. Bei den Dadaisten war diese
Kontinuität mit Absicht nicht so ausgeprägt. "Dada stammt
aus dem Lexikon", schreibt Hugo Ball im ersten dadaistischen
Manifest, "ein Internationales Wort. Nur ein Wort und das
Wort als Bewegung."18 Offensichtlich ungewollt verbindet sich
Dada10 über seinen Codewert mit Gott und der Welt, denn nach
mystischer Tradition steht 10 dafür, daß Gott (1) die Welt
(2-9) aus dem Nichts (0) geschaffen hat.19
Zur von Argentinien aus erfolgenden offenen Ehrenrettung der
Kabbala und des Interesses an ihr durch Borges kam es in einer
Sprachkultur, von der sich zumindest der Eindruck ergibt,
daß von katholisch-anarchistischen Polaritäten geprägte Unterströmungen
trotz aller Exzesse gegen Andersgläubige weiterhin ein Aktivieren
"kabbalistischer" Prägungen begünstigen. Nicht die Lehre,
sondern "die hermeneutischen oder kryptographischen Verfahren,
die zu ihr hinführten" hat Jorge Luis Borges entschieden verteidigt.
"Diese Verfahren sind bekanntlich die vertikale Lesart der
heiligen Texte, die sogenannte Bovestrophedon-Lesart (von
rechts nach links und die folgende Zeile von links nach rechts),
der methodische Austausch zwischen bestimmten Buchstaben des
Alphabets, die Summe aus den Zahlenwerten der Buchstaben usw."
Zu zeitgenössischer Dichtung ergeben sich Verbindungen nicht
wegen eines Spiels mit dem Zufall, sondern - ganz im Gegensatz
dazu - aus der Ausschaltung des Zufalls. Anders als später
Lévinas sieht er in der minutiösen, jeden Bezug ernstnehmenden
Beschäftigung mit dem Alten Testament, also in der Methodik,
den konkreten, neue Wirksamkeit entfaltenden historischen
Hintergrund, auch wenn es um ganz andere Inhalte geht. In
der Genesis, dem Stoff der Kabbala, sei für jene, die sich
auf sie berufen, eben absolut nichts zufällig. So wie vom
Koran geglaubt wird, daß er schon vor der Sprache, vor der
Schöpfung existiert hat, gebe es sogar lutherische Theologen,
"die sich nicht getrauen, die Heilige Schrift unter die geschaffenen
Dinge aufzunehmen und sie als eine Inkarnation des Heiligen
Geistes definieren". Auch "die Kabbalisten glauben so wie
heute noch viele Christen an die Göttlichkeit dieser Geschichte,
an ihre wohlüberlegte Abfassung durch eine unendliche Geisteskraft".
Deshalb komme es auf jeden Buchstaben, auf jede Nuance an.20
|
|
Überraschung
|
142
|
| Relativität |
142 |
| Kunstwerk |
142 |
|
Registrierung
|
170
|
| Einzigartigkeit |
170 |
| Gleichgültigkeit |
170 |
|
positiv
|
110
|
| Tradition |
110 |
| Funktion |
110 |
|
negativ
|
78
|
| Zufall |
78 |
| Kritik |
78 |
|
Ausschaltung des Zufalls
|
271
|
| Konstellationsmatrix |
271 |
|
|
Was ursprünglich als absolute, nie völlig ergründbare Präzision
des Buches der Bücher vorausgesetzt wurde, formiert sich als
individu- elles Streben nach maximaler Präzision auch abgelöst
davon stets von neuem, wenn die Textbezogenheit als Denkmodell
verwendet wird. Die Negation einer solchen Perfektion ist
nur eine andere Reaktion darauf. Mit der Auffassung, daß hergestellte
Zeichen in ihrer Intensität von den Beziehungen zu anderen
Zeichen und von der Art der Beobachtung abhängig sind, löst
sich die Bindung an Absolutes nur scheinbar. Der fiktive Autor
des Verweisungssystems bleibt präsent. Präsent bleibt auch
die materielle Bedingtheit, wenn Schrift und Lautbilder als
Material behandelt werden, das seine Möglichkeiten in sich
trägt. Wenn Sinn der Notwendigkeit des Klangs unterworfen
wird, ergeben sich analoge Bezüge. Über eingeflochtene Komponenten
des Wahrnehmungsprozesses relativiert sich die Autorenschaft.
Für Borges ist eine solche Distanzierung keine entscheidende
Frage, die Bezüge verschieben sich nur, als Tendenzwechsel
zwischen der Konzentration auf die Interpretation und einer
Konzentration auf die Produktion. Auf entfernte Art vollziehe
der Autor "eine Annäherung an den Herrn, für den der vage
Begriff Zufall keinerlei Bedeutung hat". Subjektives objektiviert
sich. Der "Text" löst sich vom Urheber. Es klingt durch, daß
das Lesen der alten Texte ohne Akzeptanz ihres dogmatischen
Gewichts erst wirklichen Respekt begründet. Die Vorstellung,
so Borges, "daß Gott Wort für Wort diktiert, was er zu sagen
beabsichtigt", "(und sie war es, die die Kabbalisten adoptierten),
macht aus der Schrift einen absoluten Text, bei dem die Mitwirkung
des Zufalls mit Null zu beziffern ist. Allein die begriffliche
Vorstellung dieses Dokuments ist ein größeres Wunderwerk als
alle, die auf seinen Seiten verzeichnet werden. Ein Buch,
das gegen die Kontingenz undurchdringlich gefeit ist, ein
Mechanismus unendlicher Zeichensysteme, unfehlbarer Variationen,
auf der Lauer liegender Offenbarungen, Überlagerungen von
Licht - wie sollte man es nicht bis zur Sinnlosigkeit, bis
zur Unzahl befragen, wie es die Kabbala tat?" Im übrigen sei
es eine Tatsache, sagt er anderswo, "daß jeder Schriftsteller
seine Vorläufer erschafft."21 Vilém Flusser wiederum betont
vor allem das Interpretationspotential: "Die Bibel ist ein
Text, der darauf aus ist, von jedem möglichen Leser empfangen
und von jedem auf seine eigene Art gedeutet zu werden."22
|
|
Präzision
|
132
|
| Wahrnehmung |
132 |
| Sparsamkeit |
132 |
|
Interpretation
|
184
|
| Wahrheitsfindung |
184 |
| Wahrscheinlichkeit |
184 |
|
Produktion
|
143
|
| Spekulation |
143 |
| Nebenwirkung |
143 |
|
Kontingenz
|
135
|
| Sinnesorgan |
135 |
| Alltäglichkeit |
135 |
|
|
Um Vorläufer geht es aber auch einem Ökonomen wie John Maynard
Keynes, wenn er für konstituierende Momente der Moderne weiträumige
Bezüge herstellt. In seiner Würdigung Newtons, der Zeitgenosse
Spinozas war, verbindet er Aufklärerisches mit der Geschichte
der Zauberei. "Seit dem 18. Jahrhundert", schreibt er, "wird
Newton als der erste und größte Wissenschaftler der Neuzeit
angesehen, als ein Rationalist, als einer, der uns lehrte,
das Denken auf eine kalte und unverfälschte Vernunft zu gründen.
Ich sehe ihn nicht in diesem Licht. Ich glaube nicht, daß
irgend jemand ihn so sehen kann, der den Inhalt der Kiste
genau studiert hat, die er 1696, als er Cambridge endgültig
verließ, packte und die, obwohl zum Teil zerstört, bis in
unsere Tage überkommen ist. Newton war nicht der Vorreiter
der Vernunft. Er war der letzte Zauberer, der letzte der Babylonier
und Sumerer; der letzte große Geist, der auf unsere sichtbare
und geistige Welt mit genau denselben Augen blickte wie diejenigen,
die vor etwas weniger als 10000 Jahren begannen, unser geistiges
Erbe zu entwickeln."23 Newtons lange unbekannt gebliebenen
privaten Studien, die viel mit alchemistisch- kabbalistischen
Fragestellungen zu tun haben, belegen, wie stark ihn dieses
Thema neben der Physik beschäftigte, auch wenn er jede öffentliche
Äußerung darüber vermied. Aus unwissenschaftlichen, okkulten
Interessen haben die Entdeckungen unsichtbarer universeller
Kräfte dieser Zeit entscheidende Impulse bezogen; bei Newton
war es das, was damals als Alchemie angesehen wurde, bei Kepler
die Astrologie. Newton wollte als Alchemist die Strukturen
des Mikrokosmos verstehen und sie in die Mechanik integrieren,
und er wollte Wissenschaft und Religion nicht getrennt sehen,
obwohl gerade er in fundamentaler Weise dazu beigetragen hat,
daß die Autorität von den Theologen auf die Physiker übergegangen
ist. Als Carl von Linné, zeitlich unmittelbar auf Newton folgend,
die Grundlagen der modernen biologischen Systematik geschaffen
hat, auf der Basis binärer lateinischer Bezeichnungen, hat
das auch ihn motiviert, an ein Gegenmodell zur Ordnung nach
Herkunft, Gattungen, Arten zu denken, an die Einteilung nach
tatsächlichen Ähnlichkeiten. Es ist fragmentarisch geblieben.
Die stattfindende "Trennung von Sachen und Wörtern durch
die Zerschlagung der Zusammengehörigkeit von Sprache und Welt"
habe, so Raoul Schrott in seinen Betrachtungen über Physik
und Dichtung, auch später immer wieder ein Interesse erzeugt,
neuerlich "an einen Punkt vor dieser Revolution zu kommen;
das Interesse von Schrödinger an den Vorsokratikern oder das
von Pauli an Kopernikus und Kepler läßt sich dadurch erklären.
Daß jetzt eine Informationstheorie des Universums postuliert
wird, zeigt ebenfalls den Versuch, die Alchemisten des Mittelalters
auf moderne Weise zu beerben. Nichts ist ohne Zeichen, schreibt
Paracelsus: die Natur läßt nichts entstehen, ohne daß sie
nicht bezeichnen würde, was darin steckt. Die Kunstfertigkeit,
diese Chiffren zu lesen, besaß die Poesie - im Unterschied
zu den Wissenschaften - zu allen Zeiten. So gesehen ist die
Wirklichkeit nicht ein physikalisches, sondern ein poetisches
Problem." Als Bekräftigung dieser Sicht der Dinge wird Erwin
Schrödinger zitiert, der ursprünglich Dichter werden wollte:
"Aber ich habe schnell begriffen, daß die Dichtung ihren Mann
nicht ernähren kann. Die Wissenschaft dagegen hat mir eine
Karriere angeboten."24 Das deutet wenigstens soziale und mentale
Komponenten an, die mit im Spiel sind. Bei Robert Musil war
die Konstellation umgekehrt; seine Nähe zur Mathematik hat
sich schon in der Dissertation über Ernst Mach gezeigt. Bereits
den Zögling Törless läßt er sagen: "Ich habe nie bezweifelt,
daß die Mathematik recht hat - schließlich lehrt's doch auch
der Erfolg -, mir war vielmehr nur das sonderbar, daß die
Sache mitunter so gegen den Verstand geht; und möglich wäre
es immerhin, daß das nur scheinbar ist." In den Tagebüchern
geht er ausführlich auf den Zufall ein, der sich "nicht auf
Ereignisse, sondern die Verknüpfung von Ereignissen" beziehe;
da sie voneinander unabhängig sind, "wie ist also die angenäherte
Unveränderlichkeit der Reihe der Verhältniszahlen zu erklären?"
Das Gesetz der großen Zahl hat ihn beschäftigt, als Tatsache,
als Basis des wirtschaftlichen und sozialen Lebens. "Wäre
sie nicht, würde in einem Jahr gar nichts geschehen, im nächsten
nichts sicher sein, Hungersnöte würden mit Überfluß wechseln,
Kinder würden fehlen oder zuviel sein usw." Anderswo sagt
er dezidiert: "Kausale Betrachtung gibt niemals Ziele."25
Daß inzwischen das Gesetz der kleinen Zahlen, wie es der Mathematiker
Richard K. Guy formuliert hat ("Es gibt nicht genug kleine
Zahlen, um alle Anforderungen zu erfüllen, die an sie gestellt
werden"), zur kategorischen Negation zufälliger Übereinstimmungen
ins Treffen geführt wird, sagt nichts anderes, als daß derartiges
so oft zutreffen kann, daß es nichts bedeutet. Das Alphabet
gibt dieser Position recht, denn es setzt das Gesetz der kleinen
Zahlen245 mit Zusammenhangsfiktion245 gleich.26
Auf Mallarmé bezogen hat Paul Valéry davon gesprochen, daß
ihn seine Forschungen, aufgrund derer Poesie wieder so wirksam
wie Musik werden sollte, als Dichter "einem jener modernen
Mathematiker ähnlich machten, die die Grundlagen der Naturwissenschaft
erneuerten und ihr eine neue Reichweite und Macht verliehen,
als Folge einer zunehmend verfeinerten Analyse ihrer Grundbegriffe
und ihrer grundlegenden Konventionen". Auch Edgar Allan Poe
ist für ihn Mathematiker, Philosoph und großer Schriftsteller
gewesen, "der Dämon der Klarheit", "der literarische Ingenieur",
der als erster den Gedanken gehabt habe, "den Werken ein theoretisches
Fundament zu geben". Sein intensives Interesse für Logik -
und damit für Kriminologie, für Kryptographie -, das ihn zu
einem anerkannten Experten für Geheimschriften gemacht hat,
ergibt komplexe Verbindungen zur Thematik Schrift, zum Entziffern,
zum Rekonstruieren. E. A. Poe hat seine strenge Lehre, "in
der eine Art Mathematik und eine Art Mystik vereinigt sind"27,
in seinem berühmten Aufsatz Die Methode der Komposition präzisiert,
einer literaturgeschichtlichen Zäsur. Am Beispiel seines bekanntesten
Gedichtes The Raven legt er exakt die Entstehungsbedingungen
dar: "Meine Absicht ist deutlich zu machen, daß sich kein
einziger Punkt in seiner Komposition auf Zufall oder Intuition
zurückführen läßt: daß das Werk Schritt um Schritt mit der
Präzision und strengen Folgerichtigkeit eines mathematischen
Problems seiner Vollendung entgegenging."28
Der Titel drückt das in codierter Form exakt aus. Auf Basis
des alphanumerischen Codes entspricht The Philosophy of Composition345
genau der inhaltlichen Aussage: The elimination of occasional
accidents345. Auch in der Übertragung wiederholt sich diese
Präzision; Die Methode der Komposition271 hat denselben Eigenwert
wie Ausschaltung des Zufalls271. Ob das Poe bewußt gewesen
ist und daß ferner raven60 und word60 den gleichen Zahlenwert
haben, so wie The Raven93 und writer93, bleibt offen. Die
professionelle Beschäftigung mit Codierungs- und Decodierungssystemen
würde dafür sprechen; erstaunlich wäre nur, daß er eine solche
weitere "mathematische" Dimension nicht in seine Theorie aufgenommen
hat. Vielleicht wollte er diese Ebene unkommentiert lassen.
Daß auch sein voller Name vom Klang her den gleichen Codewert
ergibt wie das Schlüsselwort Nevermore115, wenn das Spiel
mit den Vokalen, von Allan zu Allen, wie das bei ihm ausdrückliche
Absicht ist, miteinbezogen wird, macht eine so kompakte mathematische
Struktur sichtbar, daß ihre Wahrscheinlichkeit in einem wissenschaftlichen
Licht erscheint. Die einzige kleine Abweichung könnte als
bewußt eingebauter Fehler aufgefaßt werden, der auf die musikalischen
Nuancen zwischen Laut und Buchstabe aufmerksam macht. In gesprochener
Form, mit ihren Variationsmöglichkeiten, verschwinden solche
Unterschiede.
Die mit Nevermore115 aufs engste "verwandten" Wörter sind
übrigens masterpiece114, combination115, arrangement116, pragmatism117.
Offenbar ist ihm auch ohne eine solche Kombinatorik die entsprechende
Präzision gelungen.
|
|
Kiste
|
64
|
| Inhalt |
64 |
| Bilanz |
64 |
| Gefühl |
64 |
| Mechanik |
64 |
| Analogie |
64 |
| Schamane |
64 |
|
Vergleich
|
89
|
| Wissen |
89 |
| Religion |
89 |
| Geheimnis |
89 |
|
Systematik
|
142
|
| Organisation |
142 |
| Zusammenhang |
142 |
| Fruchtbarkeit |
142 |
|
Ähnlichkeit
|
105
|
| Zustand |
105 |
| Verhalten |
105 |
|
verschlüsseln
|
182
|
| Systema Naturae |
182 |
| Kritische Theorie |
182 |
|
System der Ähnlichkeiten
|
252
|
| Welterklärungsmodell |
252 |
|
Gesetz der großen
Zahl
|
253
|
| Ursprungsmythos |
253 |
| Zeichenhaftigkeit der Welt |
253 |
|
Gesetz der kleinen Zahl
|
245
|
| theory of everything |
245 |
| Zusammenhangsfiktion |
245 |
|
theoretisch
|
130
|
| glaubwürdig |
130 |
|
Schrift
|
83
|
| Bedingung |
83 |
| Speicher |
83 |
|
Folgerichtigkeit
|
164
|
| Regelmäßigkeit |
165 |
| Rechtsordnung |
166 |
| Wahrheitssuche |
167 |
|
Proportionsberechnung
|
272
|
| mathematische Struktur |
273 |
| Vermessungsfrequenz |
274 |
|
mathematische Struktur
|
273
|
| Erklärungszusammenhang |
273 |
| Zufall und Notwendigkeit |
273 |
|
| |
|
Von ihm
selbst wird die Wahl des Wortes Nevermore ohne jeden Bezug auf
eine allzu geheimnisvolle "Unterströmung an Bedeutung", wie
er das anderswo nennt, begründet: "Aus dem Entschluß zu einem
Refrain erwuchs als notwendige Folge die Aufteilung des Gedichts
in Strophen: der Refrain bildet den Abschluß jeder Strophe.
Daß ein solcher Abschluß, um Kraft zu haben, klangvoll sein
und eine gedehnte Betonung erlauben mußte, ließ sich nicht bezweifeln;
und diese Überlegungen brachten mich unvermeidlich auf das lange
o als den klangvollsten Vokal, in Verbindung mit dem r als den
am besten artikulierbaren Konsonanten. Als der Klang des Refrains
so festgelegt war, galt es, ein Wort zu wählen, das diesen Klang
enthielt und zugleich möglichst nahe an jene Melancholie herankam,
die ich als Stimmung des Gedichts festgelegt hatte. Bei einer
solchen Suche ist es völlig ausgeschlossen, das Wort ,Nevermore'
zu übersehen. Tatsächlich war es das erste, das sich mir anbot."29
Daß bei dieser so deutlich begründeten zwingenden Entscheidung
so- gar genaue numerische Entsprechungen, also Symmetrien, zwischen
Schlüsselwörtern herausgekommen sind - als Begleiterscheinung,
die mit den poetischen Absichten und Wirkungen nichts zu tun
hat - scheint über Zahlen zu bestätigen, was er schließlich
im Alexander von Humboldt gewidmeten Prosagedicht Heureka als
seine grundlegende wissenschaftliche Vorstellung formuliert
hat: Es gehe um "das gesetz", denn bei vorurteilsfreiem Denken
ergebe sich zwingend die Auffassung, "daß jegliches Naturgesetz
in jeglicher Hinsicht mit allen übrigen Gesetzen untrennbar
zusammenhängt". Die Wahrheit liege in der Struktur, denn "ein
perfekter innerer Zusammenhang" könne "gar nichts anderes sein
als eine absolute Wahrheit".30 Für W. H. Auden ist diese poetische
Abhandlung als Entwurf eines Weltmodells "voll von bemerkenswerten
intuitiven Vorwegnahmen, die von späteren wissenschaftlichen
Entdeckungen bestätigt wurden".31 Die darin erkennbare Tendenz
zu einer allgemeinen Relativität, zum Vorhaben Einsteins, die
"Einheit der Natur - die einfachsten aller Gesetze zu finden",
die "systematische Einführung des Gedankens des Beobachters
- worin ja die Relativität besteht", hat auch Paul Valéry beeindruckt,
der darin einen ziemlich genauen Versuch sah, "das Universum
durch innere Eigenschaften zu bestimmen", indem "symmetrische
und wechselseitige Beziehungen zwischen Materie, Zeit, Raum
und Licht behauptet werden. Ich habe" - bekräftigt Valéry -
"das Wort symmetrisch hervorgehoben: das wesentliche Merkmal
der Darstellung des Weltalls nach Einstein ist in der Tat eine
formale Symmetrie. Sie macht seine Schönheit aus" - gerade weil
die Materie "eine Ansammlung von Transformationen ist, die sich
im Kleinen, im Allerkleinsten noch fortsetzen und verlieren".32
Das Alphabet bestätigt diese Ansicht, indem es Metaphysik127
mit Symmetrie127 gleichsetzt, Transformation183 mit Rechnung90
+ Grammatik93, mit Struktur148 + Magie35, mit Mythos100 + Schrift83.
|
|
|
und möglich wäre es immerhin, daß das nur scheinbar ist."
In den Tagebüchern geht er ausführlich auf den Zufall ein,
der sich "nicht auf Ereignisse, sondern die Verknüpfung von
Ereignissen" beziehe; da sie voneinander unabhängig sind,
"wie ist also die angenäherte Unveränderlichkeit der Reihe
der Verhältniszahlen zu erklären?" Das Gesetz der großen
Zahl hat ihn beschäftigt, als Tatsache, als Basis des
wirtschaftlichen und sozialen Lebens. "Wäre sie nicht, würde
in einem Jahr gar nichts geschehen, im nächsten nichts sicher
sein, Hungersnöte würden mit Überfluß wechseln, Kinder würden
fehlen oder zuviel sein usw." Anderswo sagt er dezidiert:
"Kausale Betrachtung gibt niemals Ziele."25
|
|
Gesetz der großen
Zahl
|
253
|
| Ursprungsmythos |
253
|
| Zeichenhaftigkeit der Welt |
253 |
|
Daß inzwischen
das Gesetz der kleinen Zahlen, wie es der Mathematiker
Richard K. Guy formuliert hat ("Es gibt nicht genug kleine Zahlen,
um alle Anforderungen zu erfüllen, die an sie gestellt werden"),
zur kategorischen Negation zufälliger Übereinstimmungen ins
Treffen geführt wird, sagt nichts anderes, als daß derartiges
so oft zutreffen kann, daß es nichts bedeutet. Das Alphabet
gibt dieser Position recht, denn es setzt das Gesetz der
kleinen Zahlen245 mit Zusammenhangsfiktion245
gleich.26
|
|
Gesetz der kleinen Zahl
|
245
|
| theory of everything |
245
|
| Zusammenhangsfiktion |
245 |
|
|
Auf Mallarmé bezogen hat Paul Valéry davon gesprochen, daß
ihn seine Forschungen, aufgrund derer Poesie wieder so wirksam
wie Musik werden sollte, als Dichter "einem jener modernen
Mathematiker ähnlich machten, die die Grundlagen der Naturwissenschaft
erneuerten und ihr eine neue Reichweite und Macht verliehen,
als Folge einer zunehmend verfeinerten Analyse ihrer Grundbegriffe
und ihrer grundlegenden Konventionen". Auch Edgar Allan Poe
ist für ihn Mathematiker, Philosoph und großer Schriftsteller
gewesen, "der Dämon der Klarheit", "der literarische Ingenieur",
der als erster den Gedanken gehabt habe, "den Werken ein theoretisches
Fundament zu geben". Sein intensives Interesse für Logik -
und damit für Kriminologie, für Kryptographie -, das ihn zu
einem anerkannten Experten für Geheimschriften gemacht hat,
ergibt komplexe Verbindungen zur Thematik Schrift,
zum Entziffern, zum Rekonstruieren. E. A. Poe hat seine strenge
Lehre, "in der eine Art Mathematik und eine Art Mystik vereinigt
sind"27, in seinem berühmten Aufsatz
Die Methode der Komposition präzisiert, einer literaturgeschichtlichen
Zäsur. Am Beispiel seines bekanntesten Gedichtes The Raven
legt er exakt die Entstehungsbedingungen dar: "Meine Absicht
ist deutlich zu machen, daß sich kein einziger Punkt in seiner
Komposition auf Zufall oder Intuition zurückführen läßt: daß
das Werk Schritt um Schritt mit der Präzision und strengen
Folgerichtigkeit eines mathematischen Problems seiner Vollendung
entgegenging."28
|
|
theoretisch
|
130
|
| glaubwürdig |
130
|
|
Schrift
|
83
|
| Bedingung |
83
|
| Speicher |
83 |
|
Folgerichtigkeit
|
164
|
| Regelmäßigkeit |
165
|
| Rechtsordnung |
166 |
| Wahrheitssuche |
167 |
|
Der Titel
drückt das in codierter Form exakt aus. Auf Basis des alphanumerischen
Codes entspricht The Philosophy of Composition345
genau der inhaltlichen Aussage: The elimination of occasional
accidents345. Auch in der Übertragung
wiederholt sich diese Präzision; Die Methode der Komposition271
hat denselben Eigenwert wie Ausschaltung des Zufalls271.
Ob das Poe bewußt gewesen ist und daß ferner raven60
und word60 den gleichen Zahlenwert
haben, so wie The Raven93 und
writer93, bleibt offen. Die professionelle
Beschäftigung mit Codierungs- und Decodierungssystemen würde
dafür sprechen; erstaunlich wäre nur, daß er eine solche weitere
"mathematische" Dimension nicht in seine Theorie aufgenommen
hat. Vielleicht wollte er diese Ebene unkommentiert lassen.
Daß auch sein voller Name vom Klang her den gleichen Codewert
ergibt wie das Schlüsselwort Nevermore115,
wenn das Spiel mit den Vokalen, von Allan zu Allen, wie das
bei ihm ausdrückliche Absicht ist, miteinbezogen wird, macht
eine so kompakte mathematische Struktur sichtbar, daß ihre Wahrscheinlichkeit
in einem wissenschaftlichen Licht erscheint. Die einzige kleine
Abweichung könnte als bewußt eingebauter Fehler aufgefaßt werden,
der auf die musikalischen Nuancen zwischen Laut und Buchstabe
aufmerksam macht. In gesprochener Form, mit ihren Variationsmöglichkeiten,
verschwinden solche Unterschiede.
|
|
Proportionsberechnung
|
272
|
| mathematische Struktur |
273
|
| Vermessungsfrequenz |
274 |
|
mathematische Struktur
|
273
|
| Erklärungszusammenhang |
273
|
| Zufall und Notwendigkeit |
273 |
|
Die mit
Nevermore115 aufs engste "verwandten"
Wörter sind übrigens masterpiece114,
combination115, arrangement116,
pragmatism117. Offenbar ist ihm
auch ohne eine solche Kombinatorik die entsprechende Präzision
gelungen.
|
|
|
The Philosophy of Composition
345
|
|
The elemination of occasional accidents
345
|
|
|
berechnete Interpretation
|
269
|
| Sachverhaltsdarstellung |
269
|
|
|
Die Methode der Komposition
271
|
|
Ausschaltung des Zufalls 271
|
|
|
|
The Raven
|
|
raven 60
|
60
|
word 60
|
|
The Raven 60
|
93
|
writer 93
|
|
Nevermore 115
|
|
Edgar Allan Poe 111
|
|
Nevermore 115
|
115
|
Edgar Allen Poe 115
|
|
|
|
Von ihm selbst wird die Wahl des Wortes Nevermore
ohne jeden Bezug auf eine allzu geheimnisvolle "Unterströmung
an Bedeutung", wie er das anderswo nennt, begründet: "Aus
dem Entschluß zu einem Refrain erwuchs als notwendige
Folge die Aufteilung des Gedichts in Strophen: der Refrain
bildet den Abschluß jeder Strophe. Daß ein solcher Abschluß,
um Kraft zu haben, klangvoll sein und eine gedehnte Betonung
erlauben mußte, ließ sich nicht bezweifeln; und diese Überlegungen
brachten mich unvermeidlich auf das lange o als den
klangvollsten Vokal, in Verbindung mit dem r als den
am besten artikulierbaren Konsonanten. Als der Klang des Refrains
so festgelegt war, galt es, ein Wort zu wählen, das diesen
Klang enthielt und zugleich möglichst nahe an jene Melancholie
herankam, die ich als Stimmung des Gedichts festgelegt hatte.
Bei einer solchen Suche ist es völlig ausgeschlossen, das
Wort 'Nevermore' zu übersehen. Tatsächlich war es das erste,
das sich mir anbot."29
Daß bei dieser so deutlich begründeten zwingenden Entscheidung
sogar genaue numerische Entsprechungen, also Symmetrien, zwischen
Schlüsselwörtern herausgekommen sind - als Begleiterscheinung,
die mit den poetischen Absichten und Wirkungen nichts zu tun
hat - scheint über Zahlen zu bestätigen, was er schließlich
im Alexander von Humboldt gewidmeten Prosagedicht Heureka
als seine grundlegende wissenschaftliche Vorstellung formuliert
hat: Es gehe um "das gesetz", denn bei vorurteilsfreiem Denken
ergebe sich zwingend die Auffassung, "daß jegliches Naturgesetz
in jeglicher Hinsicht mit allen übrigen Gesetzen untrennbar
zusammenhängt". Die Wahrheit liege in der Struktur, denn "ein
perfekter innerer Zusammenhang" könne "gar nichts anderes
sein als eine absolute Wahrheit".30 Für W. H. Auden ist diese
poetische Abhandlung als Entwurf eines Weltmodells "voll von
bemerkenswerten intuitiven Vorwegnahmen, die von späteren
wissenschaftlichen Entdeckungen bestätigt wurden".31 Die darin
erkennbare Tendenz zu einer allgemeinen Relativität, zum Vorhaben
Einsteins, die "Einheit der Natur - die einfachsten aller
Gesetze zu finden", die "systematische Einführung des Gedankens
des Beobachters - worin ja die Relativität besteht", hat auch
Paul Valéry beeindruckt, der darin einen ziemlich genauen
Versuch sah, "das Universum durch innere Eigenschaften zu
bestimmen", indem "symmetrische und wechselseitige Beziehungen
zwischen Materie, Zeit, Raum und Licht behauptet werden. Ich
habe" - bekräftigt Valéry - "das Wort symmetrisch hervorgehoben:
das wesentliche Merkmal der Darstellung des Weltalls nach
Einstein ist in der Tat eine formale Symmetrie. Sie macht
seine Schönheit aus" - gerade weil die Materie "eine Ansammlung
von Transformationen ist, die sich im Kleinen, im Allerkleinsten
noch fortsetzen und verlieren".32
Das Alphabet bestätigt diese Ansicht, indem es Metaphysik127
mit Symmetrie127 gleichsetzt, Transformation183 mit Rechnung90
+ Grammatik93, mit Struktur148 + Magie35, mit Mythos100 +
Schrift83.
|
|
Gesetz
|
82
|
| Verbot |
82
|
| Ausnahme |
82 |
|
Zusammenhang
|
142
|
| Organisation |
142
|
| Relativität |
142 |
| Untergrund |
142 |
| Kunstwerk |
142 |
| Zeitpunkt |
142 |
|
innerer Zusammenhang
|
225
|
| Prüfungssorgfalt |
225
|
| Qualitätsanspruch |
225 |
|
formale Symmetrie
|
197
|
| Beziehungsraster |
197
|
|
- Yirmiyahu Yovel: Spinoza. Das Abenteuer
der Immanenz (1989). 1994. S. 461f.
- Denis Brian: Einstein. A Life. 1996. S.
127
Louis Althusser. In: François Dosse: Geschichte des Strukturalismus
(1991). 1997. Band ii. S. 224
Louis Althusser: Elemente der Selbstkritik. Berlin 1975.
S. 70
Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung (1938-1947). 1974. Band
ii. S. 999
- Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie
(1923/24). Wien 1997. Band i/2. S. 437; Band i/3. S. 227,
228, 232
- 4 Walter Benjamin/Gershom Sholem: Briefwechsel
1933-1940. 1985. S. 293
- Karl Erich Grözinger: Kafka und die Kabbala.
1992. S. 76f., 106, 164f.
- Gershom Sholem: Zehn unhistorische Sätze
über die Kabbala. Judaica iii. 1973. S. 271
- Günher Anders: Kafka. Pro und Contra.
Die Prozeß-Unterlagen. 1951. S. 87f.
- Karl Erich Grözinger: Kafka und die Kabbala.
1992. S. 223
- Milan Kundera: Die Kunst des Romans (1986).
1989. S. 116, 117, 126, 111, 126
- John Felstiner: Paul Celan. Eine Biographie
(1995). 1997. S. 302, 74, 147
- Ezra Pound: Wort und Weise (1913-1934).
1981. S. 28, 45, 71, 120, 84, 86, 89, 157
- Raoul Schrott: Die Erfindung der Poesie.
1997. S. 363, 369f.
Raoul Schrott: Fragmente einer Sprache der Dichtung. 1997.
S. 38f.
- Jaques Derrida: Grammatologie (1967).
1996. S. 167
- Ezra Pound: ABC des Lesens (1934). 1985.
(Aus dem Vorwort von Eva Hesse). S. 5
- Arthur A. Cohen: Sonia Delaunay (1975).
1988. S. 24
- Jorge Luis Borges: Eine Ehrenrettung
der Kabbala (1931). Gesammelte Werke. 1981. Band v/1. S.
57f., 62
- André Breton: Die Manifeste des Surrealismus
(1924/1930). 1986. S. 38, 89, 28
- Hugo Ball: Der Künstler und die Zeitkrankheit.
1984. S. 39
- Helmut Werner: Lexikon der Numerologie
und Zahlenmystik. 1995. S. 146
- Jorge Luis Borges: Gesammelte Werke.
1981. Band 5/i, S. 57, 60
- Ebda., S. 61, 61f.; Band v/2. S. 117
- Vilém Flusser: Die Schrift (1987). 1993.
S. 38
- John Maynard Keynes: Newton, the Man.
In: J. R. Newman (Hg.): The Worlds of Mathematics. 1956.
S. 277-285. In: Ian Stewart: Die Zahlen der Natur. 1998.
S. 6
Margaret Wertheim: Pythagoras' Trousers. God, Physics and
the Gender Wars. 1997, S. 115ff.
- Raoul Schrott: Fragmente einer Sprache
der Dichtung. 1997. S. 72f. Erwin Schrödinger: Mein Leben,
meine Weltansichten (1950). 1985 (Interview 1931)
- Robert Musil: Gesammelte Werke ii. 1978.
S. 81 Tagebücher i. 1976. S. 464, 465, 522
- 6 Underwood Dudley: Die Macht der Zahl.
Was die Numerologie uns weismachen will (1997). 1999. S.
87ff.
- Paul Valéry: Existenz des Symbolismus
(1939). Werke. 1989. Band iii, S. 335f.
Die Situation Baudelaires (1924), S. 215, 228
Cahiers/Hefte (1973/74). 1993. Band vi. S. 366
- Edgar Allan Poe: Die Methode der Komposition
(1846). Das gesamte Werk. 1980. Band x. S. 533f.
- Ebda., S. 538f.
- Edgar Allan Poe: Heureka (1848). Das
gesamte Werk. 1980. Band v. S. 985, 1044
- W. H. Auden: Ein Bewußtsein der Wirklichkeit
(1943-1974). 1989. S. 123
- Paul Valéry: Cahiers/Hefte (1973/74).
1993. Band vi. S. 412, 421
Paul Valéry: Werke. 1989. Band iv. S. 114f.
|
|
oben 
|
|
| ©
Christian Reder 2000/2002 |
|
|
|