VORWORT
Möglichkeiten hat es durchaus gegeben
Afghanistan 1980–2003
Überhaupt etwas zu tun zu haben, was sich in
irgendeiner Weise lohnt, ist – trotz aller,
vielfach höchst dramatischen Unterschiede –
eine Existenzfrage, die in armen und reichen Gesellschaften
und für deren Beziehungen untereinander gleichermaßen
Relevanz hat. Alle Perspektiven hängen davon
ab. Verbindend wirkt das deswegen noch lange nicht.
Meine in diesem Band versammelten Texte berichten
davon, wie dennoch mit gegenseitigen Erwartungen Transfers
in Gang gesetzt wurden – als Zusammenarbeit
mit kulturell ganz anders geprägten Flüchtlingen,
im Gespräch über vertretene Ansichten, unter
unübersichtlichen Umständen, über mehr
als zwanzig Jahre hinweg.
Die Konfrontation mit der Grunderfahrung, zu den
Verlierern zu gehören, blieb das „Universelle“
daran. Den weltpolitischen Hintergrund bildet der
Übergang vom Kalten Krieg zur globalen Präsenz
antiwestlichen Terrors. Wie folgenreich und einseitig
dieser in Finalkonstellationen der Ost-West-Konfrontation
gefördert wurde, dafür war und ist Afghanistan
bekanntlich eine Schlüsselregion. Dort helfend
einzugreifen, hatte für private Gruppierungen
– auch im Rückblick auf die Kontinuitäten
in diesem Desaster – etwas Absurdes an sich;
dennoch wurde und wird es versucht und prägte
die hier skizzierten Sichtweisen.
Um irgendwo anders existierende, inhaltlich beeindruckende
Befreiungsbewegungen, die einem, und sei es als idealisierte
Projektion, Halt hätten bieten können, ging
es nicht mehr. An der Herstellung halbwegs erträglicher
Normalität und halbwegs demokratischer Zustände
mitzuwirken, musste als Richtungsangabe genügen.
Zu Rückkoppelungen ist es beidseitig durchaus
gekommen, irgendwie, als Impulse. Mehr zu erreichen
wäre auf solchen Ebenen illusorisch gewesen.
Zur Erfahrungszone für da und dort weiterhin
Wahrscheinliches ist ein Miterleben solcher Zustände
auch ohne übersteigerte Ansprüche geworden.
Eine Einsicht hat sich bald eingestellt: Jeder Zugang
zu Afghanistan – und seinen Abhängigkeiten,
seiner weiteren Entwicklung – bleibt fragmentarisch.
Um ein Gesamtbild kann es nicht gehen, schon gar nicht
angesichts der in den Kriegszeiten aufgebrochenen
Destruktion und der Fragilität, mit der nun ein
Neuanfang versucht wird. Fragmentarisch bleiben also
auch die hier enthaltenen Texte dazu, für die
meine Arbeit im 1980 gegründeten Österreichischen
Hilfskomitee für Afghanistan / ARC Austrian Relief
Committee for Afghan Refugees den Hintergrund bildet.
Von den vielen hundert, streng genommen einigen zehntausend
insgesamt an unseren Programmen Beteiligten würden
alle ihre eigenen Versionen liefern. Manche von ihnen
zu sammeln, davon ist immer wieder die Rede gewesen,
dafür war aber nie genug Zeit.
Jetzt hat eine Reise nach Kabul den Anstoß
gegeben, zur angelaufenen Wiederaufbauphase mit Berichten
über langjährige Kooperationen einen Beitrag
zu liefern – nachdem zwei Jahrzehnte auf die
Beendigung des Krieges gewartet worden ist.
Eindrücke von der aktuellen Situation in der
Stadt und aus den über akute Probleme und kulturelle
Projekte geführten Diskussionen machen den Anfang.
Für Ali Mohammed Zahma und seine Frau Zebenda
Zahma, die mich, gemeinsam mit dem langjährigen
Komiteemitarbeiter Nur Mohammed Safa, begleitet haben,
war es, und das hat die Stimmung sehr geprägt,
die erste Rückkehr nach ihrer Flucht Mitte der
achtziger Jahre. Sie ist früher Krankenschwester
in Kabul gewesen, er, einer der wenigen gesellschaftspolitisch
engagierten Intellektuellen des Landes, die überlebt
haben, Professor für afghanische Geschichte und
persische Literatur. Unsere für dieses Buch zusammengefassten
Gespräche verdeutlichen Denkweisen und machen
Leben zugänglicher, die von westlichen Biografien
dieser Generation markant abweichen. Kabul, London,
Kabul, Stockholm, Kabul, Peking, wieder Kabul, Gefängnis
und Folter, Budapest, Wien sind die Stationen auf
diesem Weg.
Um konträr dazu der Gegenrichtung, also westlichen
Sichtweisen zu folgen, sind Betrachtungen aus literarisch
dokumentierten Afghanistanreisen einbezogen, von Robert
Byron über Bruce Chatwin bis zu Annemarie Schwarzenbach
oder Doris Lessing. Wie visuelle Eindrücke des
Landes und seiner Bewohner über Jahrzehnte hinweg
begeisterten, inklusive einer vom Zerfallenden bestärkten
Melancholie und der Emphase für Perioden, in
denen Afghanistan Inbegriff raumbezogener, anarchischer
Freizügigkeit sein konnte, wird als Stimmung
spürbar. Die Katastrophe selbst ist dann –
scheinbar plötzlich – einfach eingetreten.
Wie von Wien aus durch eine private Initiative auf
sie reagiert worden ist, wird anschließend beschrieben.
Nicht als Spendenaufruf konzipiert, dürfte eine
solche Darstellung deutlich machen, wie Nichtregierungsorganisationen
arbeiten und welche Probleme auftreten, gerade weil
die Phasen nach Abflauen der anfänglichen Medienintensität
im Zentrum stehen.
Rückblickend über Anfangsstadien der größten
Flüchtlingskatastrophe nach 1945 und die Transformation
des Kalten Krieges in den Aufstieg militanter Islamisten
nachzulesen, mit dem Wissen von heute, machen die
weiteren Abschnitte möglich. Meine jeweils kurz
kommentierten, aber unverändert abgedruckten,
nur um manche Wiederholungen gekürzten (manche
des Zusammenhangs wegen belassenen) Berichte aus dieser
Zeit dokumentieren, wie die Situation ganz unmittelbar
empfunden worden ist. Dass alles lange dauern würde,
zeichnete sich ab. Weil wir uns entgegen journalistischer
und geheimdienstlicher Gepflogenheiten nicht vor allem
extremistische, am Krieg profitierende Gesprächspartner
suchten, wird vielfältig unter Druck geratene
„Normalität“ vermittelt. Um die verdeckt-informellen
Machtsysteme von „Mullahs“ diverser Art
richtig einzuschätzen, waren eigene Erfahrungen
mit autoritären Situationen durchaus hilfreich.
Uns haben Möglichkeiten interessiert, und die
hat es durchaus gegeben. Was dann an subversiv gefördertem
Irrsinn alles eingetreten ist, überstieg selbst
die Vorstellungskraft an Entsetzliches längst
gewöhnter Beteiligter. Gerade jene, die unter
jedem Regime verfolgt waren, selbst als Flüchtlinge
noch, all die anfangs noch durchaus hoffnungsvollen,
aber allein gelassenen demokratischen Kräfte,
mit denen wir die Zusammenarbeit suchten, sind –
heute ist das Wissen darum fast Allgemeingut –
die Letzten gewesen, denen Einfluss nehmende Mächte
Chancen zubilligen wollten. Derartiges zählt
zu den zentralen Erfahrungen dieser Jahre. Die Plädoyers
für ihre Unterstützung könnten jetzt
in jede sie umwerbende Zeitung in Kabul passen.
Um gegenwärtige
Vorgänge und Perspektiven mit früheren Einschätzungen
in Bezug zu setzen, werden aktuelle Recherchen zur
Involvierung von cia, des pakistanischen Geheimdienstes
isi, von Saudi-Arabien, Ägypten, China, Israel,
des Iran zusammengefasst. Wachsendes Wissen darüber
macht präsent, wie verschlungen solche Prozesse
ablaufen; auf amerikanischer Seite werden sie rückwirkend
als erfolgreich endender Politkrimi dargestellt, der
wesentlich zum Zerfall der Sowjetunion beigetragen
habe, (1)
auf russischer Seite wird eingestanden, dass selbst
eine Auswertung aller Geheimunterlagen nicht die Wahrheit
ans Licht brächte, sondern bloß zusätzliche
Konfusion erzeugen würde. (2)
Im humanitäre Hilfsprojekte
resümierenden Aufsatz über Sozialarbeit
in der Fremde werden Tendenzen zur Diskriminierung
(und Überschätzung) von Nichtregierungsorganisationen
kommentiert. Sie für militärische Interventionen
zu instrumentalisieren, als nötiger human touch,
wie diverse Hardliner es fordern, (3)
forciert auch in Zonen zivilgesellschaftlichen Engagements
ein simples Unterscheiden in „wir und die anderen“:
Profit gegen Non-Profit, Jobdenken gegen Freiwilligkeit,
Benutzbarkeit gegen Dubioses, Unberechenbares. Nicht
mit Ordnungsmächten abgestimmte Solidarität
soll offenbar zunehmend unverständlich werden.
Vermischtes, Unklares – also auch Offenes –
gilt als subversiv, macht aber gerade deswegen Hilfsprojekte
zu manches verdeutlichenden Nebenschauplätzen.
Erkennbar wird, inwieweit mit Geld mehr – oder
eben anderes – angefangen werden kann, als normalerweise
vorgesehen.
Jedenfalls: Auf Bedürfnisse, als besondere Form
von „Nachfrage“, einzugehen, ergibt meist
mehrschichtige „Gegengeschäfte“.
Eine Seite versucht, etwas zu leisten, etwas zu geben;
das ist weit einfacher als jedes Nehmen. Was geschieht,
entwickelt ein Eigenleben. Konkret wird Unmittelbares.
Gelingt es, zusätzlich immateriellen –
im Idealfall beidseitig spürbar werdenden –
Dimensionen Raum zu verschaffen, wirkt das unter Umständen
weiter, unsteuerbar, verselbständigt, als Erinnerung
an Versuche.
Es geht also auch darum, dass Privatinitiative
und Selbstorganisation in globaler Sicht zusehends
völlig andere Bedeutungen bekommen. In weiten
Teilen der Welt, konstatiert Eric Hobsbawm in The
New Century dazu, „könne nicht mehr –
und das, glaube ich, ist etwas ziemlich Neues –
von funktionierenden Staaten gesprochen werden“;
das gelte für Albanien genauso wie für den
Kaukasus oder Afghanistan. Was sich dort schärfer
ausprägt, macht sich längst auch in „gemäßigten“
Zonen bemerkbar, als radikal veränderte Operationsweisen,
instabile Strukturen, Desintegration, sich wieder
abschottende, kommunikationslos bis feindselig nebeneinander
existierende Gruppen. Zu institutionellen Stabilitätsfaktoren
heißt es bei ihm: „Their future is obscure“(4)
Christian Reder, Kabul-Wien, im Frühjahr / Sommer
2003