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Transferprojekt Damaskus
urban orient-ation

Herausgegeben von Christian Reder und Simonetta Ferfoglia
Institut für Medienkunst / Kunst- und Wissenstransfer
Universität für angewandte Kunst Wien
Edition Transfer bei Springer Wien New York 2003
402 Seiten, durchgehend in deutscher und arabischer Sprache

"Transferprojekt Damaskus" ist ein Kompendium
zu audiovisueller Erforschung von Urbanität,
zu künstlerisch-essayistischen Sichtweisen,
zu transkultureller Arbeit über symbolische Dimensionen und Facetten sozialen Handelns, als experimenteller Umgang mit Komplexität.


 

Zugangsebenen: Audiovisuelle Forschung, soziale Interaktion, Kartographie ...

Wenn einer unserer Gesprächspartner in diesem Band, der in Damaskus lebende Philosoph Sadik J. Al-Azm, parallel zu wieder akuten Zuspitzungen von Kulturkampf-, Kreuzzugs- und Dschihad-Mustern eine Phase hat heraufziehen sehen, "in der Kulturchauvinismus, konservative Engstirnigkeit und selbstsüchtige Kleinstaaterei vielerorts die Oberhand zu haben scheinen", so meint er damit auch grassierende, anti-urbane Tendenzen, die Ressentiments anfachen und erfindenden. (1) Konkrete Erfahrungen damit im eigenen Umfeld und Defizite im Gedankenaustausch mit dem arabischen Raum sind Auslöser dafür gewesen, in einer der großen Metropolen des Mittleren Ostens, also ausdrücklich jenseits der Grenzen des sich endlich halbwegs selbst befriedenden Europas, sozial gesehener Urbanität, als Durcheinander von Fremdem und Ähnlichem, zusätzliche Dimensionen und Nuancen abzugewinnen.

Aus Alltagssituationen heraus sollten am Beispiel von Damaskus und seines Umfelds politische und kulturelle Prozesse erfahrbarer und vermittelbarer werden. Gerade über die Auseinandersetzung mit audiovisueller Kultur, in Form von multimedial gestaltenden, mit sozialer Interaktion verbundenen Initiativen und beidseitig stimulierbaren Transfers müssten, so die Absicht, im Rahmen kleiner künstlerisch-wissenschaftlicher Arbeitsgruppen Ergebnisse erreicht werden, die im Persönlichen nachwirken, zur korrigierenden Anreicherung von Sichtweisen beitragen und für eine Öffentlichkeit da und dort auch außerhalb spezialisierter Sphären von Interesse sind. Es ging um Dokumente eines fragenden, die Beengtheit von Disziplinen ausblendenden Mitdenkens, um öffentliche Handlungsmöglichkeiten in ungewohnten Situationen, um ein Eingehen auf kulturelle Differenz. Was sich aus solchen offenen, forschenden, essayistischen Verfahren ergeben würde, im Sinne einer textlich-visuellen Erweiterung von Cultural studies, konnte - wie bei jedem Experiment - nicht absehbar sein. Nur Sequenzen davon lassen sich im Druck darstellen. Entstanden ist daher ein mehrschichtig funktionierender, die Workshop-Präsentationen in Wien und Damaskus begleitender "Reader", mit Einblicken in ausufernde, vielfach weiterführende Projektlinien, deren zusätzliche Dimensionen über Internet-Links eine Zeit lang zugänglich sind.

Dass ein die Moderne einleitendes Experimentieren zuerst vor allem in arabisch dominierten Wissenschaften zur Hochblüte gebracht worden war, wie etwa ein führender westlicher Historiker für diese Region, Bernard Lewis, in Erinnerung ruft, könnte als Ermunterung auf solchen Räume und Zeiten verbindenden Wegen aufgefasst werden. Der Titel des Buches, in dem er das konstatiert und die Kulturleistungen, Stagnationsphasen und Neupositionierungen (einschließlich höchst milde gesehener Auswirkungen permanenter westlicher Einflussnahmen) des Mittleren Ostens komprimiert darstellt, ist schlicht: "What Went Wrong?" (2) Was falsch gelaufen ist und falsch läuft, da und dort, ist selbstverständlich auch in diesem Projekt als Hintergrundmatrix präsent, über die tägliche Flut von Stellungnahmen zur Lage oder Berichte wie "The Arab Human Development Report 2002" (UNDP), des primär von arabischen Experten unternommenen Versuchs eines faktenreichen, vergleichenden sozialen Gesamtbilds. (3) Es bleiben jedoch, auch wegen völlig unbalancierter Publikations- und Übersetzungslage, so viele Leerstellen offen, dass eigenen Erfahrungen ein ganz besonderer Stellenwert zukommt. Von primär an Ereignissen und Daten orientierten, also zwangsläufig "dünnen" Beschreibungen im Sinn von Clifford Geertz zu vielschichtigen, also "dichten" Beschreibungen kultureller, Interaktionsmöglichkeiten reflektierender Aspekte zu gelangen, war deshalb gleichsam eine Richtungsangabe, vor allem um einen "mit anderen Antworten vertraut zu machen"; denn "die Auseinandersetzung mit den symbolischen Dimensionen sozialen Handelns - Kunst, Religion, Ideologie, Wissenschaft, Gesetz, Ethik, Common Sense - bedeutet keine Abwendung von den existentiellen Lebensproblemen", sofern Kultur als System aufgefasst wird, "mit dessen Hilfe die Menschen ihr Wissen vom Leben und ihre Einstellungen zum Leben mitteilen, erhalten und weiterentwickeln", "sondern im Gegenteil den Sprung mitten hinein in diese Probleme." (4) Sich gedanklich in solcher Komplexität zu bewegen, mit durcheinander laufenden Außen- und Innensichten, hat sehr unterschiedliche Perspektiven erzeugt, Fragmentarisches, Skizzenhaftes, Irritierendes. Das war beabsichtigt. Die Auswirkungen "großer" Politik sollten nicht alles überschatten, gerade weil die latente Dauerkrise in dieser Region so vieles blockiert. Um die Möglichkeit beidseitiger Impulse zu bestärken, ist statt Englisch deutsch-arabischer Zweisprachigkeit der Vorzug gegeben worden. (5)

Die überwiegend jungen, noch studierenden Teilnehmer und Teilnehmerinnen der hier präsenten Kerngruppe, in der insgesamt vierzehn Nationalitäten und fachliche Orientierungen von medienübergreifender Kunst bis Philosophie vertreten sind, haben sich über ein Jahr hinweg auf Damaskus eingelassen und durchwegs dort auch mehrere Wochen lang gelebt, künstlerisch betreut durch Simonetta Ferfoglia von der auf transdisziplinäre Kunst- und Medienprojekte ausgerichteten Gruppe Gangart. (6) Die verfügbare Zeit hat von touristischem Verhalten entlastet. Ein wörtlich gemeintes Sichentgegenkommen konnte in eine sensibilisierend wirkende Praxis umschlagen. Für die Absicht, aus eigenen Interessensgebieten heraus etwas zu tun, ergaben sich überraschende Übungsfelder, in denen Elementar-, Zeichen- und Körpersprachen wichtig wurden. Weil die Stadt für alle Angereisten neu gewesen ist, konnten sehr unmittelbare Fremdheitserfahrungen verarbeitet werden, auch im übertragbaren Sinn, als Umgang mit Komplexität schlechthin. Die Intensität der Ortsveränderung, verbunden mit der Arbeit an selbst gestellten, diskursiv begleiteten Aufgaben, sollte das Vorhaben von üblichen Institutions-, Alltags-, Reise-, Exkursions- oder Konferenzritualen abheben und beitragen, einer universitären Ausbildung zusätzliche Qualitäten abzugewinnen. In der Durchmischung mit Beiträgen von syrischer, palästinensischer, jordanischer, libanesischer Seite reflektieren sich daraus entstandene Synergien.

Die Skepsis, unter euphorisierenden, zugleich immer wieder bedrückenden, Realpolitik spürbar machenden Umständen tatsächlich produktiv an die Dinge herangehen zu können, hat zu vorsichtigen oder spontanen, tendenziell aber sehr pragmatischen Methoden geführt. Ob es das Konzept eines real-fiktiven Motorradfahrers ist, mit einem von traditionellen Holzintarsien überzogenen Helm und besticktem Kaftan, das Konstantin Luser in Zusammenarbeit mit Toni Al Kurdi, George und Riad Antonius aus dem (christlichen) Bab-Touma-Viertel und Taylor Ghassan Jimh Mohammad Ibrahem aus dem (muslimischen) Souk Al Kyat realisiert hat, ob es die aufwendigen, durch "The Syrian Environment Association" vehement unterstützten Aktionen von Verena Rempl sind, dem Thema Wasser und Wasserverbrauch im öffentlichen Raum Gestalt zu verleihen, oder die Video-, Darstellungs- und Zeichnungsaktionen mit syrischen und palästinensischen Schulkindern; die Kartographien und Tabellen zu Alltagswegen, die Bewegungs- und Begegnungsabläufe einander gegenüberstellen und auf Klangebenen transferieren (Stefanie Wuschitz und Korinna Lindinger); das für die tatsächliche Nutzung in Schulen in Damaskus und Wien angelegte zweisprachige Kalenderbuch mit Kommentaren und Informationen (Angelika Mathis); die widersprüchlich-mysteriösen Fotoinszenierungen von Cem Yücetas mit ihrer absurd aufgeladenen Künstlichkeit; die ausufernden, "Mapping the Difference" genannten Stadtkartographien von Nikolaus Gansterer; die von Gabi Wagner initiierten, alltägliche Vorlieben von Gesprächspartnern in beiden Ländern dokumentierenden Sofortbildserien, die sich zu fein strukturierten Geschichten verknüpfen; oder ob es schließlich die aus Kalligraphiestudien entwickelten Notationen von Irene Janda sind, die von Ansätzen zu einer neuen Ornamentschrift bis zur Urform des Backgammonspiels als Metapher für Lebenswege reichen - entstanden sind prozesshafte, undramatische Objekt-, Bild- und Textwelten, die in ihrer Vielfalt anderes widerspiegeln, als es standardisierten Reiseerfahrungen entspräche. Erkennbar wird, dass die Arbeit selbst mindestens so wichtig genommen wird wie das Ergebnis. "Produkte" waren nicht unbedingt das Entscheidende, das belegen die Diagramme jeweils entwickelter Verfahren. Zeit bekommt über Film und Ablauffolgen den ihr gebührenden Stellenwert. Musik - die im vorliegenden schweigenden Resümee fehlen muss - blieb ständig präsent. Natalia Ribovic aus der Wojwodina, die mit Körperhaftem bedruckte, durch Sprachlabels aufgeladene T-Shirts für Benetton Syria konzipiert hat, bei denen sie sich auf von Zeichen und Objekten hergestellte Wahrnehmungsebenen konzentriert, und Tatja Skhirtladze aus Georgien, deren schon als Einstimmung auf die Reise entstandene Videoarbeit in Printauszüge umgearbeitet wurde, haben darüber hinaus den Taxifahrer Mohammed Hlal wieder für seinen ursprünglichen Beruf begeistert, indem sie mit ihm ihre kunstvollen "Gedankenlaufschuhe" mit einem Fach für Botschaften realisierten. Helga Schania (die ansonsten unter der Marke "Wendy & Jim" operiert), Katharina Schendl und Peter Kishur sind über Mode und Fotografie dazu gekommen, die Nullnummer für ein Magazin namens "Falke" herzustellen. Irene Lucas, Lisa Schmidt-Colinet und Christoph Euler-Rolle waren darauf aus, mit ihren subtilen textlich-visuellen Forschungen in unzugängliche Sphären sozialer Situationen vorzudringen, in Form eines von kommunikationsbezogenen Wörtern ausgehenden Archivkonzepts, das Raum-, Zeit-, Sprach- und Bilderlebnisse vernetzt, Orte als Systeme definiert, deren Regeln jeweils auch anders gedacht werden könnten, und die gesellschaftliche Relevanz künstlerischer Verfahren zum Thema hat. Ein Text der in Syrien lebenden Palästinenserin Sahar Daouod über Tratsch und Kommunikation liefert komplementäre Ebenen dazu. Ali Abu Rashed berichtet von der Emigration der Tscherkessen. Die 1987 im Einsatz gewesene, im Militärmuseum von Damaskus hermetisch präsentierte Raumkapsel Sojus TM-3 ist für Barbara Lippe und Florian Bettel der Anlass gewesen, den syrischen Kosmonauten Muhammed Faris in Aleppo zu langen Gesprächen aufzuspüren, ihn neuerlich in Kontakt mit seinem österreichischen Kollegen Franz Viehböck zu bringen, unveröffentlichte TV-Rohfassungen der Mission zu bekommen und aus all dem eine - hier nur über Zitate enthaltene - Dokumentation herzustellen, die Popularität, den Blick auf den Globus und die überwundene Trennung in eigene und feindliche Weltraumaktionen reflektiert. Kurzporträts und Beiträge in Damaskus hinzugestoßener Partner und Partnerinnen verdeutlichen weitere hier einbezogene künstlerische Positionen: Maha Marawi als Sängerin, die mit Willy Steiner eine höchst subtile CD aufgenommen und deren kompositorische Struktur zu Bildsequenzen verarbeitet hat, der mit im Rahmen des Projekts entstandenen Arbeiten vertretene Foto- und Medienkünstler Erfan Khalifa, der Däne Jesper Berg, seit einigen Jahren in Damaskus lebend, und Ammar Abdulhamid als Dichter und Autoren, Kinda Alsayed als Architekturstudentin, Noura Mourad als Leiterin einer wichtigen Performancegruppe.

Sofern sich ein ethnologisch-folkloristisch gesehener "Orient" und medial propagierte Stereotypen in all diesen Zugangsweisen überhaupt bemerkbar machen, dann als emotionelle, sensibel ironisierte, respektvolle Transformation, als Präzisierung von Normalem und Besonderem. Indem versucht wurde, ohne Völkerverständigungsattitüden für kurze Zeit miteinander zu leben und zu arbeiten - insgesamt sind kurzfristig über hundert lokale Arbeitspartnerschaften entstanden, mit Handwerkern, Geschäftsleuten, Internetcafés, Theoretikern, Studierenden -, könnte beidseitig einiges nachwirken, vor allem, dass Fremdes und der Druck auf Unterlegene und Verlierer nicht nur in der Ferne engagierter betrachtet wird, im Sinn einer an Zivilgesellschaft orientierten, durch viele Einzelinitiativen bestärkten, analytisch-kritischen "Globalisierung von unten". Dazu war es notwendig, die Stadt als Stadt zu sehen. (7) Mit ihrer in wenigen Jahrzehnten auf mehrere Millionen Menschen angewachsenen Bevölkerung ist Damaskus eine exemplarische "Global City", wie Los Angeles oder Shanghai (auf deren Breitengrad sie in etwa liegt), wie Moskau oder Nairobi (mit denen sie derselbe Längengrad verbindet). Regionales und solche weit gespannten Perspektiven sind auch integrierendes Moment aller Textbeiträge.

Zur Stadt selbst liefert Nazih Kawakibi, Syriens führender Architekturhistoriker, eine prägnante Einführung. (8) Jeder Rundgang mit ihm kann einem bis hin zur Geschichte einzelner Häuser urbane Strukturen als hochkomplizierte, durch falsche Eingriffe gefährdete Überlagerungen bewusst machen. Im Gespräch mit Sadik J. Al-Azm wird deutlich, dass ihm die Bezeichnung "Mittlerer Osten" trotz ihres eurozentrischen Ursprungs durchaus treffend erscheint, weil sie die aktive Vermittlerrolle der arabischen Zivilisation zwischen Antike und Renaissance, zwischen Indien und Europa mit reflektiert. Von islamischen oder islamisch orientierten Ländern zu sprechen, hält er für problematisch, denn "ihre vielfältige Realität läßt sich nicht in ein Konzept fassen". Offensichtlich sei zurzeit eines: "Araber tappen leicht in die Falle, in der europäischen Rechten den Feind ihres Feindes zu sehen." Dana Charkasi, mit der Region als Mitarbeiterin der "Jordan Times" eng vertraut, gibt einen kompakten Überblick über die Wasserprobleme und die Umweltsituation. (9) Sead Zimeri aus Mazedonien, der derzeit zwecks soziologischer Studien in Syrien lebt, analysiert Aspekte einer religionsbezogenen "Innensicht" auf die Situation der Frauen im Islam. (10) Jamal Chehayed, der am IFEAD (Institut français d'études arabes de Damas) forscht und lehrt, zuletzt Kommentare zu Naguib Mahfouz oder eine Studie über den zeitgenössischen syrischen Roman herausgebracht hat und derzeit unter anderem an der Übersetzung von Proust ins Arabische arbeitet, ist mit einem Essay dazu vertreten. (11)

Amin Maalouf, der, aus dem Libanon vertrieben, seit Jahren in Paris lebt, repräsentiert in diesem Band die Position des Exils. In unserem Gespräch, das von seinem Essayband "Mörderische Identitäten" ausgeht, betont er etwa, wie sehr im Westen religiöse, vor allem dem Islam angelastete Triebkräfte gegenwärtiger Entwicklungen überschätzt würden; damit trifft er sich mit Sadik J. Al-Azm. Völlig offensichtlich sei jedoch, daß die traditionelle Frauenpolitik in dieser Region "zu einer Infantilisierung der Gesellschaft" führe. Als Schriftsteller hat er ein Credo: "Der Welt zuhören". (12)

Für den das gesamte Vorhaben begleitenden historisch-philosophisch-literarischen Diskurs haben vor allem Burghart Schmidt und Ernst Strouhal gesorgt. In seinem resümierenden Aufsatz kombiniert Burghart Schmidt das Thema "Transfer" mit seiner Sicht auf die "Aufklärung heute" und mit in Damaskus vertieften Überlegungen zu Multikulturalität und Verständigung, Dilettantismus und Forschergeist. (13) "In freier Reflexivität Einsichtszugänge offen zu halten oder zu eröffnen" sind ihm für "Felder der Kunst" entscheidende, vielfach auch wissenschaftliches Denken befruchtende Momente. In Ernst Strouhals literarischer Erzählung wird ein pragmatischer, von Ort zu Ort reisender Autor aus dem Norden, den die Syrerin Layla zum Objekt ihrer Orientinszenierung macht, zum Sinnbild seines eigenen Lieblingssatzes: "Das Reale schwindet". Erzählstrukturen aus Tausendundeiner Nacht, mit ihrem Vertrösten, vergeblichen Erinnern, mit ständigen Verzögerungen, transformieren sich zur Skizze gegenwärtiger, von Flexibilität verwirrter Möglichkeiten. (14) Christian Reder hat die inhaltlich-organisatorischen Rahmenbedingungen des gesamten Vorhabens konzipiert sowie die Gespräche mit Sadik J. Al-Azm und Amin Maalouf geführt. (15) Sein Essay über Migration und Urbanität geht von der Gedenkstätte für Kain und Abel (arab. Kabil und Habil) oberhalb von Damaskus aus, dem nach lokaler Tradition symbolischen Ursprung von Nomadismus und Stadtgründungen, und fächert solche mythischen Vorgaben weiter auf, von den im Mittleren Osten angesiedelten biblischen Wanderungen über den Transfer von Namen - und Reliquien - als Markierungssystem des frühen Europas bis hin zur Recherche über Al-Khidr und Georg, zwei vielfach als identische Personen angesehene Heilige, die als Beschützer der Wanderer und Reisenden gelten.

Ein Sehen-Denken-Fühlen-Erfassen wird also zur Text-Bild-Montage verfolgenswerter Spuren, zu skizzenhafter Fiktion und Dokumentation. Damaskus ist dafür der Transferraum, eine Stadt, die für überall geläufige nomadische Gefühle ein magischer Ort zu sein scheint, als uralte, an Fremde gewohnte "Oase" schlechthin, die zugleich durch ihre moderne, von Verfall, Erneuerung, Wachstum gezeichnete Dynamik auf vielen Ebenen Ordnungsvorstellungen in einer Weise außer Kraft setzt, dass sie als Übungsfeld für Künftiges gesehen werden kann. Im Umkehrbild wird einem anhand solcher Faktoren vielleicht die zu organisierter Freizügigkeit und Tourismus "sublimierte" Migrationsvergangenheit des Westens, mit ihren Millionen Auswanderern, Flüchtlingen, Herumgeschobenen bewusster, deren Verdrängung sich derzeit zu Fremdenabwehr verdreht. Jedenfalls: Aus der unter bestimmten Umständen gerade "unter Fremden" erreichbaren, in Routinesituationen kaum zustande kommenden hohen Intensität, auch des unmittelbaren Austauschs, und aus einer transformierten Aufschlüsselung dabei auftauchender mentaler Muster, Symbolismen, Subtexte und gegenseitiger Infiltrationspotenziale haben sich vielleicht für Feinheiten manchmal offenere Sichtweisen ergeben als bei konventionell gegliederter Kunstproduktion und Wissensvermittlung. Daran in kulturübergreifender Weise weiterzuarbeiten, ist im Rahmen der mit dieser Publikation begonnen "Transfer"-Programme auch beabsichtigt.

 

Christian Reder

 

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  1. Sadik J. Al-Azm: Unbehagen in der Moderne. Aufklärung im Islam. Frankfurt am Main 1993. S. 9. Auf die Frage, weshalb trotz vieler Übersetzungen seiner Arbeiten in andere Sprachen dieser nun schon zehn Jahre zurückliegende Essayband bislang sein einziges auf Deutsch herausgekommenes, aber längst vergriffenes Werk sei, kam die erhellende Antwort: "That's your problem."


  2. Bernard Lewis: What Went Wrong? Western Impact and Middle Eastern Response. Oxford 2002. S. 79. Dieses Buch geht auf Vorlesungen am Institut für die Wissenschaft vom Menschen in Wien zurück, reiht sich also gewissermaßen in forschende Beziehungen zwischen dem "Orient" und Wien ein, wo inzwischen über 100.000 Muslime leben, sei es die legendäre "Geschichte des Osmanischen Reiches" von Joseph von Hammer-Purgstall (10 Bände, 1827-1833), seien es die frühen Reiseberichte von Ida Pfeiffer (1797-1858), die Expeditionen von Alois Musil (1868-1944), des österreichisch-tschechischen Gegenspielers von D. H. Lawrence, der Lebensweg von Leopold Weiss alias Muhammad Asad (1900-1992), der Muslim, Berater Ibn Sauds und Botschafter Pakistans bei den Vereinten Nationen wurde (The Road to Mecca, 1954), seien es die aktuellen Forschungen Wiener Ethnologen um Andre Gingrich über "Lokale Identitäten und überregionale Einflüsse" oder von Wien aus konzipierte Syrienbücher wie jene von Kurt-Michael Westermann oder Gerhard Schweizer.


  3. UNDP (United Nations Development Programme): The Arab Human Development Report 2002. New York 2002. Lead author: Nader Fergany. www.un.undp.org/rbas.


  4. Clifford Geertz: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Übersetzt von Brigitte Luchesi und Rolf Bindemann. Frankfurt/M. 1987. S. 43, 46


  5. Übersetzungen: Nabil Haffar (Damaskus; Mitarbeit: Kamel Ismail), der etwa Bertold Brecht, Peter Weiss, Heiner Kipphart, Anna Seghers, Partrick Süsskind oder die Brüder Grimm ins Arabische übersetzt hat, sowie Tarek Eltayeb (Wien), von dem zuletzt der Gedichtband Aus dem Teppich meiner Schatten (Wien 2002) oder der Roman Städte ohne Dattelpalmen (Wien 2000) erschienen sind und Nesrine Shibib (Berlin)


  6. Zu Simonetta Ferfoglia: www.t0.or.at/%7Egangart/hp/intro.html


  7. Zur Stadt: Damaskus - Aleppo. 5000 Jahre Stadtentwicklung in Syrien (Mainz 2000) / Brigid Keenan: Damascus. Hidden Treasures of the Old City (London 2000) / Marie Fadel: Damaskus. Der Geschmack einer Stadt. Aufgezeichnet von Rafik Schami (Zürich 2002) / Mohamed Scharabi: Der Bazar. Das traditionelle Stadtzentrum im Nahen Osten und seine Handelseinrichtungen (Tübingen 1985) / Eugen Wirth: Die orientalische Stadt im islamischen Vorderasien und Nordafrika. 2 Bände (Mainz 2000) / Kenneth Frampton und Hasan-Uddin Khan (Ed.): World Architecture. A Critical Mosaic 1900-2000. Vol. 5 The Middle East (Wien-New York 2000).


  8. Zu Nazih Kawakibi: Elizabeth Thompson: Colonial Citizens. Republican Rights, Paternal Privilege, and Gender in French Syria and Lebanon (New York 2000)


  9. Dana Charkasi / Nina Horaczek: Schreckliche Situation. Im Gespräch mit Uri Avnery. Falter, Wien, Nr. 15/2002 / www.jordanembassyus.org / www.edwardsaid.org/ www.globalpolicy.org/globaliz/special/water2.htm


  10. Sead Zimeri: Terrorizmi nuk është pjellë Islame, www.horizonti.com/forum/viewtopic.php?TopicID=31 / Forum Islam


  11. Jamal Chehayed: La Conscience historique dans "Les Rougon-Macquart" d'Emile Zola et dans les romans de Naguib Mahfouz. Damaskus, Librairie des Lettres et des Arts, 1984 / La trilogie de Naguib Mahfouz, Paris 1993 / Nagib Machfus und der neue arabische Roman. Sinn und Form. Beiträge zur Literatur. Hg.: Akademie der Künste, Berlin, Nr. 2/1999 / Mit H. Toèlle: Le roman syrien contemporain, racines culturelles et rénovation des techniques narratives, IFEAD, Damaskus 2000


  12. Amin Maalouf: Mörderische Identitäten (Frankfurt/M. 2000) / Die Reisen des Herrn Baldassare (Frankfurt/M. 2001) / Die Häfen der Levante (Frankfurt/M. 1999) / Der Heilige Krieg der Barbaren. Die Kreuzzüge aus der Sicht der Araber (München 1997) / Die Felsen des Tanios (München 1997) / Der Mann aus Mesopotamien (München 1994) / Die Wiederkehr des Skarabäus (München 1993) / Samarkand (München 1990) / Leo Africanus (München 1988)


  13. Burghart Schmidt: Vom Parergon zum Labyrinth. Mit Gerard Raulet (Wien 2000) / Bild im Ab-wesen (Wien 1998) / Postmoderne. Strategien des Vergessens. (Frankfurt/M. 1994) / Kritische Theorie des Ornaments. Mit Gerard Raulet (Wien 1993)


  14. Ernst Strouhal: Acht mal Acht. Die Kunst des Schachspiels (Wien 1996) / Heimo Zobernig, Ernst Strouhal, Hans Petschar: Der Zettelkatalog. Ein historisches System geistiger Ordnung. Katalog. (Wien/Frankfurt u.a.O. 1999) / Duchamps Spiel (Wien 1994)


  15. Christian Reder: Wörter und Zahlen. Das Alphabet als Code (Wien-New York 2000) / Modelle zu Bildern machen, dann bauen. In: Gerald Zugmann: Blue Universe. Architectural Projects by CoopHimmelb[l]au. MAK-Katalog (Los Angeles 2002)


 
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© Christian Reder / Edition Transfer bei Springer Wien New York 2003