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Audiovisuelle Forschung, soziale Interaktion, Kartographie ...
Wenn einer unserer Gesprächspartner
in diesem Band, der in Damaskus lebende Philosoph Sadik J.
Al-Azm, parallel zu wieder akuten Zuspitzungen von Kulturkampf-,
Kreuzzugs- und Dschihad-Mustern eine Phase hat heraufziehen
sehen, "in der Kulturchauvinismus, konservative Engstirnigkeit
und selbstsüchtige Kleinstaaterei vielerorts die Oberhand
zu haben scheinen", so meint er damit auch grassierende,
anti-urbane Tendenzen, die Ressentiments anfachen und erfindenden.
(1) Konkrete
Erfahrungen damit im eigenen Umfeld und Defizite im Gedankenaustausch
mit dem arabischen Raum sind Auslöser dafür gewesen,
in einer der großen Metropolen des Mittleren Ostens,
also ausdrücklich jenseits der Grenzen des sich endlich
halbwegs selbst befriedenden Europas, sozial gesehener Urbanität,
als Durcheinander von Fremdem und Ähnlichem, zusätzliche
Dimensionen und Nuancen abzugewinnen.
Aus Alltagssituationen heraus sollten am Beispiel von Damaskus
und seines Umfelds politische und kulturelle Prozesse erfahrbarer
und vermittelbarer werden. Gerade über die Auseinandersetzung
mit audiovisueller Kultur, in Form von multimedial gestaltenden,
mit sozialer Interaktion verbundenen Initiativen und beidseitig
stimulierbaren Transfers müssten, so die Absicht, im
Rahmen kleiner künstlerisch-wissenschaftlicher Arbeitsgruppen
Ergebnisse erreicht werden, die im Persönlichen nachwirken,
zur korrigierenden Anreicherung von Sichtweisen beitragen
und für eine Öffentlichkeit da und dort auch außerhalb
spezialisierter Sphären von Interesse sind. Es ging um
Dokumente eines fragenden, die Beengtheit von Disziplinen
ausblendenden Mitdenkens, um öffentliche Handlungsmöglichkeiten
in ungewohnten Situationen, um ein Eingehen auf kulturelle
Differenz. Was sich aus solchen offenen, forschenden, essayistischen
Verfahren ergeben würde, im Sinne einer textlich-visuellen
Erweiterung von Cultural studies, konnte - wie bei jedem Experiment
- nicht absehbar sein. Nur Sequenzen davon lassen sich im
Druck darstellen. Entstanden ist daher ein mehrschichtig funktionierender,
die Workshop-Präsentationen in Wien und Damaskus begleitender
"Reader", mit Einblicken in ausufernde, vielfach
weiterführende Projektlinien, deren zusätzliche
Dimensionen über Internet-Links eine Zeit lang zugänglich
sind.
Dass ein die Moderne einleitendes Experimentieren
zuerst vor allem in arabisch dominierten Wissenschaften zur
Hochblüte gebracht worden war, wie etwa ein führender
westlicher Historiker für diese Region, Bernard Lewis,
in Erinnerung ruft, könnte als Ermunterung auf solchen
Räume und Zeiten verbindenden Wegen aufgefasst werden.
Der Titel des Buches, in dem er das konstatiert und die Kulturleistungen,
Stagnationsphasen und Neupositionierungen (einschließlich
höchst milde gesehener Auswirkungen permanenter westlicher
Einflussnahmen) des Mittleren Ostens komprimiert darstellt,
ist schlicht: "What Went Wrong?" (2)
Was falsch gelaufen ist und falsch läuft,
da und dort, ist selbstverständlich auch in diesem Projekt
als Hintergrundmatrix präsent, über die tägliche
Flut von Stellungnahmen zur Lage oder Berichte wie "The
Arab Human Development Report 2002" (UNDP), des primär
von arabischen Experten unternommenen Versuchs eines faktenreichen,
vergleichenden sozialen Gesamtbilds. (3)
Es bleiben jedoch, auch wegen völlig unbalancierter Publikations-
und Übersetzungslage, so viele Leerstellen offen, dass
eigenen Erfahrungen ein ganz besonderer Stellenwert zukommt.
Von primär an Ereignissen und Daten
orientierten, also zwangsläufig "dünnen"
Beschreibungen im Sinn von Clifford Geertz zu vielschichtigen,
also "dichten" Beschreibungen kultureller, Interaktionsmöglichkeiten
reflektierender Aspekte zu gelangen, war deshalb gleichsam
eine Richtungsangabe, vor allem um einen "mit anderen
Antworten vertraut zu machen"; denn "die Auseinandersetzung
mit den symbolischen Dimensionen sozialen Handelns - Kunst,
Religion, Ideologie, Wissenschaft, Gesetz, Ethik, Common Sense
- bedeutet keine Abwendung von den existentiellen Lebensproblemen",
sofern Kultur als System aufgefasst wird, "mit dessen
Hilfe die Menschen ihr Wissen vom Leben und ihre Einstellungen
zum Leben mitteilen, erhalten und weiterentwickeln",
"sondern im Gegenteil den Sprung mitten hinein in diese
Probleme." (4)
Sich gedanklich in solcher Komplexität
zu bewegen, mit durcheinander laufenden Außen- und Innensichten,
hat sehr unterschiedliche Perspektiven erzeugt, Fragmentarisches,
Skizzenhaftes, Irritierendes. Das war beabsichtigt. Die Auswirkungen
"großer" Politik sollten nicht alles überschatten,
gerade weil die latente Dauerkrise in dieser Region so vieles
blockiert. Um die Möglichkeit beidseitiger Impulse zu
bestärken, ist statt Englisch deutsch-arabischer Zweisprachigkeit
der Vorzug gegeben worden. (5)
Die überwiegend jungen, noch studierenden
Teilnehmer und Teilnehmerinnen der hier präsenten Kerngruppe,
in der insgesamt vierzehn Nationalitäten und fachliche
Orientierungen von medienübergreifender Kunst bis Philosophie
vertreten sind, haben sich über ein Jahr hinweg auf Damaskus
eingelassen und durchwegs dort auch mehrere Wochen lang gelebt,
künstlerisch betreut durch Simonetta Ferfoglia von der
auf transdisziplinäre Kunst- und Medienprojekte ausgerichteten
Gruppe Gangart. (6)
Die verfügbare Zeit hat von touristischem Verhalten entlastet.
Ein wörtlich gemeintes Sichentgegenkommen konnte in eine
sensibilisierend wirkende Praxis umschlagen. Für die
Absicht, aus eigenen Interessensgebieten heraus etwas zu tun,
ergaben sich überraschende Übungsfelder, in denen
Elementar-, Zeichen- und Körpersprachen wichtig wurden.
Weil die Stadt für alle Angereisten neu gewesen ist,
konnten sehr unmittelbare Fremdheitserfahrungen verarbeitet
werden, auch im übertragbaren Sinn, als Umgang mit Komplexität
schlechthin. Die Intensität der Ortsveränderung,
verbunden mit der Arbeit an selbst gestellten, diskursiv begleiteten
Aufgaben, sollte das Vorhaben von üblichen Institutions-,
Alltags-, Reise-, Exkursions- oder Konferenzritualen abheben
und beitragen, einer universitären Ausbildung zusätzliche
Qualitäten abzugewinnen. In der Durchmischung mit Beiträgen
von syrischer, palästinensischer, jordanischer, libanesischer
Seite reflektieren sich daraus entstandene Synergien.
Die Skepsis, unter euphorisierenden, zugleich immer wieder
bedrückenden, Realpolitik spürbar machenden Umständen
tatsächlich produktiv an die Dinge herangehen zu können,
hat zu vorsichtigen oder spontanen, tendenziell aber sehr
pragmatischen Methoden geführt. Ob es das Konzept eines
real-fiktiven Motorradfahrers ist, mit einem von traditionellen
Holzintarsien überzogenen Helm und besticktem Kaftan,
das Konstantin Luser in Zusammenarbeit mit Toni Al Kurdi,
George und Riad Antonius aus dem (christlichen) Bab-Touma-Viertel
und Taylor Ghassan Jimh Mohammad Ibrahem aus dem (muslimischen)
Souk Al Kyat realisiert hat, ob es die aufwendigen, durch
"The Syrian Environment Association" vehement unterstützten
Aktionen von Verena Rempl sind, dem Thema Wasser und Wasserverbrauch
im öffentlichen Raum Gestalt zu verleihen, oder die Video-,
Darstellungs- und Zeichnungsaktionen mit syrischen und palästinensischen
Schulkindern; die Kartographien und Tabellen zu Alltagswegen,
die Bewegungs- und Begegnungsabläufe einander gegenüberstellen
und auf Klangebenen transferieren (Stefanie Wuschitz und Korinna
Lindinger); das für die tatsächliche Nutzung in
Schulen in Damaskus und Wien angelegte zweisprachige Kalenderbuch
mit Kommentaren und Informationen (Angelika Mathis); die widersprüchlich-mysteriösen
Fotoinszenierungen von Cem Yücetas mit ihrer absurd aufgeladenen
Künstlichkeit; die ausufernden, "Mapping the Difference"
genannten Stadtkartographien von Nikolaus Gansterer; die von
Gabi Wagner initiierten, alltägliche Vorlieben von Gesprächspartnern
in beiden Ländern dokumentierenden Sofortbildserien,
die sich zu fein strukturierten Geschichten verknüpfen;
oder ob es schließlich die aus Kalligraphiestudien entwickelten
Notationen von Irene Janda sind, die von Ansätzen zu
einer neuen Ornamentschrift bis zur Urform des Backgammonspiels
als Metapher für Lebenswege reichen - entstanden sind
prozesshafte, undramatische Objekt-, Bild- und Textwelten,
die in ihrer Vielfalt anderes widerspiegeln, als es standardisierten
Reiseerfahrungen entspräche. Erkennbar wird, dass die
Arbeit selbst mindestens so wichtig genommen wird wie das
Ergebnis. "Produkte" waren nicht unbedingt das Entscheidende,
das belegen die Diagramme jeweils entwickelter Verfahren.
Zeit bekommt über Film und Ablauffolgen den ihr gebührenden
Stellenwert. Musik - die im vorliegenden schweigenden Resümee
fehlen muss - blieb ständig präsent. Natalia Ribovic
aus der Wojwodina, die mit Körperhaftem bedruckte, durch
Sprachlabels aufgeladene T-Shirts für Benetton Syria
konzipiert hat, bei denen sie sich auf von Zeichen und Objekten
hergestellte Wahrnehmungsebenen konzentriert, und Tatja Skhirtladze
aus Georgien, deren schon als Einstimmung auf die Reise entstandene
Videoarbeit in Printauszüge umgearbeitet wurde, haben
darüber hinaus den Taxifahrer Mohammed Hlal wieder für
seinen ursprünglichen Beruf begeistert, indem sie mit
ihm ihre kunstvollen "Gedankenlaufschuhe" mit einem
Fach für Botschaften realisierten. Helga Schania (die
ansonsten unter der Marke "Wendy & Jim" operiert),
Katharina Schendl und Peter Kishur sind über Mode und
Fotografie dazu gekommen, die Nullnummer für ein Magazin
namens "Falke" herzustellen. Irene Lucas, Lisa Schmidt-Colinet
und Christoph Euler-Rolle waren darauf aus, mit ihren subtilen
textlich-visuellen Forschungen in unzugängliche Sphären
sozialer Situationen vorzudringen, in Form eines von kommunikationsbezogenen
Wörtern ausgehenden Archivkonzepts, das Raum-, Zeit-,
Sprach- und Bilderlebnisse vernetzt, Orte als Systeme definiert,
deren Regeln jeweils auch anders gedacht werden könnten,
und die gesellschaftliche Relevanz künstlerischer Verfahren
zum Thema hat. Ein Text der in Syrien lebenden Palästinenserin
Sahar Daouod über Tratsch und Kommunikation liefert komplementäre
Ebenen dazu. Ali Abu Rashed berichtet von der Emigration der
Tscherkessen. Die 1987 im Einsatz gewesene, im Militärmuseum
von Damaskus hermetisch präsentierte Raumkapsel Sojus
TM-3 ist für Barbara Lippe und Florian Bettel der Anlass
gewesen, den syrischen Kosmonauten Muhammed Faris in Aleppo
zu langen Gesprächen aufzuspüren, ihn neuerlich
in Kontakt mit seinem österreichischen Kollegen Franz
Viehböck zu bringen, unveröffentlichte TV-Rohfassungen
der Mission zu bekommen und aus all dem eine - hier nur über
Zitate enthaltene - Dokumentation herzustellen, die Popularität,
den Blick auf den Globus und die überwundene Trennung
in eigene und feindliche Weltraumaktionen reflektiert. Kurzporträts
und Beiträge in Damaskus hinzugestoßener Partner
und Partnerinnen verdeutlichen weitere hier einbezogene künstlerische
Positionen: Maha Marawi als Sängerin, die mit Willy Steiner
eine höchst subtile CD aufgenommen und deren kompositorische
Struktur zu Bildsequenzen verarbeitet hat, der mit im Rahmen
des Projekts entstandenen Arbeiten vertretene Foto- und Medienkünstler
Erfan Khalifa, der Däne Jesper Berg, seit einigen Jahren
in Damaskus lebend, und Ammar Abdulhamid als Dichter und Autoren,
Kinda Alsayed als Architekturstudentin, Noura Mourad als Leiterin
einer wichtigen Performancegruppe.
Sofern sich ein ethnologisch-folkloristisch gesehener "Orient"
und medial propagierte Stereotypen in all diesen Zugangsweisen
überhaupt bemerkbar machen, dann als emotionelle, sensibel
ironisierte, respektvolle Transformation, als Präzisierung
von Normalem und Besonderem. Indem versucht
wurde, ohne Völkerverständigungsattitüden für
kurze Zeit miteinander zu leben und zu arbeiten - insgesamt
sind kurzfristig über hundert lokale Arbeitspartnerschaften
entstanden, mit Handwerkern, Geschäftsleuten, Internetcafés,
Theoretikern, Studierenden -, könnte beidseitig einiges
nachwirken, vor allem, dass Fremdes und der Druck auf Unterlegene
und Verlierer nicht nur in der Ferne engagierter betrachtet
wird, im Sinn einer an Zivilgesellschaft orientierten, durch
viele Einzelinitiativen bestärkten, analytisch-kritischen
"Globalisierung von unten". Dazu war es notwendig,
die Stadt als Stadt zu sehen. (7)
Mit ihrer in wenigen Jahrzehnten auf mehrere Millionen
Menschen angewachsenen Bevölkerung ist Damaskus eine
exemplarische "Global City", wie Los Angeles oder
Shanghai (auf deren Breitengrad sie in etwa liegt), wie Moskau
oder Nairobi (mit denen sie derselbe Längengrad verbindet).
Regionales und solche weit gespannten Perspektiven sind auch
integrierendes Moment aller Textbeiträge.
Zur Stadt selbst liefert Nazih Kawakibi,
Syriens führender Architekturhistoriker, eine prägnante
Einführung. (8)
Jeder Rundgang mit ihm kann einem bis hin zur Geschichte einzelner
Häuser urbane Strukturen als hochkomplizierte, durch
falsche Eingriffe gefährdete Überlagerungen bewusst
machen. Im Gespräch mit Sadik J. Al-Azm wird deutlich,
dass ihm die Bezeichnung "Mittlerer Osten" trotz
ihres eurozentrischen Ursprungs durchaus treffend erscheint,
weil sie die aktive Vermittlerrolle der arabischen Zivilisation
zwischen Antike und Renaissance, zwischen Indien und Europa
mit reflektiert. Von islamischen oder islamisch
orientierten Ländern zu sprechen, hält er für
problematisch, denn "ihre vielfältige Realität
läßt sich nicht in ein Konzept fassen". Offensichtlich
sei zurzeit eines: "Araber tappen leicht in die Falle,
in der europäischen Rechten den Feind ihres Feindes zu
sehen." Dana Charkasi, mit der Region
als Mitarbeiterin der "Jordan Times" eng vertraut,
gibt einen kompakten Überblick über die Wasserprobleme
und die Umweltsituation. (9)
Sead Zimeri aus Mazedonien, der derzeit
zwecks soziologischer Studien in Syrien lebt, analysiert Aspekte
einer religionsbezogenen "Innensicht" auf die Situation
der Frauen im Islam. (10)
Jamal Chehayed, der am IFEAD (Institut français d'études
arabes de Damas) forscht und lehrt, zuletzt Kommentare zu
Naguib Mahfouz oder eine Studie über den zeitgenössischen
syrischen Roman herausgebracht hat und derzeit unter anderem
an der Übersetzung von Proust ins Arabische arbeitet,
ist mit einem Essay dazu vertreten. (11)
Amin Maalouf, der, aus dem Libanon vertrieben,
seit Jahren in Paris lebt, repräsentiert in diesem Band
die Position des Exils. In unserem Gespräch, das von
seinem Essayband "Mörderische Identitäten"
ausgeht, betont er etwa, wie sehr im Westen religiöse,
vor allem dem Islam angelastete Triebkräfte gegenwärtiger
Entwicklungen überschätzt würden; damit trifft
er sich mit Sadik J. Al-Azm. Völlig offensichtlich sei
jedoch, daß die traditionelle Frauenpolitik in dieser
Region "zu einer Infantilisierung der Gesellschaft"
führe. Als Schriftsteller hat er ein Credo: "Der
Welt zuhören". (12)
Für den das gesamte Vorhaben begleitenden
historisch-philosophisch-literarischen Diskurs haben vor allem
Burghart Schmidt und Ernst Strouhal gesorgt. In seinem resümierenden
Aufsatz kombiniert Burghart Schmidt das Thema "Transfer"
mit seiner Sicht auf die "Aufklärung heute"
und mit in Damaskus vertieften Überlegungen zu Multikulturalität
und Verständigung, Dilettantismus und Forschergeist.
(13) "In
freier Reflexivität Einsichtszugänge offen zu halten
oder zu eröffnen" sind ihm für "Felder
der Kunst" entscheidende, vielfach auch wissenschaftliches
Denken befruchtende Momente. In Ernst Strouhals
literarischer Erzählung wird ein pragmatischer, von Ort
zu Ort reisender Autor aus dem Norden, den die Syrerin Layla
zum Objekt ihrer Orientinszenierung macht, zum Sinnbild seines
eigenen Lieblingssatzes: "Das Reale schwindet".
Erzählstrukturen aus Tausendundeiner Nacht, mit ihrem
Vertrösten, vergeblichen Erinnern, mit ständigen
Verzögerungen, transformieren sich zur Skizze gegenwärtiger,
von Flexibilität verwirrter Möglichkeiten. (14)
Christian Reder hat die inhaltlich-organisatorischen Rahmenbedingungen
des gesamten Vorhabens konzipiert sowie die Gespräche
mit Sadik J. Al-Azm und Amin Maalouf geführt. (15)
Sein Essay über Migration und Urbanität geht von
der Gedenkstätte für Kain und Abel (arab. Kabil
und Habil) oberhalb von Damaskus aus, dem nach lokaler Tradition
symbolischen Ursprung von Nomadismus und Stadtgründungen,
und fächert solche mythischen Vorgaben weiter auf, von
den im Mittleren Osten angesiedelten biblischen Wanderungen
über den Transfer von Namen - und Reliquien - als Markierungssystem
des frühen Europas bis hin zur Recherche über Al-Khidr
und Georg, zwei vielfach als identische Personen angesehene
Heilige, die als Beschützer der Wanderer und Reisenden
gelten.
Ein Sehen-Denken-Fühlen-Erfassen wird also zur Text-Bild-Montage
verfolgenswerter Spuren, zu skizzenhafter Fiktion und Dokumentation.
Damaskus ist dafür der Transferraum, eine Stadt, die
für überall geläufige nomadische Gefühle
ein magischer Ort zu sein scheint, als uralte, an Fremde gewohnte
"Oase" schlechthin, die zugleich durch ihre moderne,
von Verfall, Erneuerung, Wachstum gezeichnete Dynamik auf
vielen Ebenen Ordnungsvorstellungen in einer Weise außer
Kraft setzt, dass sie als Übungsfeld für Künftiges
gesehen werden kann. Im Umkehrbild wird einem anhand solcher
Faktoren vielleicht die zu organisierter Freizügigkeit
und Tourismus "sublimierte" Migrationsvergangenheit
des Westens, mit ihren Millionen Auswanderern, Flüchtlingen,
Herumgeschobenen bewusster, deren Verdrängung sich derzeit
zu Fremdenabwehr verdreht. Jedenfalls: Aus der unter bestimmten
Umständen gerade "unter Fremden" erreichbaren,
in Routinesituationen kaum zustande kommenden hohen Intensität,
auch des unmittelbaren Austauschs, und aus einer transformierten
Aufschlüsselung dabei auftauchender mentaler Muster,
Symbolismen, Subtexte und gegenseitiger Infiltrationspotenziale
haben sich vielleicht für Feinheiten manchmal offenere
Sichtweisen ergeben als bei konventionell gegliederter Kunstproduktion
und Wissensvermittlung. Daran in kulturübergreifender
Weise weiterzuarbeiten, ist im Rahmen der mit dieser Publikation
begonnen "Transfer"-Programme auch beabsichtigt.
Christian Reder
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