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www.ChristianReder.net: Publikationen: Lesebuch Projekte: Nachwort
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Springer Wien New York
Universität für angewandte Kunst Wien

Lesebuch Projekte
Vorgriffe, Ausbrüche in die Ferne

Hg.: Christian Reder

Edition Transfer bei Springer Wien New York 2006


 

 

 

„PROJEKT (Moral) Ein Plan, den man zu verwirklichen beabsichtigt; doch es ist ein weiter Weg vom Projekt zur Ausführung & ein noch weiterer Weg von der Ausführung zum Erfolg. Wie oft verfällt der Mensch auf unsinnige Unternehmungen!“
Denis Diderot / Jean d’Alembert (Hg.): Encyclopédie ou Dictionaire raisonné de Sciences des Arts et des Métiers, 28 Bände, Paris 1751–1772. Zit nach: Philipp Blom: Das vernünftige Ungeheuer. Diderot, d’Alembert, de Jaucourt und die Grosse Enzyklopädie (London 2004), Frankfurt am Main 2005, S. 73

 

 

 

Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen, Berlin 2005
Foto: Christian Reder

 

 

„Die Art von Projekten, ihre Positionsbestimmungen, Resultate und Überraschungsmomente, sind eine im Positiven, im Diffusen, im Negativen vieles prägende Ebene, auf der sich zeigt, was Klima und Rahmenbedingungen auch abseits unmittelbarer ökonomischer Effekte im Großen und im Kleinen zulassen – wie es also tatsächlich um offen bleibende Möglichkeitsräume steht.“
Christian Reder

Christian Reder
„Ein Plan, den man zu verwirklichen beabsichtigt …“
Editorisches Nachwort

 

INTENTION Um Vorstellungen davon, was alles „Projekt“, also Wünschenswertes, durch Kräftekonzentration greifbar Werdendes sein könnte, aus üblich gewordenen technisch-administrativen Umklammerungen zu befreien und erweiterte Dimensionen von Außerordentlichem, von Routine Abweichendem, ins Blickfeld zu rücken, stehen in diesem Band künstlerische Positionen und freischaffendes Arbeiten im Vordergrund. Alle Beiträge sind 2005 entstanden, Redaktionsschluss war Ende Februar 2006. Diskutiert wurden Existenzformen und Denkweisen, die von Projektarbeit geprägt sind sowie Vorhaben, die nicht zwingend in wirtschaftlichen Sphären Anschluss suchen müssen, um eine Realisierung zu erreichen, um Teil der Wirklichkeit zu werden – aber kulturelle und soziale Voraussetzung für vieles sind.

Es wurde versucht, Arbeitswelten und Möglichkeiten vom Künstlerischen, Gestalterischen, Analytischen her zu denken, ohne daraus primär Kunstdebatten zu machen; dokumentarisch, diskutierend, interpretationsmöglichkeiten offen lassend. Ansatzpunkte lieferte die jeweilige Praxis mit vielen Bezügen zu Alltäglichem. Um im vorliegenden, inhaltlich nur lose planbaren „Reader on Projects“ vorläufig zu einem Ende zu kommen, werden hier manche der enthaltenen Feststellungen neu gemischt nochmals aufgegriffen, nicht um vorschnell zu resümieren, sondern um weiterführende Vernetzungslinien zu bestärken. Was wie ein Sammelsurium fragmentierter Gedankensplitter wirken mag, lässt sich schon deswegen als Realitätsebene begreifen, weil es exponierte Aktivisten und Aktivistinnen beschäftigt, die nicht in Routinebahnen agieren und durchwegs von Spezialisierungen aus auf Transfers, auf Transdisziplinäres hin orientiert sind – und dadurch Sichtweisen beeinflussen.

NACH-GESELLSCHAFTLICHE PROJEKTWELTEN Die Skepsis Projektarbeit gegenüber, die in Institutionen – ob Unternehmen oder Universitäten – eingebetteter Kontinuität und Sicherheit nachtrauert, verweigert sich vielfach der stattfindenden „grundlegenden Verwandlung der Welt des Handelns“ und der „Modi der Wissensproduktion“, so Manfred Faßler in seinem Beitrag, denn „ökonomische, wissenschaftliche, soziale oder künstlerische Muster informationellen Handelns führen derzeit fast selbstverständlich zu einer Neufassung von lernendem Handeln in Projekten“ und „die programmatische Sprache der digitalen Kulturen ist die der Projekte“. Die sich darin ausdrückende „Krise der Institutionen“, die zugleich eine „Krise der strukturellen Kopplung zwischen Sozialsystem und Individuum“ ist, lässt „Communities of Projects, die an keinen Gesellschaftstyp und keine Topografie gebunden sind“, als nach-gesellschaftliche Aktionsfelder entstehen. Weder nationale, territoriale oder institutionalisierte Zugehörigkeiten würden somit noch eingrenzende, dauerhaft stützende Bezugsrahmen bieten. Institutionen verschwinden nicht, überleben aber vor allem als Trägerorganisationen für Projekte, als Machtrefugien, als Stabilisierungsinstanzen, als Speicher und Archive. „Wer nicht kooperiert, der verliert“, ließe sich vereinfacht sagen; „und das Verbindungsmuster hierfür ist ,Projekt‘ – eine befristete Klein-Föderation.“ Sich offensiv darauf einzustellen, wird mitbestimmen, inwieweit es gelingt, derartige Verlagerungen als Chancen zu nutzen. Unter aktivierenden Bedingungen könnte das durchaus kooperativ angelegte Verhaltensweisen bestärken und sich abschließende Individualität in Richtung kooperierende Individualität öffnen. Die anthropologische Konstante Learning-by-doing wird durch technologische und mediale Transformationen ohnehin so wichtig wie kaum jemals zuvor.

SELBSTÄNDIGKEIT Zur sarkastischen Tatsachenfeststellung, bewundert werde, wer sich nimmt, was er braucht und sich halbwegs gekonnt als erfolgreich darstellt, versucht selbst das – in diesem Band mehrfach angesprochene – berühmt-berüchtigte Konzept der ICH AG von Tom Peters inhaltliche Gegenpole zu lancieren. Die Oberflächen dominierende Tendenz zur One-Man-Show soll dadurch Bodenhaftung bekommen. Denn darin heißt es dezidiert, wer darauf aus sei, wie ein Abhängigkeiten mitgestaltender Selbständiger zu operieren, „fragt regelmäßig: WER BIN ICH? / WAS WILL ICH SEIN?“, „beschäftigt sich mit Arbeit, die Sinn macht“, „… konzentriert sich 100-prozentig auf … D-A-S P-R-O-J-E-K-T!“, „ist ,erneuerungswütig‘ / kultiviert Neugier / ergreift jede Gelegenheit, e-t-w-a-s Neues zu lernen!“ Eine solche ICH AG „macht Arbeit, die ihr Geld wert ist“ und „ist Adressbuch-/Netzwerkfanatiker“. Die sich nicht an lineare Karrieremuster haltende Konklusion: „Ich bin meine Projekte“.

Tom Peters: Top 50. Selbstmanagement. Machen Sie aus sich die ICH AG, München 1999

VORBILD: KÜNSTLERISCHES ARBEITEN Solche Anweisungen könnten, abgesehen vom deutlichen Vorrang für Finanzielles, aus der Kunstausbildung, der Filmbranche oder aus avancierten Architekturbüros stammen. In einem Sammelband zur Geschichte und Zukunft der Arbeit wird deshalb in Analogie dazu ausdrücklich „im Arbeitsmarkt der Künstler und Publizisten“ eine „verallgemeinerungsfähige Lösung“ gesehen. Denn die Selbständigenquote betrage bei diesen bereits 35 Prozent „gegenüber 9 Prozent bei allen Erwerbstätigen“. Ein Durcheinanderlaufen von bezahlter und unbezahlter produktiver Tätigkeit sei dabei längst etwas Normales. Angebote würden sich auf einem auf Projekte ausgerichteten „Netzwerksarbeitsmarkt“ ergeben. Deshalb erscheine die Prognose „nicht allzu gewagt, dass die Arbeitsplätze der Zukunft zunehmend ,künstlerisch‘ geprägt sein werden: mehr selbstbestimmt, kompetitiv, wechselhaft in Art und Umfang des Beschäftigungsverhältnisses, in stärkerem Maße projekt- oder teamorientiert, zunehmend in Netzwerke und weniger in Betriebe integriert, mit vielfältigen und wechselnden Arbeitsaufgaben, schwankender Entlohnung oder Vergütung und kombiniert mit anderen Einkommensquellen oder unbezahlter Eigenarbeit“ (Günther Schmid).

Weitergedacht könnte das heißen, dass für die sich abzeichnende Offenheit und Unsicherheit der Lebensgestaltung Kunststudien jeder Business Administration Ausbildung gleichwertig, vielleicht sogar überlegen wären, sofern sie dezidiert auf Projektarbeit, selbstorganisatorische Aspekte, den Umgang mit unübersichtlichen Situationen und sich ständig verändernden Betriebssystemen ausgerichtet sind. Dass solche Umkehrungen landläufiger Auffassungen in Richtung „jeder ist Künstler“, viele arbeiten wie Künstler, zur tatsächlichen Anreicherung von Kulturgesellschaften führen, ist damit keineswegs gesagt. Es zeigt sich eher, wie sehr Vorstellungen von freiem Arbeiten zu Behelfslösungen tendieren und Klischees von Unkonventionellem als Perspektiven herhalten müssen. Peter Sellars stellt sich in seinem Beitrag dieser Problematik und plädiert für Vielfalt, indem er Studierenden empfiehlt, „sich auf viele verschiedene Arten nützlich zu machen“, bevor sie daran denken, Kunst zu machen, um sich so eine breitere Erfahrungsbasis zu schaffen. Wolf D. Prix wiederum sieht im Projektmanager, „der nicht nur organisiert, sondern mitdenkt, mehrdimensionale Ziele verfolgt und sich nicht so leicht unterkriegen lässt“ Schlüsselfunktionen, zu denen gerade eine strategisch-konzeptive Architekturausbildung befähigen kann.

Günther Schmid: Arbeitsplätze der Zukunft: Von standardisierten zu variablen Arbeitsverhältnissen, in: Jürgen Kocka, Claus Offe (Hg.): Geschichte und Zukunft der Arbeit, Frankfurt am Main 2000, S. 283f.

SYMBOLANALYSTEN Solche Entgrenzungstendenzen ändern vorerst nichts daran, dass Erwerbsarbeit und Lohn-Leistungs-Komponenten zentrale, auf das knapp werdende und dadurch wertvolle Gut „adäquat bezahlte Arbeit“ konzentrierte, gesellschaftliche und subjektive Faktoren bleiben. Sich dazu abzeichnende Umbrüche werden den Arbeitsbegriff verändern, teilweise von Lohnarbeit abkoppeln, Mischfinanzierungen ausweiten. An der Abnahme betrieblicher Bindungen, der Dominanz von Jobs für verwendbare „flexible Menschen“ (Richard Sennett), der Neuentdeckung des Sozialen und Kulturellen als mehr oder minder ehrenamtliche Beschäftigungstherapie zeigt sich, in welche Richtungen es gehen dürfte. Um für interessante Projekte frei zu sein, braucht es sehr spezifische, weiterhin nur insular existierende Konstellationen. Im Idealfall bieten sie die Chance, eng gefasster Formatierung des Agierens und sich summierenden beruflichen Zynismen zu entkommen.

Neben abnehmender Bedeutung von Routinearbeit und Expansionsmöglichkeiten für persönliche Dienstleistungen betont Dirk Baecker unter Berufung auf Robert Reich – der den Begriff „Zweidrittelgesellschaft“ forcierte – vor allem Wachstumspotentiale für alles „was mit der Manipulation von Daten und Symbolen zu tun hat“, ob es sich nun um den Computersektor selbst oder um Filmregisseure, Schauspieler, Finanzberater, Ingenieure, Werbeexperten, Architekten, Schriftsteller oder Wissenschaftler handelt. Verbindend wäre, dass es immer wieder um das Finden „unbekannter Probleme zu möglichen Lösungen“ ginge und solche Arbeitsweisen „Organisationsformen und Lebensstile“ realisierbar machen, „die fast alle Gewohnheiten sprengen werden“. Derartige „Symbolanalysten haben keine Bosse und Untergebenen, sondern Partner in verschiedenen Abhängigkeitsverhältnissen voneinander.“

Dirk Baecker: Postheroisches Management. Ein Vademecum, Berlin 1994, S. 90f.

MÖGLICHKEITSRÄUME Gewohnheiten will auch Ulrich Beck sprengen, wenn er in Die Erfindung des Politischen konstatiert: „Intellektuell und sozialwissenschaftlich haben wir es überall mit einem Denken zu tun, das Handeln zur Aussichtslosigkeit verdammt“, also „der größtmögliche Gegensatz“ dazu, „Handeln ist möglich und chancenreich“, die eigentliche Herausforderung sei. Auch deshalb sind Projekte, als Möglichkeitsräume, Thema dieses Buches. Sie können zu einer plausiblen Bündelung von Überlegungen und Maßnahmen führen, um so die eigenen intellektuellen Fähigkeiten zu organisieren und auf Themen konzentrierte Initiativen in Gang zu setzen – sofern die Bedingungen es halbwegs erlauben und die individualistische Frage, was versucht werden könnte, um aus sich etwas zu machen, also durch Projekte zur ausgeprägten Person zu werden, nicht völlig irrelevant wird.

„Der Mensch ist zuerst ein Entwurf, der sich subjektiv lebt“, sein eigenes Projekt also. Seine Präsenz sollte an Künftigem orientiert, von Erstrebenswertem her zurückprojiziert an Kontur gewinnen. Er „ist voll und ganz verantwortlich“, er ist das, „wozu er sich macht“, hieß es zur Bekräftigung dessen in Sartres viele andere Überlegungen dazu komprimierenden Grundsätzen des Existenzialismus. Wie eine solche mental nachwirkende, rebellische Programmatik wird etwa auch Hannah Arendts Entwicklungsvorstellung – Arbeit, Herstellen, gemeinsames, politisches Handeln – von der Vita activa-Ökonomisierung fast völlig aufgesogen. Arendts nicht nur für politisches, künstlerisches, wissenschaftliches Arbeiten motivierendes „Denken des Anfangs“, welches das wenig beachtete „rätselhafte Vermögen, etwas überhaupt neu beginnen zu können“, zum Ansatz nimmt, verweist jedoch, als Reflexionen zum „etwas In-Bewegung-Setzen“ in vielen Aspekten auf Voraussetzungen für couragierte Projektarbeit.

Bei Vilém Flusser heißt eine Devise markant: „Vom Subjekt zum Projekt“. Sein uneingegrenztes Denken über das Entwerfen von Städten, Häusern, Familien, des Körpers, von Sex, Kindern, Technik, Arbeit mündet in die Vorstellung, „sich aus einem Subjekt in ein Projekt zu entwerfen“. Fasziniert hat ihn in seinen letzten Schriften vor allem die technisch erreichbare Entlastung des Menschen von Arbeit, „denn nicht Wirklichkeit, sondern Möglichkeit ist das Feld der Freiheit“.

Ulrich Beck: Die Erfindung des Politischen. Zu einer Theorie reflexiver Modernisierung, Frankfurt am Main 1993, S. 33 / Jean-Paul Sartre: Ist der Existentialismus ein Humanismus?, in: Drei Essays, Frankfurt am Main 1960, S. 11f. / Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 1981 / Oliver Marchart: Neu beginnen. Hannah Arendt, die Revolution und die Globalisierung, Wien 2005, S. 17, 77 / Vilém Flusser: Vom Subjekt zum Projekt. Menschwerdung, Bensheim-Düsseldorf 1994, S. 275, 151.

BEFREIUNG IN DER ARBEIT | BEFREIUNG VON DER ARBEIT In einem markanten aktuellen Buch zu dieser Thematik konstatiert Wolfgang Engler: „Befreiung in der Arbeit, das ist, politisch konkretisiert, der Kampf für eine Arbeitsorganisation und für Arbeitsbedingungen, die möglichst vielen Menschen Handlungs- und Entscheidungsspielräume in ihrer Arbeit eröffnet, ist täglicher Widerspruch und Widerstand gegen den vermeintlichen Determinismus technisch-technologischer Abläufe. – Befreiung von der Arbeit, in der ,konservativen‘ Variante (arbeiten, aber nicht allzu lange), das impliziert politisch den Kampf für die Verkürzung der Arbeitszeit, Widerstand gegen die Umkehr dieses Prozesses, gegen die grassierende Einverleibung menschlicher Zeitmaße in den Verwertungstakt. – Befreiung von der Arbeit, als radikales Projekt konzipiert, das ist der Kampf für arbeitsfreie Existenz, für ein berechenbares, auskömmliches, und in diesem Sinne gutes Leben auch ohne oder mit wenig, nur episodisch ansetzender Arbeit.“ Diese radikale Perspektive zielt auf ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ ab; „das Kapital selbst wird seiner bedürfen“, so die dezidiert vertretene Auffassung, „sollte es sein globales Projekt jemals vollenden; eher früher, auf dem Weg dorthin.“ Voraussetzung sei „ein Bildungssystem, das sich von seiner monokausalen Abhängigkeit vom Erwerbsleben als einzig legitimer Existenzform des Menschen löst.“

Wolfgang Engler: Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft, Berlin 2005, S. 86, 351, 150.

PROJEKTBASIERTE POLIS „Der neue Geist des Kapitalismus“, so Luc Boltanski und Éve Chiapello in einem anderen Ansatz, ist durch „die Entstehung der projektbasierten Polis“ geprägt, einer zunehmend das Geschehen überlagernden und es prägenden losen „Ansammlung aktiver Kontakte, aus denen Formen entstehen“, was weit über die in den letzten Jahren gebräuchlich gewordene „Projekt-Rhetorik“ hinausgehe. Das sei eine Reaktion darauf, dass „eine kaleidoskopartige Wahrnehmung des Geschäftslebens und der Formeln erfolgreichen Wirtschaftshandelns“ längst nicht mehr reiche. Der hohe Aktivitätsstatus von Projekten hingegen ermögliche „die Produktion und die Akkumulation in einer Welt, die, wenn sie lediglich aus Konnexionen bestünde, ohne Halt, ohne Zusammenschlüsse und ohne feste Formen ständig in Fluss befindlich wäre.“ Da auch die neuen sozialen Bewegungen sich „der Netz- und Projektthematik bedienen und dadurch auf Tuchfühlung zu der neuen Welt sind“, ergäbe das, sofern es gelingt, dass die sich zur Festigung dieses Fließens bildenden Strukturen „die Kräfteverhältnisse in der Netzwelt legitimieren und beschränken“, durchaus, allerdings von zahllosen Einflüssen gefährdete Perspektiven. Markant an den extensiven Ausführungen dazu ist die Wertschätzung künstlerischen Argumentierens: „Wie anderthalb Jahrhunderte Kapitalismuskritik gezeigt haben, widersprechen die beiden Formen der Sozial- und Künstlerkritik einander in vielen Punkten. Andererseits sind sie aber auch untrennbar miteinander verbunden, insofern sie unterschiedliche Aspekte der Lebenswirklichkeit betonen und sich dadurch ausgleichen und wechselseitig bestärken. Solange beide am Leben erhalten werden, besteht die Hoffnung, dass den vom Kapitalismus ausgelösten Verwerfungen begegnet werden kann“.

Luc Boltanski, Éve Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus (Paris 1999), Konstanz 2003, S. 147ff., 149, 150, 417, 575.

PERFORMANCE UND RELEVANZ Sofern projektorientierte Arbeitsweisen von Künstlern, Publizisten, Symbolanalysten zum sich ausweitenden Modell werden, machen sich wie im professionellen, nicht ohne ausgebaute Betreuungsapparate auskommenden Sport, dem radikalisierten Leistungsvorbild, zwei von André Gorz betonte Hauptfaktoren der Moderne, „Rationalisierung und Subjektivierung“, bemerkbar – also neben unerlässlicher Spezialisierung und Organisierbarkeit vor allem individuelle Bedeutungs-und Markenbildung, Selbstmanagement, Beurteilung der „Performance“. Letzteres ist die längste Zeit Künstlern und Künstlerinnen vorbehalten gewesen. Eine solche Kulturalisierung des Geschehens verdeckt unter anderem, dass jenen in der Regel auch vorbehalten bleibt, problematisches Muster für Selbstvorsorge am Rande des Sozialstaates zu sein, wo Misserfolge als selbst verschuldet gelten. Nur Stars der A-Liga haben es eben geschafft; zur Beruhigung gibt es gelegentlich Preise für Nebenrollen. Dass auch bewunderte Werke der Architektur wegen der Honorarregeln und Drucksituationen für die Urheber mit Verlusten enden oder großartige Filme die Kosten nicht hereinspielen, ist so alltäglich, dass es längst als „selbstverständliche“ Konsequenz unzureichender Vermittlung und Nachfrage gilt. Gelegentlich korrigierend einzugreifen soll genügen. Überraschungen werden so seltener. Energien verlagern sich vom Produzieren auf ein Verkaufen. Die Nachfrage als letzte Instanz ist ein Paradigmenwechsel an den sich alle erst gewöhnen müssen, ohne dass absehbar würde, was das langfristig für Konsequenzen hat.

„Kultur“ wird als anscheinend integrierender Gesamtzusammenhang vorgeschoben, obgleich Kulturelles und Künstlerisches streng genommen erst dann zum Teil der Gesellschaften prägenden, Geldströme leitenden Ökonomie werden, „wenn es um Zahlungen/Finanzierungen geht oder um die marketability of arts, cultural events etc. (,cultural industries‘)“. Ob nun Wissensvorrat, Sinnbildung, Orientierung, Weltsicht, Experiment, Gedächtnisfunktionen oder Repräsentation Priorität bekommen, ist zur Kenntnis zu nehmen, so Birger P. Priddat, „dass die Frage danach, was relevant ist, nicht ökonomisch entschieden wird, sondern durch den gesellschaftlichen Diskurs, der die Kultur festlegt – wenn auch oft nur für kurze Zeit“. Diese „Sinnkonkurrenz“ zwischen ökonomischer und nicht-ökonomischer Bestimmung sollte, so die Konsens erstrebende, sich auf Märkte verlassende Annahme, zu Übereinstimmung tendieren; „was aber, wenn nicht?“, lautet die offen bleibende, für die jeweilige „Projektkultur“ prekäre Frage.

André Gorz: Arbeit zwischen Misere und Utopie, Frankfurt am Main 2000, S. 184 / Birger P. Priddat: Kultur als Hintergrund / Vordergrund der Ökonomie, in: Birger P. Priddat (Hg.): Kapitalismus, Krisen, Kultur, Marburg 2000, S. 189ff., 194, 218.

POTENZIALE Für Alexander Kluge lassen sich ernst zu nehmende Projekte weiterhin als „die Fortbewegungsform von Selbstbewusstsein bei den Menschen" denken, schon weil das problematische Übergänge von Denken zum Handeln, von Konzept zur Realisierung unter den jeweiligen, nur selten wirklich günstigen Bedingungen evident macht. Er sieht in ihnen „im Grunde Vorgriffe, Ausbrüche in die Ferne“ und ein Symptom für gesellschaftliche Zustände, denn „wenn Menschen mehr Potenzial haben, als von ihnen gebraucht wird, von ihnen genommen wird, dann gibt es Projekte."

SKLAVEN | MEGACITIES Die in diesem Band angesprochenen, hier in Erinnerung gerufenen Themen verknüpfen berufliche Einordnungen, weil sich von den Arbeitsweisen her latente Überlagerungen ergeben, selbst wenn es inhaltlich um völlig verschiedene Dinge geht. Dem viel zitierten Machbaren werden zusätzliche Dimensionen erschlossen. Die erwähnten Beispiele für Projektwelten reichen von den Windmühlen, die Leibniz konzipiert hat, über Robinson Crusoes Projektarbeit auf seiner Insel bis zu für künftige Wesen verständlichen Warntafeln in Tschernobyl (Alexander Kluge) oder vom wieder zu aktualisierenden Anti-Slavery-Movement zu Arbeitsauffassungen in Indien oder Bali, was Peter Sellars anspricht, der „Beispiele statt Leerformeln“ fordert und weltweit „zu entdeckende Reichtümer“ zum Schwerpunkt künftiger Projekte machen will. An Kunst sind ihm primary experience und primary research besonders wichtig. Auf Erwerbsarbeit beschränkt, liegen essenzielle Dimensionen des Menschseins brach. Daher gehe es darum, „für sich ein Gebilde aus Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen, das ein lebenslanges Engagement zulässt, als Beteiligung an ernsthafter Problembearbeitung“. Gelinge das, könne auch etwas weitergegeben werden. Fundamentale indische Kulturkritik oder arabische Einflüsse auf Urbanität und architektonisches Entwerfen (Zaha Hadid) werden ebenso evident, wie die antikapitalistische Geldvernichtung in den Sieben Himmelspalästen von Anselm Kiefer oder die strukturelle Notwendigkeit von Zeichensetzungen in Megacities, die Wolf D. Prix für notwendig hält, um zu Strategien zu gelangen, „wie das sehr wohl steuerbar würde, sonst drohen ungeahnte soziale Konflikte und Desaster“.

ORIENTIERUNG Erfahrungen mit Kooperationen zwischen medialer Kunst und Architektur (Brigitte Kowanz) lassen sich mit Orientierungsdesign in unübersichtlichen Situationen (Fons Hickmann) in Bezug setzen. Im Selbstverständnis von Brigitte Kowanz ist die Anschlussfähigkeit von Projekten, die Dirk Baecker als Objektivierungs- und Akzeptanzmoment betont, ein zentraler, bei ihr dezidiert subjektiver, auf das Transformieren wissenschaftlicher Erkenntnisse und technologischer Möglichkeiten ausgerichteter Punkt: „Im Fertigwerden werden sie zur Basis für das Folgende“. Ein Hinarbeiten auf packende Augenblicke im Theater (Bernhard Kleber) korreliert mit Intensitäten bei der Porträtfotografie (Elfie Semotan). Dass Christoph Schlingensiefs Experimentieren mit Chaos, Symbolen und Aufforderungen, „endlich in den eigenen Film einzutreten“, in traditionellen Institutionen Belebung und sogar Nachfrage nach obstinater Unternehmensberatung erzeugt, erhellt, wie empfänglich bestimmte Mechanismen für verjüngende Irritationen sind, wie leicht sich Medien kurzfristig gleichschalten lassen und auf welche Art von Projekten und welche Formen von Scheitern sie reagieren. Relikte seiner Arbeit will er irgendwann genau an jener Erdspalte in Island versammeln, wo sich Europa tektonisch von Amerika wegbewegt.

INSTITUTIONEN UND PROJEKTE Von anderen Trennungen spricht Manfred Faßler: „Es wird immer deutlicher, dass wissensbildende Informationen und die Fähigkeiten, Wissen zu erzeugen, längst nicht mehr vorrangig in den klassischen Universitäten zu finden sind. Der kulturevolutionäre Wettstreit zwischen Institutionen und Projekten ist in den Netzwerken globaler digitaler Kulturen schon im Gange.“ Ein Durchdenken solcher Transfersituationen mache evident, wie projektorientiert das Geschehen längst verläuft: „Knowledge follows Project“ / „Form follows Project“. Dirk Baecker konstatiert ein erst spät einsetzendes wissenschaftliches Interesse an solchen Entwicklungen und problematisiert damit angewandte Wissenschaft; denn längst hätte man „in diesen im Grunde illusionistischen Apparaten verstärkt Lebenswelten fördern, Projektbedingungen viel komplexer begreifen können“. Letztlich handle es sich nicht um getrennte Welten, denn „Projekte leben von Institutionen und Netzwerken, die Netzwerke und Institutionen leben davon, dass gewisse Dinge in Projektform realisiert werden“. Seine Kommentare dazu lassen sich zur Schilderung der Arbeitsweise von Ärzte ohne Grenzen und zum Spektrum medizinischer Hilfe in Nicaragua, Pakistan, Afghanistan, Ruanda, Mosambik oder Bolivien (Reinhard Dörflinger), der Forschungspolitik der EU und ihrer Funktion als Trägerorganisation für Projekte (Barbara Rhode) oder den Überlegungen zu „Projektuniversitäten“ gegenlesen, wie sie Gerald Bast von seiner Position als Rektor aus präzisiert, beharrend darauf, dass sich Universitäten als Schaltstellen für „die Produktion von Veränderung“, für „das Schaffen neuer Realitäten“ behaupten müssen.

TRANSFORMATION In welcher Vielschichtigkeit Martha Rosler in Bringing the War Home Rechercheprojekte zu den Folterungen der US-Army im Irak als „Deutung von Wirklichkeit und Wahrheit“ künstlerisch transformiert (Gabriele Werner), konterkariert akademische Blockaden für Transdisziplinäres, wie sie Burghart Schmidt am Beispiel der Natur- und Geisteswissenschaften analysiert. Er leitet von den Projekterfahrungen der „harten“ Wissenschaften plausible Kooperationsmuster ab, da dort zuerst bewusst wurde, „dass viele Phänomene nur dann in Annäherung durchschaut werden könnten, wenn sie unter den verschiedenen Perspektiven der verschiedenen Naturwissenschaften angegangen würden“. Erst im Weiteren habe sich Interdisziplinäres „aus dem Anwachsen der Informationsmengen, dem man im ersten Schritt mit bornierter Fachidiotie begegnen wollte“ ergeben. „Nicht einen Teil seiner künstlerischen wie wissenschaftlichen Arbeit interdisziplinären Projekten zu widmen, hieße schlichtweg Borniertheit“, meint er dazu lakonisch.

MAXIMALISMUS | ALLTAG Kommentare zu Arbeitsweisen junger Designer-und Architektengruppen (EOOS, osa), sowie deren Strategien, öffentliche Räume zurückzugewinnen, solche zu Rechtsfragen für Gestalterisches (Walter Holzer), zur finanztechnischen Ausgrenzung von Nicht-Kommerziellem als bloße Liebhaberei (Deloitte Auditor), zu bürokratischer werdenden Verfahren (Eva Blimlinger) problematisieren die Bedingungen für forschendes, künstlerisches Arbeiten und die Marginalisierung jedes Interesses an nicht-kommerzialisierbaren Komponenten. Die Beschreibung neo-existenzialistischer Jugendkulturen verdeutlicht Sehnsüchte nach eigensinnigen Projektleben: „Ich mache mein Ding“ (Robert Misik). Essayistische Abschnitte zu Projektarbeiten in islamisch orientierten Ländern (Christian Reder), zu Maximalismus- und Alltagsprojekten in Russland (Erich Klein) und zum letzten dezidiert linken Revolutionsversuch vor Ende des Kalten Krieges, jenem auf der Karibikinsel Grenada, mit Rückbezügen zur Projektwelt von Bertolt Brecht (Ernst Strouhal) haben globale politischgeografisch-kulturelle Perspektiven im Blick. „Im Bewusstsein der Unbestimmtheit des Weges“ geht es weiter, wenn möglich widersprüchlich, also produktiv, heißt es dort.

EXEMPLARISCHE NORMALITÄT Vieles an den Argumentationen aller Mitautoren und Mitautorinnen – für die sich ein Durchschnittsalter von 50 Jahren ergibt – korreliert mit inzwischen überblickbaren Lebenswegen der jüngeren Generation, die bei einem (tendenziell generalistischen, aber fachlich spezialisierten) Kunststudium ansetzten, was durchaus Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Sparten ergibt. Von einer problem- und projektorientierten Vermittlungs- und Beobachtungsposition aus, wie dem Zentrum für Kunst- und Wissenstransfer an der Universität für angewandte Kunst Wien, zeigt sich das für noch nicht Etabliertes, in Bewegung Befindliches vielleicht markanter, als wenn konventionelle Fachlaufbahnen verfolgt würden. Eine aktuelle Broschüre der Hochschülerschaft fasst diese Funktion, etwas dramatisiert, als Die Projektuniversität in der Universität zusammen. Empirisch-analytische Bezugsfelder sind kulturpolitische und systemanalytische Beratungen, persönliche Projekterfahrungen sowie Diskurse, wie sie in diesem Band vertreten sind. Im Kern geht es um Selbstorganisation, um ungewöhnliche Erfahrungsräume, um ein Agieren ohne Limitierung durch abgrenzbare Disziplinen. Manches davon kann Defizite universitärer Angebote verdeutlichen, gerade was transdisziplinäre Projektchancen betrifft, die auch in medizinischer, juristischer oder ökonomischer Ausbildung angebracht wären. Denn erkennbar ist längst, dass sich aus explizitem Interesse für Fachkombinationen und selbst gestaltbare Transfers eigenwillige Lebenswege ergeben können, die durchaus auch ökonomisch in Balance zu halten sind, ob nun innerhalb, am Rand oder außerhalb der Sphäre „Kunst“ operiert wird.

Von mir langjährig verfolgbare Beispiele für solche von einem Transferdenken geprägte Positionen, von denen im Folgenden einige herausgegriffen werden, bestätigen für sich erst formierende Biografien, was in vielen Beiträgen als ständig stattfindendes Überschreiten konventioneller Zuordnungen und als Erschließen noch unabsehbarer Aktivitätsfelder angesprochen wird.

DAS AUGE BETREFFEND So ist etwa im Dezember 2005 im MAK (Österreichisches Museum für angewandte Kunst, Wien) in einem großen, abgedunkelten Raum mit drei Großprojektionen eine Situation erzeugt worden, die eine Art Metasprache eines wissenschaftlichen Labors und darin ablaufender Prozesse präsent machte. Eindringliche menschenleere Sequenzen versetzten einen in Sichtweisen, wie monoton operierende Schüttelapparate die Welt wahrnehmen könnten. Diese Transformation von Wissenschaft in Bildwelten ergab sich aus einer langjährigen Kooperation der Ophthalmologischen Abteilung (ophthalmologisch: „das Auge betreffend“) von IBILI, des Institute of Biochemical Research in Light and Image an der Universität Coimbra/Portugal mit Herwig Turk, der sich nach einem Kunststudium in Wien nun seit Jahren auf solche Visualisierungsexperimente konzentriert (BLINDDATE, Co-Autoren: Günter Stöger, Paulo Pereira). „Von Kunst- und Wissenstransfer“, so sein E-Mail-Statement, habe er entscheidende Impulse bezogen, weil „konsequente Denkfreiheit und Methodenwahl praktiziert wurde. Spannend war, dass der Projektgedanke (damals noch eher originär) als schnelle und flexible Einheit promotet wurde und Netzwerken (noch ohne www) das um und auf war.“ Jede Projektbesprechung habe dazu ermuntert, „an eine Situation offen heranzugehen und nicht nur in den geläufigen Konstellationen von Personen und Institutionen zu denken.“

MULTITUDE Nach einem Keramikstudium (Diplom 1990) ist Uli Aigner, die nach einer Gastprofessur in München nun auch an der autonomen ghostAkademie und als Kuratorin wirkt, zur uneingegrenzt arbeitenden, viele Medien einbeziehenden erfolgreichen Künstlerin geworden. Im aktuellen Werkbuch zu ihrer Ausstellung im Lentos Kunstmuseum Linz erinnert sie an die Ausbildungsjahre: „Kunst- und Wissenstransfer“ und „die wilden Vorträge des Peter Weibel waren zentrale Orientierungspunkte für mein Denken und Tun“. Mit Richard Jochum ergaben sich seit seinem Philosophie- und Kunststudium Kooperationen bei von ihm konzipierten Veranstaltungen und in Publikationen, bevor er, als Künstler, Theoretiker und Lehrender tätig, nach Berlin und New York weiter gezogen ist. Friedemann Derschmidt, ein anderes Beispiel für transferorientierte „Multitude“, hat über Jahre hinweg mit seinem Permanent Breakfast-Programm zur Grenzauflösung, das entlang des aufgegebenen Eisernen Vorhangs und an öffentlichen Plätzen inhaltlich offen bleibende Gesprächssituationen initiierte, bis in die USA reichende Schneeballeffekte und weltweite Medienwirksamkeit erzielt. Seine sorgsamen Filme über den jüdischen Tänzer Rudolf Schmitz alias Menachem Rudyn und aussterbendes Handwerk oder das Engagement für Roma- und Sinti-Musiker demonstrieren, wohin ein Architekturstudium führen kann. Ein solches hat auch Robert Temel nicht auf die Baubranche eingeengt; er konzentriert sich auf urbanistische Studien, Diskussionsveranstaltungen und Projektentwicklungen und ist Kolumnist von Architektur aktuell für den Netzbereich. Genauso unabsehbar war, dass der Bildhauer Thomas Kosma einmal das lebensgroße Mammut vor dem Urzeitmuseum in Nussdorf ob der Traisen in Niederösterreich, das von Profis aus Disneyland stammen könnte, in Beton gießen würde; es waren seine archäologischen Interessen, die ihn zum Spezialisten für solche Aufträge machten. Die weiter verfügbare Gussform würde Duplikate ermöglichen, mit denen sich, wo immer es passt, eine Eiszeitstimmung bestärken ließe.

Werkbuch Uli Aigner 2004–1984, Linz 2005, S. 238 / Richard Jochum: Komplexitätsbewältigungsstrategien in der neueren Philosophie: Michel Serres, Wien 1998 / Bernhard Schneider, Richard Jochum (Hg.): Erinnerungen an das Töten. Genozid reflexiv, Wien 1999 / www.richardjochum.net / www.permanentbreakfast.org / Peter Döllmann, Robert Temel: Lebenslandschaften. Zukünftiges Wohnen im Schnittpunkt von privat und öffentlich, Frankfurt am Main 2002.

TEXT UND BILD Entstanden sind solche anhaltenden Kontakte aus beidseitigem hochschulpolitischem Engagement, vor allem aber durch Projektkooperationen, etwa zur Problematisierung von Gedenk- und Dokumentationsstätten für das KZ Gusen, weil Studierende nicht einfach Erwartbares zu einem Wettbewerb beitragen wollten. War dabei ein Zeithistoriker wie Bertrand Perz einbezogen, ist es ein andermal der Balkanexperte Jaques Le Rider. Die Erforschung der weiteren Berufswege unserer Absolventen hat Elisabeth Al Chihade nach ihrem Kunstpädagogik-Studium zum Thema ihrer viele Vorurteile entkräftenden Dissertation gemacht; eine „selbst gewählte Mischung aus Philosophie und Soziologie“, so der Co-Betreuer Roland Girtler. Sie liefert damit systematisierte Einblicke in künstlerischkulturelle Arbeitssituationen, wie sie im allgemeinen Starkult kaum beachtet werden und lehrt inzwischen an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt und der Modeschule der Stadt Wien (Schwerpunkt: Entwurfstechniken, Computergrafik, Medien, Design). Nikolaus Gansterer, ein Teilnehmer des Transferprojekt Damaskus ist mit seiner künstlerischen Arbeit zuletzt in Ausstellungen in London, New York oder Warschau präsent gewesen und mit dem 1. Wiener Gemüseorchester, das nur Gemüse als Instrumente benutzt, bis nach Rom, Moskau und Schanghai unterwegs. Konstantin Luser, dessen intarsierter Helm in diesem Band abgebildet ist (Seite 394), setzt, etwa in Graz, ganze Hochhausfassaden für interaktive Kommunikationsmöglichkeiten ein, wobei Lichtpunkte in Blindenschrift ein wichtiges Element sind. Für Angelika Mathis, die als Grafikerin ein mehrfach ausgezeichnetes arabisch-deutsches Kalenderbuch für Schüler entwickelte, oder für Stefanie Wuschitz, die Erfahrungen in libanesischen Palästinenserlagern zeichnend, filmend, schreibend aufgearbeitet hat, haben sich aus der in Damaskus initiierten Beschäftigung mit der arabischen Welt markante Folgearbeiten ergeben. Projekte und Dissertationen konzentrieren sich vielfach auf zu entwickelnde Korrelationen zwischen Text und Bild – denn wer kann schon ohne Bilder (und Klangbilder) denken. Die Gruppe um Christoph Steinbrener wiederum kann als Beispiel dafür dienen, dass sich auch mit nicht direkt in die Universität eingebundenen Gruppierungen Kontinuitäten – und „Anschlussfähigkeiten“ – ergeben, weil inhaltlich offene Beratungsleistungen in Anspruch genommen werden (Unternehmen Capricorn; Operation Figurini. Eine soziale Skulptur; DELETE!; Wien 2001–2005). Auch Doris Rothauer gehört zu diesem Umfeld; nach einem Studium der Handelswissenschaft war sie Generalsekretärin der Wiener Secession, Direktorin des Künstlerhauses und betreibt nun mit Martin Sirlinger eine eigene Beratungs- und Projektmanagementagentur, das „Büro für Transfer“, ausgerichtet auf den „Wissenstransfer zwischen weicher Kreativität und harter Wirtschaftlichkeit“.

Elisabeth Al Chihade: Die Hochschule für angewandte Kunst in Wien und ihre Absolventen von 1970 bis 1995, Wien 1999 / www.gansterer.org / www.gemueseorchester.org / steinbrener.net / www.steinbrener-dempf.com / www.dorisrothauer.at / www.buerofuertransfer.at

SPEZIALISIERTE GENERALISTEN Solche von der ursprünglichen Ausbildung abweichende Wege skizzieren, wie unvorhersehbar sich gerade generalistisch angelegte, selbst gefundene und erfundene Arbeitsfelder entwickeln. Das macht permanent erfahrbar, welche Potenziale angesichts der Einschränkungen normaler Universitätsroutine aktivierbar sind, gerade wenn fachübergreifende Projekte das Angebot bereichern und solche Initiativen durch Beratungsleistungen zu Konzepterstellung, Präsentation, Finanzierung, Rechtsfragen bestärkt werden. Im Archiv aus den Anfangsjahren solcher Ausbildungserweiterungen findet sich dazu folgendes Statement von Bazon Brock: „Generalistisches Arbeiten heißt nicht unbedarfte Einmischung in alles und jedes; generalistisches Arbeiten verlangt vielmehr nach dem leidenschaftlichen Einsatz für übergeordnete Gesichtspunkte, die allgemein gelten.“ Das im Einzelfall zu vermitteln, sollte vieles unter motivierender, teilnehmender und objektivierender Beobachtung aber auch einfach geschehen lassen.

Bazon Brock: Ästhetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit, Köln 1986, S. 355.

MIKROPROJEKTE Die Kleinteiligkeit – vielfach auch Kargheit – solcher im erster Eindruck immer desperat wirkenden Projektszenerien ist Ausdruck gesellschaftlicher Realitäten auf Small-Budget-Ebenen, auf denen eingeführte Markt- und Finanzierungsmechanismen in aller Regel nicht greifen, gerade wenn Experimentelles, Forschendes wichtiger genommen wird als unmittelbar Verkaufbares. Mischfinanzierungen sind die Regel. Dazu Harald Gründl von EOOS: „Wir forschen eben ohne dass uns jemand explizit damit beauftragt, weil wir kulturell relevante Dienstleistungen erbringen wollen“. Auch Ulrich Beckefeld engagiert sich in Low-Budget-Projekten mit der Begründung „selbstfinanzierte Forschung“. Fons Hickmann wiederum nimmt Social Design und Aufträge für Hilfsorganisationen wichtig, nicht zuletzt, um gegen die Brutalisierung „beim Umgang mit Künstlern, beim Kürzen von Texten, in der Zahlungsmoral“ Freiräume zu verteidigen. Entscheidendes entsteht unter meta-ökonomischen Bedingungen, abgespaltet von der Wirtschaftswelt. Das oft irreale, zunehmend schematisierte Verhältnis von Beantragungsaufwand und tatsächlichen Förderungschancen wird sowohl für die EU-Ebene (Barbara Rhode) als auch für akademische Bereiche (Eva Blimlinger) kommentiert. Letztlich hat es „Großes“ eher leichter. Konträre Beispiele liefern sonderbarer Weise die ärmsten Weltgegenden, wo sich wenigstens sektoral manchmal die Regel, mit viel Geld wenig zu bewirken, zur Chance, mit wenig Geld viel zu erreichen verdreht.

STAATENLOS Werden in wohlhabenden Gesellschaften Projekte vor allem als Bauvorhaben oder umstrittene Interventionen wahrgenommen, sind sie in sozial und ökonomisch devastierten Zonen vielfach das Einzige, was Bewegung signalisiert. So haben sich in Kabul, heißt es in meinem Bericht über die dortige Situation (Afghanistan, fragmentarisch; 2004), „Hunderte Hilfsorganisationen niedergelassen, sozusagen als Zellen, von denen Dynamik ausgehen soll. Ihre überall sichtbaren Schilder vermitteln den Eindruck einer hochaktiven Projektkultur, wie sie unter geordneteren Verhältnissen kaum denkbar ist. Aktivismus, vor allem auch dessen Privatisierung, wird von den Ansätzen her öffentlich sichtbar. Vorrang scheint sozial Relevantes zu haben, das Notwendigste, das Drängendste, handelt es sich doch primär um uneigennützige, Solidarität behauptende Non-Profit-Organisationen. Aus aller Welt angereiste Experten haben begonnen, für Frauen, für Kinder, für Schulen, für Waisen, für das Gesundheitswesen, für den Wiederaufbau etwas zu tun; zumindest kündigen das die Aufschriften an. Offensichtlich wird das, was in reichen Ländern überall stark reduziert wird, in einer solchen Situation für besonders wichtig gehalten.“ Welche Grade von Selbstorganisation der lokalen Bevölkerung damit verbunden sind, vom Nahverkehr über Schulen bis zur Armenfürsorge oder privaten Sicherheitsdiensten, ässt vieles an solchen vom Staat verlassenen Stadtsituationen wie eine Vision von generell Möglichem erscheinen.

Christian Reder: Afghanistan, fragmentarisch, Edition Transfer, Wien-New York 2004, S. 16 / Christian Reder in: Manfred Faßler, Cyrill Gutsch, Claudius Terkowsky (Hg.): Urban Fictions. Die Zukunft des Städtischen, München 2006.

MIKROFINANZIERUNG Auf solche Realitäten reagiert hat etwa der in den USA ausgebildete Ökonomieprofessor Muhammad Yunus, der zum Pionier für eine ausgebaute Förderung von Mikroprojekten wurde. In seinem Herkunftsland Bangladesch begann er – als Exempel angewandter Wissenschaft – 1979 damit, durch günstige Kleinkredite, vor allem auch an Frauen, eine bessere Absicherung von Selbständigkeit zu ermöglichen. Daraus entwickelte sich ein Millionen erreichender Mikrofinanzsektor mit verschiedenen Anbietern. Trotz aller denkbaren problematischen Begleiterscheinungen werden so Dinge in Bewegung gesetzt, zu denen sich traditionelle Institutionen nicht in der Lage fühlen. Es verdeutlicht auch, wie wenig unter westlichen Bedingungen mit 50 oder 5.000 Euro angefangen werden kann und wie vergleichsweise schwer selbst bescheidene Mittel ohne Sicherheiten und nachweisbare Einkünfte auf marktwirtschaftliche Weise beschaffbar sind. Solche Divergenzen könnten es nicht nur für Konzerne, sondern auch auf Normalebene interessant machen, außerhalb der sich einmauernden westlichen Hochlohnländer mit ihrem analog hohen Lebenskostenniveau ohne die früheren Attitüden „etwas zu unternehmen“, wenn daheim mit geringem Startkapital keine Chancen gesehen werden. Jahrhunderte lang sind Europäer überall hingegangen; jetzt erschreckt sie der Gegenverkehr. In einer Analyse der Situation auf dem Balkan heißt es dazu: „Ohne abzuwarten, dass auf politischer Ebene die theoretischen, die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen wurden, hätten vergleichsweise minimale Investitionen maximale – nicht zuletzt psychologische – Effekte bringen können. Für solche Projekte gibt es lange Listen, die niemanden interessiert haben.“

Inzwischen scheint die skizzierte Kreditkonzeption auch in Europa mit Blick auf arme Gesellschaften zu greifen – etwa im Investmentfond Vision Microfinance der Vienna Portfolio Management AG (Leopold Seiler) –, um auf dem Markt „Gutes zu tun“ Anlagemöglichkeiten zu offerieren und in fast aussichtslos erscheinenden Armutssituationen, ohne die lokal meist üblichen Wucherzinsen ein Realisieren von Projekten zu ermöglichen; überdies liegen die Ausfallsraten weit unter jenen westlicher Länder. Die deutsche „Bewegungsstiftung“ (Motto: „Anstöße für soziale Bewegungen“) oder die „Bürgerstiftung Hamburg“ sind Beispiele, dass Kleinteiligkeit gerade von wenig betuchten Investorengruppen wichtig genommen wird. Auf Wohlstandsregionen bezogen unterstreichen solche Vergleiche, welche Signifikanz Private-Public-Projektfinanzierungen gerade in Small-Budget- Bereichen haben, ob es nun um handelbare Waren geht oder nicht, und wie es um Startchancen in „Kulturgesellschaften“ – die vieles ermöglichen sollten – bestellt ist.

Muhammad Yunus: GRAMEEN. Eine Bank für die Armen der Welt, Bergisch-Gladbach 1998 / Wolfgang Libal, Christine von Kohl: Der Balkan. Stabilität oder Chaos in Europa, Wien 2000, S. 99 / Vision Microfinance: www.vpm.at / www.bewegungsstiftung.de / www.buergerstiftung-hamburg.de

NÜTZLICHES WISSEN UND NICHT-WISSEN Welche analogen, nicht zwingend in Finanzierungskreisläufe eingebundene Projektwelten existieren, führt einem etwa die Mobile Akademie Berlin vor Augen, „eine mobile Institution auf Zeit, die immer wieder ihren Standort verlagert“. Getragen von einem Team um Hannah Hurtzig werden einmal fortgeschrittene Studierende, junge Künstler und Künstlerinnen „mit Projekterfahrung“ zu „Konstruktion und Erfindungen urbaner Folklore“ eingeladen, 2005 wiederum ist, mit Stationen in Berlin (siehe Bild Seite 450) und Warschau, der Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen veranstaltet worden. Während unserer Gespräche für dieses Buch konnten wir davon profitieren und mehrere Termine mit dort präsenten Experten wahrnehmen; Kosten für eine halbe Stunde: jeweils 1 Euro. An der Ticket-Börse entstand ein reger Handel, alles zu zivilen Preisen, aber streng nach Angebot und Nachfrage. 120 Experten und Expertinnen standen zur Verfügung, Zuschauer konnten im abgedunkelten Saal von erhöhten Sitzreihen aus das Geschehen an langen Reihen von Zweiertischen und auf Videoschirmen verfolgen. Harun Farocki stand zu „Erinnerung, schweig!“, Dirk Baecker zur Turing-Maschine zur Verfügung. Dutzende Arbeitsfelder, von „Aktivismus, politisch“ über „Arbeit“, „Architektur“, „Dichtung“, „Dilemma“, „Kartografie“, „Kommunikation“, „Medien“, „Musik, Lärm/Geräusch“, „Orientierung“, „Raum“, „Sex“, „Sprache“, „Technik, künstlerisch“, „Theater“, bis „Übersetzung“ oder „Urbanismus“ waren vertreten. Immer wieder kamen konkrete Projekterfahrungen zur Sprache, ob nun nutzbare Lücken von Bauvorschriften, „gefühltes Wissen“ als sozialer Planungszugang oder die temporäre Besiedlung leer stehender Plattenbauten zur Diskussion standen. Der konzentrierte, am Gegenüber Interesse zeigende Gedankenaustausch lief in erstaunlich respektvoller Atmosphäre ab, gerade weil sich alle fremd waren, sie gleichrangig miteinander umgingen und Wissenshierarchien vorübergehend außer Kraft gesetzt gewesen sind – als Beispiel zu Manfred Faßlers Frage „Welche Zukunft für welche Wissenswerkstatt?“

Dass neben oft illusionären, machtpolitischen Megaprojekten und der Projektorientierung vieler Arbeitsweisen solche ungebunden-informellen Projektszenerien wesentliche Bewegungsmomente sind, lässt sich prägnanter vermitteln, wenn hier auch noch Interpretationen des Projektbegriffs und zugehörige Orientierungsmuster knapp kommentiert werden.

Mobile Akademie Berlin: www.mobileacademy-berlin.com

DANIEL DEFOE Es fällt in die Zeit von Frühaufklärung und Frühliberalismus, dass Daniel Defoe in seinem Welterfolg Robinson Crusoe (1719) einem Projektleben Form gegeben hat – „… my head began to be full of projects and undertakings beyond my reach …“ –, das in vielen Aspekten prägend werdende Vorstellungen und Verhaltensweisen stilisiert, von unternehmerischer Initiative bis hin zur Überlebenskunst nach Katastrophen. Die Person des Robinson Crusoe blieb Inbegriff für „the complicity between evangelizing Christianity and economic colonization“, was ihr, reflektierend gelesen, eine wiederkehrende Aktualität bewahrt. Do-it-Yourself ist nur eine Facette des angesprochenen Spektrums. Defoe selbst, dieser exemplarische „citizen of the modern world“ (so sein Biograf John Robert Moore) war es auch, der als erster den Projektbegriff in reformerischem Kontext lanciert hat, als er in An Essay Upon Projects (1697) konkrete Verbesserungsvorschläge präsentierte, die auch heute noch zum Verständnis aufgeklärter Pragmatik und anglo-amerikanischer Denktraditionen beitragen können. Um solche historische Dimensionen präsent zu machen, liegt dieses Erstlingswerk Defoes als Parallelband zum Lesebuch Projekte in kommentierter deutschsprachiger Neuausgabe vor, einschließlich kompakter Nachforschungen zu Etappen und Wandlungen von Projektvorstellungen, die hier knapp resümiert werden.

Daniel Defoe: Ein Essay über Projekte, herausgegeben und kommentiert von Christian Reder, Edition Transfer, Wien-New York 2006 / Hans Turley: Protestant evangelicalism, British imperialism, and Crusonian identity, in: Kathleen Wilson (Hg.): A New Imperial History. Culture, Identity and Modernity in Britain and the Empire 1660–1840, Cambridge 2004, S. 192f. / John Robert Moore: Daniel Defoe. Citizen of the Modern World (1958), Chicago-London 1970.

PROJECTING AGE Von Daniel Defoe wird der Anfang des Projecting Age mit 1680 datiert, denn ihm zufolge begann damals „the art and mystery of projecting to creep into the world“. Im Spekulationsfieber der frühen Kolonialzeit hatten sich Szenerien von Projektanten gebildet, die für ihre Ideen Geldgeber und die Gunst von Fürsten suchten. „Verkannte Erfinder, die Romantiker der Tat, die unruhigen und fein organisierten Gehirne“ waren genauso darunter, so Werner Sombart, wie Bankrotteure oder „Bohemiens, die aus der Bourgeoisie entwischt sind und nun gern wieder hinein möchten, kühne und auskunftsreiche Leute“.

England ist in dieser Phase weithin als Vorbild erreichbarer Freiheiten angesehen worden. Die dortigen, von den liberalen Niederlanden aus beeinflussten Umwälzungen haben, so Reinhart Koselleck, weithin ausgestrahlt, denn „der Verlauf der Französischen Revolution von 1787 bis 1815 gleicht in vieler Hinsicht, nicht nur im Prozess gegen den König, der zu seiner Hinrichtung führte, dem Ablauf der Englischen Revolution von 1640 bis 1660/88. Und so kann es nicht verwundern, dass die Voraussagen der Französischen Revolution immer wieder auf das Beispiel der Englischen zurückgriffen und dass die Diagnosen im Verlauf der Französischen Revolution immer wieder von Analogieschlüssen aus der englischen Parallele zehrten, um glaubwürdig zu sein.“ In England Begonnenes hatte Folgen jenseits des Atlantiks und am Kontinent: „Seit der Amerikanischen und der Französischen Revolution stehen alle politischen Handlungseinheiten im Zugzwang, sich zu demokratisieren.“

Werner Sombart: Der Bourgeois. Zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen (1913), Berlin 1987, S. 52f. / Reinhart Koselleck: Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt am Main 2000, S. 209, 229.

PRAGMATIK Defoes Projektvorschläge, ob er nun Steuerbefreiung, Mindestunterhalt und kostenlosen Gesundheitsdienst für Arme, gleiche Ausbildungschancen für Frauen, die Bekämpfung von Steuerhinterziehung, ein reformiertes Bank- und Börsenwesen, Sparkassen, ein neues Konkursrecht, leistungsfähige Handelsgerichte, die Privatisierung öffentlicher Aufgaben und des Straßenbaus oder – wegen „unserer eigenen Verrücktheit“ – die würdige Betreuung von Geisteskranken fordert, lesen sich im Abstand von dreihundert Jahren wie ein Katalog weiter bestehender Defizite, stellenweise auch wie eine Persiflage auf geläufige Politikkonzepte, Weltbankprogramme oder Consultant-Gutachten. Seine Popularisierung der Ideen von John Locke macht Korrelationen von Anfangs- und Akutphasen kapitalistischer Entwicklungen und den sich von damaligen Aufbruchsphasen herleitenden Pragmatismus anschaulich.

SHAKESPEARE | DESCARTES Die früheste im Rahmen der Recherchen dazu entdeckte Literaturstelle findet sich bei Shakespeare 1600/1601. Von ihm wird der geplante Mord an Hamlet ausdrücklich als Projekt bezeichnet, also ausgerechnet ein Mord an jemandem, der aus heutiger Sicht, „frei, abhängig und blind zugleich“, ständig auf der „Suche nach dem System, in dem er eine Rolle spielen kann“, gewesen ist. In The Tempest, zehn Jahre danach, gibt die als Projekt verstandene Lebensplanung des zentralen Protagonisten dem Begriff eine markant ausgeweitete, konstruktivere Bedeutung. René Descartes verwendet ihn 1637 im Discourse de la Méthode für sein Erkenntnisstreben; ursprünglich war ihm „das Projekt einer universalen Wissenschaft“ vorgeschwebt.

Erst hundert Jahre nach dem ausgerufenen Projektzeitalter war der Begriff „Projekt“ im Deutschen gebräuchlich geworden. In Goethes Faust schließlich geht es zentral um Projekte, bis hin zum Neuen Menschen: „Ein herrlich Werk ist gleich zustand gebracht / (…) Es wird ein Mensch gemacht.“

Beschreibung Hamlets von Dirk Baecker, in: Dirk Baecker, Alexander Kluge: Vom Nutzen ungelöster Probleme, Berlin 2003, S.130.

DEFINITION A + B In der hier eingangs zitierten großen Enzyklopädie der Aufklärung wird unter „Projekt“ schlicht „ein Plan, den man zu verwirklichen beabsichtigt“ verstanden, einschließlich diverser „unsinniger Unternehmungen“. Von einer Einengung auf wirtschaftlich Relevantes ist somit nicht die Rede. Auch heute noch definiert das Deutsche Institut für Normung e. V. den Terminus „Projekt“ erstaunlich weit gefasst als „ein Vorhaben, das im Wesentlichen durch eine Einmaligkeit der Bedingungen in ihrer Gesamtheit gekennzeichnet ist“ (DIN 69901). „Projektkultur“ wird als die „Gesamtheit der von Wissen, Erfahrung und Tradition beeinflussten Verhaltensweisen der Projektbeteiligten und deren generelle Einschätzung durch das Projektumfeld" beschrieben (DIN 69905).

ETWAS UNTERNEHMEN Werner Sombart, der 1913, kurz vor dem Auseinanderbrechen der bürgerlichen Welt, ausführlich auf Defoe als Projektdenker und einen „der besten Sachkenner der damaligen Zeit“ eingegangen ist, hat den Übergang von Projekten zu Unternehmen detailreich kommentiert und sich dabei nicht auf Ökonomie eingrenzen lassen. Unter der stabilisierten Form des Projektes, der Unternehmung (im weitesten Sinn), versteht er „jede Verwirklichung eines weitsichtigen Planes, zu dessen Durchführung es des andauernden Zusammenwirkens mehrerer Personen unter einem einheitlichen Willen bedarf.“ Und „das Gebiet der Unternehmung ist so weit wie das Feld der menschlichen Tätigkeit überhaupt. Der Begriff ist also keineswegs auf das Wirtschaftliche beschränkt. Die wirtschaftliche Unternehmung ist vielmehr eine Unterart der Unternehmung überhaupt, die kapitalistische Unternehmung eine Unterart der wirtschaftlichen Unternehmung.“ Er scheidet zwar aus dieser Definition „alles künstlerische sowie alles rein handwerkliche Schaffen“ aus, weil es in der Regel „nur einer“ ausführe, hat dabei aber sichtlich noch nicht die verzahnten und abhängiger gewordenen künstlerischen und wissenschaftlichen späteren Produktionsbedingungen vor Augen.

Werner Sombart: Der Bourgeois. Zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen (1913), Berlin 1987, S. 59, 60f.

RUDIMENTÄR BÜRGERLICH Wie es um den – sichtlich als Rarität – oft nur noch flehentlich angesprochenen „bürgerlichen“, also auch „kultivierten“ und „kultivierenden“ Initiativgeist inzwischen steht, kommentiert Alexander Kluge in diesem Band, indem er das ursprüngliche Projecting Age in Erinnerung ruft: „Bürgerlich meine ich hier positiv, mit bürgerlich meine ich stürmisch, ,ich will mich realisieren‘“. Das gelte genauso für den Projektemacher, „der ja als Patriot des Eigenwillens den bürgerlichen Instinkt in sich hat. Das hat’s vorher nicht gegeben im Feudalismus. Und das gibt es heute natürlich immer seltener, weil die bürgerliche Gesellschaft nicht wirklich präsent ist, sie setzt sich nicht fort. Das, was wir heute sehen, sind alles sozusagen Embryonen von Bürgern, die leben und sterben. Wir kommen gar nicht bis zum Ich, bis zur ICH AG. Dieses Ich ist aber eine ganz zerstörerische Potenz.“ Auch global betrachtet sind die schmalen Mittelschichten weiterhin nur sehr bedingt Stützen positiver Entwicklungen, als die sie ständig apostrophiert werden. Ein in seinen UNO-Funktionen damit konfrontierter Aktivist wie Jean Ziegler sieht in ihnen fast durchwegs eine „,gekaufte‘ Bourgeoisie“, weil in aller Regel die Interessen korrupter Regime und der Konzerne, „dieser neuen Feudalherren“, vertreten werden. Deren Möglichkeiten, Steuerzahlungen zu entkommen, erinnern an frühere Privilegien von Adel und Klerus.

Jean Ziegler: Das Imperium der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung (Paris 2005), München 2005, S. 71.

RESTGRÖSSE: LIBERALES KLIMA Das allseits betriebene Umschwenken aus sozialstaatlich liberalen in privatisierend neoliberale Richtungen – im Kern schlicht die vieles ruinierende Radikalisierung von Profitmaximierung – hat zwangsläufig markante Auswirkungen auf jedes Projektklima. Wie selbstreflexiv das vor sich geht, prägt sich erst seit dem Ende der Systemkonkurrenz deutlicher aus. Neue Gegner müssen für Zusammenhalt sorgen; davon finden sich selbst in den eigenen Reihen genügend. Dazu konstatiert Richard Rorty, unbeirrbarer Vertreter des Liberalismus amerikanischer Prägung und einer kritisch gebliebenen US-Öffentlichkeit, dass in den Vereinigten Staaten nun schon seit längerem „die ,Liberalen‘ – das heißt alle, die auch nur über die Verteilung von Reichtum, Einkommen und Chancengleichheit nachzudenken beginnen“, als „verrückt“ und „unmoralisch“ hingestellt werden. Kein Politiker, der gewählt werden will, könne sich noch als „liberal“ bezeichnen, wobei sich ohnedies nahezu niemand mehr „um Wahlen kümmert, ausgenommen die Mittelklasse der Suburbs“ und sogar die Armen kaum dazu gebracht werden, „für ihre eigenen Interessen zu stimmen“. Für ein Projektdenken heiße das, „dass es jetzt an Europa liegt, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.“ Von dessen skeptischen Haltungen verspricht er sich offenbar mehr als von der propagierten Siegesgewissheit im eigenen Land mit ihrem unverblümten, auch anderswo grassierenden Zurückdrängen kritischer Stimmen.

Mit dieser Beschwörung und Verteidigung eines liberalen Klimas trifft er sich mit Jürgen Habermas, der in Philosophie in Zeiten des Terrors (2003) die Wichtigkeit reziproker Bemühungen um „die Öffnung einer Mentalität“ betont und das laufe generell eher über „die Liberalisierung der Verhältnisse, über eine objektive Entlastung von Druck und Angst“.

Richard Rorty: Europa sollte auf sich selbst bauen, in: Europa oder Amerika? Zur Zukunft des Westens, Sonderheft Merkur, Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Heft 9/10 Berlin 2000 (darin vertritt Rorty übrigens auch eine Auffassung, die trotz weiterer Zuspitzungen im Berlusconi-Italien aus dem europäischen Common Sense wieder verschwunden ist: „Es ist für mich eine große Ermutigung, dass die Regierungschefs Europas sich entschlossen haben, Österreich zu boykottieren, ohne zuvor Washington zu konsultieren …“) / Jürgen Habermas in: Jürgen Habermas, Jaques Derrida: Philosophie in Zeiten des Terrors. Zwei Gespräche, geführt, eingeleitet und kommentiert von Giovanna Borradori (Chicago 2003), Berlin 2004, S. 61.

HERRSCHAFTSLOGIK Einer solchen defensiv-reformerischen Pragmatik können Radikaloppositionelle wie Michael Hardt und Antonio Negri kaum etwas abgewinnen, denn Souveränität habe als „Empire“, in dem „überall Korruption“ herrsche, längst „eine neue Form angenommen“ – „die eine einzige Herrschaftslogik eint“. Wenn überhaupt, so ergäben sich Perspektiven somit nicht mehr aus dem Anspruch repräsentativen Handelns sondern allein durch kontrapunktische „konstituierende Tätigkeit“ – also tatsächlich bei der desperaten Situation der Ärmsten und einem Blick „von unten“ ansetzende Projekten und Strategien. Alles bloß Karitative würde nur systemstützend wirken.

Dass „die entstaatlichte Bürgergesellschaft die uns zugedachte Zukunft ist“, also überall Selbsthilfe greifen soll, als „Lückenbüßer eines säumigen, pflichtvergessenen Staates“, so auch Wolfgang Engler, sei Konsequenz des gewendeten Reformdenkens. „Reform“ wird vom „,Fortschritt‘ in seiner eingebürgerten Bedeutung, vom Glücksanspruch der Mehrheit, von der Förderung der Schwachen“ entkoppelt; „,richtige‘ Reformen sind nunmehr schmerzhaft, tun weh, sie gehorchen dem Zwang zum Weniger, nicht den Verlockungen des Mehr und Immermehr, sie bringen Einschränkungen mit sich, Belastungen, Enttäuschungen“. Dabei ginge es vor allem darum, „die Handlungs- und Tätigkeitsimpulse von Menschen zu bewahren, ja zu bekräftigen, die der Arbeitsprozess ausscheidet – das ist die alles Wesentliche einschließende Kurzfassung der neuen kulturellen Weltformel und umreißt zugleich den nächsten Schritt, den unsere Gemeinwesen gehen müssten, sollen nicht ungezählte Menschen in Selbstzweifel und Apathie verharren“.

Michael Hardt, Antonio Negri: Empire. Die neue Weltordnung (2000), Frankfurt am Main 2002, S. 10, 396, 419 / Wolfgang Engler: Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft, Berlin 2005, S. 243, 58, 236, 146.

UNVOLLENDETE MODERNE „Die Welt zu einem besseren Ort zu machen“, mit ausgeweiteten Chancen, „eine neue, verschiedene Art von Person zu werden, die andere Dinge wünscht als zuvor“, also „neue, synkretistische und umfassende Arten zu leben zuwegebringt“, wie es etwa Richard Rorty unverdrossen fordert, verweist auf anderes als neoliberale Modernisierungen, auf das – nach Jürgen Habermas bekanntlich latent „unvollendete“ – „Projekt der Moderne“, also auf zwangsläufig unübersichtliche, widersprüchliche, oft kontraproduktive Intentionen und Richtungsangaben der Aufklärung, die von der „durch die moderne Wissenschaft inspirierten Vorstellung vom unendlichen Fortschritt der Erkenntnis und eines Fortschreitens zum gesellschaftlich und moralisch Besseren“ geprägt sind. Selbst in seinen Grundzügen keinesfalls allgemein geläufig, geschweige denn akzeptiert, ist es zwar durch die strukturelle Gliederung von Verfassungsstaaten und essenzielle Elemente der Rechtsordnungen, ansonsten aber bestenfalls rhetorisch zum Common Sense geworden.

Das nicht in Erinnerung zu rufen, würde ausblenden, welche Orientierungsrahmen und Kriterien für Projekte Anwendung finden könnten (oder – und sei es als Provokation – eben nicht), auch wenn keine selbsttätige Geschichtsautomatik behauptet wird. Es gelte, so Habermas in ursprünglichen, vieles inzwischen als wichtig Erkanntes ausgrenzenden, vor allem auf Organisation setzenden Formulierungen, „die objektivierenden Wissenschaften, die universalistischen Grundlagen von Moral und Recht und die autonome Kunst unbeirrt in ihrem jeweiligen Eigensinn zu entwickeln, aber gleichzeitig auch die kognitiven Potenziale, die sich so ansammeln, aus ihren esoterischen Hochformen zu entbinden und für die Praxis, d.h. für eine vernünftige Gestaltung der Lebensverhältnisse zu nützen“, wozu es notwendig sei, „die gesellschaftliche Modernisierung in andere nichtkapitalistische Bahnen“ zu lenken.

In aktualisierten Versionen wird aus der Hoffnung auf Anderes ein Plädoyer für Zähmung: Allein durch die „Revision des Selbstbildes könnte beispielsweise der Westen lernen, was sich an seiner Politik ändern müsste, wenn er als eine zivilisierende Gestaltungsmacht wahrgenommen werden möchte. Ohne eine politische Zähmung des entgrenzten Kapitalismus lässt sich der verheerenden Stratifikation der Weltgesellschaft nicht beikommen. Die disparitäre Entwicklungsdynamik der Weltgesellschaft müsste in ihren destruktivsten Folgen – ich denke an die Depravierung und Verelendung ganzer Regionen und ganzer Kontinente – wenigstens ausbalanciert werden.“ Mechanismen dafür könne nur eine differenzierte Organisiertheit liefern, „wenn sich eines Tages die großen kontinentalen Regime wie EU, NAFTA [North American Free Trade Agreement] und ASEAN [Association of South East Asian Nations] zu handlungsfähigen Aktoren entwickelt haben, um dann transnationale Vereinbarungen zu treffen und für ein immer dichteres transnationales Geflecht von Organisationen, Konferenzen und Praktiken Verantwortung zu übernehmen“. Trotz latent erlebbarer Formen „kommunikativen Handelns“ – etwa in privilegierten Situationen an Universitäten –, die Konsequenzlosigkeit und manipulierbare Entscheidungsfindung kaum einschränken können, wird auf immer dichtere Verflechtungen gesetzt. Als Gegengewicht ließe sich auf lokaler Ebene oder als transkulturelle Brückenbildung die Ausbaufähigkeit von Projektkulturen forcieren.

Richard Rorty: Truth and Progress, Cambridge 1998, S. 186ff., zit. nach: Birger P. Priddat (Hg.): Kapitalismus, Krisen, Kultur, Marburg 2000, S. 213f. / Jürgen Ha