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www.ChristianReder.net: Publikationen: Wörter und Zahlen: Zeugen II

Wörter und Zahlen
Das Alphabet als Code

Springer Wien New York 2000
Sonderausgabe: springer / komet 2001

Grafisches Konzept: Ecke Bonk
Grafik: Richard Ferkl, Asia Sumyk
Essayistische Studie zur Schriftkultur, zu Codes, zu Präzision, zu Wahrnehmung, zu einem 'berechnenden' Denken.

 

Zeugen II

 

 
Spinoza ist die Ordnung und Verknüpfung der Ideen und der Dinge ein zentrales Thema gewesen. Gott und Natur setzte er gleich, atheistisch, sich auf deren Gesetze konzentrierend. Als er, der vierundzwanzigjährige Häretiker, aus der jüdischen Gemeinde von Amsterdam ausgeschlossen wurde, "nahm er nicht nur Maimonides und die hebräische Bibel, Crescas und die Kabbalisten mit, sondern vor allem und für ihn lebenswichtig eine spezielle, einzigartige Erfahrung", die Erfahrung der aus ihrer spanisch-islamischen Umgebung vertriebenen iberischen Juden. Mit diesem Hintergrund, so bekräftigt sein Biograph Yovel, "wurde er zum ersten bedeutenden Europäer, der die Welt der Offenbarungsreligion überschritt und der zugleich eine ernstzunehmende, systematische Alternative zu ihr entwickelte. Sein Schritt enthielt das Prinzip der Moderne in radikalster Form." Als "Begründer der modernen Philosophie der Immanenz" hat er "jede Spur einer jenseitigen Welt" getilgt, die absichtslose Notwendigkeit betonend.1 Einstein hat sich ausdrücklich auf ihn berufen oder Louis Althusser, der rückblickend feststellte, er und seine Freunde seien keine Strukturalisten, sondern Spinozisten gewesen. Ernst Bloch hat dafür den Ausdruck "mathematischer Pantheismus" geprägt.2 Für Fritz Mauther ist er logischerweise der "Lieblingsphilosoph unserer Dichter"; seine "heitere Weltanschauung" habe ihm ermöglicht, die Welt als Buch zu sehen. "Auf der ersten Stufe buchstabiert das Kind gedankenlos; auf der zweiten faßt es die einzelnen Sätze, auf der dritten versteht es den Sinn des Ganzen." Sogar hinter seinem großen Irrtum, "Sprache einer mathematischen Anwendung für fähig zu halten", sich auf seine geometrische Methode zu stützen, stehe "eine noch größere Ahnung dessen, was wir in unserer bettlerfrechen Wahrheit Sprache nennen".3

Ideen
+ Dinge
37
+ 39
= Wort
= 76

 

 

 

mathematische Anwendung von Sprache
349
Informationsverarbeitungsmagie 349
Wissensvermittlungsmodell 349

 


Welt 60
Himmel 60
Geist 60
Zeit 60
Lächeln 60
Angst 61
Gehirn 61
Archiv 61
Modell 61
Spiel 61
Krise 62
Mensch 62
Gott 62
Fleisch 62
Kreis 62
Element 74
Natur 74
Biologie 74
Ursache 75
Gewicht 75
Grenze 75
Tarnung 95
Projekt 95
Immanenz 95
Tagesablauf 95
Gedächtnis 95
Gegenstand 96
Muster 96
Theologie 96
Eigensinn 96
Versuch 96
Mystik 97
Melancholie 97
Berechnung 97
Reichtum 97
Geometrie 97

 

Diese aus Buchstabenwerten gebildete Wortmontage könnte Spinoza gewidmet sein, als Muster einer Profanierung transzendent aufgeladener Begriffe; Welt60 und Himmel60 sind dabei gleichwertig, zwischen Mensch62 und Gott62 besteht, wenn es um die Wortzeichen geht, kein Unterschied. Zur merkwürdigen numerischen Gleichsetzung von Mensch62, Gott62, Fleisch62 gibt es im Alten Testament eine Entsprechung, wo es im Buch Ijob (Hiob) 19, 26 heißt: "Ohne mein Fleisch werde ich Gott schauen." Sie ist fixiert auf den Tod als das andere Wort für ewiges Leben. Mit der Vorbereitungsebene Gehirn61, Archiv61, Modell61 werden die Relationen diesseitsbezogen. Daß außerdem Mensch62 und Gott62 über die bedeutungsvollen Zahlen 12 und 33 mit Natur74 und Immanenz95 verbunden sind, könnte sogar Zahlenmystikern Spinoza näherbringen. Auch sein Weg von der Theologie96 zum Gegenstand96, von der Mystik97 zur Geometrie97 bildet sich ab.

 
Den Schlüssel zu Kafka, um solche Fragen ganz woanders neu aufzugreifen, hat Walter Benjamin darin gesehen, "der jüdischen Theologie ihre komischen Seiten" abzugewinnen.4 In der ständig präsenten Gerichtsthematik gehe es weniger um ein Eingehen auf die traditionelle jüdische Vorstellung vom Gericht als Bilanz und Ende der Geschichte, sondern eher um die kabbalistische Sicht der Dinge, mit dem Gericht als "Motor der Geschichte", mit himmlischen und irdischen Gerichten, bei denen alles auf die guten Beziehungen ankommt und "weniger auf eine sachlich fundierte Argumentation und den Beweis der Unschuld". Kafka hat sich gelegentlich dafür interessiert, mit "kabbalistischen" Buchstabenspielen "innere Sachzusammenhänge und Identifikationen" zu finden.5 Auch seine Beschäftigung mit absurden Verwandlungen, mit Trennungen, mit dem Gerichtspersonal kann als Bestätigung von Scholems Auffassung gesehen werden, wonach Kafkas Schriften "die säkularisierte Darstellung des (ihm selber unbekannten) kabbalistischen Weltgefühls" seien.6 Günther Anders bestritt solche Bezüge vehement, weil Kafka "nicht an keinen Gott, sondern an einen schlechten" geglaubt habe.7 Die Vergeblichkeit scheint dafür zu sprechen. Ob seine Sprache "sich bruchlos in die kabbalistische Lehre von den Gottesnamen und dem Alphabet als den Elementen der göttlichen Schöpfersprache einfügt", trotz ihrer Modernität, stellt an die Auffassung von Modernität mehr Fragen als an kabbalistische Traditionen.8

Gericht
70
Sprache 70
Ironie 70

Geschichte
87
Weltbild 87
Praxis 87

Rund um Kafkas Wort Prozeß jedenfalls ergeben die alten Methoden Begriffsfelder, die, weil sich ausufernde Bedeutungen zusammenballen, seinen komplexen Denkwelten näherstehen dürften als einer professionell abgegrenzten, systemanalytischen Betrachtungsweise irgendwelcher Prozesse.

Sogar bei Eigenschaften oder bei Zeitwörtern entstehen solche beziehungsvollen Auffächerungen, die zu abrufbaren Vorstellungsbildern passen. Das Wort Prozeß118 wird einerseits von irrational117, depressiv117, vielseitig117, von idealistisch118, wahnsinnig118, von subjektiv119, korrupt119 oder unbeweisbar119 eingekreist, andererseits von beschwören117, untergehen117, von verwandeln118, wiederholen118 und kalkulieren119. Der Prozeß118 wird komprimiert auf ein Verwandeln118.

Der Prozeß
145
Selbstzweck 145
Numerierung 145
Montagetechnik 145
Laboratorium 145

    Erlösung 116    
Gesellschaft 117 Realismus 117 Sachverhalt 117 Geständnis 117 Aufklärung 117
Lebensweise 118 Geheimdienst 118 Prozeß 118 Disziplin 118 Faschismus 118
Gleichgewicht 119 Verachtung 119 Störung 119 Berechtigung 119 Fingerabdruck 119
  Vernunft 120 Absurdität 120 Kausalität 120  
    Fatalismus 121    

 

Milan Kundera hat darauf hingewiesen, daß sich in Kafkas Welt fast nichts von dem findet, "was den Kapitalismus ausmacht: weder das Geld und seine Macht, der Handel, der Besitz und die Besitzenden noch der Klassenkampf". Es finde sich "keine wesentliche Spur politischer Interessen"; die Tragweite seiner Werke beruhe gerade darauf, "daß sie ,nicht-engagiert' sind, beruht auf ihrer völligen Autonomie gegenüber allen politischen Programmen, ideologischen Begriffen und futurologischen Prognosen". Seine Figuren befänden sich "in einer Welt, die weiter nichts ist als eine einzige riesige labyrinthische Institution, der sie sich nicht entziehen und die sie nicht begreifen können". Diese Institution Welt sei "ein Mechanismus, der seinen eigenen, von irgendwem irgendwann programmierten Gesetzen gehorcht, die mit menschlichen Interessen nichts zu tun haben und daher unverständlich sind". Würde die Suche nach dahinter Verborgenem, nach dem Gedicht mit einer im voraus feststehenden Wahrheit verbunden, käme das einem Verzicht "auf die der Poesie eigene Mission" gleich, sich ausschließlich an der "zu entdeckenden Wahrheit zu orientieren, (…) die Blendung bedeutet".9

Paul Celan wiederum, der sich intensiv mit kabbalistischer Sprachtheorie beschäftigte, hatte schon sein Pseudonym durch ein Anagramm aus seinem Familiennamen Ancel gebildet, durch Umstellung der Buchstaben. Am Titel des Gedichtbandes Sprachgitter war ihm wichtig, daß in ihm "die Schwierigkeit alles (Zueinander-) Sprechens und zugleich dessen Struktur mitspricht". Die häufigsten von ihm verwendeten Substantive sind Aug(e) und Wort.10

Wenn andererseits Ezra Pound postuliert hat: "Große Literatur ist einfache Sprache, die bis zu den Grenzen des Möglichen mit Sinn geladen ist", so werden Bezüge zu einem kabbalistisch anmutendem Umgang mit Sprache unübersehbar: Es gehe um die Kunst, "Sinn in die Worte zu bekommen"; er glaubt an einen "absoluten Rhythmus" in der Dichtung, an die - aus der Zahl kommende - in Musik gesetzte "Komposition von Wörtern" und hält die Kunst, Literatur, Poesie für eine Wissenschaft "genau wie die Chemie", die minderwertig werde, wenn sie "ungenau" sei, wenn sie nicht "höchste Präzision" erreiche. Er betont das Bildhafte, das image, als "das Wort jenseits des Formulierten".11 Seine Begeisterung für das Mittelalter, insbesondere für die provencalische Dichtung, macht dies sogar in zeitlich-räumlicher Sicht plausibel.

Eine solche Berufung auf die Troubadoure, die "Erfinder von Versen", so die eine sprachliche Wurzel, oder die "Sänger" (von arabisch taraba für "singen") läßt sich am Beispiel Guihelms (1071-1126) konkretisieren, einem der bedeutendsten unter ihnen und "der erste Dichter in einer modernen europäischen Sprache", dem heute noch in Südfrankreich von einer Minorität gesprochenen Okzitanischen. Neben den dadaistischen Grundzügen, die den wenigen erhaltenen Texten zugeschrieben wurden, sind es wieder Spuren eines Berechnens, die solche Verzweigungen zweckmäßig erscheinen lassen. Eine der Wurzeln von Poesie, so Raoul Schrott, komme dort zum Vorschein, "ihre Legitimation in der Sprache, aus der ihr innewohnenden Struktur heraus, in der der vers erst zur Sprache und schließlich zur Schrift findet. Das Wort, der Buchstabe erhalten ihren Sinn durch ihren gematrischen Zahlenwert, ihre Materialität, die zum Symbol der Emanation Gottes wird. Diese hypogrammatische Struktur gibt einen Raster vor, der mathematisch kalkulierbar ist und erst dann zum Spielfeld der Imagination wird; sie ist handwerklicher Qualitätsmaßstab neben dem des Vortrags und der selbst komponierten Melodie." Das Lied wird zum paradoxen Rätselgedicht, "das den Schlüssel zu seiner Lösung im Text selbst birgt". Von der Symmetrie der Initialen am Beginn jeder Strophe bis zur Zahl der Zeilen, dem eigenen Namen, dem Geburtsdatum spielen Zahlenrelationen und die Zahlenwerte des Alphabets eine entscheidende Rolle. Unmittelbare Bezüge zur andalusischen, jüdischen und islamischen Dichtung sind offensichtlich. Entsprechungen finden sich auch in vielen "klassischen" griechischen und römischen Gedichten. "Allen ist die gematrische Methode gemeinsam, die wir von der Kabbala kennen, wo es darum geht, einen verborgenen Sinn über den Zahlenwert der Buchstaben zu entdecken. Die offensichtliche Legitimation für diese Poetik ist die Legitimation des Wortes durch Mystik und Magie, durch seinen göttlichen Ursprung, eine sprachphilosophische Position, die zuletzt noch Karl Kraus vertrat. Es ist die Suche nach einer vollkommenen Sprache, um die es dabei geht - nicht nur in diesen extremen Beispielen, sondern im Grunde legt es jedes Gedicht auf das richtige Wort an und steckt die Ränder der Sprache neu ab, in dem Versuch, ihre Grenzen auszudehnen." Versucht wird, "durch die Kombinatorik einiger weniger poetischer Elemente die Gesamtheit einer Welt zu konstruieren", es mittels Perfektion der Sprache den anderen großen Symbolsystemen gleichzutun, "der Musik und der Mathematik."12


Institution
170
Gleichgültigkeit 170
Physik und Chemie 170

Labyrinth
109
Dunkelheit 109
Kontext 109

 

Blendung
79
Sekunde 79


Auge
34
Buch 34
Ding 34

Wort
76
Stern 76
Meteor 76

 

Sinn
56
Suche 56
Kraft 56
Gedicht 56

 

In diesem Sinn sind die Struktur und das visuelle Bild auch für "Pounds unabdingbar graphische Poetik" (Derrida) essentiell.13 Erst "als Descartes die Zuständigkeit der Sprache für die exakte Mitteilung in Frage stellte und die mathematische Formel an ihre Stelle setzte, fing das Selbstbewußtsein der Dichter zu kranken an", heißt es dazu in einem Kommentar über ihn.14 In der Moderne wird darauf auf eigene Weise reagiert; Apollinaire hat in seinen Caligrammes schon früh einen Text als Uhr montiert, mit verbalen Entsprechungen für die Zahlen eins bis zwölf. Sonia Delaunay und Blaise Cendrars haben das erste "simultane Buch" als ausfaltbares, fast zwei Meter langes, in Farben und Figurationen integriertes Gedicht realisiert.15 Das Tabu, in Bildern Buchstaben, Zahlen, Wörter darzustellen, wurde von Picasso, von Braque gebrochen; von den Futuristen, den Konstruktivisten, den Dadaisten sind laufend Zahlen vermischt mit Buchstaben und Wörtern verwendet worden. Die Trennung zwischen Bild und Text und Formel wird aufgehoben. Sehen und Begreifen, Anschauen, Lesen, Rechnen sollen nicht mehr an getrennte künstlerische und wissenschaftliche Sphären gebunden sein.

Als Parallelerscheinung zur Begeisterung für ein Berechnen oder dadurch ausgelöste Irritationen ist die Deutung von Wörtern und ihren Beziehungen mit Hilfe von Zahlenwerten diskreditiert worden. Daß solche Methoden dazu dienen könnten, durch Übereinkünfte abgesicherte Aussagen über Sinnschichten zu erhalten, ist ihnen nur noch in esoterischen Zirkeln zugebilligt worden - trotz der in den Naturwissenschaften oder in der Literatur zunehmend wichtig genommenen Beschäftigung mit dem Zufall, mit statistischen Wahrscheinlichkeiten. Gegenstimmen zu dieser Abwendung sind aber auch in der Moderne schon in prästrukturalistischen Phasen nie völlig verstummt.

Gesamtheit
107
Identität 107
Symbiose 107
Erdoberfläche 107
Untergang 107

Fragment
84
Bewegung 84
Gelächter 84

Einer der markantesten dieser Verteidiger ist Jorge Luis Borges, der dazu in surrealistischen Zeiten lakonisch Stellung genommen hat: "Über dergleichen Operationen zu spotten ist leicht: ich bemühe mich lieber, sie zu verstehen." Er ging davon aus, daß die Vorbehalte auf Fehleinschätzungen beruhten. Die Kabbalisten seien ja keineswegs am Spiel des Zufalls interessiert gewesen, sondern am "absoluten Text", in dem er keine Rolle spielt. Dessen "unberechenbare Beimischung" wollten auch Schriftsteller wie Paul Valéry so weit wie möglich abweisen und unterbinden.16 André Breton war völlig gegenteiliger Ansicht: "Alles ist geeignet", fordert er im Ersten Manifest des Surrealismus, "um von bestimmten Assoziationen den gewünschten Überraschungseffekt zu erlangen." Die "Alchimie des Wortes" ist ihm in solchen Prozessen immer wichtig geblieben. "Dieser Ausdruck, den man heute mehr oder weniger zufällig immer wieder aufgreift, will wörtlich verstanden werden." Gefordert hat der Theoretiker des Automatismus auch, sich "mit keiner Art von Filtrierung" abzugeben. Es gehe darum, "zu bescheidenen Registriermaschinen" zu werden.17

Im Zufall ist eine zwar kritische, aber durchaus auch magische, schließlich wieder sinnstiftende Instanz gesehen worden, ein Zeichensystem des Unbewußten. Bei den Dadaisten war diese Kontinuität mit Absicht nicht so ausgeprägt. "Dada stammt aus dem Lexikon", schreibt Hugo Ball im ersten dadaistischen Manifest, "ein Internationales Wort. Nur ein Wort und das Wort als Bewegung."18 Offensichtlich ungewollt verbindet sich Dada10 über seinen Codewert mit Gott und der Welt, denn nach mystischer Tradition steht 10 dafür, daß Gott (1) die Welt (2-9) aus dem Nichts (0) geschaffen hat.19

Zur von Argentinien aus erfolgenden offenen Ehrenrettung der Kabbala und des Interesses an ihr durch Borges kam es in einer Sprachkultur, von der sich zumindest der Eindruck ergibt, daß von katholisch-anarchistischen Polaritäten geprägte Unterströmungen trotz aller Exzesse gegen Andersgläubige weiterhin ein Aktivieren "kabbalistischer" Prägungen begünstigen. Nicht die Lehre, sondern "die hermeneutischen oder kryptographischen Verfahren, die zu ihr hinführten" hat Jorge Luis Borges entschieden verteidigt. "Diese Verfahren sind bekanntlich die vertikale Lesart der heiligen Texte, die sogenannte Bovestrophedon-Lesart (von rechts nach links und die folgende Zeile von links nach rechts), der methodische Austausch zwischen bestimmten Buchstaben des Alphabets, die Summe aus den Zahlenwerten der Buchstaben usw." Zu zeitgenössischer Dichtung ergeben sich Verbindungen nicht wegen eines Spiels mit dem Zufall, sondern - ganz im Gegensatz dazu - aus der Ausschaltung des Zufalls. Anders als später Lévinas sieht er in der minutiösen, jeden Bezug ernstnehmenden Beschäftigung mit dem Alten Testament, also in der Methodik, den konkreten, neue Wirksamkeit entfaltenden historischen Hintergrund, auch wenn es um ganz andere Inhalte geht. In der Genesis, dem Stoff der Kabbala, sei für jene, die sich auf sie berufen, eben absolut nichts zufällig. So wie vom Koran geglaubt wird, daß er schon vor der Sprache, vor der Schöpfung existiert hat, gebe es sogar lutherische Theologen, "die sich nicht getrauen, die Heilige Schrift unter die geschaffenen Dinge aufzunehmen und sie als eine Inkarnation des Heiligen Geistes definieren". Auch "die Kabbalisten glauben so wie heute noch viele Christen an die Göttlichkeit dieser Geschichte, an ihre wohlüberlegte Abfassung durch eine unendliche Geisteskraft". Deshalb komme es auf jeden Buchstaben, auf jede Nuance an.20

 

Zufall
78
mistake 78

Überraschung
142
Relativität 142
Kunstwerk 142

 

Registrierung
170
Einzigartigkeit 170
Gleichgültigkeit 170

 

positiv
110
Tradition 110
Funktion 110

negativ
78
Zufall 78
Kritik 78



Ausschaltung des Zufalls
271
Konstellationsmatrix 271

 

Was ursprünglich als absolute, nie völlig ergründbare Präzision des Buches der Bücher vorausgesetzt wurde, formiert sich als individu- elles Streben nach maximaler Präzision auch abgelöst davon stets von neuem, wenn die Textbezogenheit als Denkmodell verwendet wird. Die Negation einer solchen Perfektion ist nur eine andere Reaktion darauf. Mit der Auffassung, daß hergestellte Zeichen in ihrer Intensität von den Beziehungen zu anderen Zeichen und von der Art der Beobachtung abhängig sind, löst sich die Bindung an Absolutes nur scheinbar. Der fiktive Autor des Verweisungssystems bleibt präsent. Präsent bleibt auch die materielle Bedingtheit, wenn Schrift und Lautbilder als Material behandelt werden, das seine Möglichkeiten in sich trägt. Wenn Sinn der Notwendigkeit des Klangs unterworfen wird, ergeben sich analoge Bezüge. Über eingeflochtene Komponenten des Wahrnehmungsprozesses relativiert sich die Autorenschaft. Für Borges ist eine solche Distanzierung keine entscheidende Frage, die Bezüge verschieben sich nur, als Tendenzwechsel zwischen der Konzentration auf die Interpretation und einer Konzentration auf die Produktion. Auf entfernte Art vollziehe der Autor "eine Annäherung an den Herrn, für den der vage Begriff Zufall keinerlei Bedeutung hat". Subjektives objektiviert sich. Der "Text" löst sich vom Urheber. Es klingt durch, daß das Lesen der alten Texte ohne Akzeptanz ihres dogmatischen Gewichts erst wirklichen Respekt begründet. Die Vorstellung, so Borges, "daß Gott Wort für Wort diktiert, was er zu sagen beabsichtigt", "(und sie war es, die die Kabbalisten adoptierten), macht aus der Schrift einen absoluten Text, bei dem die Mitwirkung des Zufalls mit Null zu beziffern ist. Allein die begriffliche Vorstellung dieses Dokuments ist ein größeres Wunderwerk als alle, die auf seinen Seiten verzeichnet werden. Ein Buch, das gegen die Kontingenz undurchdringlich gefeit ist, ein Mechanismus unendlicher Zeichensysteme, unfehlbarer Variationen, auf der Lauer liegender Offenbarungen, Überlagerungen von Licht - wie sollte man es nicht bis zur Sinnlosigkeit, bis zur Unzahl befragen, wie es die Kabbala tat?" Im übrigen sei es eine Tatsache, sagt er anderswo, "daß jeder Schriftsteller seine Vorläufer erschafft."21 Vilém Flusser wiederum betont vor allem das Interpretationspotential: "Die Bibel ist ein Text, der darauf aus ist, von jedem möglichen Leser empfangen und von jedem auf seine eigene Art gedeutet zu werden."22


Präzision
132
Wahrnehmung 132
Sparsamkeit 132

 

Interpretation
184
Wahrheitsfindung 184
Wahrscheinlichkeit 184

Produktion
143
Spekulation 143
Nebenwirkung 143

 

Kontingenz
135
Sinnesorgan 135
Alltäglichkeit 135

Um Vorläufer geht es aber auch einem Ökonomen wie John Maynard Keynes, wenn er für konstituierende Momente der Moderne weiträumige Bezüge herstellt. In seiner Würdigung Newtons, der Zeitgenosse Spinozas war, verbindet er Aufklärerisches mit der Geschichte der Zauberei. "Seit dem 18. Jahrhundert", schreibt er, "wird Newton als der erste und größte Wissenschaftler der Neuzeit angesehen, als ein Rationalist, als einer, der uns lehrte, das Denken auf eine kalte und unverfälschte Vernunft zu gründen. Ich sehe ihn nicht in diesem Licht. Ich glaube nicht, daß irgend jemand ihn so sehen kann, der den Inhalt der Kiste genau studiert hat, die er 1696, als er Cambridge endgültig verließ, packte und die, obwohl zum Teil zerstört, bis in unsere Tage überkommen ist. Newton war nicht der Vorreiter der Vernunft. Er war der letzte Zauberer, der letzte der Babylonier und Sumerer; der letzte große Geist, der auf unsere sichtbare und geistige Welt mit genau denselben Augen blickte wie diejenigen, die vor etwas weniger als 10000 Jahren begannen, unser geistiges Erbe zu entwickeln."23 Newtons lange unbekannt gebliebenen privaten Studien, die viel mit alchemistisch- kabbalistischen Fragestellungen zu tun haben, belegen, wie stark ihn dieses Thema neben der Physik beschäftigte, auch wenn er jede öffentliche Äußerung darüber vermied. Aus unwissenschaftlichen, okkulten Interessen haben die Entdeckungen unsichtbarer universeller Kräfte dieser Zeit entscheidende Impulse bezogen; bei Newton war es das, was damals als Alchemie angesehen wurde, bei Kepler die Astrologie. Newton wollte als Alchemist die Strukturen des Mikrokosmos verstehen und sie in die Mechanik integrieren, und er wollte Wissenschaft und Religion nicht getrennt sehen, obwohl gerade er in fundamentaler Weise dazu beigetragen hat, daß die Autorität von den Theologen auf die Physiker übergegangen ist. Als Carl von Linné, zeitlich unmittelbar auf Newton folgend, die Grundlagen der modernen biologischen Systematik geschaffen hat, auf der Basis binärer lateinischer Bezeichnungen, hat das auch ihn motiviert, an ein Gegenmodell zur Ordnung nach Herkunft, Gattungen, Arten zu denken, an die Einteilung nach tatsächlichen Ähnlichkeiten. Es ist fragmentarisch geblieben.

Die stattfindende "Trennung von Sachen und Wörtern durch die Zerschlagung der Zusammengehörigkeit von Sprache und Welt" habe, so Raoul Schrott in seinen Betrachtungen über Physik und Dichtung, auch später immer wieder ein Interesse erzeugt, neuerlich "an einen Punkt vor dieser Revolution zu kommen; das Interesse von Schrödinger an den Vorsokratikern oder das von Pauli an Kopernikus und Kepler läßt sich dadurch erklären. Daß jetzt eine Informationstheorie des Universums postuliert wird, zeigt ebenfalls den Versuch, die Alchemisten des Mittelalters auf moderne Weise zu beerben. Nichts ist ohne Zeichen, schreibt Paracelsus: die Natur läßt nichts entstehen, ohne daß sie nicht bezeichnen würde, was darin steckt. Die Kunstfertigkeit, diese Chiffren zu lesen, besaß die Poesie - im Unterschied zu den Wissenschaften - zu allen Zeiten. So gesehen ist die Wirklichkeit nicht ein physikalisches, sondern ein poetisches Problem." Als Bekräftigung dieser Sicht der Dinge wird Erwin Schrödinger zitiert, der ursprünglich Dichter werden wollte: "Aber ich habe schnell begriffen, daß die Dichtung ihren Mann nicht ernähren kann. Die Wissenschaft dagegen hat mir eine Karriere angeboten."24 Das deutet wenigstens soziale und mentale Komponenten an, die mit im Spiel sind. Bei Robert Musil war die Konstellation umgekehrt; seine Nähe zur Mathematik hat sich schon in der Dissertation über Ernst Mach gezeigt. Bereits den Zögling Törless läßt er sagen: "Ich habe nie bezweifelt, daß die Mathematik recht hat - schließlich lehrt's doch auch der Erfolg -, mir war vielmehr nur das sonderbar, daß die Sache mitunter so gegen den Verstand geht; und möglich wäre es immerhin, daß das nur scheinbar ist." In den Tagebüchern geht er ausführlich auf den Zufall ein, der sich "nicht auf Ereignisse, sondern die Verknüpfung von Ereignissen" beziehe; da sie voneinander unabhängig sind, "wie ist also die angenäherte Unveränderlichkeit der Reihe der Verhältniszahlen zu erklären?" Das Gesetz der großen Zahl hat ihn beschäftigt, als Tatsache, als Basis des wirtschaftlichen und sozialen Lebens. "Wäre sie nicht, würde in einem Jahr gar nichts geschehen, im nächsten nichts sicher sein, Hungersnöte würden mit Überfluß wechseln, Kinder würden fehlen oder zuviel sein usw." Anderswo sagt er dezidiert: "Kausale Betrachtung gibt niemals Ziele."25 Daß inzwischen das Gesetz der kleinen Zahlen, wie es der Mathematiker Richard K. Guy formuliert hat ("Es gibt nicht genug kleine Zahlen, um alle Anforderungen zu erfüllen, die an sie gestellt werden"), zur kategorischen Negation zufälliger Übereinstimmungen ins Treffen geführt wird, sagt nichts anderes, als daß derartiges so oft zutreffen kann, daß es nichts bedeutet. Das Alphabet gibt dieser Position recht, denn es setzt das Gesetz der kleinen Zahlen245 mit Zusammenhangsfiktion245 gleich.26

Auf Mallarmé bezogen hat Paul Valéry davon gesprochen, daß ihn seine Forschungen, aufgrund derer Poesie wieder so wirksam wie Musik werden sollte, als Dichter "einem jener modernen Mathematiker ähnlich machten, die die Grundlagen der Naturwissenschaft erneuerten und ihr eine neue Reichweite und Macht verliehen, als Folge einer zunehmend verfeinerten Analyse ihrer Grundbegriffe und ihrer grundlegenden Konventionen". Auch Edgar Allan Poe ist für ihn Mathematiker, Philosoph und großer Schriftsteller gewesen, "der Dämon der Klarheit", "der literarische Ingenieur", der als erster den Gedanken gehabt habe, "den Werken ein theoretisches Fundament zu geben". Sein intensives Interesse für Logik - und damit für Kriminologie, für Kryptographie -, das ihn zu einem anerkannten Experten für Geheimschriften gemacht hat, ergibt komplexe Verbindungen zur Thematik Schrift, zum Entziffern, zum Rekonstruieren. E. A. Poe hat seine strenge Lehre, "in der eine Art Mathematik und eine Art Mystik vereinigt sind"27, in seinem berühmten Aufsatz Die Methode der Komposition präzisiert, einer literaturgeschichtlichen Zäsur. Am Beispiel seines bekanntesten Gedichtes The Raven legt er exakt die Entstehungsbedingungen dar: "Meine Absicht ist deutlich zu machen, daß sich kein einziger Punkt in seiner Komposition auf Zufall oder Intuition zurückführen läßt: daß das Werk Schritt um Schritt mit der Präzision und strengen Folgerichtigkeit eines mathematischen Problems seiner Vollendung entgegenging."28

Der Titel drückt das in codierter Form exakt aus. Auf Basis des alphanumerischen Codes entspricht The Philosophy of Composition345 genau der inhaltlichen Aussage: The elimination of occasional accidents345. Auch in der Übertragung wiederholt sich diese Präzision; Die Methode der Komposition271 hat denselben Eigenwert wie Ausschaltung des Zufalls271. Ob das Poe bewußt gewesen ist und daß ferner raven60 und word60 den gleichen Zahlenwert haben, so wie The Raven93 und writer93, bleibt offen. Die professionelle Beschäftigung mit Codierungs- und Decodierungssystemen würde dafür sprechen; erstaunlich wäre nur, daß er eine solche weitere "mathematische" Dimension nicht in seine Theorie aufgenommen hat. Vielleicht wollte er diese Ebene unkommentiert lassen. Daß auch sein voller Name vom Klang her den gleichen Codewert ergibt wie das Schlüsselwort Nevermore115, wenn das Spiel mit den Vokalen, von Allan zu Allen, wie das bei ihm ausdrückliche Absicht ist, miteinbezogen wird, macht eine so kompakte mathematische Struktur sichtbar, daß ihre Wahrscheinlichkeit in einem wissenschaftlichen Licht erscheint. Die einzige kleine Abweichung könnte als bewußt eingebauter Fehler aufgefaßt werden, der auf die musikalischen Nuancen zwischen Laut und Buchstabe aufmerksam macht. In gesprochener Form, mit ihren Variationsmöglichkeiten, verschwinden solche Unterschiede.

Die mit Nevermore115 aufs engste "verwandten" Wörter sind übrigens masterpiece114, combination115, arrangement116, pragmatism117. Offenbar ist ihm auch ohne eine solche Kombinatorik die entsprechende Präzision gelungen.

 

Kiste
64
Inhalt 64
Bilanz 64
Gefühl 64
Mechanik 64
Analogie 64
Schamane 64

 

Vergleich
89
Wissen 89
Religion 89
Geheimnis 89

Theologie
96
Muster 96

Physik
88
Essenz 88

Systematik
142
Organisation 142
Zusammenhang 142
Fruchtbarkeit 142

Ähnlichkeit
105
Zustand 105
Verhalten 105

verschlüsseln
182
Systema Naturae 182
Kritische Theorie 182

System der Ähnlichkeiten
252
Welterklärungsmodell 252

poetisch
95
ironisch 95

 

Gesetz der großen Zahl
253
Ursprungsmythos 253
Zeichenhaftigkeit der Welt 253

Gesetz der kleinen Zahl
245
theory of everything 245
Zusammenhangsfiktion 245

 

theoretisch
130
glaubwürdig 130

 

Schrift
83
Bedingung 83
Speicher 83

 

Folgerichtigkeit
164
Regelmäßigkeit 165
Rechtsordnung 166
Wahrheitssuche 167

 

Proportionsberechnung
272
mathematische Struktur 273
Vermessungsfrequenz 274

mathematische Struktur
273
Erklärungszusammenhang 273
Zufall und Notwendigkeit 273

 

   
Von ihm selbst wird die Wahl des Wortes Nevermore ohne jeden Bezug auf eine allzu geheimnisvolle "Unterströmung an Bedeutung", wie er das anderswo nennt, begründet: "Aus dem Entschluß zu einem Refrain erwuchs als notwendige Folge die Aufteilung des Gedichts in Strophen: der Refrain bildet den Abschluß jeder Strophe. Daß ein solcher Abschluß, um Kraft zu haben, klangvoll sein und eine gedehnte Betonung erlauben mußte, ließ sich nicht bezweifeln; und diese Überlegungen brachten mich unvermeidlich auf das lange o als den klangvollsten Vokal, in Verbindung mit dem r als den am besten artikulierbaren Konsonanten. Als der Klang des Refrains so festgelegt war, galt es, ein Wort zu wählen, das diesen Klang enthielt und zugleich möglichst nahe an jene Melancholie herankam, die ich als Stimmung des Gedichts festgelegt hatte. Bei einer solchen Suche ist es völlig ausgeschlossen, das Wort ,Nevermore' zu übersehen. Tatsächlich war es das erste, das sich mir anbot."29 Daß bei dieser so deutlich begründeten zwingenden Entscheidung so- gar genaue numerische Entsprechungen, also Symmetrien, zwischen Schlüsselwörtern herausgekommen sind - als Begleiterscheinung, die mit den poetischen Absichten und Wirkungen nichts zu tun hat - scheint über Zahlen zu bestätigen, was er schließlich im Alexander von Humboldt gewidmeten Prosagedicht Heureka als seine grundlegende wissenschaftliche Vorstellung formuliert hat: Es gehe um "das gesetz", denn bei vorurteilsfreiem Denken ergebe sich zwingend die Auffassung, "daß jegliches Naturgesetz in jeglicher Hinsicht mit allen übrigen Gesetzen untrennbar zusammenhängt". Die Wahrheit liege in der Struktur, denn "ein perfekter innerer Zusammenhang" könne "gar nichts anderes sein als eine absolute Wahrheit".30 Für W. H. Auden ist diese poetische Abhandlung als Entwurf eines Weltmodells "voll von bemerkenswerten intuitiven Vorwegnahmen, die von späteren wissenschaftlichen Entdeckungen bestätigt wurden".31 Die darin erkennbare Tendenz zu einer allgemeinen Relativität, zum Vorhaben Einsteins, die "Einheit der Natur - die einfachsten aller Gesetze zu finden", die "systematische Einführung des Gedankens des Beobachters - worin ja die Relativität besteht", hat auch Paul Valéry beeindruckt, der darin einen ziemlich genauen Versuch sah, "das Universum durch innere Eigenschaften zu bestimmen", indem "symmetrische und wechselseitige Beziehungen zwischen Materie, Zeit, Raum und Licht behauptet werden. Ich habe" - bekräftigt Valéry - "das Wort symmetrisch hervorgehoben: das wesentliche Merkmal der Darstellung des Weltalls nach Einstein ist in der Tat eine formale Symmetrie. Sie macht seine Schönheit aus" - gerade weil die Materie "eine Ansammlung von Transformationen ist, die sich im Kleinen, im Allerkleinsten noch fortsetzen und verlieren".32 Das Alphabet bestätigt diese Ansicht, indem es Metaphysik127 mit Symmetrie127 gleichsetzt, Transformation183 mit Rechnung90 + Grammatik93, mit Struktur148 + Magie35, mit Mythos100 + Schrift83.

 

und möglich wäre es immerhin, daß das nur scheinbar ist." In den Tagebüchern geht er ausführlich auf den Zufall ein, der sich "nicht auf Ereignisse, sondern die Verknüpfung von Ereignissen" beziehe; da sie voneinander unabhängig sind, "wie ist also die angenäherte Unveränderlichkeit der Reihe der Verhältniszahlen zu erklären?" Das Gesetz der großen Zahl hat ihn beschäftigt, als Tatsache, als Basis des wirtschaftlichen und sozialen Lebens. "Wäre sie nicht, würde in einem Jahr gar nichts geschehen, im nächsten nichts sicher sein, Hungersnöte würden mit Überfluß wechseln, Kinder würden fehlen oder zuviel sein usw." Anderswo sagt er dezidiert: "Kausale Betrachtung gibt niemals Ziele."25

Gesetz der großen Zahl
253
Ursprungsmythos
253
Zeichenhaftigkeit der Welt 253
Daß inzwischen das Gesetz der kleinen Zahlen, wie es der Mathematiker Richard K. Guy formuliert hat ("Es gibt nicht genug kleine Zahlen, um alle Anforderungen zu erfüllen, die an sie gestellt werden"), zur kategorischen Negation zufälliger Übereinstimmungen ins Treffen geführt wird, sagt nichts anderes, als daß derartiges so oft zutreffen kann, daß es nichts bedeutet. Das Alphabet gibt dieser Position recht, denn es setzt das Gesetz der kleinen Zahlen245 mit Zusammenhangsfiktion245 gleich.26

Gesetz der kleinen Zahl
245
theory of everything
245
Zusammenhangsfiktion 245

Auf Mallarmé bezogen hat Paul Valéry davon gesprochen, daß ihn seine Forschungen, aufgrund derer Poesie wieder so wirksam wie Musik werden sollte, als Dichter "einem jener modernen Mathematiker ähnlich machten, die die Grundlagen der Naturwissenschaft erneuerten und ihr eine neue Reichweite und Macht verliehen, als Folge einer zunehmend verfeinerten Analyse ihrer Grundbegriffe und ihrer grundlegenden Konventionen". Auch Edgar Allan Poe ist für ihn Mathematiker, Philosoph und großer Schriftsteller gewesen, "der Dämon der Klarheit", "der literarische Ingenieur", der als erster den Gedanken gehabt habe, "den Werken ein theoretisches Fundament zu geben". Sein intensives Interesse für Logik - und damit für Kriminologie, für Kryptographie -, das ihn zu einem anerkannten Experten für Geheimschriften gemacht hat, ergibt komplexe Verbindungen zur Thematik Schrift, zum Entziffern, zum Rekonstruieren. E. A. Poe hat seine strenge Lehre, "in der eine Art Mathematik und eine Art Mystik vereinigt sind"27, in seinem berühmten Aufsatz Die Methode der Komposition präzisiert, einer literaturgeschichtlichen Zäsur. Am Beispiel seines bekanntesten Gedichtes The Raven legt er exakt die Entstehungsbedingungen dar: "Meine Absicht ist deutlich zu machen, daß sich kein einziger Punkt in seiner Komposition auf Zufall oder Intuition zurückführen läßt: daß das Werk Schritt um Schritt mit der Präzision und strengen Folgerichtigkeit eines mathematischen Problems seiner Vollendung entgegenging."28

theoretisch
130
glaubwürdig
130

 

Schrift
83
Bedingung
83
Speicher 83

 

Folgerichtigkeit
164
Regelmäßigkeit
165
Rechtsordnung 166
Wahrheitssuche 167

Der Titel drückt das in codierter Form exakt aus. Auf Basis des alphanumerischen Codes entspricht The Philosophy of Composition345 genau der inhaltlichen Aussage: The elimination of occasional accidents345. Auch in der Übertragung wiederholt sich diese Präzision; Die Methode der Komposition271 hat denselben Eigenwert wie Ausschaltung des Zufalls271. Ob das Poe bewußt gewesen ist und daß ferner raven60 und word60 den gleichen Zahlenwert haben, so wie The Raven93 und writer93, bleibt offen. Die professionelle Beschäftigung mit Codierungs- und Decodierungssystemen würde dafür sprechen; erstaunlich wäre nur, daß er eine solche weitere "mathematische" Dimension nicht in seine Theorie aufgenommen hat. Vielleicht wollte er diese Ebene unkommentiert lassen. Daß auch sein voller Name vom Klang her den gleichen Codewert ergibt wie das Schlüsselwort Nevermore115, wenn das Spiel mit den Vokalen, von Allan zu Allen, wie das bei ihm ausdrückliche Absicht ist, miteinbezogen wird, macht eine so kompakte mathematische Struktur sichtbar, daß ihre Wahrscheinlichkeit in einem wissenschaftlichen Licht erscheint. Die einzige kleine Abweichung könnte als bewußt eingebauter Fehler aufgefaßt werden, der auf die musikalischen Nuancen zwischen Laut und Buchstabe aufmerksam macht. In gesprochener Form, mit ihren Variationsmöglichkeiten, verschwinden solche Unterschiede.

Proportionsberechnung
272
mathematische Struktur
273
Vermessungsfrequenz 274

 

mathematische Struktur
273
Erklärungszusammenhang
273
Zufall und Notwendigkeit 273

Die mit Nevermore115 aufs engste "verwandten" Wörter sind übrigens masterpiece114, combination115, arrangement116, pragmatism117. Offenbar ist ihm auch ohne eine solche Kombinatorik die entsprechende Präzision gelungen.

 

The Philosophy of Composition 345
The elemination of occasional accidents 345

 


berechnete Interpretation
269
Sachverhaltsdarstellung
269
Die Methode der Komposition 271
Ausschaltung des Zufalls 271

 

 
The Raven
raven 60
60
word 60
The Raven 60
93
writer 93
Nevermore 115
Edgar Allan Poe 111
Nevermore 115
115
Edgar Allen Poe 115

 

 

Von ihm selbst wird die Wahl des Wortes Nevermore ohne jeden Bezug auf eine allzu geheimnisvolle "Unterströmung an Bedeutung", wie er das anderswo nennt, begründet: "Aus dem Entschluß zu einem Refrain erwuchs als notwendige Folge die Aufteilung des Gedichts in Strophen: der Refrain bildet den Abschluß jeder Strophe. Daß ein solcher Abschluß, um Kraft zu haben, klangvoll sein und eine gedehnte Betonung erlauben mußte, ließ sich nicht bezweifeln; und diese Überlegungen brachten mich unvermeidlich auf das lange o als den klangvollsten Vokal, in Verbindung mit dem r als den am besten artikulierbaren Konsonanten. Als der Klang des Refrains so festgelegt war, galt es, ein Wort zu wählen, das diesen Klang enthielt und zugleich möglichst nahe an jene Melancholie herankam, die ich als Stimmung des Gedichts festgelegt hatte. Bei einer solchen Suche ist es völlig ausgeschlossen, das Wort 'Nevermore' zu übersehen. Tatsächlich war es das erste, das sich mir anbot."29

Daß bei dieser so deutlich begründeten zwingenden Entscheidung sogar genaue numerische Entsprechungen, also Symmetrien, zwischen Schlüsselwörtern herausgekommen sind - als Begleiterscheinung, die mit den poetischen Absichten und Wirkungen nichts zu tun hat - scheint über Zahlen zu bestätigen, was er schließlich im Alexander von Humboldt gewidmeten Prosagedicht Heureka als seine grundlegende wissenschaftliche Vorstellung formuliert hat: Es gehe um "das gesetz", denn bei vorurteilsfreiem Denken ergebe sich zwingend die Auffassung, "daß jegliches Naturgesetz in jeglicher Hinsicht mit allen übrigen Gesetzen untrennbar zusammenhängt". Die Wahrheit liege in der Struktur, denn "ein perfekter innerer Zusammenhang" könne "gar nichts anderes sein als eine absolute Wahrheit".30 Für W. H. Auden ist diese poetische Abhandlung als Entwurf eines Weltmodells "voll von bemerkenswerten intuitiven Vorwegnahmen, die von späteren wissenschaftlichen Entdeckungen bestätigt wurden".31 Die darin erkennbare Tendenz zu einer allgemeinen Relativität, zum Vorhaben Einsteins, die "Einheit der Natur - die einfachsten aller Gesetze zu finden", die "systematische Einführung des Gedankens des Beobachters - worin ja die Relativität besteht", hat auch Paul Valéry beeindruckt, der darin einen ziemlich genauen Versuch sah, "das Universum durch innere Eigenschaften zu bestimmen", indem "symmetrische und wechselseitige Beziehungen zwischen Materie, Zeit, Raum und Licht behauptet werden. Ich habe" - bekräftigt Valéry - "das Wort symmetrisch hervorgehoben: das wesentliche Merkmal der Darstellung des Weltalls nach Einstein ist in der Tat eine formale Symmetrie. Sie macht seine Schönheit aus" - gerade weil die Materie "eine Ansammlung von Transformationen ist, die sich im Kleinen, im Allerkleinsten noch fortsetzen und verlieren".32

Das Alphabet bestätigt diese Ansicht, indem es Metaphysik127 mit Symmetrie127 gleichsetzt, Transformation183 mit Rechnung90 + Grammatik93, mit Struktur148 + Magie35, mit Mythos100 + Schrift83.

Gesetz
82
Verbot
82
Ausnahme 82

Zusammenhang
142
Organisation
142
Relativität 142
Untergrund 142
Kunstwerk 142
Zeitpunkt 142

innerer Zusammenhang
225
Prüfungssorgfalt
225
Qualitätsanspruch 225

formale Symmetrie
197
Beziehungsraster
197

Transformation
183
Rechnung
+ Grammatik
90
+ 93
Struktur
+ Magie
148
+ 35
Schrift
+ Mythos
83
+ 100

  1. Yirmiyahu Yovel: Spinoza. Das Abenteuer der Immanenz (1989). 1994. S. 461f.
  2. Denis Brian: Einstein. A Life. 1996. S. 127
    Louis Althusser. In: François Dosse: Geschichte des Strukturalismus (1991). 1997. Band ii. S. 224
    Louis Althusser: Elemente der Selbstkritik. Berlin 1975. S. 70
    Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung (1938-1947). 1974. Band ii. S. 999
  3. Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie (1923/24). Wien 1997. Band i/2. S. 437; Band i/3. S. 227, 228, 232
  4. 4 Walter Benjamin/Gershom Sholem: Briefwechsel 1933-1940. 1985. S. 293
  5. Karl Erich Grözinger: Kafka und die Kabbala. 1992. S. 76f., 106, 164f.
  6. Gershom Sholem: Zehn unhistorische Sätze über die Kabbala. Judaica iii. 1973. S. 271
  7. Günher Anders: Kafka. Pro und Contra. Die Prozeß-Unterlagen. 1951. S. 87f.
  8. Karl Erich Grözinger: Kafka und die Kabbala. 1992. S. 223
  9. Milan Kundera: Die Kunst des Romans (1986). 1989. S. 116, 117, 126, 111, 126
  10. John Felstiner: Paul Celan. Eine Biographie (1995). 1997. S. 302, 74, 147
  11. Ezra Pound: Wort und Weise (1913-1934). 1981. S. 28, 45, 71, 120, 84, 86, 89, 157
  12. Raoul Schrott: Die Erfindung der Poesie. 1997. S. 363, 369f.
    Raoul Schrott: Fragmente einer Sprache der Dichtung. 1997. S. 38f.
  13. Jaques Derrida: Grammatologie (1967). 1996. S. 167
  14. Ezra Pound: ABC des Lesens (1934). 1985. (Aus dem Vorwort von Eva Hesse). S. 5
  15. Arthur A. Cohen: Sonia Delaunay (1975). 1988. S. 24
  16. Jorge Luis Borges: Eine Ehrenrettung der Kabbala (1931). Gesammelte Werke. 1981. Band v/1. S. 57f., 62
  17. André Breton: Die Manifeste des Surrealismus (1924/1930). 1986. S. 38, 89, 28
  18. Hugo Ball: Der Künstler und die Zeitkrankheit. 1984. S. 39
  19. Helmut Werner: Lexikon der Numerologie und Zahlenmystik. 1995. S. 146
  20. Jorge Luis Borges: Gesammelte Werke. 1981. Band 5/i, S. 57, 60
  21. Ebda., S. 61, 61f.; Band v/2. S. 117
  22. Vilém Flusser: Die Schrift (1987). 1993. S. 38
  23. John Maynard Keynes: Newton, the Man. In: J. R. Newman (Hg.): The Worlds of Mathematics. 1956. S. 277-285. In: Ian Stewart: Die Zahlen der Natur. 1998. S. 6
    Margaret Wertheim: Pythagoras' Trousers. God, Physics and the Gender Wars. 1997, S. 115ff.
  24. Raoul Schrott: Fragmente einer Sprache der Dichtung. 1997. S. 72f. Erwin Schrödinger: Mein Leben, meine Weltansichten (1950). 1985 (Interview 1931)
  25. Robert Musil: Gesammelte Werke ii. 1978. S. 81 Tagebücher i. 1976. S. 464, 465, 522
  26. 6 Underwood Dudley: Die Macht der Zahl. Was die Numerologie uns weismachen will (1997). 1999. S. 87ff.
  27. Paul Valéry: Existenz des Symbolismus (1939). Werke. 1989. Band iii, S. 335f.
    Die Situation Baudelaires (1924), S. 215, 228
    Cahiers/Hefte (1973/74). 1993. Band vi. S. 366
  28. Edgar Allan Poe: Die Methode der Komposition (1846). Das gesamte Werk. 1980. Band x. S. 533f.
  29. Ebda., S. 538f.
  30. Edgar Allan Poe: Heureka (1848). Das gesamte Werk. 1980. Band v. S. 985, 1044
  31. W. H. Auden: Ein Bewußtsein der Wirklichkeit (1943-1974). 1989. S. 123
  32. Paul Valéry: Cahiers/Hefte (1973/74). 1993. Band vi. S. 412, 421
    Paul Valéry: Werke. 1989. Band iv. S. 114f.


 
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