 |
LINKS |
 |
Springer Wien
New York |
 |
Universität
für angewandte Kunst Wien |
|
|
| Lesebuch Projekte
Vorgriffe, Ausbrüche in die Ferne
|

|
Hg.: Christian Reder
Edition Transfer bei Springer Wien New York 2006
|

|
„PROJEKT
(Moral) Ein Plan, den man zu verwirklichen beabsichtigt;
doch es ist ein weiter Weg vom Projekt zur Ausführung
& ein noch weiterer Weg von der Ausführung
zum Erfolg. Wie oft verfällt der Mensch
auf unsinnige Unternehmungen!“ |
Denis
Diderot / Jean d’Alembert (Hg.): Encyclopédie
ou Dictionaire raisonné de Sciences des
Arts et des Métiers, 28 Bände,
Paris 1751–1772. Zit nach: Philipp Blom:
Das vernünftige Ungeheuer. Diderot,
d’Alembert, de Jaucourt und die Grosse
Enzyklopädie (London 2004), Frankfurt
am Main 2005, S. 73 |
 |
Schwarzmarkt
für nützliches Wissen und Nicht-Wissen,
Berlin 2005 |
Foto:
Christian Reder |
„Die
Art von Projekten, ihre Positionsbestimmungen,
Resultate und Überraschungsmomente, sind
eine im Positiven, im Diffusen, im Negativen
vieles prägende Ebene, auf der sich zeigt,
was Klima und Rahmenbedingungen auch abseits
unmittelbarer ökonomischer Effekte im Großen
und im Kleinen zulassen – wie es also
tatsächlich um offen bleibende Möglichkeitsräume
steht.“ |
Christian
Reder |
|
| Christian
Reder
„Ein Plan, den man zu verwirklichen beabsichtigt
…“
Editorisches Nachwort
|
| INTENTION
Um Vorstellungen davon, was alles „Projekt“,
also Wünschenswertes, durch Kräftekonzentration
greifbar Werdendes sein könnte, aus üblich
gewordenen technisch-administrativen Umklammerungen
zu befreien und erweiterte Dimensionen von Außerordentlichem,
von Routine Abweichendem, ins Blickfeld zu rücken,
stehen in diesem Band künstlerische Positionen
und freischaffendes Arbeiten im Vordergrund. Alle Beiträge
sind 2005 entstanden, Redaktionsschluss war Ende Februar
2006. Diskutiert wurden Existenzformen und Denkweisen,
die von Projektarbeit geprägt sind sowie Vorhaben,
die nicht zwingend in wirtschaftlichen Sphären
Anschluss suchen müssen, um eine Realisierung zu
erreichen, um Teil der Wirklichkeit zu werden –
aber kulturelle und soziale Voraussetzung für vieles
sind.
Es wurde versucht, Arbeitswelten und Möglichkeiten
vom Künstlerischen, Gestalterischen, Analytischen
her zu denken, ohne daraus primär Kunstdebatten
zu machen; dokumentarisch, diskutierend, interpretationsmöglichkeiten
offen lassend. Ansatzpunkte lieferte die jeweilige Praxis
mit vielen Bezügen zu Alltäglichem. Um im
vorliegenden, inhaltlich nur lose planbaren „Reader
on Projects“ vorläufig zu einem Ende zu kommen,
werden hier manche der enthaltenen Feststellungen neu
gemischt nochmals aufgegriffen, nicht um vorschnell
zu resümieren, sondern um weiterführende Vernetzungslinien
zu bestärken. Was wie ein Sammelsurium fragmentierter
Gedankensplitter wirken mag, lässt sich schon deswegen
als Realitätsebene begreifen, weil es exponierte
Aktivisten und Aktivistinnen beschäftigt, die nicht
in Routinebahnen agieren und durchwegs von Spezialisierungen
aus auf Transfers, auf Transdisziplinäres hin orientiert
sind – und dadurch Sichtweisen beeinflussen.
|
NACH-GESELLSCHAFTLICHE
PROJEKTWELTEN Die Skepsis Projektarbeit gegenüber,
die in Institutionen – ob Unternehmen oder Universitäten
– eingebetteter Kontinuität und Sicherheit
nachtrauert, verweigert sich vielfach der stattfindenden
„grundlegenden Verwandlung der Welt des Handelns“
und der „Modi der Wissensproduktion“, so Manfred
Faßler in seinem Beitrag, denn „ökonomische,
wissenschaftliche, soziale oder künstlerische Muster
informationellen Handelns führen derzeit fast selbstverständlich
zu einer Neufassung von lernendem Handeln in Projekten“
und „die programmatische Sprache der digitalen Kulturen
ist die der Projekte“. Die sich darin ausdrückende
„Krise der Institutionen“, die zugleich eine
„Krise der strukturellen Kopplung zwischen Sozialsystem
und Individuum“ ist, lässt „Communities
of Projects, die an keinen Gesellschaftstyp und keine
Topografie gebunden sind“, als nach-gesellschaftliche
Aktionsfelder entstehen. Weder nationale, territoriale
oder institutionalisierte Zugehörigkeiten würden
somit noch eingrenzende, dauerhaft stützende Bezugsrahmen
bieten. Institutionen verschwinden nicht, überleben
aber vor allem als Trägerorganisationen für
Projekte, als Machtrefugien, als Stabilisierungsinstanzen,
als Speicher und Archive. „Wer nicht kooperiert,
der verliert“, ließe sich vereinfacht sagen;
„und das Verbindungsmuster hierfür ist ,Projekt‘
– eine befristete Klein-Föderation.“
Sich offensiv darauf einzustellen, wird mitbestimmen,
inwieweit es gelingt, derartige Verlagerungen als Chancen
zu nutzen. Unter aktivierenden Bedingungen könnte
das durchaus kooperativ angelegte Verhaltensweisen bestärken
und sich abschließende Individualität in Richtung
kooperierende Individualität öffnen. Die anthropologische
Konstante Learning-by-doing wird durch technologische
und mediale Transformationen ohnehin so wichtig wie kaum
jemals zuvor. |
| SELBSTÄNDIGKEIT
Zur sarkastischen Tatsachenfeststellung, bewundert werde,
wer sich nimmt, was er braucht und sich halbwegs gekonnt
als erfolgreich darstellt, versucht selbst das –
in diesem Band mehrfach angesprochene – berühmt-berüchtigte
Konzept der ICH AG von Tom Peters inhaltliche Gegenpole
zu lancieren. Die Oberflächen dominierende Tendenz
zur One-Man-Show soll dadurch Bodenhaftung bekommen.
Denn darin heißt es dezidiert, wer darauf aus
sei, wie ein Abhängigkeiten mitgestaltender Selbständiger
zu operieren, „fragt regelmäßig: WER
BIN ICH? / WAS WILL ICH SEIN?“, „beschäftigt
sich mit Arbeit, die Sinn macht“, „…
konzentriert sich 100-prozentig auf … D-A-S P-R-O-J-E-K-T!“,
„ist ,erneuerungswütig‘ / kultiviert
Neugier / ergreift jede Gelegenheit, e-t-w-a-s Neues
zu lernen!“ Eine solche ICH AG „macht Arbeit,
die ihr Geld wert ist“ und „ist Adressbuch-/Netzwerkfanatiker“.
Die sich nicht an lineare Karrieremuster haltende Konklusion:
„Ich bin meine Projekte“.
Tom Peters: Top 50. Selbstmanagement.
Machen Sie aus sich die ICH AG, München 1999
|
| VORBILD:
KÜNSTLERISCHES ARBEITEN Solche Anweisungen
könnten, abgesehen vom deutlichen Vorrang für
Finanzielles, aus der Kunstausbildung, der Filmbranche
oder aus avancierten Architekturbüros stammen.
In einem Sammelband zur Geschichte und Zukunft der
Arbeit wird deshalb in Analogie dazu ausdrücklich
„im Arbeitsmarkt der Künstler und Publizisten“
eine „verallgemeinerungsfähige Lösung“
gesehen. Denn die Selbständigenquote betrage bei
diesen bereits 35 Prozent „gegenüber 9 Prozent
bei allen Erwerbstätigen“. Ein Durcheinanderlaufen
von bezahlter und unbezahlter produktiver Tätigkeit
sei dabei längst etwas Normales. Angebote würden
sich auf einem auf Projekte ausgerichteten „Netzwerksarbeitsmarkt“
ergeben. Deshalb erscheine die Prognose „nicht
allzu gewagt, dass die Arbeitsplätze der Zukunft
zunehmend ,künstlerisch‘ geprägt sein
werden: mehr selbstbestimmt, kompetitiv, wechselhaft
in Art und Umfang des Beschäftigungsverhältnisses,
in stärkerem Maße projekt- oder teamorientiert,
zunehmend in Netzwerke und weniger in Betriebe integriert,
mit vielfältigen und wechselnden Arbeitsaufgaben,
schwankender Entlohnung oder Vergütung und kombiniert
mit anderen Einkommensquellen oder unbezahlter Eigenarbeit“
(Günther Schmid).
Weitergedacht könnte das heißen, dass für
die sich abzeichnende Offenheit und Unsicherheit der
Lebensgestaltung Kunststudien jeder Business Administration
Ausbildung gleichwertig, vielleicht sogar überlegen
wären, sofern sie dezidiert auf Projektarbeit,
selbstorganisatorische Aspekte, den Umgang mit unübersichtlichen
Situationen und sich ständig verändernden
Betriebssystemen ausgerichtet sind. Dass solche Umkehrungen
landläufiger Auffassungen in Richtung „jeder
ist Künstler“, viele arbeiten wie Künstler,
zur tatsächlichen Anreicherung von Kulturgesellschaften
führen, ist damit keineswegs gesagt. Es zeigt sich
eher, wie sehr Vorstellungen von freiem Arbeiten zu
Behelfslösungen tendieren und Klischees von Unkonventionellem
als Perspektiven herhalten müssen. Peter Sellars
stellt sich in seinem Beitrag dieser Problematik und
plädiert für Vielfalt, indem er Studierenden
empfiehlt, „sich auf viele verschiedene Arten
nützlich zu machen“, bevor sie daran denken,
Kunst zu machen, um sich so eine breitere Erfahrungsbasis
zu schaffen. Wolf D. Prix wiederum sieht im Projektmanager,
„der nicht nur organisiert, sondern mitdenkt,
mehrdimensionale Ziele verfolgt und sich nicht so leicht
unterkriegen lässt“ Schlüsselfunktionen,
zu denen gerade eine strategisch-konzeptive Architekturausbildung
befähigen kann.
Günther Schmid: Arbeitsplätze
der Zukunft: Von standardisierten zu variablen Arbeitsverhältnissen,
in: Jürgen Kocka, Claus Offe (Hg.): Geschichte
und Zukunft der Arbeit, Frankfurt am Main 2000, S.
283f.
|
|
| SYMBOLANALYSTEN
Solche Entgrenzungstendenzen ändern vorerst nichts
daran, dass Erwerbsarbeit und Lohn-Leistungs-Komponenten
zentrale, auf das knapp werdende und dadurch wertvolle
Gut „adäquat bezahlte Arbeit“ konzentrierte,
gesellschaftliche und subjektive Faktoren bleiben. Sich
dazu abzeichnende Umbrüche werden den Arbeitsbegriff
verändern, teilweise von Lohnarbeit abkoppeln,
Mischfinanzierungen ausweiten. An der Abnahme betrieblicher
Bindungen, der Dominanz von Jobs für verwendbare
„flexible Menschen“ (Richard Sennett), der
Neuentdeckung des Sozialen und Kulturellen als mehr
oder minder ehrenamtliche Beschäftigungstherapie
zeigt sich, in welche Richtungen es gehen dürfte.
Um für interessante Projekte frei zu sein, braucht
es sehr spezifische, weiterhin nur insular existierende
Konstellationen. Im Idealfall bieten sie die Chance,
eng gefasster Formatierung des Agierens und sich summierenden
beruflichen Zynismen zu entkommen.
Neben abnehmender Bedeutung von Routinearbeit und Expansionsmöglichkeiten
für persönliche Dienstleistungen betont Dirk
Baecker unter Berufung auf Robert Reich – der
den Begriff „Zweidrittelgesellschaft“ forcierte
– vor allem Wachstumspotentiale für alles
„was mit der Manipulation von Daten und Symbolen
zu tun hat“, ob es sich nun um den Computersektor
selbst oder um Filmregisseure, Schauspieler, Finanzberater,
Ingenieure, Werbeexperten, Architekten, Schriftsteller
oder Wissenschaftler handelt. Verbindend wäre,
dass es immer wieder um das Finden „unbekannter
Probleme zu möglichen Lösungen“ ginge
und solche Arbeitsweisen „Organisationsformen
und Lebensstile“ realisierbar machen, „die
fast alle Gewohnheiten sprengen werden“. Derartige
„Symbolanalysten haben keine Bosse und Untergebenen,
sondern Partner in verschiedenen Abhängigkeitsverhältnissen
voneinander.“
Dirk Baecker: Postheroisches
Management. Ein Vademecum, Berlin 1994, S. 90f.
|
|
| MÖGLICHKEITSRÄUME
Gewohnheiten will auch Ulrich Beck sprengen, wenn er
in Die Erfindung des Politischen konstatiert:
„Intellektuell und sozialwissenschaftlich haben
wir es überall mit einem Denken zu tun, das Handeln
zur Aussichtslosigkeit verdammt“, also „der
größtmögliche Gegensatz“ dazu,
„Handeln ist möglich und chancenreich“,
die eigentliche Herausforderung sei. Auch deshalb sind
Projekte, als Möglichkeitsräume, Thema dieses
Buches. Sie können zu einer plausiblen Bündelung
von Überlegungen und Maßnahmen führen,
um so die eigenen intellektuellen Fähigkeiten zu
organisieren und auf Themen konzentrierte Initiativen
in Gang zu setzen – sofern die Bedingungen es
halbwegs erlauben und die individualistische Frage,
was versucht werden könnte, um aus sich etwas zu
machen, also durch Projekte zur ausgeprägten Person
zu werden, nicht völlig irrelevant wird.
„Der Mensch ist zuerst ein Entwurf, der sich
subjektiv lebt“, sein eigenes Projekt also. Seine
Präsenz sollte an Künftigem orientiert, von
Erstrebenswertem her zurückprojiziert an Kontur
gewinnen. Er „ist voll und ganz verantwortlich“,
er ist das, „wozu er sich macht“, hieß
es zur Bekräftigung dessen in Sartres viele andere
Überlegungen dazu komprimierenden Grundsätzen
des Existenzialismus. Wie eine solche mental nachwirkende,
rebellische Programmatik wird etwa auch Hannah Arendts
Entwicklungsvorstellung – Arbeit, Herstellen,
gemeinsames, politisches Handeln – von der Vita
activa-Ökonomisierung fast völlig aufgesogen.
Arendts nicht nur für politisches, künstlerisches,
wissenschaftliches Arbeiten motivierendes „Denken
des Anfangs“, welches das wenig beachtete „rätselhafte
Vermögen, etwas überhaupt neu beginnen zu
können“, zum Ansatz nimmt, verweist jedoch,
als Reflexionen zum „etwas In-Bewegung-Setzen“
in vielen Aspekten auf Voraussetzungen für couragierte
Projektarbeit.
Bei Vilém Flusser heißt eine Devise markant:
„Vom Subjekt zum Projekt“. Sein uneingegrenztes
Denken über das Entwerfen von Städten, Häusern,
Familien, des Körpers, von Sex, Kindern, Technik,
Arbeit mündet in die Vorstellung, „sich aus
einem Subjekt in ein Projekt zu entwerfen“. Fasziniert
hat ihn in seinen letzten Schriften vor allem die technisch
erreichbare Entlastung des Menschen von Arbeit, „denn
nicht Wirklichkeit, sondern Möglichkeit ist das
Feld der Freiheit“.
Ulrich Beck: Die Erfindung
des Politischen. Zu einer Theorie reflexiver Modernisierung,
Frankfurt am Main 1993, S. 33 / Jean-Paul Sartre:
Ist der Existentialismus ein Humanismus?, in: Drei
Essays, Frankfurt am Main 1960, S. 11f. / Hannah Arendt:
Vita activa oder Vom tätigen Leben, München
1981 / Oliver Marchart: Neu beginnen. Hannah Arendt,
die Revolution und die Globalisierung, Wien 2005,
S. 17, 77 / Vilém Flusser: Vom Subjekt zum
Projekt. Menschwerdung, Bensheim-Düsseldorf 1994,
S. 275, 151.
|
|
| BEFREIUNG
IN DER ARBEIT | BEFREIUNG VON DER ARBEIT In
einem markanten aktuellen Buch zu dieser Thematik konstatiert
Wolfgang Engler: „Befreiung in der Arbeit, das
ist, politisch konkretisiert, der Kampf für eine
Arbeitsorganisation und für Arbeitsbedingungen,
die möglichst vielen Menschen Handlungs- und Entscheidungsspielräume
in ihrer Arbeit eröffnet, ist täglicher Widerspruch
und Widerstand gegen den vermeintlichen Determinismus
technisch-technologischer Abläufe. – Befreiung
von der Arbeit, in der ,konservativen‘ Variante
(arbeiten, aber nicht allzu lange), das impliziert politisch
den Kampf für die Verkürzung der Arbeitszeit,
Widerstand gegen die Umkehr dieses Prozesses, gegen
die grassierende Einverleibung menschlicher Zeitmaße
in den Verwertungstakt. – Befreiung von der Arbeit,
als radikales Projekt konzipiert, das ist der Kampf
für arbeitsfreie Existenz, für ein berechenbares,
auskömmliches, und in diesem Sinne gutes Leben
auch ohne oder mit wenig, nur episodisch ansetzender
Arbeit.“ Diese radikale Perspektive zielt auf
ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ ab;
„das Kapital selbst wird seiner bedürfen“,
so die dezidiert vertretene Auffassung, „sollte
es sein globales Projekt jemals vollenden; eher früher,
auf dem Weg dorthin.“ Voraussetzung sei „ein
Bildungssystem, das sich von seiner monokausalen Abhängigkeit
vom Erwerbsleben als einzig legitimer Existenzform des
Menschen löst.“
Wolfgang Engler: Bürger,
ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung
der Gesellschaft, Berlin 2005, S. 86, 351, 150.
|
|
| PROJEKTBASIERTE
POLIS „Der neue Geist des Kapitalismus“,
so Luc Boltanski und Éve Chiapello in einem anderen
Ansatz, ist durch „die Entstehung der projektbasierten
Polis“ geprägt, einer zunehmend das Geschehen
überlagernden und es prägenden losen „Ansammlung
aktiver Kontakte, aus denen Formen entstehen“,
was weit über die in den letzten Jahren gebräuchlich
gewordene „Projekt-Rhetorik“ hinausgehe.
Das sei eine Reaktion darauf, dass „eine kaleidoskopartige
Wahrnehmung des Geschäftslebens und der Formeln
erfolgreichen Wirtschaftshandelns“ längst
nicht mehr reiche. Der hohe Aktivitätsstatus von
Projekten hingegen ermögliche „die Produktion
und die Akkumulation in einer Welt, die, wenn sie lediglich
aus Konnexionen bestünde, ohne Halt, ohne Zusammenschlüsse
und ohne feste Formen ständig in Fluss befindlich
wäre.“ Da auch die neuen sozialen Bewegungen
sich „der Netz- und Projektthematik bedienen und
dadurch auf Tuchfühlung zu der neuen Welt sind“,
ergäbe das, sofern es gelingt, dass die sich zur
Festigung dieses Fließens bildenden Strukturen
„die Kräfteverhältnisse in der Netzwelt
legitimieren und beschränken“, durchaus,
allerdings von zahllosen Einflüssen gefährdete
Perspektiven. Markant an den extensiven Ausführungen
dazu ist die Wertschätzung künstlerischen
Argumentierens: „Wie anderthalb Jahrhunderte Kapitalismuskritik
gezeigt haben, widersprechen die beiden Formen der Sozial-
und Künstlerkritik einander in vielen Punkten.
Andererseits sind sie aber auch untrennbar miteinander
verbunden, insofern sie unterschiedliche Aspekte der
Lebenswirklichkeit betonen und sich dadurch ausgleichen
und wechselseitig bestärken. Solange beide am Leben
erhalten werden, besteht die Hoffnung, dass den vom
Kapitalismus ausgelösten Verwerfungen begegnet
werden kann“.
Luc Boltanski, Éve
Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus (Paris
1999), Konstanz 2003, S. 147ff., 149, 150, 417, 575.
|
|
| PERFORMANCE
UND RELEVANZ Sofern projektorientierte Arbeitsweisen
von Künstlern, Publizisten, Symbolanalysten zum
sich ausweitenden Modell werden, machen sich wie im
professionellen, nicht ohne ausgebaute Betreuungsapparate
auskommenden Sport, dem radikalisierten Leistungsvorbild,
zwei von André Gorz betonte Hauptfaktoren der
Moderne, „Rationalisierung und Subjektivierung“,
bemerkbar – also neben unerlässlicher Spezialisierung
und Organisierbarkeit vor allem individuelle Bedeutungs-und
Markenbildung, Selbstmanagement, Beurteilung der „Performance“.
Letzteres ist die längste Zeit Künstlern und
Künstlerinnen vorbehalten gewesen. Eine solche
Kulturalisierung des Geschehens verdeckt unter anderem,
dass jenen in der Regel auch vorbehalten bleibt, problematisches
Muster für Selbstvorsorge am Rande des Sozialstaates
zu sein, wo Misserfolge als selbst verschuldet gelten.
Nur Stars der A-Liga haben es eben geschafft; zur Beruhigung
gibt es gelegentlich Preise für Nebenrollen. Dass
auch bewunderte Werke der Architektur wegen der Honorarregeln
und Drucksituationen für die Urheber mit Verlusten
enden oder großartige Filme die Kosten nicht hereinspielen,
ist so alltäglich, dass es längst als „selbstverständliche“
Konsequenz unzureichender Vermittlung und Nachfrage
gilt. Gelegentlich korrigierend einzugreifen soll genügen.
Überraschungen werden so seltener. Energien verlagern
sich vom Produzieren auf ein Verkaufen. Die Nachfrage
als letzte Instanz ist ein Paradigmenwechsel an den
sich alle erst gewöhnen müssen, ohne dass
absehbar würde, was das langfristig für Konsequenzen
hat.
„Kultur“ wird als anscheinend integrierender
Gesamtzusammenhang vorgeschoben, obgleich Kulturelles
und Künstlerisches streng genommen erst dann zum
Teil der Gesellschaften prägenden, Geldströme
leitenden Ökonomie werden, „wenn es um Zahlungen/Finanzierungen
geht oder um die marketability of arts, cultural events
etc. (,cultural industries‘)“. Ob nun Wissensvorrat,
Sinnbildung, Orientierung, Weltsicht, Experiment, Gedächtnisfunktionen
oder Repräsentation Priorität bekommen, ist
zur Kenntnis zu nehmen, so Birger P. Priddat, „dass
die Frage danach, was relevant ist, nicht ökonomisch
entschieden wird, sondern durch den gesellschaftlichen
Diskurs, der die Kultur festlegt – wenn auch oft
nur für kurze Zeit“. Diese „Sinnkonkurrenz“
zwischen ökonomischer und nicht-ökonomischer
Bestimmung sollte, so die Konsens erstrebende, sich
auf Märkte verlassende Annahme, zu Übereinstimmung
tendieren; „was aber, wenn nicht?“, lautet
die offen bleibende, für die jeweilige „Projektkultur“
prekäre Frage.
André Gorz: Arbeit
zwischen Misere und Utopie, Frankfurt am Main 2000,
S. 184 / Birger P. Priddat: Kultur als Hintergrund
/ Vordergrund der Ökonomie, in: Birger P. Priddat
(Hg.): Kapitalismus, Krisen, Kultur, Marburg 2000,
S. 189ff., 194, 218.
|
|
POTENZIALE
Für Alexander Kluge lassen sich ernst zu nehmende
Projekte weiterhin als „die Fortbewegungsform von
Selbstbewusstsein bei den Menschen" denken, schon
weil das problematische Übergänge von Denken
zum Handeln, von Konzept zur Realisierung unter den jeweiligen,
nur selten wirklich günstigen Bedingungen evident
macht. Er sieht in ihnen „im Grunde Vorgriffe, Ausbrüche
in die Ferne“ und ein Symptom für gesellschaftliche
Zustände, denn „wenn Menschen mehr Potenzial
haben, als von ihnen gebraucht wird, von ihnen genommen
wird, dann gibt es Projekte." |
|
SKLAVEN
| MEGACITIES Die in diesem Band angesprochenen,
hier in Erinnerung gerufenen Themen verknüpfen berufliche
Einordnungen, weil sich von den Arbeitsweisen her latente
Überlagerungen ergeben, selbst wenn es inhaltlich
um völlig verschiedene Dinge geht. Dem viel zitierten
Machbaren werden zusätzliche Dimensionen erschlossen.
Die erwähnten Beispiele für Projektwelten reichen
von den Windmühlen, die Leibniz konzipiert hat, über
Robinson Crusoes Projektarbeit auf seiner Insel bis zu
für künftige Wesen verständlichen Warntafeln
in Tschernobyl (Alexander Kluge) oder vom wieder zu aktualisierenden
Anti-Slavery-Movement zu Arbeitsauffassungen in Indien
oder Bali, was Peter Sellars anspricht, der „Beispiele
statt Leerformeln“ fordert und weltweit „zu
entdeckende Reichtümer“ zum Schwerpunkt künftiger
Projekte machen will. An Kunst sind ihm primary experience
und primary research besonders wichtig. Auf Erwerbsarbeit
beschränkt, liegen essenzielle Dimensionen des Menschseins
brach. Daher gehe es darum, „für sich ein Gebilde
aus Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen, das ein lebenslanges
Engagement zulässt, als Beteiligung an ernsthafter
Problembearbeitung“. Gelinge das, könne auch
etwas weitergegeben werden. Fundamentale indische Kulturkritik
oder arabische Einflüsse auf Urbanität und architektonisches
Entwerfen (Zaha Hadid) werden ebenso evident, wie die
antikapitalistische Geldvernichtung in den Sieben
Himmelspalästen von Anselm Kiefer oder die strukturelle
Notwendigkeit von Zeichensetzungen in Megacities, die
Wolf D. Prix für notwendig hält, um zu Strategien
zu gelangen, „wie das sehr wohl steuerbar würde,
sonst drohen ungeahnte soziale Konflikte und Desaster“.
|
|
ORIENTIERUNG
Erfahrungen mit Kooperationen zwischen medialer Kunst
und Architektur (Brigitte Kowanz) lassen sich mit Orientierungsdesign
in unübersichtlichen Situationen (Fons Hickmann)
in Bezug setzen. Im Selbstverständnis von Brigitte
Kowanz ist die Anschlussfähigkeit von Projekten,
die Dirk Baecker als Objektivierungs- und Akzeptanzmoment
betont, ein zentraler, bei ihr dezidiert subjektiver,
auf das Transformieren wissenschaftlicher Erkenntnisse
und technologischer Möglichkeiten ausgerichteter
Punkt: „Im Fertigwerden werden sie zur Basis für
das Folgende“. Ein Hinarbeiten auf packende Augenblicke
im Theater (Bernhard Kleber) korreliert mit Intensitäten
bei der Porträtfotografie (Elfie Semotan). Dass Christoph
Schlingensiefs Experimentieren mit Chaos, Symbolen und
Aufforderungen, „endlich in den eigenen Film einzutreten“,
in traditionellen Institutionen Belebung und sogar Nachfrage
nach obstinater Unternehmensberatung erzeugt, erhellt,
wie empfänglich bestimmte Mechanismen für verjüngende
Irritationen sind, wie leicht sich Medien kurzfristig
gleichschalten lassen und auf welche Art von Projekten
und welche Formen von Scheitern sie reagieren. Relikte
seiner Arbeit will er irgendwann genau an jener Erdspalte
in Island versammeln, wo sich Europa tektonisch von Amerika
wegbewegt. |
|
INSTITUTIONEN
UND PROJEKTE Von anderen Trennungen spricht Manfred
Faßler: „Es wird immer deutlicher, dass wissensbildende
Informationen und die Fähigkeiten, Wissen zu erzeugen,
längst nicht mehr vorrangig in den klassischen Universitäten
zu finden sind. Der kulturevolutionäre Wettstreit
zwischen Institutionen und Projekten ist in den Netzwerken
globaler digitaler Kulturen schon im Gange.“ Ein
Durchdenken solcher Transfersituationen mache evident,
wie projektorientiert das Geschehen längst verläuft:
„Knowledge follows Project“ / „Form
follows Project“. Dirk Baecker konstatiert ein erst
spät einsetzendes wissenschaftliches Interesse an
solchen Entwicklungen und problematisiert damit angewandte
Wissenschaft; denn längst hätte man „in
diesen im Grunde illusionistischen Apparaten verstärkt
Lebenswelten fördern, Projektbedingungen viel komplexer
begreifen können“. Letztlich handle es sich
nicht um getrennte Welten, denn „Projekte leben
von Institutionen und Netzwerken, die Netzwerke und Institutionen
leben davon, dass gewisse Dinge in Projektform realisiert
werden“. Seine Kommentare dazu lassen sich zur Schilderung
der Arbeitsweise von Ärzte ohne Grenzen
und zum Spektrum medizinischer Hilfe in Nicaragua, Pakistan,
Afghanistan, Ruanda, Mosambik oder Bolivien (Reinhard
Dörflinger), der Forschungspolitik der EU und ihrer
Funktion als Trägerorganisation für Projekte
(Barbara Rhode) oder den Überlegungen zu „Projektuniversitäten“
gegenlesen, wie sie Gerald Bast von seiner Position als
Rektor aus präzisiert, beharrend darauf, dass sich
Universitäten als Schaltstellen für „die
Produktion von Veränderung“, für „das
Schaffen neuer Realitäten“ behaupten müssen.
|
|
TRANSFORMATION
In welcher Vielschichtigkeit Martha Rosler in Bringing
the War Home Rechercheprojekte zu den Folterungen
der US-Army im Irak als „Deutung von Wirklichkeit
und Wahrheit“ künstlerisch transformiert (Gabriele
Werner), konterkariert akademische Blockaden für
Transdisziplinäres, wie sie Burghart Schmidt am Beispiel
der Natur- und Geisteswissenschaften analysiert. Er leitet
von den Projekterfahrungen der „harten“ Wissenschaften
plausible Kooperationsmuster ab, da dort zuerst bewusst
wurde, „dass viele Phänomene nur dann in Annäherung
durchschaut werden könnten, wenn sie unter den verschiedenen
Perspektiven der verschiedenen Naturwissenschaften angegangen
würden“. Erst im Weiteren habe sich Interdisziplinäres
„aus dem Anwachsen der Informationsmengen, dem man
im ersten Schritt mit bornierter Fachidiotie begegnen
wollte“ ergeben. „Nicht einen Teil seiner
künstlerischen wie wissenschaftlichen Arbeit interdisziplinären
Projekten zu widmen, hieße schlichtweg Borniertheit“,
meint er dazu lakonisch. |
|
MAXIMALISMUS
| ALLTAG Kommentare zu Arbeitsweisen junger Designer-und
Architektengruppen (EOOS, osa), sowie deren Strategien,
öffentliche Räume zurückzugewinnen, solche
zu Rechtsfragen für Gestalterisches (Walter Holzer),
zur finanztechnischen Ausgrenzung von Nicht-Kommerziellem
als bloße Liebhaberei (Deloitte Auditor), zu bürokratischer
werdenden Verfahren (Eva Blimlinger) problematisieren
die Bedingungen für forschendes, künstlerisches
Arbeiten und die Marginalisierung jedes Interesses an
nicht-kommerzialisierbaren Komponenten. Die Beschreibung
neo-existenzialistischer Jugendkulturen verdeutlicht Sehnsüchte
nach eigensinnigen Projektleben: „Ich mache mein
Ding“ (Robert Misik). Essayistische Abschnitte zu
Projektarbeiten in islamisch orientierten Ländern
(Christian Reder), zu Maximalismus- und Alltagsprojekten
in Russland (Erich Klein) und zum letzten dezidiert linken
Revolutionsversuch vor Ende des Kalten Krieges, jenem
auf der Karibikinsel Grenada, mit Rückbezügen
zur Projektwelt von Bertolt Brecht (Ernst Strouhal) haben
globale politischgeografisch-kulturelle Perspektiven im
Blick. „Im Bewusstsein der Unbestimmtheit des Weges“
geht es weiter, wenn möglich widersprüchlich,
also produktiv, heißt es dort. |
|
| EXEMPLARISCHE
NORMALITÄT Vieles an den Argumentationen
aller Mitautoren und Mitautorinnen – für
die sich ein Durchschnittsalter von 50 Jahren ergibt
– korreliert mit inzwischen überblickbaren
Lebenswegen der jüngeren Generation, die bei einem
(tendenziell generalistischen, aber fachlich spezialisierten)
Kunststudium ansetzten, was durchaus Vergleichsmöglichkeiten
mit anderen Sparten ergibt. Von einer problem- und projektorientierten
Vermittlungs- und Beobachtungsposition aus, wie dem
Zentrum für Kunst- und Wissenstransfer an der Universität
für angewandte Kunst Wien, zeigt sich das für
noch nicht Etabliertes, in Bewegung Befindliches vielleicht
markanter, als wenn konventionelle Fachlaufbahnen verfolgt
würden. Eine aktuelle Broschüre der Hochschülerschaft
fasst diese Funktion, etwas dramatisiert, als Die
Projektuniversität in der Universität
zusammen. Empirisch-analytische Bezugsfelder sind kulturpolitische
und systemanalytische Beratungen, persönliche Projekterfahrungen
sowie Diskurse, wie sie in diesem Band vertreten sind.
Im Kern geht es um Selbstorganisation, um ungewöhnliche
Erfahrungsräume, um ein Agieren ohne Limitierung
durch abgrenzbare Disziplinen. Manches davon kann Defizite
universitärer Angebote verdeutlichen, gerade was
transdisziplinäre Projektchancen betrifft, die
auch in medizinischer, juristischer oder ökonomischer
Ausbildung angebracht wären. Denn erkennbar ist
längst, dass sich aus explizitem Interesse für
Fachkombinationen und selbst gestaltbare Transfers eigenwillige
Lebenswege ergeben können, die durchaus auch ökonomisch
in Balance zu halten sind, ob nun innerhalb, am Rand
oder außerhalb der Sphäre „Kunst“
operiert wird.
Von mir langjährig verfolgbare Beispiele für
solche von einem Transferdenken geprägte Positionen,
von denen im Folgenden einige herausgegriffen werden,
bestätigen für sich erst formierende Biografien,
was in vielen Beiträgen als ständig stattfindendes
Überschreiten konventioneller Zuordnungen und als
Erschließen noch unabsehbarer Aktivitätsfelder
angesprochen wird.
|
|
DAS
AUGE BETREFFEND So ist etwa im Dezember 2005
im MAK (Österreichisches Museum für angewandte
Kunst, Wien) in einem großen, abgedunkelten Raum
mit drei Großprojektionen eine Situation erzeugt
worden, die eine Art Metasprache eines wissenschaftlichen
Labors und darin ablaufender Prozesse präsent machte.
Eindringliche menschenleere Sequenzen versetzten einen
in Sichtweisen, wie monoton operierende Schüttelapparate
die Welt wahrnehmen könnten. Diese Transformation
von Wissenschaft in Bildwelten ergab sich aus einer langjährigen
Kooperation der Ophthalmologischen Abteilung (ophthalmologisch:
„das Auge betreffend“) von IBILI, des Institute
of Biochemical Research in Light and Image an der Universität
Coimbra/Portugal mit Herwig Turk, der sich nach einem
Kunststudium in Wien nun seit Jahren auf solche Visualisierungsexperimente
konzentriert (BLINDDATE, Co-Autoren: Günter
Stöger, Paulo Pereira). „Von Kunst- und Wissenstransfer“,
so sein E-Mail-Statement, habe er entscheidende Impulse
bezogen, weil „konsequente Denkfreiheit und Methodenwahl
praktiziert wurde. Spannend war, dass der Projektgedanke
(damals noch eher originär) als schnelle und flexible
Einheit promotet wurde und Netzwerken (noch ohne www)
das um und auf war.“ Jede Projektbesprechung habe
dazu ermuntert, „an eine Situation offen heranzugehen
und nicht nur in den geläufigen Konstellationen von
Personen und Institutionen zu denken.“
|
|
| MULTITUDE
Nach einem Keramikstudium (Diplom 1990) ist Uli Aigner,
die nach einer Gastprofessur in München nun auch
an der autonomen ghostAkademie und als Kuratorin
wirkt, zur uneingegrenzt arbeitenden, viele Medien einbeziehenden
erfolgreichen Künstlerin geworden. Im aktuellen
Werkbuch zu ihrer Ausstellung im Lentos Kunstmuseum
Linz erinnert sie an die Ausbildungsjahre: „Kunst-
und Wissenstransfer“ und „die wilden Vorträge
des Peter Weibel waren zentrale Orientierungspunkte
für mein Denken und Tun“. Mit Richard Jochum
ergaben sich seit seinem Philosophie- und Kunststudium
Kooperationen bei von ihm konzipierten Veranstaltungen
und in Publikationen, bevor er, als Künstler, Theoretiker
und Lehrender tätig, nach Berlin und New York weiter
gezogen ist. Friedemann Derschmidt, ein anderes Beispiel
für transferorientierte „Multitude“,
hat über Jahre hinweg mit seinem Permanent
Breakfast-Programm zur Grenzauflösung, das
entlang des aufgegebenen Eisernen Vorhangs und an öffentlichen
Plätzen inhaltlich offen bleibende Gesprächssituationen
initiierte, bis in die USA reichende Schneeballeffekte
und weltweite Medienwirksamkeit erzielt. Seine sorgsamen
Filme über den jüdischen Tänzer Rudolf
Schmitz alias Menachem Rudyn und aussterbendes Handwerk
oder das Engagement für Roma- und Sinti-Musiker
demonstrieren, wohin ein Architekturstudium führen
kann. Ein solches hat auch Robert Temel nicht auf die
Baubranche eingeengt; er konzentriert sich auf urbanistische
Studien, Diskussionsveranstaltungen und Projektentwicklungen
und ist Kolumnist von Architektur aktuell für
den Netzbereich. Genauso unabsehbar war, dass der Bildhauer
Thomas Kosma einmal das lebensgroße Mammut vor
dem Urzeitmuseum in Nussdorf ob der Traisen in Niederösterreich,
das von Profis aus Disneyland stammen könnte, in
Beton gießen würde; es waren seine archäologischen
Interessen, die ihn zum Spezialisten für solche
Aufträge machten. Die weiter verfügbare Gussform
würde Duplikate ermöglichen, mit denen sich,
wo immer es passt, eine Eiszeitstimmung bestärken
ließe.
Werkbuch Uli Aigner 2004–1984,
Linz 2005, S. 238 / Richard Jochum: Komplexitätsbewältigungsstrategien
in der neueren Philosophie: Michel Serres, Wien 1998
/ Bernhard Schneider, Richard Jochum (Hg.): Erinnerungen
an das Töten. Genozid reflexiv, Wien 1999 / www.richardjochum.net
/ www.permanentbreakfast.org
/ Peter Döllmann, Robert Temel: Lebenslandschaften.
Zukünftiges Wohnen im Schnittpunkt von privat
und öffentlich, Frankfurt am Main 2002.
|
|
| TEXT
UND BILD Entstanden sind solche anhaltenden
Kontakte aus beidseitigem hochschulpolitischem Engagement,
vor allem aber durch Projektkooperationen, etwa zur
Problematisierung von Gedenk- und Dokumentationsstätten
für das KZ Gusen, weil Studierende nicht einfach
Erwartbares zu einem Wettbewerb beitragen wollten. War
dabei ein Zeithistoriker wie Bertrand Perz einbezogen,
ist es ein andermal der Balkanexperte Jaques Le Rider.
Die Erforschung der weiteren Berufswege unserer Absolventen
hat Elisabeth Al Chihade nach ihrem Kunstpädagogik-Studium
zum Thema ihrer viele Vorurteile entkräftenden
Dissertation gemacht; eine „selbst gewählte
Mischung aus Philosophie und Soziologie“, so der
Co-Betreuer Roland Girtler. Sie liefert damit systematisierte
Einblicke in künstlerischkulturelle Arbeitssituationen,
wie sie im allgemeinen Starkult kaum beachtet werden
und lehrt inzwischen an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt
und der Modeschule der Stadt Wien (Schwerpunkt: Entwurfstechniken,
Computergrafik, Medien, Design). Nikolaus Gansterer,
ein Teilnehmer des Transferprojekt Damaskus
ist mit seiner künstlerischen Arbeit zuletzt in
Ausstellungen in London, New York oder Warschau präsent
gewesen und mit dem 1. Wiener Gemüseorchester,
das nur Gemüse als Instrumente benutzt, bis nach
Rom, Moskau und Schanghai unterwegs. Konstantin Luser,
dessen intarsierter Helm in diesem Band abgebildet
ist (Seite 394), setzt, etwa in Graz, ganze Hochhausfassaden
für interaktive Kommunikationsmöglichkeiten
ein, wobei Lichtpunkte in Blindenschrift ein wichtiges
Element sind. Für Angelika Mathis, die als Grafikerin
ein mehrfach ausgezeichnetes arabisch-deutsches Kalenderbuch
für Schüler entwickelte, oder für Stefanie
Wuschitz, die Erfahrungen in libanesischen Palästinenserlagern
zeichnend, filmend, schreibend aufgearbeitet hat, haben
sich aus der in Damaskus initiierten Beschäftigung
mit der arabischen Welt markante Folgearbeiten ergeben.
Projekte und Dissertationen konzentrieren sich vielfach
auf zu entwickelnde Korrelationen zwischen Text und
Bild – denn wer kann schon ohne Bilder (und Klangbilder)
denken. Die Gruppe um Christoph Steinbrener wiederum
kann als Beispiel dafür dienen, dass sich auch
mit nicht direkt in die Universität eingebundenen
Gruppierungen Kontinuitäten – und „Anschlussfähigkeiten“
– ergeben, weil inhaltlich offene Beratungsleistungen
in Anspruch genommen werden (Unternehmen Capricorn;
Operation Figurini. Eine soziale Skulptur;
DELETE!; Wien 2001–2005). Auch Doris
Rothauer gehört zu diesem Umfeld; nach einem Studium
der Handelswissenschaft war sie Generalsekretärin
der Wiener Secession, Direktorin des Künstlerhauses
und betreibt nun mit Martin Sirlinger eine eigene Beratungs-
und Projektmanagementagentur, das „Büro für
Transfer“, ausgerichtet auf den „Wissenstransfer
zwischen weicher Kreativität und harter Wirtschaftlichkeit“.
Elisabeth Al Chihade: Die
Hochschule für angewandte Kunst in Wien und ihre
Absolventen von 1970 bis 1995, Wien 1999 / www.gansterer.org
/ www.gemueseorchester.org
/ steinbrener.net
/ www.steinbrener-dempf.com
/ www.dorisrothauer.at
/ www.buerofuertransfer.at
|
|
| SPEZIALISIERTE
GENERALISTEN Solche von der ursprünglichen
Ausbildung abweichende Wege skizzieren, wie unvorhersehbar
sich gerade generalistisch angelegte, selbst gefundene
und erfundene Arbeitsfelder entwickeln. Das macht permanent
erfahrbar, welche Potenziale angesichts der Einschränkungen
normaler Universitätsroutine aktivierbar sind,
gerade wenn fachübergreifende Projekte das Angebot
bereichern und solche Initiativen durch Beratungsleistungen
zu Konzepterstellung, Präsentation, Finanzierung,
Rechtsfragen bestärkt werden. Im Archiv aus den
Anfangsjahren solcher Ausbildungserweiterungen findet
sich dazu folgendes Statement von Bazon Brock: „Generalistisches
Arbeiten heißt nicht unbedarfte Einmischung in
alles und jedes; generalistisches Arbeiten verlangt
vielmehr nach dem leidenschaftlichen Einsatz für
übergeordnete Gesichtspunkte, die allgemein gelten.“
Das im Einzelfall zu vermitteln, sollte vieles unter
motivierender, teilnehmender und objektivierender Beobachtung
aber auch einfach geschehen lassen.
Bazon Brock: Ästhetik
gegen erzwungene Unmittelbarkeit, Köln 1986,
S. 355.
|
|
MIKROPROJEKTE
Die Kleinteiligkeit – vielfach auch Kargheit –
solcher im erster Eindruck immer desperat wirkenden Projektszenerien
ist Ausdruck gesellschaftlicher Realitäten auf Small-Budget-Ebenen,
auf denen eingeführte Markt- und Finanzierungsmechanismen
in aller Regel nicht greifen, gerade wenn Experimentelles,
Forschendes wichtiger genommen wird als unmittelbar Verkaufbares.
Mischfinanzierungen sind die Regel. Dazu Harald Gründl
von EOOS: „Wir forschen eben ohne dass uns jemand
explizit damit beauftragt, weil wir kulturell relevante
Dienstleistungen erbringen wollen“. Auch Ulrich
Beckefeld engagiert sich in Low-Budget-Projekten mit der
Begründung „selbstfinanzierte Forschung“.
Fons Hickmann wiederum nimmt Social Design und Aufträge
für Hilfsorganisationen wichtig, nicht zuletzt, um
gegen die Brutalisierung „beim Umgang mit Künstlern,
beim Kürzen von Texten, in der Zahlungsmoral“
Freiräume zu verteidigen. Entscheidendes entsteht
unter meta-ökonomischen Bedingungen, abgespaltet
von der Wirtschaftswelt. Das oft irreale, zunehmend schematisierte
Verhältnis von Beantragungsaufwand und tatsächlichen
Förderungschancen wird sowohl für die EU-Ebene
(Barbara Rhode) als auch für akademische Bereiche
(Eva Blimlinger) kommentiert. Letztlich hat es „Großes“
eher leichter. Konträre Beispiele liefern sonderbarer
Weise die ärmsten Weltgegenden, wo sich wenigstens
sektoral manchmal die Regel, mit viel Geld wenig zu bewirken,
zur Chance, mit wenig Geld viel zu erreichen verdreht.
|
|
| STAATENLOS
Werden in wohlhabenden Gesellschaften Projekte vor allem
als Bauvorhaben oder umstrittene Interventionen wahrgenommen,
sind sie in sozial und ökonomisch devastierten
Zonen vielfach das Einzige, was Bewegung signalisiert.
So haben sich in Kabul, heißt es in meinem Bericht
über die dortige Situation (Afghanistan, fragmentarisch;
2004), „Hunderte Hilfsorganisationen niedergelassen,
sozusagen als Zellen, von denen Dynamik ausgehen soll.
Ihre überall sichtbaren Schilder vermitteln den
Eindruck einer hochaktiven Projektkultur, wie sie unter
geordneteren Verhältnissen kaum denkbar ist. Aktivismus,
vor allem auch dessen Privatisierung, wird von den Ansätzen
her öffentlich sichtbar. Vorrang scheint sozial
Relevantes zu haben, das Notwendigste, das Drängendste,
handelt es sich doch primär um uneigennützige,
Solidarität behauptende Non-Profit-Organisationen.
Aus aller Welt angereiste Experten haben begonnen, für
Frauen, für Kinder, für Schulen, für
Waisen, für das Gesundheitswesen, für den
Wiederaufbau etwas zu tun; zumindest kündigen das
die Aufschriften an. Offensichtlich wird das, was in
reichen Ländern überall stark reduziert wird,
in einer solchen Situation für besonders wichtig
gehalten.“ Welche Grade von Selbstorganisation
der lokalen Bevölkerung damit verbunden sind, vom
Nahverkehr über Schulen bis zur Armenfürsorge
oder privaten Sicherheitsdiensten, ässt vieles
an solchen vom Staat verlassenen Stadtsituationen wie
eine Vision von generell Möglichem erscheinen.
Christian Reder: Afghanistan,
fragmentarisch, Edition Transfer, Wien-New York 2004,
S. 16 / Christian Reder in: Manfred Faßler,
Cyrill Gutsch, Claudius Terkowsky (Hg.): Urban Fictions.
Die Zukunft des Städtischen, München 2006.
|
|
| MIKROFINANZIERUNG
Auf solche Realitäten reagiert hat etwa der in
den USA ausgebildete Ökonomieprofessor Muhammad
Yunus, der zum Pionier für eine ausgebaute Förderung
von Mikroprojekten wurde. In seinem Herkunftsland Bangladesch
begann er – als Exempel angewandter Wissenschaft
– 1979 damit, durch günstige Kleinkredite,
vor allem auch an Frauen, eine bessere Absicherung von
Selbständigkeit zu ermöglichen. Daraus entwickelte
sich ein Millionen erreichender Mikrofinanzsektor mit
verschiedenen Anbietern. Trotz aller denkbaren problematischen
Begleiterscheinungen werden so Dinge in Bewegung gesetzt,
zu denen sich traditionelle Institutionen nicht in der
Lage fühlen. Es verdeutlicht auch, wie wenig unter
westlichen Bedingungen mit 50 oder 5.000 Euro angefangen
werden kann und wie vergleichsweise schwer selbst bescheidene
Mittel ohne Sicherheiten und nachweisbare Einkünfte
auf marktwirtschaftliche Weise beschaffbar sind. Solche
Divergenzen könnten es nicht nur für Konzerne,
sondern auch auf Normalebene interessant machen, außerhalb
der sich einmauernden westlichen Hochlohnländer
mit ihrem analog hohen Lebenskostenniveau ohne die früheren
Attitüden „etwas zu unternehmen“, wenn
daheim mit geringem Startkapital keine Chancen gesehen
werden. Jahrhunderte lang sind Europäer überall
hingegangen; jetzt erschreckt sie der Gegenverkehr.
In einer Analyse der Situation auf dem Balkan heißt
es dazu: „Ohne abzuwarten, dass auf politischer
Ebene die theoretischen, die gesetzlichen Voraussetzungen
geschaffen wurden, hätten vergleichsweise minimale
Investitionen maximale – nicht zuletzt psychologische
– Effekte bringen können. Für solche
Projekte gibt es lange Listen, die niemanden interessiert
haben.“
Inzwischen scheint die skizzierte Kreditkonzeption
auch in Europa mit Blick auf arme Gesellschaften zu
greifen – etwa im Investmentfond Vision Microfinance
der Vienna Portfolio Management AG (Leopold Seiler)
–, um auf dem Markt „Gutes zu tun“
Anlagemöglichkeiten zu offerieren und in fast aussichtslos
erscheinenden Armutssituationen, ohne die lokal meist
üblichen Wucherzinsen ein Realisieren von Projekten
zu ermöglichen; überdies liegen die Ausfallsraten
weit unter jenen westlicher Länder. Die deutsche
„Bewegungsstiftung“ (Motto: „Anstöße
für soziale Bewegungen“) oder die „Bürgerstiftung
Hamburg“ sind Beispiele, dass Kleinteiligkeit
gerade von wenig betuchten Investorengruppen wichtig
genommen wird. Auf Wohlstandsregionen bezogen unterstreichen
solche Vergleiche, welche Signifikanz Private-Public-Projektfinanzierungen
gerade in Small-Budget- Bereichen haben, ob es nun um
handelbare Waren geht oder nicht, und wie es um Startchancen
in „Kulturgesellschaften“ – die vieles
ermöglichen sollten – bestellt ist.
Muhammad Yunus: GRAMEEN.
Eine Bank für die Armen der Welt, Bergisch-Gladbach
1998 / Wolfgang Libal, Christine von Kohl: Der Balkan.
Stabilität oder Chaos in Europa, Wien 2000, S.
99 / Vision Microfinance: www.vpm.at
/ www.bewegungsstiftung.de
/ www.buergerstiftung-hamburg.de
|
|
| NÜTZLICHES
WISSEN UND NICHT-WISSEN Welche analogen, nicht
zwingend in Finanzierungskreisläufe eingebundene
Projektwelten existieren, führt einem etwa die
Mobile Akademie Berlin vor Augen, „eine
mobile Institution auf Zeit, die immer wieder ihren
Standort verlagert“. Getragen von einem Team um
Hannah Hurtzig werden einmal fortgeschrittene Studierende,
junge Künstler und Künstlerinnen „mit
Projekterfahrung“ zu „Konstruktion und Erfindungen
urbaner Folklore“ eingeladen, 2005 wiederum ist,
mit Stationen in Berlin (siehe Bild Seite 450) und Warschau,
der Schwarzmarkt für nützliches Wissen
und Nicht-Wissen veranstaltet worden. Während
unserer Gespräche für dieses Buch konnten
wir davon profitieren und mehrere Termine mit dort präsenten
Experten wahrnehmen; Kosten für eine halbe Stunde:
jeweils 1 Euro. An der Ticket-Börse entstand ein
reger Handel, alles zu zivilen Preisen, aber streng
nach Angebot und Nachfrage. 120 Experten und Expertinnen
standen zur Verfügung, Zuschauer konnten im abgedunkelten
Saal von erhöhten Sitzreihen aus das Geschehen
an langen Reihen von Zweiertischen und auf Videoschirmen
verfolgen. Harun Farocki stand zu „Erinnerung,
schweig!“, Dirk Baecker zur Turing-Maschine zur
Verfügung. Dutzende Arbeitsfelder, von „Aktivismus,
politisch“ über „Arbeit“, „Architektur“,
„Dichtung“, „Dilemma“, „Kartografie“,
„Kommunikation“, „Medien“, „Musik,
Lärm/Geräusch“, „Orientierung“,
„Raum“, „Sex“, „Sprache“,
„Technik, künstlerisch“, „Theater“,
bis „Übersetzung“ oder „Urbanismus“
waren vertreten. Immer wieder kamen konkrete Projekterfahrungen
zur Sprache, ob nun nutzbare Lücken von Bauvorschriften,
„gefühltes Wissen“ als sozialer Planungszugang
oder die temporäre Besiedlung leer stehender Plattenbauten
zur Diskussion standen. Der konzentrierte, am Gegenüber
Interesse zeigende Gedankenaustausch lief in erstaunlich
respektvoller Atmosphäre ab, gerade weil sich alle
fremd waren, sie gleichrangig miteinander umgingen und
Wissenshierarchien vorübergehend außer Kraft
gesetzt gewesen sind – als Beispiel zu Manfred
Faßlers Frage „Welche Zukunft für welche
Wissenswerkstatt?“
Dass neben oft illusionären, machtpolitischen
Megaprojekten und der Projektorientierung vieler Arbeitsweisen
solche ungebunden-informellen Projektszenerien wesentliche
Bewegungsmomente sind, lässt sich prägnanter
vermitteln, wenn hier auch noch Interpretationen des
Projektbegriffs und zugehörige Orientierungsmuster
knapp kommentiert werden.
Mobile Akademie Berlin: www.mobileacademy-berlin.com
|
|
| DANIEL
DEFOE Es fällt in die Zeit von Frühaufklärung
und Frühliberalismus, dass Daniel Defoe in seinem
Welterfolg Robinson Crusoe (1719) einem Projektleben
Form gegeben hat – „… my head began
to be full of projects and undertakings beyond my reach
…“ –, das in vielen Aspekten prägend
werdende Vorstellungen und Verhaltensweisen stilisiert,
von unternehmerischer Initiative bis hin zur Überlebenskunst
nach Katastrophen. Die Person des Robinson Crusoe blieb
Inbegriff für „the complicity between evangelizing
Christianity and economic colonization“, was ihr,
reflektierend gelesen, eine wiederkehrende Aktualität
bewahrt. Do-it-Yourself ist nur eine Facette des angesprochenen
Spektrums. Defoe selbst, dieser exemplarische „citizen
of the modern world“ (so sein Biograf John Robert
Moore) war es auch, der als erster den Projektbegriff
in reformerischem Kontext lanciert hat, als er in An
Essay Upon Projects (1697) konkrete Verbesserungsvorschläge
präsentierte, die auch heute noch zum Verständnis
aufgeklärter Pragmatik und anglo-amerikanischer
Denktraditionen beitragen können. Um solche historische
Dimensionen präsent zu machen, liegt dieses Erstlingswerk
Defoes als Parallelband zum Lesebuch Projekte
in kommentierter deutschsprachiger Neuausgabe vor, einschließlich
kompakter Nachforschungen zu Etappen und Wandlungen
von Projektvorstellungen, die hier knapp resümiert
werden.
Daniel Defoe: Ein Essay
über Projekte, herausgegeben und kommentiert
von Christian Reder, Edition Transfer, Wien-New York
2006 / Hans Turley: Protestant evangelicalism, British
imperialism, and Crusonian identity, in: Kathleen
Wilson (Hg.): A New Imperial History. Culture, Identity
and Modernity in Britain and the Empire 1660–1840,
Cambridge 2004, S. 192f. / John Robert Moore: Daniel
Defoe. Citizen of the Modern World (1958), Chicago-London
1970.
|
|
| PROJECTING
AGE Von Daniel Defoe wird der Anfang des Projecting
Age mit 1680 datiert, denn ihm zufolge begann damals
„the art and mystery of projecting to creep into
the world“. Im Spekulationsfieber der frühen
Kolonialzeit hatten sich Szenerien von Projektanten
gebildet, die für ihre Ideen Geldgeber und die
Gunst von Fürsten suchten. „Verkannte Erfinder,
die Romantiker der Tat, die unruhigen und fein organisierten
Gehirne“ waren genauso darunter, so Werner Sombart,
wie Bankrotteure oder „Bohemiens, die aus der
Bourgeoisie entwischt sind und nun gern wieder hinein
möchten, kühne und auskunftsreiche Leute“.
England ist in dieser Phase weithin als Vorbild erreichbarer
Freiheiten angesehen worden. Die dortigen, von den liberalen
Niederlanden aus beeinflussten Umwälzungen haben,
so Reinhart Koselleck, weithin ausgestrahlt, denn „der
Verlauf der Französischen Revolution von 1787 bis
1815 gleicht in vieler Hinsicht, nicht nur im Prozess
gegen den König, der zu seiner Hinrichtung führte,
dem Ablauf der Englischen Revolution von 1640 bis 1660/88.
Und so kann es nicht verwundern, dass die Voraussagen
der Französischen Revolution immer wieder auf das
Beispiel der Englischen zurückgriffen und dass
die Diagnosen im Verlauf der Französischen Revolution
immer wieder von Analogieschlüssen aus der englischen
Parallele zehrten, um glaubwürdig zu sein.“
In England Begonnenes hatte Folgen jenseits des Atlantiks
und am Kontinent: „Seit der Amerikanischen und
der Französischen Revolution stehen alle politischen
Handlungseinheiten im Zugzwang, sich zu demokratisieren.“
Werner Sombart: Der Bourgeois.
Zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen
(1913), Berlin 1987, S. 52f. / Reinhart Koselleck:
Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt am
Main 2000, S. 209, 229.
|
|
PRAGMATIK
Defoes Projektvorschläge, ob er nun Steuerbefreiung,
Mindestunterhalt und kostenlosen Gesundheitsdienst für
Arme, gleiche Ausbildungschancen für Frauen, die
Bekämpfung von Steuerhinterziehung, ein reformiertes
Bank- und Börsenwesen, Sparkassen, ein neues Konkursrecht,
leistungsfähige Handelsgerichte, die Privatisierung
öffentlicher Aufgaben und des Straßenbaus oder
– wegen „unserer eigenen Verrücktheit“
– die würdige Betreuung von Geisteskranken
fordert, lesen sich im Abstand von dreihundert Jahren
wie ein Katalog weiter bestehender Defizite, stellenweise
auch wie eine Persiflage auf geläufige Politikkonzepte,
Weltbankprogramme oder Consultant-Gutachten. Seine Popularisierung
der Ideen von John Locke macht Korrelationen von Anfangs-
und Akutphasen kapitalistischer Entwicklungen und den
sich von damaligen Aufbruchsphasen herleitenden Pragmatismus
anschaulich. |
|
| SHAKESPEARE
| DESCARTES Die früheste im Rahmen der
Recherchen dazu entdeckte Literaturstelle findet sich
bei Shakespeare 1600/1601. Von ihm wird der geplante
Mord an Hamlet ausdrücklich als Projekt bezeichnet,
also ausgerechnet ein Mord an jemandem, der aus heutiger
Sicht, „frei, abhängig und blind zugleich“,
ständig auf der „Suche nach dem System, in
dem er eine Rolle spielen kann“, gewesen ist.
In The Tempest, zehn Jahre danach, gibt die
als Projekt verstandene Lebensplanung des zentralen
Protagonisten dem Begriff eine markant ausgeweitete,
konstruktivere Bedeutung. René Descartes verwendet
ihn 1637 im Discourse de la Méthode
für sein Erkenntnisstreben; ursprünglich war
ihm „das Projekt einer universalen Wissenschaft“
vorgeschwebt.
Erst hundert Jahre nach dem ausgerufenen Projektzeitalter
war der Begriff „Projekt“ im Deutschen gebräuchlich
geworden. In Goethes Faust schließlich
geht es zentral um Projekte, bis hin zum Neuen Menschen:
„Ein herrlich Werk ist gleich zustand gebracht
/ (…) Es wird ein Mensch gemacht.“
Beschreibung Hamlets von
Dirk Baecker, in: Dirk Baecker, Alexander Kluge: Vom
Nutzen ungelöster Probleme, Berlin 2003, S.130.
|
|
DEFINITION
A + B In der hier eingangs zitierten großen
Enzyklopädie der Aufklärung wird unter „Projekt“
schlicht „ein Plan, den man zu verwirklichen beabsichtigt“
verstanden, einschließlich diverser „unsinniger
Unternehmungen“. Von einer Einengung auf wirtschaftlich
Relevantes ist somit nicht die Rede. Auch heute noch definiert
das Deutsche Institut für Normung e. V. den Terminus
„Projekt“ erstaunlich weit gefasst als „ein
Vorhaben, das im Wesentlichen durch eine Einmaligkeit
der Bedingungen in ihrer Gesamtheit gekennzeichnet ist“
(DIN 69901). „Projektkultur“ wird als die
„Gesamtheit der von Wissen, Erfahrung und Tradition
beeinflussten Verhaltensweisen der Projektbeteiligten
und deren generelle Einschätzung durch das Projektumfeld"
beschrieben (DIN 69905). |
|
| ETWAS
UNTERNEHMEN Werner Sombart, der 1913, kurz
vor dem Auseinanderbrechen der bürgerlichen Welt,
ausführlich auf Defoe als Projektdenker und einen
„der besten Sachkenner der damaligen Zeit“
eingegangen ist, hat den Übergang von Projekten
zu Unternehmen detailreich kommentiert und sich dabei
nicht auf Ökonomie eingrenzen lassen. Unter der
stabilisierten Form des Projektes, der Unternehmung
(im weitesten Sinn), versteht er „jede Verwirklichung
eines weitsichtigen Planes, zu dessen Durchführung
es des andauernden Zusammenwirkens mehrerer Personen
unter einem einheitlichen Willen bedarf.“ Und
„das Gebiet der Unternehmung ist so weit wie das
Feld der menschlichen Tätigkeit überhaupt.
Der Begriff ist also keineswegs auf das Wirtschaftliche
beschränkt. Die wirtschaftliche Unternehmung ist
vielmehr eine Unterart der Unternehmung überhaupt,
die kapitalistische Unternehmung eine Unterart der wirtschaftlichen
Unternehmung.“ Er scheidet zwar aus dieser Definition
„alles künstlerische sowie alles rein handwerkliche
Schaffen“ aus, weil es in der Regel „nur
einer“ ausführe, hat dabei aber sichtlich
noch nicht die verzahnten und abhängiger gewordenen
künstlerischen und wissenschaftlichen späteren
Produktionsbedingungen vor Augen.
Werner Sombart: Der Bourgeois.
Zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen
(1913), Berlin 1987, S. 59, 60f.
|
|
| RUDIMENTÄR
BÜRGERLICH Wie es um den – sichtlich
als Rarität – oft nur noch flehentlich angesprochenen
„bürgerlichen“, also auch „kultivierten“
und „kultivierenden“ Initiativgeist inzwischen
steht, kommentiert Alexander Kluge in diesem Band, indem
er das ursprüngliche Projecting Age in
Erinnerung ruft: „Bürgerlich meine ich hier
positiv, mit bürgerlich meine ich stürmisch,
,ich will mich realisieren‘“. Das gelte
genauso für den Projektemacher, „der ja als
Patriot des Eigenwillens den bürgerlichen Instinkt
in sich hat. Das hat’s vorher nicht gegeben im
Feudalismus. Und das gibt es heute natürlich immer
seltener, weil die bürgerliche Gesellschaft nicht
wirklich präsent ist, sie setzt sich nicht fort.
Das, was wir heute sehen, sind alles sozusagen Embryonen
von Bürgern, die leben und sterben. Wir kommen
gar nicht bis zum Ich, bis zur ICH AG. Dieses Ich ist
aber eine ganz zerstörerische Potenz.“ Auch
global betrachtet sind die schmalen Mittelschichten
weiterhin nur sehr bedingt Stützen positiver Entwicklungen,
als die sie ständig apostrophiert werden. Ein in
seinen UNO-Funktionen damit konfrontierter Aktivist
wie Jean Ziegler sieht in ihnen fast durchwegs eine
„,gekaufte‘ Bourgeoisie“, weil in
aller Regel die Interessen korrupter Regime und der
Konzerne, „dieser neuen Feudalherren“, vertreten
werden. Deren Möglichkeiten, Steuerzahlungen zu
entkommen, erinnern an frühere Privilegien von
Adel und Klerus.
Jean Ziegler: Das Imperium
der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung
(Paris 2005), München 2005, S. 71.
|
|
| RESTGRÖSSE:
LIBERALES KLIMA Das allseits betriebene Umschwenken
aus sozialstaatlich liberalen in privatisierend neoliberale
Richtungen – im Kern schlicht die vieles ruinierende
Radikalisierung von Profitmaximierung – hat zwangsläufig
markante Auswirkungen auf jedes Projektklima. Wie selbstreflexiv
das vor sich geht, prägt sich erst seit dem Ende
der Systemkonkurrenz deutlicher aus. Neue Gegner müssen
für Zusammenhalt sorgen; davon finden sich selbst
in den eigenen Reihen genügend. Dazu konstatiert
Richard Rorty, unbeirrbarer Vertreter des Liberalismus
amerikanischer Prägung und einer kritisch gebliebenen
US-Öffentlichkeit, dass in den Vereinigten Staaten
nun schon seit längerem „die ,Liberalen‘
– das heißt alle, die auch nur über
die Verteilung von Reichtum, Einkommen und Chancengleichheit
nachzudenken beginnen“, als „verrückt“
und „unmoralisch“ hingestellt werden. Kein
Politiker, der gewählt werden will, könne
sich noch als „liberal“ bezeichnen, wobei
sich ohnedies nahezu niemand mehr „um Wahlen kümmert,
ausgenommen die Mittelklasse der Suburbs“ und
sogar die Armen kaum dazu gebracht werden, „für
ihre eigenen Interessen zu stimmen“. Für
ein Projektdenken heiße das, „dass es jetzt
an Europa liegt, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.“
Von dessen skeptischen Haltungen verspricht er sich
offenbar mehr als von der propagierten Siegesgewissheit
im eigenen Land mit ihrem unverblümten, auch anderswo
grassierenden Zurückdrängen kritischer Stimmen.
Mit dieser Beschwörung und Verteidigung eines
liberalen Klimas trifft er sich mit Jürgen Habermas,
der in Philosophie in Zeiten des Terrors (2003)
die Wichtigkeit reziproker Bemühungen um „die
Öffnung einer Mentalität“ betont und
das laufe generell eher über „die Liberalisierung
der Verhältnisse, über eine objektive Entlastung
von Druck und Angst“.
Richard Rorty: Europa sollte
auf sich selbst bauen, in: Europa oder Amerika? Zur
Zukunft des Westens, Sonderheft Merkur, Deutsche Zeitschrift
für europäisches Denken, Heft 9/10 Berlin
2000 (darin vertritt Rorty übrigens auch eine
Auffassung, die trotz weiterer Zuspitzungen im Berlusconi-Italien
aus dem europäischen Common Sense wieder verschwunden
ist: „Es ist für mich eine große
Ermutigung, dass die Regierungschefs Europas sich
entschlossen haben, Österreich zu boykottieren,
ohne zuvor Washington zu konsultieren …“)
/ Jürgen Habermas in: Jürgen Habermas, Jaques
Derrida: Philosophie in Zeiten des Terrors. Zwei Gespräche,
geführt, eingeleitet und kommentiert von Giovanna
Borradori (Chicago 2003), Berlin 2004, S. 61.
|
|
| HERRSCHAFTSLOGIK
Einer solchen defensiv-reformerischen Pragmatik können
Radikaloppositionelle wie Michael Hardt und Antonio
Negri kaum etwas abgewinnen, denn Souveränität
habe als „Empire“, in dem „überall
Korruption“ herrsche, längst „eine
neue Form angenommen“ – „die eine
einzige Herrschaftslogik eint“. Wenn überhaupt,
so ergäben sich Perspektiven somit nicht mehr aus
dem Anspruch repräsentativen Handelns sondern allein
durch kontrapunktische „konstituierende Tätigkeit“
– also tatsächlich bei der desperaten Situation
der Ärmsten und einem Blick „von unten“
ansetzende Projekten und Strategien. Alles bloß
Karitative würde nur systemstützend wirken.
Dass „die entstaatlichte Bürgergesellschaft
die uns zugedachte Zukunft ist“, also überall
Selbsthilfe greifen soll, als „Lückenbüßer
eines säumigen, pflichtvergessenen Staates“,
so auch Wolfgang Engler, sei Konsequenz des gewendeten
Reformdenkens. „Reform“ wird vom „,Fortschritt‘
in seiner eingebürgerten Bedeutung, vom Glücksanspruch
der Mehrheit, von der Förderung der Schwachen“
entkoppelt; „,richtige‘ Reformen sind nunmehr
schmerzhaft, tun weh, sie gehorchen dem Zwang zum Weniger,
nicht den Verlockungen des Mehr und Immermehr, sie bringen
Einschränkungen mit sich, Belastungen, Enttäuschungen“.
Dabei ginge es vor allem darum, „die Handlungs-
und Tätigkeitsimpulse von Menschen zu bewahren,
ja zu bekräftigen, die der Arbeitsprozess ausscheidet
– das ist die alles Wesentliche einschließende
Kurzfassung der neuen kulturellen Weltformel und umreißt
zugleich den nächsten Schritt, den unsere
Gemeinwesen gehen müssten, sollen nicht ungezählte
Menschen in Selbstzweifel und Apathie verharren“.
Michael Hardt, Antonio Negri:
Empire. Die neue Weltordnung (2000), Frankfurt am
Main 2002, S. 10, 396, 419 / Wolfgang Engler: Bürger,
ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung
der Gesellschaft, Berlin 2005, S. 243, 58, 236, 146.
|
|
| UNVOLLENDETE
MODERNE „Die Welt zu einem besseren Ort
zu machen“, mit ausgeweiteten Chancen, „eine
neue, verschiedene Art von Person zu werden, die andere
Dinge wünscht als zuvor“, also „neue,
synkretistische und umfassende Arten zu leben zuwegebringt“,
wie es etwa Richard Rorty unverdrossen fordert, verweist
auf anderes als neoliberale Modernisierungen, auf das
– nach Jürgen Habermas bekanntlich latent
„unvollendete“ – „Projekt der
Moderne“, also auf zwangsläufig unübersichtliche,
widersprüchliche, oft kontraproduktive Intentionen
und Richtungsangaben der Aufklärung, die von der
„durch die moderne Wissenschaft inspirierten Vorstellung
vom unendlichen Fortschritt der Erkenntnis und eines
Fortschreitens zum gesellschaftlich und moralisch Besseren“
geprägt sind. Selbst in seinen Grundzügen
keinesfalls allgemein geläufig, geschweige denn
akzeptiert, ist es zwar durch die strukturelle Gliederung
von Verfassungsstaaten und essenzielle Elemente der
Rechtsordnungen, ansonsten aber bestenfalls rhetorisch
zum Common Sense geworden.
Das nicht in Erinnerung zu rufen, würde ausblenden,
welche Orientierungsrahmen und Kriterien für Projekte
Anwendung finden könnten (oder – und sei
es als Provokation – eben nicht), auch wenn keine
selbsttätige Geschichtsautomatik behauptet wird.
Es gelte, so Habermas in ursprünglichen, vieles
inzwischen als wichtig Erkanntes ausgrenzenden, vor
allem auf Organisation setzenden Formulierungen, „die
objektivierenden Wissenschaften, die universalistischen
Grundlagen von Moral und Recht und die autonome Kunst
unbeirrt in ihrem jeweiligen Eigensinn zu entwickeln,
aber gleichzeitig auch die kognitiven Potenziale, die
sich so ansammeln, aus ihren esoterischen Hochformen
zu entbinden und für die Praxis, d.h. für
eine vernünftige Gestaltung der Lebensverhältnisse
zu nützen“, wozu es notwendig sei, „die
gesellschaftliche Modernisierung in andere nichtkapitalistische
Bahnen“ zu lenken.
In aktualisierten Versionen wird aus der Hoffnung auf
Anderes ein Plädoyer für Zähmung: Allein
durch die „Revision des Selbstbildes könnte
beispielsweise der Westen lernen, was sich an seiner
Politik ändern müsste, wenn er als eine zivilisierende
Gestaltungsmacht wahrgenommen werden möchte. Ohne
eine politische Zähmung des entgrenzten Kapitalismus
lässt sich der verheerenden Stratifikation der
Weltgesellschaft nicht beikommen. Die disparitäre
Entwicklungsdynamik der Weltgesellschaft müsste
in ihren destruktivsten Folgen – ich denke an
die Depravierung und Verelendung ganzer Regionen und
ganzer Kontinente – wenigstens ausbalanciert werden.“
Mechanismen dafür könne nur eine differenzierte
Organisiertheit liefern, „wenn sich eines Tages
die großen kontinentalen Regime wie EU, NAFTA
[North American Free Trade Agreement] und ASEAN [Association
of South East Asian Nations] zu handlungsfähigen
Aktoren entwickelt haben, um dann transnationale Vereinbarungen
zu treffen und für ein immer dichteres transnationales
Geflecht von Organisationen, Konferenzen und Praktiken
Verantwortung zu übernehmen“. Trotz latent
erlebbarer Formen „kommunikativen Handelns“
– etwa in privilegierten Situationen an Universitäten
–, die Konsequenzlosigkeit und manipulierbare
Entscheidungsfindung kaum einschränken können,
wird auf immer dichtere Verflechtungen gesetzt. Als
Gegengewicht ließe sich auf lokaler Ebene oder
als transkulturelle Brückenbildung die Ausbaufähigkeit
von Projektkulturen forcieren.
Richard Rorty: Truth and
Progress, Cambridge 1998, S. 186ff., zit. nach: Birger
P. Priddat (Hg.): Kapitalismus, Krisen, Kultur, Marburg
2000, S. 213f. / Jürgen Ha | |