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www.ChristianReder.net: Publikationen: Transfer Damaskus: Grenzüberschreitungen
 

Transferprojekt Damaskus
urban orient-ation

Herausgegeben von Christian Reder und Simonetta Ferfoglia
Institut für Medienkunst / Kunst- und Wissenstransfer
Universität für angewandte Kunst Wien
Edition Transfer bei Springer Wien New York 2003
402 Seiten, durchgehend in deutscher und arabischer Sprache

"Transferprojekt Damaskus" ist ein Kompendium
zu audiovisueller Erforschung von Urbanität,
zu künstlerisch-essayistischen Sichtweisen,
zu transkultureller Arbeit über symbolische Dimensionen und Facetten sozialen Handelns, als experimenteller Umgang mit Komplexität.


 

Grenzüberschreitungen

"Warum Damaskus?", wurde ich bisweilen gefragt. Warum reiste Goethe nach Italien? Warum August Macke nach Tunis? Warum spielen die Materialien Fett und Filz eine so bedeutende Rolle im Werk von Josef Beuys? Warum schicken amerikanische Universitäten ihre Studenten samt einem Teil des Lehrkörpers nach Paris oder nach Kiyoto?

Kunst, ja sogar Wissenschaft, hat viel zu tun mit der Perspektive, aus der man ein Thema betrachtet, ein Problem analysiert, nach Lösungen sucht. Und die Perspektive ist abhängig vom eigenen Standort.

Kunst ist in besonderem Maße eine Funktion des gesellschaftlichen und kulturellen Umfelds, weil die Auseinandersetzung mit eben diesem Umfeld ein wesentliches Element des künstlerischen Schaffensprozesses ist. Die Wirklichkeit und nicht zuletzt die erlebte Wirklichkeit in ihrer Vieldimensionalität ist Basis für die Kreation neuer Wirklichkeiten mit den Mitteln der Kunst.

Es steht außer Frage, dass die Studentinnen und Studenten an einer europäischen Kunstuniversität persönlich und künstlerisch geprägt sind und geprägt werden vom Lebensstil, von den intellektuellen, ästhetischen und ökonomischen Strömungen, den Kommunikations- und Aktionsformen, die die so genannte "westliche Zivilisation" ausmachen. Sie erleben und benutzen die Globalisierung des Kunstbetriebs, die ihnen den Zugang zu aktuellster zeitgenössischer Kunst mithilfe elektronischer Medien oder durch Ausstellungen und Exponate, welche von Kontinent zu Kontinent, von Kulturstadt zu Kulturstadt, von Kunstmesse zu Kunstmesse weiter gereicht werden, zunehmend erleichtert. Sie erleben aber auch, dass diese Globalisierung des Kunstbetriebs weitgehend auf eben diese "westliche Welt" beschränkt ist. Die Mobilitätsnetzwerke der Europäischen Union werden von immer mehr Studierenden zu Studienaufenthalten an anderen europäischen Universitäten genutzt. Das alles ist ohne Zweifel wichtig und positiv, zumal es genau dieser Kunstbetrieb ist, in dem die Absolventen unserer Universitäten Fuß fassen sollen und im Idealfall auch Erfolg haben werden.

Die Universität für angewandte Kunst Wien, die zum Kreis der weltbesten Kunstuniversitäten zählt, hat mit dem Damaskus-Projekt, dessen Ergebnisse in diesem Band dokumentiert werden, erstmals den Versuch unternommen, ihre Aktivitäten hinsichtlich Internationalität und Mobilität auf den arabischen Raum auszuweiten. Ausschlaggebend dafür war primär die Überlegung, dass die bewusste und konzentrierte Auseinandersetzung in und mit einer doch ganz anderen sozialen und kulturellen Wirklichkeit den Studierenden völlig neue Perspektiven in ihrer künstlerischen Arbeit eröffnet - zusätzliche Perspektiven, die sich positiv auf ihre künstlerische Entwicklung auswirken. Warum auch sollen Kontakte mit der arabischen Welt ein Monopol von Industriellen und bestimmten Politikern sein? Gerade für Künstler und Künstlerinnen waren und sind nationale und geografische Grenzen - ebenso wie inhaltliche und formale Grenzen - selten ein Hindernis, sondern immer etwas, was es gilt zu überschreiten, hinter sich zu lassen.

Der Versuch der "Angewandten" war jedenfalls ein voller Erfolg. Mit großartiger Unterstützung der Österreichischen Botschaft in Damaskus, der hierfür unser besonderer Dank gilt, haben die Studierenden und die mitwirkenden Professoren und Professorinnen unseres Hauses eine Fülle von Kontakten mit Kulturschaffenden, Universitätseinrichtungen, Kunstinstitutionen, Behörden und interessierten Einzelpersonen in Damaskus geknüpft, die ihnen eine Realisierung ihrer Vorhaben wesentlich erleichtert haben. Spezieller Dank gebührt Simonetta Ferfoglia für die begleitende künstlerische Diskussion sowie insbesondere Christian Reder, an unserer Universität für "Kunst- und Wissenstransfer" zuständig, dessen Begeisterung für die Idee und dessen emotionales, organisatorisches und materielles Engagement die Realisierung dieses Projekts erst ermöglicht haben.

Die Wochen in Damaskus waren für die Studierenden geprägt von einer ungeahnten Konzentration, Intensität und Produktivität bei der Arbeit an ihren ganz unterschiedlichen Projekten. Der Wechsel der Perspektive im Blick auf ihre künstlerischen Entwicklungsprozesse hat ihnen wie erwartet persönlich und künstlerisch neue Dimensionen eröffnet, was sich auf die Qualität und die Ernsthaftigkeit ihrer Arbeit in eindrucksvoller Weise positiv ausgewirkt hat.

Und schließlich hat dieses Projekt auch gezeigt, dass interkulturelle Kontakte bereichern können, ohne die eigene kulturelle Identität in Frage zu stellen. Es hat Mut gemacht, dass eine Antithese zum Kampf der Kulturen nicht bloß denkbar ist.

 

Gerald Bast
Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien

 

 
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© Gerald Bast /Edition Transfer bei Springer Wien New York 2003