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Springer Wien
New York |
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Universität
für angewandte Kunst Wien |
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| Lesebuch Projekte
Vorgriffe, Ausbrüche in die Ferne
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Hg.: Christian Reder
Edition Transfer bei Springer Wien New York 2006
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„PROJEKT
(Moral) Ein Plan, den man zu verwirklichen beabsichtigt;
doch es ist ein weiter Weg vom Projekt zur Ausführung
& ein noch weiterer Weg von der Ausführung
zum Erfolg. Wie oft verfällt der Mensch
auf unsinnige Unternehmungen!“ |
Denis
Diderot / Jean d’Alembert (Hg.): Encyclopédie
ou Dictionaire raisonné de Sciences des
Arts et des Métiers, 28 Bände,
Paris 1751–1772. Zit nach: Philipp Blom:
Das vernünftige Ungeheuer. Diderot,
d’Alembert, de Jaucourt und die Grosse
Enzyklopädie (London 2004), Frankfurt
am Main 2005, S. 73 |
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Schwarzmarkt
für nützliches Wissen und Nicht-Wissen,
Berlin 2005 |
Foto:
Christian Reder |
„Die
Art von Projekten, ihre Positionsbestimmungen,
Resultate und Überraschungsmomente, sind
eine im Positiven, im Diffusen, im Negativen
vieles prägende Ebene, auf der sich zeigt,
was Klima und Rahmenbedingungen auch abseits
unmittelbarer ökonomischer Effekte im Großen
und im Kleinen zulassen – wie es also
tatsächlich um offen bleibende Möglichkeitsräume
steht.“ |
Christian
Reder |
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| Christian
Reder
„Ein Plan, den man zu verwirklichen beabsichtigt
…“
Editorisches Nachwort
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| INTENTION
Um Vorstellungen davon, was alles „Projekt“,
also Wünschenswertes, durch Kräftekonzentration
greifbar Werdendes sein könnte, aus üblich
gewordenen technisch-administrativen Umklammerungen
zu befreien und erweiterte Dimensionen von Außerordentlichem,
von Routine Abweichendem, ins Blickfeld zu rücken,
stehen in diesem Band künstlerische Positionen
und freischaffendes Arbeiten im Vordergrund. Alle Beiträge
sind 2005 entstanden, Redaktionsschluss war Ende Februar
2006. Diskutiert wurden Existenzformen und Denkweisen,
die von Projektarbeit geprägt sind sowie Vorhaben,
die nicht zwingend in wirtschaftlichen Sphären
Anschluss suchen müssen, um eine Realisierung zu
erreichen, um Teil der Wirklichkeit zu werden –
aber kulturelle und soziale Voraussetzung für vieles
sind.
Es wurde versucht, Arbeitswelten und Möglichkeiten
vom Künstlerischen, Gestalterischen, Analytischen
her zu denken, ohne daraus primär Kunstdebatten
zu machen; dokumentarisch, diskutierend, interpretationsmöglichkeiten
offen lassend. Ansatzpunkte lieferte die jeweilige Praxis
mit vielen Bezügen zu Alltäglichem. Um im
vorliegenden, inhaltlich nur lose planbaren „Reader
on Projects“ vorläufig zu einem Ende zu kommen,
werden hier manche der enthaltenen Feststellungen neu
gemischt nochmals aufgegriffen, nicht um vorschnell
zu resümieren, sondern um weiterführende Vernetzungslinien
zu bestärken. Was wie ein Sammelsurium fragmentierter
Gedankensplitter wirken mag, lässt sich schon deswegen
als Realitätsebene begreifen, weil es exponierte
Aktivisten und Aktivistinnen beschäftigt, die nicht
in Routinebahnen agieren und durchwegs von Spezialisierungen
aus auf Transfers, auf Transdisziplinäres hin orientiert
sind – und dadurch Sichtweisen beeinflussen.
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NACH-GESELLSCHAFTLICHE
PROJEKTWELTEN Die Skepsis Projektarbeit gegenüber,
die in Institutionen – ob Unternehmen oder Universitäten
– eingebetteter Kontinuität und Sicherheit
nachtrauert, verweigert sich vielfach der stattfindenden
„grundlegenden Verwandlung der Welt des Handelns“
und der „Modi der Wissensproduktion“, so Manfred
Faßler in seinem Beitrag, denn „ökonomische,
wissenschaftliche, soziale oder künstlerische Muster
informationellen Handelns führen derzeit fast selbstverständlich
zu einer Neufassung von lernendem Handeln in Projekten“
und „die programmatische Sprache der digitalen Kulturen
ist die der Projekte“. Die sich darin ausdrückende
„Krise der Institutionen“, die zugleich eine
„Krise der strukturellen Kopplung zwischen Sozialsystem
und Individuum“ ist, lässt „Communities
of Projects, die an keinen Gesellschaftstyp und keine
Topografie gebunden sind“, als nach-gesellschaftliche
Aktionsfelder entstehen. Weder nationale, territoriale
oder institutionalisierte Zugehörigkeiten würden
somit noch eingrenzende, dauerhaft stützende Bezugsrahmen
bieten. Institutionen verschwinden nicht, überleben
aber vor allem als Trägerorganisationen für
Projekte, als Machtrefugien, als Stabilisierungsinstanzen,
als Speicher und Archive. „Wer nicht kooperiert,
der verliert“, ließe sich vereinfacht sagen;
„und das Verbindungsmuster hierfür ist ,Projekt‘
– eine befristete Klein-Föderation.“
Sich offensiv darauf einzustellen, wird mitbestimmen,
inwieweit es gelingt, derartige Verlagerungen als Chancen
zu nutzen. Unter aktivierenden Bedingungen könnte
das durchaus kooperativ angelegte Verhaltensweisen bestärken
und sich abschließende Individualität in Richtung
kooperierende Individualität öffnen. Die anthropologische
Konstante Learning-by-doing wird durch technologische
und mediale Transformationen ohnehin so wichtig wie kaum
jemals zuvor. |
| SELBSTÄNDIGKEIT
Zur sarkastischen Tatsachenfeststellung, bewundert werde,
wer sich nimmt, was er braucht und sich halbwegs gekonnt
als erfolgreich darstellt, versucht selbst das –
in diesem Band mehrfach angesprochene – berühmt-berüchtigte
Konzept der ICH AG von Tom Peters inhaltliche Gegenpole
zu lancieren. Die Oberflächen dominierende Tendenz
zur One-Man-Show soll dadurch Bodenhaftung bekommen.
Denn darin heißt es dezidiert, wer darauf aus
sei, wie ein Abhängigkeiten mitgestaltender Selbständiger
zu operieren, „fragt regelmäßig: WER
BIN ICH? / WAS WILL ICH SEIN?“, „beschäftigt
sich mit Arbeit, die Sinn macht“, „…
konzentriert sich 100-prozentig auf … D-A-S P-R-O-J-E-K-T!“,
„ist ,erneuerungswütig‘ / kultiviert
Neugier / ergreift jede Gelegenheit, e-t-w-a-s Neues
zu lernen!“ Eine solche ICH AG „macht Arbeit,
die ihr Geld wert ist“ und „ist Adressbuch-/Netzwerkfanatiker“.
Die sich nicht an lineare Karrieremuster haltende Konklusion:
„Ich bin meine Projekte“.
Tom Peters: Top 50. Selbstmanagement.
Machen Sie aus sich die ICH AG, München 1999
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| VORBILD:
KÜNSTLERISCHES ARBEITEN Solche Anweisungen
könnten, abgesehen vom deutlichen Vorrang für
Finanzielles, aus der Kunstausbildung, der Filmbranche
oder aus avancierten Architekturbüros stammen.
In einem Sammelband zur Geschichte und Zukunft der
Arbeit wird deshalb in Analogie dazu ausdrücklich
„im Arbeitsmarkt der Künstler und Publizisten“
eine „verallgemeinerungsfähige Lösung“
gesehen. Denn die Selbständigenquote betrage bei
diesen bereits 35 Prozent „gegenüber 9 Prozent
bei allen Erwerbstätigen“. Ein Durcheinanderlaufen
von bezahlter und unbezahlter produktiver Tätigkeit
sei dabei längst etwas Normales. Angebote würden
sich auf einem auf Projekte ausgerichteten „Netzwerksarbeitsmarkt“
ergeben. Deshalb erscheine die Prognose „nicht
allzu gewagt, dass die Arbeitsplätze der Zukunft
zunehmend ,künstlerisch‘ geprägt sein
werden: mehr selbstbestimmt, kompetitiv, wechselhaft
in Art und Umfang des Beschäftigungsverhältnisses,
in stärkerem Maße projekt- oder teamorientiert,
zunehmend in Netzwerke und weniger in Betriebe integriert,
mit vielfältigen und wechselnden Arbeitsaufgaben,
schwankender Entlohnung oder Vergütung und kombiniert
mit anderen Einkommensquellen oder unbezahlter Eigenarbeit“
(Günther Schmid).
Weitergedacht könnte das heißen, dass für
die sich abzeichnende Offenheit und Unsicherheit der
Lebensgestaltung Kunststudien jeder Business Administration
Ausbildung gleichwertig, vielleicht sogar überlegen
wären, sofern sie dezidiert auf Projektarbeit,
selbstorganisatorische Aspekte, den Umgang mit unübersichtlichen
Situationen und sich ständig verändernden
Betriebssystemen ausgerichtet sind. Dass solche Umkehrungen
landläufiger Auffassungen in Richtung „jeder
ist Künstler“, viele arbeiten wie Künstler,
zur tatsächlichen Anreicherung von Kulturgesellschaften
führen, ist damit keineswegs gesagt. Es zeigt sich
eher, wie sehr Vorstellungen von freiem Arbeiten zu
Behelfslösungen tendieren und Klischees von Unkonventionellem
als Perspektiven herhalten müssen. Peter Sellars
stellt sich in seinem Beitrag dieser Problematik und
plädiert für Vielfalt, indem er Studierenden
empfiehlt, „sich auf viele verschiedene Arten
nützlich zu machen“, bevor sie daran denken,
Kunst zu machen, um sich so eine breitere Erfahrungsbasis
zu schaffen. Wolf D. Prix wiederum sieht im Projektmanager,
„der nicht nur organisiert, sondern mitdenkt,
mehrdimensionale Ziele verfolgt und sich nicht so leicht
unterkriegen lässt“ Schlüsselfunktionen,
zu denen gerade eine strategisch-konzeptive Architekturausbildung
befähigen kann.
Günther Schmid: Arbeitsplätze
der Zukunft: Von standardisierten zu variablen Arbeitsverhältnissen,
in: Jürgen Kocka, Claus Offe (Hg.): Geschichte
und Zukunft der Arbeit, Frankfurt am Main 2000, S.
283f.
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| SYMBOLANALYSTEN
Solche Entgrenzungstendenzen ändern vorerst nichts
daran, dass Erwerbsarbeit und Lohn-Leistungs-Komponenten
zentrale, auf das knapp werdende und dadurch wertvolle
Gut „adäquat bezahlte Arbeit“ konzentrierte,
gesellschaftliche und subjektive Faktoren bleiben. Sich
dazu abzeichnende Umbrüche werden den Arbeitsbegriff
verändern, teilweise von Lohnarbeit abkoppeln,
Mischfinanzierungen ausweiten. An der Abnahme betrieblicher
Bindungen, der Dominanz von Jobs für verwendbare
„flexible Menschen“ (Richard Sennett), der
Neuentdeckung des Sozialen und Kulturellen als mehr
oder minder ehrenamtliche Beschäftigungstherapie
zeigt sich, in welche Richtungen es gehen dürfte.
Um für interessante Projekte frei zu sein, braucht
es sehr spezifische, weiterhin nur insular existierende
Konstellationen. Im Idealfall bieten sie die Chance,
eng gefasster Formatierung des Agierens und sich summierenden
beruflichen Zynismen zu entkommen.
Neben abnehmender Bedeutung von Routinearbeit und Expansionsmöglichkeiten
für persönliche Dienstleistungen betont Dirk
Baecker unter Berufung auf Robert Reich – der
den Begriff „Zweidrittelgesellschaft“ forcierte
– vor allem Wachstumspotentiale für alles
„was mit der Manipulation von Daten und Symbolen
zu tun hat“, ob es sich nun um den Computersektor
selbst oder um Filmregisseure, Schauspieler, Finanzberater,
Ingenieure, Werbeexperten, Architekten, Schriftsteller
oder Wissenschaftler handelt. Verbindend wäre,
dass es immer wieder um das Finden „unbekannter
Probleme zu möglichen Lösungen“ ginge
und solche Arbeitsweisen „Organisationsformen
und Lebensstile“ realisierbar machen, „die
fast alle Gewohnheiten sprengen werden“. Derartige
„Symbolanalysten haben keine Bosse und Untergebenen,
sondern Partner in verschiedenen Abhängigkeitsverhältnissen
voneinander.“
Dirk Baecker: Postheroisches
Management. Ein Vademecum, Berlin 1994, S. 90f.
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| MÖGLICHKEITSRÄUME
Gewohnheiten will auch Ulrich Beck sprengen, wenn er
in Die Erfindung des Politischen konstatiert:
„Intellektuell und sozialwissenschaftlich haben
wir es überall mit einem Denken zu tun, das Handeln
zur Aussichtslosigkeit verdammt“, also „der
größtmögliche Gegensatz“ dazu,
„Handeln ist möglich und chancenreich“,
die eigentliche Herausforderung sei. Auch deshalb sind
Projekte, als Möglichkeitsräume, Thema dieses
Buches. Sie können zu einer plausiblen Bündelung
von Überlegungen und Maßnahmen führen,
um so die eigenen intellektuellen Fähigkeiten zu
organisieren und auf Themen konzentrierte Initiativen
in Gang zu setzen – sofern die Bedingungen es
halbwegs erlauben und die individualistische Frage,
was versucht werden könnte, um aus sich etwas zu
machen, also durch Projekte zur ausgeprägten Person
zu werden, nicht völlig irrelevant wird.
„Der Mensch ist zuerst ein Entwurf, der sich
subjektiv lebt“, sein eigenes Projekt also. Seine
Präsenz sollte an Künftigem orientiert, von
Erstrebenswertem her zurückprojiziert an Kontur
gewinnen. Er „ist voll und ganz verantwortlich“,
er ist das, „wozu er sich macht“, hieß
es zur Bekräftigung dessen in Sartres viele andere
Überlegungen dazu komprimierenden Grundsätzen
des Existenzialismus. Wie eine solche mental nachwirkende,
rebellische Programmatik wird etwa auch Hannah Arendts
Entwicklungsvorstellung – Arbeit, Herstellen,
gemeinsames, politisches Handeln – von der Vita
activa-Ökonomisierung fast völlig aufgesogen.
Arendts nicht nur für politisches, künstlerisches,
wissenschaftliches Arbeiten motivierendes „Denken
des Anfangs“, welches das wenig beachtete „rätselhafte
Vermögen, etwas überhaupt neu beginnen zu
können“, zum Ansatz nimmt, verweist jedoch,
als Reflexionen zum „etwas In-Bewegung-Setzen“
in vielen Aspekten auf Voraussetzungen für couragierte
Projektarbeit.
Bei Vilém Flusser heißt eine Devise markant:
„Vom Subjekt zum Projekt“. Sein uneingegrenztes
Denken über das Entwerfen von Städten, Häusern,
Familien, des Körpers, von Sex, Kindern, Technik,
Arbeit mündet in die Vorstellung, „sich aus
einem Subjekt in ein Projekt zu entwerfen“. Fasziniert
hat ihn in seinen letzten Schriften vor allem die technisch
erreichbare Entlastung des Menschen von Arbeit, „denn
nicht Wirklichkeit, sondern Möglichkeit ist das
Feld der Freiheit“.
Ulrich Beck: Die Erfindung
des Politischen. Zu einer Theorie reflexiver Modernisierung,
Frankfurt am Main 1993, S. 33 / Jean-Paul Sartre:
Ist der Existentialismus ein Humanismus?, in: Drei
Essays, Frankfurt am Main 1960, S. 11f. / Hannah Arendt:
Vita activa oder Vom tätigen Leben, München
1981 / Oliver Marchart: Neu beginnen. Hannah Arendt,
die Revolution und die Globalisierung, Wien 2005,
S. 17, 77 / Vilém Flusser: Vom Subjekt zum
Projekt. Menschwerdung, Bensheim-Düsseldorf 1994,
S. 275, 151.
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| BEFREIUNG
IN DER ARBEIT | BEFREIUNG VON DER ARBEIT In
einem markanten aktuellen Buch zu dieser Thematik konstatiert
Wolfgang Engler: „Befreiung in der Arbeit, das
ist, politisch konkretisiert, der Kampf für eine
Arbeitsorganisation und für Arbeitsbedingungen,
die möglichst vielen Menschen Handlungs- und Entscheidungsspielräume
in ihrer Arbeit eröffnet, ist täglicher Widerspruch
und Widerstand gegen den vermeintlichen Determinismus
technisch-technologischer Abläufe. – Befreiung
von der Arbeit, in der ,konservativen‘ Variante
(arbeiten, aber nicht allzu lange), das impliziert politisch
den Kampf für die Verkürzung der Arbeitszeit,
Widerstand gegen die Umkehr dieses Prozesses, gegen
die grassierende Einverleibung menschlicher Zeitmaße
in den Verwertungstakt. – Befreiung von der Arbeit,
als radikales Projekt konzipiert, das ist der Kampf
für arbeitsfreie Existenz, für ein berechenbares,
auskömmliches, und in diesem Sinne gutes Leben
auch ohne oder mit wenig, nur episodisch ansetzender
Arbeit.“ Diese radikale Perspektive zielt auf
ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ ab;
„das Kapital selbst wird seiner bedürfen“,
so die dezidiert vertretene Auffassung, „sollte
es sein globales Projekt jemals vollenden; eher früher,
auf dem Weg dorthin.“ Voraussetzung sei „ein
Bildungssystem, das sich von seiner monokausalen Abhängigkeit
vom Erwerbsleben als einzig legitimer Existenzform des
Menschen löst.“
Wolfgang Engler: Bürger,
ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung
der Gesellschaft, Berlin 2005, S. 86, 351, 150.
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| PROJEKTBASIERTE
POLIS „Der neue Geist des Kapitalismus“,
so Luc Boltanski und Éve Chiapello in einem anderen
Ansatz, ist durch „die Entstehung der projektbasierten
Polis“ geprägt, einer zunehmend das Geschehen
überlagernden und es prägenden losen „Ansammlung
aktiver Kontakte, aus denen Formen entstehen“,
was weit über die in den letzten Jahren gebräuchlich
gewordene „Projekt-Rhetorik“ hinausgehe.
Das sei eine Reaktion darauf, dass „eine kaleidoskopartige
Wahrnehmung des Geschäftslebens und der Formeln
erfolgreichen Wirtschaftshandelns“ längst
nicht mehr reiche. Der hohe Aktivitätsstatus von
Projekten hingegen ermögliche „die Produktion
und die Akkumulation in einer Welt, die, wenn sie lediglich
aus Konnexionen bestünde, ohne Halt, ohne Zusammenschlüsse
und ohne feste Formen ständig in Fluss befindlich
wäre.“ Da auch die neuen sozialen Bewegungen
sich „der Netz- und Projektthematik bedienen und
dadurch auf Tuchfühlung zu der neuen Welt sind“,
ergäbe das, sofern es gelingt, dass die sich zur
Festigung dieses Fließens bildenden Strukturen
„die Kräfteverhältnisse in der Netzwelt
legitimieren und beschränken“, durchaus,
allerdings von zahllosen Einflüssen gefährdete
Perspektiven. Markant an den extensiven Ausführungen
dazu ist die Wertschätzung künstlerischen
Argumentierens: „Wie anderthalb Jahrhunderte Kapitalismuskritik
gezeigt haben, widersprechen die beiden Formen der Sozial-
und Künstlerkritik einander in vielen Punkten.
Andererseits sind sie aber auch untrennbar miteinander
verbunden, insofern sie unterschiedliche Aspekte der
Lebenswirklichkeit betonen und sich dadurch ausgleichen
und wechselseitig bestärken. Solange beide am Leben
erhalten werden, besteht die Hoffnung, dass den vom
Kapitalismus ausgelösten Verwerfungen begegnet
werden kann“.
Luc Boltanski, Éve
Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus (Paris
1999), Konstanz 2003, S. 147ff., 149, 150, 417, 575.
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| PERFORMANCE
UND RELEVANZ Sofern projektorientierte Arbeitsweisen
von Künstlern, Publizisten, Symbolanalysten zum
sich ausweitenden Modell werden, machen sich wie im
professionellen, nicht ohne ausgebaute Betreuungsapparate
auskommenden Sport, dem radikalisierten Leistungsvorbild,
zwei von André Gorz betonte Hauptfaktoren der
Moderne, „Rationalisierung und Subjektivierung“,
bemerkbar – also neben unerlässlicher Spezialisierung
und Organisierbarkeit vor allem individuelle Bedeutungs-und
Markenbildung, Selbstmanagement, Beurteilung der „Performance“.
Letzteres ist die längste Zeit Künstlern und
Künstlerinnen vorbehalten gewesen. Eine solche
Kulturalisierung des Geschehens verdeckt unter anderem,
dass jenen in der Regel auch vorbehalten bleibt, problematisches
Muster für Selbstvorsorge am Rande des Sozialstaates
zu sein, wo Misserfolge als selbst verschuldet gelten.
Nur Stars der A-Liga haben es eben geschafft; zur Beruhigung
gibt es gelegentlich Preise für Nebenrollen. Dass
auch bewunderte Werke der Architektur wegen der Honorarregeln
und Drucksituationen für die Urheber mit Verlusten
enden oder großartige Filme die Kosten nicht hereinspielen,
ist so alltäglich, dass es längst als „selbstverständliche“
Konsequenz unzureichender Vermittlung und Nachfrage
gilt. Gelegentlich korrigierend einzugreifen soll genügen.
Überraschungen werden so seltener. Energien verlagern
sich vom Produzieren auf ein Verkaufen. Die Nachfrage
als letzte Instanz ist ein Paradigmenwechsel an den
sich alle erst gewöhnen müssen, ohne dass
absehbar würde, was das langfristig für Konsequenzen
hat.
„Kultur“ wird als anscheinend integrierender
Gesamtzusammenhang vorgeschoben, obgleich Kulturelles
und Künstlerisches streng genommen erst dann zum
Teil der Gesellschaften prägenden, Geldströme
leitenden Ökonomie werden, „wenn es um Zahlungen/Finanzierungen
geht oder um die marketability of arts, cultural events
etc. (,cultural industries‘)“. Ob nun Wissensvorrat,
Sinnbildung, Orientierung, Weltsicht, Experiment, Gedächtnisfunktionen
oder Repräsentation Priorität bekommen, ist
zur Kenntnis zu nehmen, so Birger P. Priddat, „dass
die Frage danach, was relevant ist, nicht ökonomisch
entschieden wird, sondern durch den gesellschaftlichen
Diskurs, der die Kultur festlegt – wenn auch oft
nur für kurze Zeit“. Diese „Sinnkonkurrenz“
zwischen ökonomischer und nicht-ökonomischer
Bestimmung sollte, so die Konsens erstrebende, sich
auf Märkte verlassende Annahme, zu Übereinstimmung
tendieren; „was aber, wenn nicht?“, lautet
die offen bleibende, für die jeweilige „Projektkultur“
prekäre Frage.
André Gorz: Arbeit
zwischen Misere und Utopie, Frankfurt am Main 2000,
S. 184 / Birger P. Priddat: Kultur als Hintergrund
/ Vordergrund der Ökonomie, in: Birger P. Priddat
(Hg.): Kapitalismus, Krisen, Kultur, Marburg 2000,
S. 189ff., 194, 218.
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POTENZIALE
Für Alexander Kluge lassen sich ernst zu nehmende
Projekte weiterhin als „die Fortbewegungsform von
Selbstbewusstsein bei den Menschen" denken, schon
weil das problematische Übergänge von Denken
zum Handeln, von Konzept zur Realisierung unter den jeweiligen,
nur selten wirklich günstigen Bedingungen evident
macht. Er sieht in ihnen „im Grunde Vorgriffe, Ausbrüche
in die Ferne“ und ein Symptom für gesellschaftliche
Zustände, denn „wenn Menschen mehr Potenzial
haben, als von ihnen gebraucht wird, von ihnen genommen
wird, dann gibt es Projekte." |
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SKLAVEN
| MEGACITIES Die in diesem Band angesprochenen,
hier in Erinnerung gerufenen Themen verknüpfen berufliche
Einordnungen, weil sich von den Arbeitsweisen her latente
Überlagerungen ergeben, selbst wenn es inhaltlich
um völlig verschiedene Dinge geht. Dem viel zitierten
Machbaren werden zusätzliche Dimensionen erschlossen.
Die erwähnten Beispiele für Projektwelten reichen
von den Windmühlen, die Leibniz konzipiert hat, über
Robinson Crusoes Projektarbeit auf seiner Insel bis zu
für künftige Wesen verständlichen Warntafeln
in Tschernobyl (Alexander Kluge) oder vom wieder zu aktualisierenden
Anti-Slavery-Movement zu Arbeitsauffassungen in Indien
oder Bali, was Peter Sellars anspricht, der „Beispiele
statt Leerformeln“ fordert und weltweit „zu
entdeckende Reichtümer“ zum Schwerpunkt künftiger
Projekte machen will. An Kunst sind ihm primary experience
und primary research besonders wichtig. Auf Erwerbsarbeit
beschränkt, liegen essenzielle Dimensionen des Menschseins
brach. Daher gehe es darum, „für sich ein Gebilde
aus Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen, das ein lebenslanges
Engagement zulässt, als Beteiligung an ernsthafter
Problembearbeitung“. Gelinge das, könne auch
etwas weitergegeben werden. Fundamentale indische Kulturkritik
oder arabische Einflüsse auf Urbanität und architektonisches
Entwerfen (Zaha Hadid) werden ebenso evident, wie die
antikapitalistische Geldvernichtung in den Sieben
Himmelspalästen von Anselm Kiefer oder die strukturelle
Notwendigkeit von Zeichensetzungen in Megacities, die
Wolf D. Prix für notwendig hält, um zu Strategien
zu gelangen, „wie das sehr wohl steuerbar würde,
sonst drohen ungeahnte soziale Konflikte und Desaster“.
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ORIENTIERUNG
Erfahrungen mit Kooperationen zwischen medialer Kunst
und Architektur (Brigitte Kowanz) lassen sich mit Orientierungsdesign
in unübersichtlichen Situationen (Fons Hickmann)
in Bezug setzen. Im Selbstverständnis von Brigitte
Kowanz ist die Anschlussfähigkeit von Projekten,
die Dirk Baecker als Objektivierungs- und Akzeptanzmoment
betont, ein zentraler, bei ihr dezidiert subjektiver,
auf das Transformieren wissenschaftlicher Erkenntnisse
und technologischer Möglichkeiten ausgerichteter
Punkt: „Im Fertigwerden werden sie zur Basis für
das Folgende“. Ein Hinarbeiten auf packende Augenblicke
im Theater (Bernhard Kleber) korreliert mit Intensitäten
bei der Porträtfotografie (Elfie Semotan). Dass Christoph
Schlingensiefs Experimentieren mit Chaos, Symbolen und
Aufforderungen, „endlich in den eigenen Film einzutreten“,
in traditionellen Institutionen Belebung und sogar Nachfrage
nach obstinater Unternehmensberatung erzeugt, erhellt,
wie empfänglich bestimmte Mechanismen für verjüngende
Irritationen sind, wie leicht sich Medien kurzfristig
gleichschalten lassen und auf welche Art von Projekten
und welche Formen von Scheitern sie reagieren. Relikte
seiner Arbeit will er irgendwann genau an jener Erdspalte
in Island versammeln, wo sich Europa tektonisch von Amerika
wegbewegt. |
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INSTITUTIONEN
UND PROJEKTE Von anderen Trennungen spricht Manfred
Faßler: „Es wird immer deutlicher, dass wissensbildende
Informationen und die Fähigkeiten, Wissen zu erzeugen,
längst nicht mehr vorrangig in den klassischen Universitäten
zu finden sind. Der kulturevolutionäre Wettstreit
zwischen Institutionen und Projekten ist in den Netzwerken
globaler digitaler Kulturen schon im Gange.“ Ein
Durchdenken solcher Transfersituationen mache evident,
wie projektorientiert das Geschehen längst verläuft:
„Knowledge follows Project“ / „Form
follows Project“. Dirk Baecker konstatiert ein erst
spät einsetzendes wissenschaftliches Interesse an
solchen Entwicklungen und problematisiert damit angewandte
Wissenschaft; denn längst hätte man „in
diesen im Grunde illusionistischen Apparaten verstärkt
Lebenswelten fördern, Projektbedingungen viel komplexer
begreifen können“. Letztlich handle es sich
nicht um getrennte Welten, denn „Projekte leben
von Institutionen und Netzwerken, die Netzwerke und Institutionen
leben davon, dass gewisse Dinge in Projektform realisiert
werden“. Seine Kommentare dazu lassen sich zur Schilderung
der Arbeitsweise von Ärzte ohne Grenzen
und zum Spektrum medizinischer Hilfe in Nicaragua, Pakistan,
Afghanistan, Ruanda, Mosambik oder Bolivien (Reinhard
Dörflinger), der Forschungspolitik der EU und ihrer
Funktion als Trägerorganisation für Projekte
(Barbara Rhode) oder den Überlegungen zu „Projektuniversitäten“
gegenlesen, wie sie Gerald Bast von seiner Position als
Rektor aus präzisiert, beharrend darauf, dass sich
Universitäten als Schaltstellen für „die
Produktion von Veränderung“, für „das
Schaffen neuer Realitäten“ behaupten müssen.
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TRANSFORMATION
In welcher Vielschichtigkeit Martha Rosler in Bringing
the War Home Rechercheprojekte zu den Folterungen
der US-Army im Irak als „Deutung von Wirklichkeit
und Wahrheit“ künstlerisch transformiert (Gabriele
Werner), konterkariert akademische Blockaden für
Transdisziplinäres, wie sie Burghart Schmidt am Beispiel
der Natur- und Geisteswissenschaften analysiert. Er leitet
von den Projekterfahrungen der „harten“ Wissenschaften
plausible Kooperationsmuster ab, da dort zuerst bewusst
wurde, „dass viele Phänomene nur dann in Annäherung
durchschaut werden könnten, wenn sie unter den verschiedenen
Perspektiven der verschiedenen Naturwissenschaften angegangen
würden“. Erst im Weiteren habe sich Interdisziplinäres
„aus dem Anwachsen der Informationsmengen, dem man
im ersten Schritt mit bornierter Fachidiotie begegnen
wollte“ ergeben. „Nicht einen Teil seiner
künstlerischen wie wissenschaftlichen Arbeit interdisziplinären
Projekten zu widmen, hieße schlichtweg Borniertheit“,
meint er dazu lakonisch. |
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MAXIMALISMUS
| ALLTAG Kommentare zu Arbeitsweisen junger Designer-und
Architektengruppen (EOOS, osa), sowie deren Strategien,
öffentliche Räume zurückzugewinnen, solche
zu Rechtsfragen für Gestalterisches (Walter Holzer),
zur finanztechnischen Ausgrenzung von Nicht-Kommerziellem
als bloße Liebhaberei (Deloitte Auditor), zu bürokratischer
werdenden Verfahren (Eva Blimlinger) problematisieren
die Bedingungen für forschendes, künstlerisches
Arbeiten und die Marginalisierung jedes Interesses an
nicht-kommerzialisierbaren Komponenten. Die Beschreibung
neo-existenzialistischer Jugendkulturen verdeutlicht Sehnsüchte
nach eigensinnigen Projektleben: „Ich mache mein
Ding“ (Robert Misik). Essayistische Abschnitte zu
Projektarbeiten in islamisch orientierten Ländern
(Christian Reder), zu Maximalismus- und Alltagsprojekten
in Russland (Erich Klein) und zum letzten dezidiert linken
Revolutionsversuch vor Ende des Kalten Krieges, jenem
auf der Karibikinsel Grenada, mit Rückbezügen
zur Projektwelt von Bertolt Brecht (Ernst Strouhal) haben
globale politischgeografisch-kulturelle Perspektiven im
Blick. „Im Bewusstsein der Unbestimmtheit des Weges“
geht es weiter, wenn möglich widersprüchlich,
also produktiv, heißt es dort. |
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| EXEMPLARISCHE
NORMALITÄT Vieles an den Argumentationen
aller Mitautoren und Mitautorinnen – für
die sich ein Durchschnittsalter von 50 Jahren ergibt
– korreliert mit inzwischen überblickbaren
Lebenswegen der jüngeren Generation, die bei einem
(tendenziell generalistischen, aber fachlich spezialisierten)
Kunststudium ansetzten, was durchaus Vergleichsmöglichkeiten
mit anderen Sparten ergibt. Von einer problem- und projektorientierten
Vermittlungs- und Beobachtungsposition aus, wie dem
Zentrum für Kunst- und Wissenstransfer an der Universität
für angewandte Kunst Wien, zeigt sich das für
noch nicht Etabliertes, in Bewegung Befindliches vielleicht
markanter, als wenn konventionelle Fachlaufbahnen verfolgt
würden. Eine aktuelle Broschüre der Hochschülerschaft
fasst diese Funktion, etwas dramatisiert, als Die
Projektuniversität in der Universität
zusammen. Empirisch-analytische Bezugsfelder sind kulturpolitische
und systemanalytische Beratungen, persönliche Projekterfahrungen
sowie Diskurse, wie sie in diesem Band vertreten sind.
Im Kern geht es um Selbstorganisation, um ungewöhnliche
Erfahrungsräume, um ein Agieren ohne Limitierung
durch abgrenzbare Disziplinen. Manches davon kann Defizite
universitärer Angebote verdeutlichen, gerade was
transdisziplinäre Projektchancen betrifft, die
auch in medizinischer, juristischer oder ökonomischer
Ausbildung angebracht wären. Denn erkennbar ist
längst, dass sich aus explizitem Interesse für
Fachkombinationen und selbst gestaltbare Transfers eigenwillige
Lebenswege ergeben können, die durchaus auch ökonomisch
in Balance zu halten sind, ob nun innerhalb, am Rand
oder außerhalb der Sphäre „Kunst“
operiert wird.
Von mir langjährig verfolgbare Beispiele für
solche von einem Transferdenken geprägte Positionen,
von denen im Folgenden einige herausgegriffen werden,
bestätigen für sich erst formierende Biografien,
was in vielen Beiträgen als ständig stattfindendes
Überschreiten konventioneller Zuordnungen und als
Erschließen noch unabsehbarer Aktivitätsfelder
angesprochen wird.
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DAS
AUGE BETREFFEND So ist etwa im Dezember 2005
im MAK (Österreichisches Museum für angewandte
Kunst, Wien) in einem großen, abgedunkelten Raum
mit drei Großprojektionen eine Situation erzeugt
worden, die eine Art Metasprache eines wissenschaftlichen
Labors und darin ablaufender Prozesse präsent machte.
Eindringliche menschenleere Sequenzen versetzten einen
in Sichtweisen, wie monoton operierende Schüttelapparate
die Welt wahrnehmen könnten. Diese Transformation
von Wissenschaft in Bildwelten ergab sich aus einer langjährigen
Kooperation der Ophthalmologischen Abteilung (ophthalmologisch:
„das Auge betreffend“) von IBILI, des Institute
of Biochemical Research in Light and Image an der Universität
Coimbra/Portugal mit Herwig Turk, der sich nach einem
Kunststudium in Wien nun seit Jahren auf solche Visualisierungsexperimente
konzentriert (BLINDDATE, Co-Autoren: Günter
Stöger, Paulo Pereira). „Von Kunst- und Wissenstransfer“,
so sein E-Mail-Statement, habe er entscheidende Impulse
bezogen, weil „konsequente Denkfreiheit und Methodenwahl
praktiziert wurde. Spannend war, dass der Projektgedanke
(damals noch eher originär) als schnelle und flexible
Einheit promotet wurde und Netzwerken (noch ohne www)
das um und auf war.“ Jede Projektbesprechung habe
dazu ermuntert, „an eine Situation offen heranzugehen
und nicht nur in den geläufigen Konstellationen von
Personen und Institutionen zu denken.“
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| MULTITUDE
Nach einem Keramikstudium (Diplom 1990) ist Uli Aigner,
die nach einer Gastprofessur in München nun auch
an der autonomen ghostAkademie und als Kuratorin
wirkt, zur uneingegrenzt arbeitenden, viele Medien einbeziehenden
erfolgreichen Künstlerin geworden. Im aktuellen
Werkbuch zu ihrer Ausstellung im Lentos Kunstmuseum
Linz erinnert sie an die Ausbildungsjahre: „Kunst-
und Wissenstransfer“ und „die wilden Vorträge
des Peter Weibel waren zentrale Orientierungspunkte
für mein Denken und Tun“. Mit Richard Jochum
ergaben sich seit seinem Philosophie- und Kunststudium
Kooperationen bei von ihm konzipierten Veranstaltungen
und in Publikationen, bevor er, als Künstler, Theoretiker
und Lehrender tätig, nach Berlin und New York weiter
gezogen ist. Friedemann Derschmidt, ein anderes Beispiel
für transferorientierte „Multitude“,
hat über Jahre hinweg mit seinem Permanent
Breakfast-Programm zur Grenzauflösung, das
entlang des aufgegebenen Eisernen Vorhangs und an öffentlichen
Plätzen inhaltlich offen bleibende Gesprächssituationen
initiierte, bis in die USA reichende Schneeballeffekte
und weltweite Medienwirksamkeit erzielt. Seine sorgsamen
Filme über den jüdischen Tänzer Rudolf
Schmitz alias Menachem Rudyn und aussterbendes Handwerk
oder das Engagement für Roma- und Sinti-Musiker
demonstrieren, wohin ein Architekturstudium führen
kann. Ein solches hat auch Robert Temel nicht auf die
Baubranche eingeengt; er konzentriert sich auf urbanistische
Studien, Diskussionsveranstaltungen und Projektentwicklungen
und ist Kolumnist von Architektur aktuell für
den Netzbereich. Genauso unabsehbar war, dass der Bildhauer
Thomas Kosma einmal das lebensgroße Mammut vor
dem Urzeitmuseum in Nussdorf ob der Traisen in Niederösterreich,
das von Profis aus Disneyland stammen könnte, in
Beton gießen würde; es waren seine archäologischen
Interessen, die ihn zum Spezialisten für solche
Aufträge machten. Die weiter verfügbare Gussform
würde Duplikate ermöglichen, mit denen sich,
wo immer es passt, eine Eiszeitstimmung bestärken
ließe.
Werkbuch Uli Aigner 2004–1984,
Linz 2005, S. 238 / Richard Jochum: Komplexitätsbewältigungsstrategien
in der neueren Philosophie: Michel Serres, Wien 1998
/ Bernhard Schneider, Richard Jochum (Hg.): Erinnerungen
an das Töten. Genozid reflexiv, Wien 1999 / www.richardjochum.net
/ www.permanentbreakfast.org
/ Peter Döllmann, Robert Temel: Lebenslandschaften.
Zukünftiges Wohnen im Schnittpunkt von privat
und öffentlich, Frankfurt am Main 2002.
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| TEXT
UND BILD Entstanden sind solche anhaltenden
Kontakte aus beidseitigem hochschulpolitischem Engagement,
vor allem aber durch Projektkooperationen, etwa zur
Problematisierung von Gedenk- und Dokumentationsstätten
für das KZ Gusen, weil Studierende nicht einfach
Erwartbares zu einem Wettbewerb beitragen wollten. War
dabei ein Zeithistoriker wie Bertrand Perz einbezogen,
ist es ein andermal der Balkanexperte Jaques Le Rider.
Die Erforschung der weiteren Berufswege unserer Absolventen
hat Elisabeth Al Chihade nach ihrem Kunstpädagogik-Studium
zum Thema ihrer viele Vorurteile entkräftenden
Dissertation gemacht; eine „selbst gewählte
Mischung aus Philosophie und Soziologie“, so der
Co-Betreuer Roland Girtler. Sie liefert damit systematisierte
Einblicke in künstlerischkulturelle Arbeitssituationen,
wie sie im allgemeinen Starkult kaum beachtet werden
und lehrt inzwischen an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt
und der Modeschule der Stadt Wien (Schwerpunkt: Entwurfstechniken,
Computergrafik, Medien, Design). Nikolaus Gansterer,
ein Teilnehmer des Transferprojekt Damaskus
ist mit seiner künstlerischen Arbeit zuletzt in
Ausstellungen in London, New York oder Warschau präsent
gewesen und mit dem 1. Wiener Gemüseorchester,
das nur Gemüse als Instrumente benutzt, bis nach
Rom, Moskau und Schanghai unterwegs. Konstantin Luser,
dessen intarsierter Helm in diesem Band abgebildet
ist (Seite 394), setzt, etwa in Graz, ganze Hochhausfassaden
für interaktive Kommunikationsmöglichkeiten
ein, wobei Lichtpunkte in Blindenschrift ein wichtiges
Element sind. Für Angelika Mathis, die als Grafikerin
ein mehrfach ausgezeichnetes arabisch-deutsches Kalenderbuch
für Schüler entwickelte, oder für Stefanie
Wuschitz, die Erfahrungen in libanesischen Palästinenserlagern
zeichnend, filmend, schreibend aufgearbeitet hat, haben
sich aus der in Damaskus initiierten Beschäftigung
mit der arabischen Welt markante Folgearbeiten ergeben.
Projekte und Dissertationen konzentrieren sich vielfach
auf zu entwickelnde Korrelationen zwischen Text und
Bild – denn wer kann schon ohne Bilder (und Klangbilder)
denken. Die Gruppe um Christoph Steinbrener wiederum
kann als Beispiel dafür dienen, dass sich auch
mit nicht direkt in die Universität eingebundenen
Gruppierungen Kontinuitäten – und „Anschlussfähigkeiten“
– ergeben, weil inhaltlich offene Beratungsleistungen
in Anspruch genommen werden (Unternehmen Capricorn;
Operation Figurini. Eine soziale Skulptur;
DELETE!; Wien 2001–2005). Auch Doris
Rothauer gehört zu diesem Umfeld; nach einem Studium
der Handelswissenschaft war sie Generalsekretärin
der Wiener Secession, Direktorin des Künstlerhauses
und betreibt nun mit Martin Sirlinger eine eigene Beratungs-
und Projektmanagementagentur, das „Büro für
Transfer“, ausgerichtet auf den „Wissenstransfer
zwischen weicher Kreativität und harter Wirtschaftlichkeit“.
Elisabeth Al Chihade: Die
Hochschule für angewandte Kunst in Wien und ihre
Absolventen von 1970 bis 1995, Wien 1999 / www.gansterer.org
/ www.gemueseorchester.org
/ steinbrener.net
/ www.steinbrener-dempf.com
/ www.dorisrothauer.at
/ www.buerofuertransfer.at
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| SPEZIALISIERTE
GENERALISTEN Solche von der ursprünglichen
Ausbildung abweichende Wege skizzieren, wie unvorhersehbar
sich gerade generalistisch angelegte, selbst gefundene
und erfundene Arbeitsfelder entwickeln. Das macht permanent
erfahrbar, welche Potenziale angesichts der Einschränkungen
normaler Universitätsroutine aktivierbar sind,
gerade wenn fachübergreifende Projekte das Angebot
bereichern und solche Initiativen durch Beratungsleistungen
zu Konzepterstellung, Präsentation, Finanzierung,
Rechtsfragen bestärkt werden. Im Archiv aus den
Anfangsjahren solcher Ausbildungserweiterungen findet
sich dazu folgendes Statement von Bazon Brock: „Generalistisches
Arbeiten heißt nicht unbedarfte Einmischung in
alles und jedes; generalistisches Arbeiten verlangt
vielmehr nach dem leidenschaftlichen Einsatz für
übergeordnete Gesichtspunkte, die allgemein gelten.“
Das im Einzelfall zu vermitteln, sollte vieles unter
motivierender, teilnehmender und objektivierender Beobachtung
aber auch einfach geschehen lassen.
Bazon Brock: Ästhetik
gegen erzwungene Unmittelbarkeit, Köln 1986,
S. 355.
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MIKROPROJEKTE
Die Kleinteiligkeit – vielfach auch Kargheit –
solcher im erster Eindruck immer desperat wirkenden Projektszenerien
ist Ausdruck gesellschaftlicher Realitäten auf Small-Budget-Ebenen,
auf denen eingeführte Markt- und Finanzierungsmechanismen
in aller Regel nicht greifen, gerade wenn Experimentelles,
Forschendes wichtiger genommen wird als unmittelbar Verkaufbares.
Mischfinanzierungen sind die Regel. Dazu Harald Gründl
von EOOS: „Wir forschen eben ohne dass uns jemand
explizit damit beauftragt, weil wir kulturell relevante
Dienstleistungen erbringen wollen“. Auch Ulrich
Beckefeld engagiert sich in Low-Budget-Projekten mit der
Begründung „selbstfinanzierte Forschung“.
Fons Hickmann wiederum nimmt Social Design und Aufträge
für Hilfsorganisationen wichtig, nicht zuletzt, um
gegen die Brutalisierung „beim Umgang mit Künstlern,
beim Kürzen von Texten, in der Zahlungsmoral“
Freiräume zu verteidigen. Entscheidendes entsteht
unter meta-ökonomischen Bedingungen, abgespaltet
von der Wirtschaftswelt. Das oft irreale, zunehmend schematisierte
Verhältnis von Beantragungsaufwand und tatsächlichen
Förderungschancen wird sowohl für die EU-Ebene
(Barbara Rhode) als auch für akademische Bereiche
(Eva Blimlinger) kommentiert. Letztlich hat es „Großes“
eher leichter. Konträre Beispiele liefern sonderbarer
Weise die ärmsten Weltgegenden, wo sich wenigstens
sektoral manchmal die Regel, mit viel Geld wenig zu bewirken,
zur Chance, mit wenig Geld viel zu erreichen verdreht.
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| STAATENLOS
Werden in wohlhabenden Gesellschaften Projekte vor allem
als Bauvorhaben oder umstrittene Interventionen wahrgenommen,
sind sie in sozial und ökonomisch devastierten
Zonen vielfach das Einzige, was Bewegung signalisiert.
So haben sich in Kabul, heißt es in meinem Bericht
über die dortige Situation (Afghanistan, fragmentarisch;
2004), „Hunderte Hilfsorganisationen niedergelassen,
sozusagen als Zellen, von denen Dynamik ausgehen soll.
Ihre überall sichtbaren Schilder vermitteln den
Eindruck einer hochaktiven Projektkultur, wie sie unter
geordneteren Verhältnissen kaum denkbar ist. Aktivismus,
vor allem auch dessen Privatisierung, wird von den Ansätzen
her öffentlich sichtbar. Vorrang scheint sozial
Relevantes zu haben, das Notwendigste, das Drängendste,
handelt es sich doch primär um uneigennützige,
Solidarität behauptende Non-Profit-Organisationen.
Aus aller Welt angereiste Experten haben begonnen, für
Frauen, für Kinder, für Schulen, für
Waisen, für das Gesundheitswesen, für den
Wiederaufbau etwas zu tun; zumindest kündigen das
die Aufschriften an. Offensichtlich wird das, was in
reichen Ländern überall stark reduziert wird,
in einer solchen Situation für besonders wichtig
gehalten.“ Welche Grade von Selbstorganisation
der lokalen Bevölkerung damit verbunden sind, vom
Nahverkehr über Schulen bis zur Armenfürsorge
oder privaten Sicherheitsdiensten, ässt vieles
an solchen vom Staat verlassenen Stadtsituationen wie
eine Vision von generell Möglichem erscheinen.
Christian Reder: Afghanistan,
fragmentarisch, Edition Transfer, Wien-New York 2004,
S. 16 / Christian Reder in: Manfred Faßler,
Cyrill Gutsch, Claudius Terkowsky (Hg.): Urban Fictions.
Die Zukunft des Städtischen, München 2006.
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| MIKROFINANZIERUNG
Auf solche Realitäten reagiert hat etwa der in
den USA ausgebildete Ökonomieprofessor Muhammad
Yunus, der zum Pionier für eine ausgebaute Förderung
von Mikroprojekten wurde. In seinem Herkunftsland Bangladesch
begann er – als Exempel angewandter Wissenschaft
– 1979 damit, durch günstige Kleinkredite,
vor allem auch an Frauen, eine bessere Absicherung von
Selbständigkeit zu ermöglichen. Daraus entwickelte
sich ein Millionen erreichender Mikrofinanzsektor mit
verschiedenen Anbietern. Trotz aller denkbaren problematischen
Begleiterscheinungen werden so Dinge in Bewegung gesetzt,
zu denen sich traditionelle Institutionen nicht in der
Lage fühlen. Es verdeutlicht auch, wie wenig unter
westlichen Bedingungen mit 50 oder 5.000 Euro angefangen
werden kann und wie vergleichsweise schwer selbst bescheidene
Mittel ohne Sicherheiten und nachweisbare Einkünfte
auf marktwirtschaftliche Weise beschaffbar sind. Solche
Divergenzen könnten es nicht nur für Konzerne,
sondern auch auf Normalebene interessant machen, außerhalb
der sich einmauernden westlichen Hochlohnländer
mit ihrem analog hohen Lebenskostenniveau ohne die früheren
Attitüden „etwas zu unternehmen“, wenn
daheim mit geringem Startkapital keine Chancen gesehen
werden. Jahrhunderte lang sind Europäer überall
hingegangen; jetzt erschreckt sie der Gegenverkehr.
In einer Analyse der Situation auf dem Balkan heißt
es dazu: „Ohne abzuwarten, dass auf politischer
Ebene die theoretischen, die gesetzlichen Voraussetzungen
geschaffen wurden, hätten vergleichsweise minimale
Investitionen maximale – nicht zuletzt psychologische
– Effekte bringen können. Für solche
Projekte gibt es lange Listen, die niemanden interessiert
haben.“
Inzwischen scheint die skizzierte Kreditkonzeption
auch in Europa mit Blick auf arme Gesellschaften zu
greifen – etwa im Investmentfond Vision Microfinance
der Vienna Portfolio Management AG (Leopold Seiler)
–, um auf dem Markt „Gutes zu tun“
Anlagemöglichkeiten zu offerieren und in fast aussichtslos
erscheinenden Armutssituationen, ohne die lokal meist
üblichen Wucherzinsen ein Realisieren von Projekten
zu ermöglichen; überdies liegen die Ausfallsraten
weit unter jenen westlicher Länder. Die deutsche
„Bewegungsstiftung“ (Motto: „Anstöße
für soziale Bewegungen“) oder die „Bürgerstiftung
Hamburg“ sind Beispiele, dass Kleinteiligkeit
gerade von wenig betuchten Investorengruppen wichtig
genommen wird. Auf Wohlstandsregionen bezogen unterstreichen
solche Vergleiche, welche Signifikanz Private-Public-Projektfinanzierungen
gerade in Small-Budget- Bereichen haben, ob es nun um
handelbare Waren geht oder nicht, und wie es um Startchancen
in „Kulturgesellschaften“ – die vieles
ermöglichen sollten – bestellt ist.
Muhammad Yunus: GRAMEEN.
Eine Bank für die Armen der Welt, Bergisch-Gladbach
1998 / Wolfgang Libal, Christine von Kohl: Der Balkan.
Stabilität oder Chaos in Europa, Wien 2000, S.
99 / Vision Microfinance: www.vpm.at
/ www.bewegungsstiftung.de
/ www.buergerstiftung-hamburg.de
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| NÜTZLICHES
WISSEN UND NICHT-WISSEN Welche analogen, nicht
zwingend in Finanzierungskreisläufe eingebundene
Projektwelten existieren, führt einem etwa die
Mobile Akademie Berlin vor Augen, „eine
mobile Institution auf Zeit, die immer wieder ihren
Standort verlagert“. Getragen von einem Team um
Hannah Hurtzig werden einmal fortgeschrittene Studierende,
junge Künstler und Künstlerinnen „mit
Projekterfahrung“ zu „Konstruktion und Erfindungen
urbaner Folklore“ eingeladen, 2005 wiederum ist,
mit Stationen in Berlin (siehe Bild Seite 450) und Warschau,
der Schwarzmarkt für nützliches Wissen
und Nicht-Wissen veranstaltet worden. Während
unserer Gespräche für dieses Buch konnten
wir davon profitieren und mehrere Termine mit dort präsenten
Experten wahrnehmen; Kosten für eine halbe Stunde:
jeweils 1 Euro. An der Ticket-Börse entstand ein
reger Handel, alles zu zivilen Preisen, aber streng
nach Angebot und Nachfrage. 120 Experten und Expertinnen
standen zur Verfügung, Zuschauer konnten im abgedunkelten
Saal von erhöhten Sitzreihen aus das Geschehen
an langen Reihen von Zweiertischen und auf Videoschirmen
verfolgen. Harun Farocki stand zu „Erinnerung,
schweig!“, Dirk Baecker zur Turing-Maschine zur
Verfügung. Dutzende Arbeitsfelder, von „Aktivismus,
politisch“ über „Arbeit“, „Architektur“,
„Dichtung“, „Dilemma“, „Kartografie“,
„Kommunikation“, „Medien“, „Musik,
Lärm/Geräusch“, „Orientierung“,
„Raum“, „Sex“, „Sprache“,
„Technik, künstlerisch“, „Theater“,
bis „Übersetzung“ oder „Urbanismus“
waren vertreten. Immer wieder kamen konkrete Projekterfahrungen
zur Sprache, ob nun nutzbare Lücken von Bauvorschriften,
„gefühltes Wissen“ als sozialer Planungszugang
oder die temporäre Besiedlung leer stehender Plattenbauten
zur Diskussion standen. Der konzentrierte, am Gegenüber
Interesse zeigende Gedankenaustausch lief in erstaunlich
respektvoller Atmosphäre ab, gerade weil sich alle
fremd waren, sie gleichrangig miteinander umgingen und
Wissenshierarchien vorübergehend außer Kraft
gesetzt gewesen sind – als Beispiel zu Manfred
Faßlers Frage „Welche Zukunft für welche
Wissenswerkstatt?“
Dass neben oft illusionären, machtpolitischen
Megaprojekten und der Projektorientierung vieler Arbeitsweisen
solche ungebunden-informellen Projektszenerien wesentliche
Bewegungsmomente sind, lässt sich prägnanter
vermitteln, wenn hier auch noch Interpretationen des
Projektbegriffs und zugehörige Orientierungsmuster
knapp kommentiert werden.
Mobile Akademie Berlin: www.mobileacademy-berlin.com
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| DANIEL
DEFOE Es fällt in die Zeit von Frühaufklärung
und Frühliberalismus, dass Daniel Defoe in seinem
Welterfolg Robinson Crusoe (1719) einem Projektleben
Form gegeben hat – „… my head began
to be full of projects and undertakings beyond my reach
…“ –, das in vielen Aspekten prägend
werdende Vorstellungen und Verhaltensweisen stilisiert,
von unternehmerischer Initiative bis hin zur Überlebenskunst
nach Katastrophen. Die Person des Robinson Crusoe blieb
Inbegriff für „the complicity between evangelizing
Christianity and economic colonization“, was ihr,
reflektierend gelesen, eine wiederkehrende Aktualität
bewahrt. Do-it-Yourself ist nur eine Facette des angesprochenen
Spektrums. Defoe selbst, dieser exemplarische „citizen
of the modern world“ (so sein Biograf John Robert
Moore) war es auch, der als erster den Projektbegriff
in reformerischem Kontext lanciert hat, als er in An
Essay Upon Projects (1697) konkrete Verbesserungsvorschläge
präsentierte, die auch heute noch zum Verständnis
aufgeklärter Pragmatik und anglo-amerikanischer
Denktraditionen beitragen können. Um solche historische
Dimensionen präsent zu machen, liegt dieses Erstlingswerk
Defoes als Parallelband zum Lesebuch Projekte
in kommentierter deutschsprachiger Neuausgabe vor, einschließlich
kompakter Nachforschungen zu Etappen und Wandlungen
von Projektvorstellungen, die hier knapp resümiert
werden.
Daniel Defoe: Ein Essay
über Projekte, herausgegeben und kommentiert
von Christian Reder, Edition Transfer, Wien-New York
2006 / Hans Turley: Protestant evangelicalism, British
imperialism, and Crusonian identity, in: Kathleen
Wilson (Hg.): A New Imperial History. Culture, Identity
and Modernity in Britain and the Empire 1660–1840,
Cambridge 2004, S. 192f. / John Robert Moore: Daniel
Defoe. Citizen of the Modern World (1958), Chicago-London
1970.
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| PROJECTING
AGE Von Daniel Defoe wird der Anfang des Projecting
Age mit 1680 datiert, denn ihm zufolge begann damals
„the art and mystery of projecting to creep into
the world“. Im Spekulationsfieber der frühen
Kolonialzeit hatten sich Szenerien von Projektanten
gebildet, die für ihre Ideen Geldgeber und die
Gunst von Fürsten suchten. „Verkannte Erfinder,
die Romantiker der Tat, die unruhigen und fein organisierten
Gehirne“ waren genauso darunter, so Werner Sombart,
wie Bankrotteure oder „Bohemiens, die aus der
Bourgeoisie entwischt sind und nun gern wieder hinein
möchten, kühne und auskunftsreiche Leute“.
England ist in dieser Phase weithin als Vorbild erreichbarer
Freiheiten angesehen worden. Die dortigen, von den liberalen
Niederlanden aus beeinflussten Umwälzungen haben,
so Reinhart Koselleck, weithin ausgestrahlt, denn „der
Verlauf der Französischen Revolution von 1787 bis
1815 gleicht in vieler Hinsicht, nicht nur im Prozess
gegen den König, der zu seiner Hinrichtung führte,
dem Ablauf der Englischen Revolution von 1640 bis 1660/88.
Und so kann es nicht verwundern, dass die Voraussagen
der Französischen Revolution immer wieder auf das
Beispiel der Englischen zurückgriffen und dass
die Diagnosen im Verlauf der Französischen Revolution
immer wieder von Analogieschlüssen aus der englischen
Parallele zehrten, um glaubwürdig zu sein.“
In England Begonnenes hatte Folgen jenseits des Atlantiks
und am Kontinent: „Seit der Amerikanischen und
der Französischen Revolution stehen alle politischen
Handlungseinheiten im Zugzwang, sich zu demokratisieren.“
Werner Sombart: Der Bourgeois.
Zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen
(1913), Berlin 1987, S. 52f. / Reinhart Koselleck:
Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt am
Main 2000, S. 209, 229.
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PRAGMATIK
Defoes Projektvorschläge, ob er nun Steuerbefreiung,
Mindestunterhalt und kostenlosen Gesundheitsdienst für
Arme, gleiche Ausbildungschancen für Frauen, die
Bekämpfung von Steuerhinterziehung, ein reformiertes
Bank- und Börsenwesen, Sparkassen, ein neues Konkursrecht,
leistungsfähige Handelsgerichte, die Privatisierung
öffentlicher Aufgaben und des Straßenbaus oder
– wegen „unserer eigenen Verrücktheit“
– die würdige Betreuung von Geisteskranken
fordert, lesen sich im Abstand von dreihundert Jahren
wie ein Katalog weiter bestehender Defizite, stellenweise
auch wie eine Persiflage auf geläufige Politikkonzepte,
Weltbankprogramme oder Consultant-Gutachten. Seine Popularisierung
der Ideen von John Locke macht Korrelationen von Anfangs-
und Akutphasen kapitalistischer Entwicklungen und den
sich von damaligen Aufbruchsphasen herleitenden Pragmatismus
anschaulich. |
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| SHAKESPEARE
| DESCARTES Die früheste im Rahmen der
Recherchen dazu entdeckte Literaturstelle findet sich
bei Shakespeare 1600/1601. Von ihm wird der geplante
Mord an Hamlet ausdrücklich als Projekt bezeichnet,
also ausgerechnet ein Mord an jemandem, der aus heutiger
Sicht, „frei, abhängig und blind zugleich“,
ständig auf der „Suche nach dem System, in
dem er eine Rolle spielen kann“, gewesen ist.
In The Tempest, zehn Jahre danach, gibt die
als Projekt verstandene Lebensplanung des zentralen
Protagonisten dem Begriff eine markant ausgeweitete,
konstruktivere Bedeutung. René Descartes verwendet
ihn 1637 im Discourse de la Méthode
für sein Erkenntnisstreben; ursprünglich war
ihm „das Projekt einer universalen Wissenschaft“
vorgeschwebt.
Erst hundert Jahre nach dem ausgerufenen Projektzeitalter
war der Begriff „Projekt“ im Deutschen gebräuchlich
geworden. In Goethes Faust schließlich
geht es zentral um Projekte, bis hin zum Neuen Menschen:
„Ein herrlich Werk ist gleich zustand gebracht
/ (…) Es wird ein Mensch gemacht.“
Beschreibung Hamlets von
Dirk Baecker, in: Dirk Baecker, Alexander Kluge: Vom
Nutzen ungelöster Probleme, Berlin 2003, S.130.
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DEFINITION
A + B In der hier eingangs zitierten großen
Enzyklopädie der Aufklärung wird unter „Projekt“
schlicht „ein Plan, den man zu verwirklichen beabsichtigt“
verstanden, einschließlich diverser „unsinniger
Unternehmungen“. Von einer Einengung auf wirtschaftlich
Relevantes ist somit nicht die Rede. Auch heute noch definiert
das Deutsche Institut für Normung e. V. den Terminus
„Projekt“ erstaunlich weit gefasst als „ein
Vorhaben, das im Wesentlichen durch eine Einmaligkeit
der Bedingungen in ihrer Gesamtheit gekennzeichnet ist“
(DIN 69901). „Projektkultur“ wird als die
„Gesamtheit der von Wissen, Erfahrung und Tradition
beeinflussten Verhaltensweisen der Projektbeteiligten
und deren generelle Einschätzung durch das Projektumfeld"
beschrieben (DIN 69905). |
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| ETWAS
UNTERNEHMEN Werner Sombart, der 1913, kurz
vor dem Auseinanderbrechen der bürgerlichen Welt,
ausführlich auf Defoe als Projektdenker und einen
„der besten Sachkenner der damaligen Zeit“
eingegangen ist, hat den Übergang von Projekten
zu Unternehmen detailreich kommentiert und sich dabei
nicht auf Ökonomie eingrenzen lassen. Unter der
stabilisierten Form des Projektes, der Unternehmung
(im weitesten Sinn), versteht er „jede Verwirklichung
eines weitsichtigen Planes, zu dessen Durchführung
es des andauernden Zusammenwirkens mehrerer Personen
unter einem einheitlichen Willen bedarf.“ Und
„das Gebiet der Unternehmung ist so weit wie das
Feld der menschlichen Tätigkeit überhaupt.
Der Begriff ist also keineswegs auf das Wirtschaftliche
beschränkt. Die wirtschaftliche Unternehmung ist
vielmehr eine Unterart der Unternehmung überhaupt,
die kapitalistische Unternehmung eine Unterart der wirtschaftlichen
Unternehmung.“ Er scheidet zwar aus dieser Definition
„alles künstlerische sowie alles rein handwerkliche
Schaffen“ aus, weil es in der Regel „nur
einer“ ausführe, hat dabei aber sichtlich
noch nicht die verzahnten und abhängiger gewordenen
künstlerischen und wissenschaftlichen späteren
Produktionsbedingungen vor Augen.
Werner Sombart: Der Bourgeois.
Zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen
(1913), Berlin 1987, S. 59, 60f.
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| RUDIMENTÄR
BÜRGERLICH Wie es um den – sichtlich
als Rarität – oft nur noch flehentlich angesprochenen
„bürgerlichen“, also auch „kultivierten“
und „kultivierenden“ Initiativgeist inzwischen
steht, kommentiert Alexander Kluge in diesem Band, indem
er das ursprüngliche Projecting Age in
Erinnerung ruft: „Bürgerlich meine ich hier
positiv, mit bürgerlich meine ich stürmisch,
,ich will mich realisieren‘“. Das gelte
genauso für den Projektemacher, „der ja als
Patriot des Eigenwillens den bürgerlichen Instinkt
in sich hat. Das hat’s vorher nicht gegeben im
Feudalismus. Und das gibt es heute natürlich immer
seltener, weil die bürgerliche Gesellschaft nicht
wirklich präsent ist, sie setzt sich nicht fort.
Das, was wir heute sehen, sind alles sozusagen Embryonen
von Bürgern, die leben und sterben. Wir kommen
gar nicht bis zum Ich, bis zur ICH AG. Dieses Ich ist
aber eine ganz zerstörerische Potenz.“ Auch
global betrachtet sind die schmalen Mittelschichten
weiterhin nur sehr bedingt Stützen positiver Entwicklungen,
als die sie ständig apostrophiert werden. Ein in
seinen UNO-Funktionen damit konfrontierter Aktivist
wie Jean Ziegler sieht in ihnen fast durchwegs eine
„,gekaufte‘ Bourgeoisie“, weil in
aller Regel die Interessen korrupter Regime und der
Konzerne, „dieser neuen Feudalherren“, vertreten
werden. Deren Möglichkeiten, Steuerzahlungen zu
entkommen, erinnern an frühere Privilegien von
Adel und Klerus.
Jean Ziegler: Das Imperium
der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung
(Paris 2005), München 2005, S. 71.
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| RESTGRÖSSE:
LIBERALES KLIMA Das allseits betriebene Umschwenken
aus sozialstaatlich liberalen in privatisierend neoliberale
Richtungen – im Kern schlicht die vieles ruinierende
Radikalisierung von Profitmaximierung – hat zwangsläufig
markante Auswirkungen auf jedes Projektklima. Wie selbstreflexiv
das vor sich geht, prägt sich erst seit dem Ende
der Systemkonkurrenz deutlicher aus. Neue Gegner müssen
für Zusammenhalt sorgen; davon finden sich selbst
in den eigenen Reihen genügend. Dazu konstatiert
Richard Rorty, unbeirrbarer Vertreter des Liberalismus
amerikanischer Prägung und einer kritisch gebliebenen
US-Öffentlichkeit, dass in den Vereinigten Staaten
nun schon seit längerem „die ,Liberalen‘
– das heißt alle, die auch nur über
die Verteilung von Reichtum, Einkommen und Chancengleichheit
nachzudenken beginnen“, als „verrückt“
und „unmoralisch“ hingestellt werden. Kein
Politiker, der gewählt werden will, könne
sich noch als „liberal“ bezeichnen, wobei
sich ohnedies nahezu niemand mehr „um Wahlen kümmert,
ausgenommen die Mittelklasse der Suburbs“ und
sogar die Armen kaum dazu gebracht werden, „für
ihre eigenen Interessen zu stimmen“. Für
ein Projektdenken heiße das, „dass es jetzt
an Europa liegt, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.“
Von dessen skeptischen Haltungen verspricht er sich
offenbar mehr als von der propagierten Siegesgewissheit
im eigenen Land mit ihrem unverblümten, auch anderswo
grassierenden Zurückdrängen kritischer Stimmen.
Mit dieser Beschwörung und Verteidigung eines
liberalen Klimas trifft er sich mit Jürgen Habermas,
der in Philosophie in Zeiten des Terrors (2003)
die Wichtigkeit reziproker Bemühungen um „die
Öffnung einer Mentalität“ betont und
das laufe generell eher über „die Liberalisierung
der Verhältnisse, über eine objektive Entlastung
von Druck und Angst“.
Richard Rorty: Europa sollte
auf sich selbst bauen, in: Europa oder Amerika? Zur
Zukunft des Westens, Sonderheft Merkur, Deutsche Zeitschrift
für europäisches Denken, Heft 9/10 Berlin
2000 (darin vertritt Rorty übrigens auch eine
Auffassung, die trotz weiterer Zuspitzungen im Berlusconi-Italien
aus dem europäischen Common Sense wieder verschwunden
ist: „Es ist für mich eine große
Ermutigung, dass die Regierungschefs Europas sich
entschlossen haben, Österreich zu boykottieren,
ohne zuvor Washington zu konsultieren …“)
/ Jürgen Habermas in: Jürgen Habermas, Jaques
Derrida: Philosophie in Zeiten des Terrors. Zwei Gespräche,
geführt, eingeleitet und kommentiert von Giovanna
Borradori (Chicago 2003), Berlin 2004, S. 61.
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| HERRSCHAFTSLOGIK
Einer solchen defensiv-reformerischen Pragmatik können
Radikaloppositionelle wie Michael Hardt und Antonio
Negri kaum etwas abgewinnen, denn Souveränität
habe als „Empire“, in dem „überall
Korruption“ herrsche, längst „eine
neue Form angenommen“ – „die eine
einzige Herrschaftslogik eint“. Wenn überhaupt,
so ergäben sich Perspektiven somit nicht mehr aus
dem Anspruch repräsentativen Handelns sondern allein
durch kontrapunktische „konstituierende Tätigkeit“
– also tatsächlich bei der desperaten Situation
der Ärmsten und einem Blick „von unten“
ansetzende Projekten und Strategien. Alles bloß
Karitative würde nur systemstützend wirken.
Dass „die entstaatlichte Bürgergesellschaft
die uns zugedachte Zukunft ist“, also überall
Selbsthilfe greifen soll, als „Lückenbüßer
eines säumigen, pflichtvergessenen Staates“,
so auch Wolfgang Engler, sei Konsequenz des gewendeten
Reformdenkens. „Reform“ wird vom „,Fortschritt‘
in seiner eingebürgerten Bedeutung, vom Glücksanspruch
der Mehrheit, von der Förderung der Schwachen“
entkoppelt; „,richtige‘ Reformen sind nunmehr
schmerzhaft, tun weh, sie gehorchen dem Zwang zum Weniger,
nicht den Verlockungen des Mehr und Immermehr, sie bringen
Einschränkungen mit sich, Belastungen, Enttäuschungen“.
Dabei ginge es vor allem darum, „die Handlungs-
und Tätigkeitsimpulse von Menschen zu bewahren,
ja zu bekräftigen, die der Arbeitsprozess ausscheidet
– das ist die alles Wesentliche einschließende
Kurzfassung der neuen kulturellen Weltformel und umreißt
zugleich den nächsten Schritt, den unsere
Gemeinwesen gehen müssten, sollen nicht ungezählte
Menschen in Selbstzweifel und Apathie verharren“.
Michael Hardt, Antonio Negri:
Empire. Die neue Weltordnung (2000), Frankfurt am
Main 2002, S. 10, 396, 419 / Wolfgang Engler: Bürger,
ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung
der Gesellschaft, Berlin 2005, S. 243, 58, 236, 146.
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|
| UNVOLLENDETE
MODERNE „Die Welt zu einem besseren Ort
zu machen“, mit ausgeweiteten Chancen, „eine
neue, verschiedene Art von Person zu werden, die andere
Dinge wünscht als zuvor“, also „neue,
synkretistische und umfassende Arten zu leben zuwegebringt“,
wie es etwa Richard Rorty unverdrossen fordert, verweist
auf anderes als neoliberale Modernisierungen, auf das
– nach Jürgen Habermas bekanntlich latent
„unvollendete“ – „Projekt der
Moderne“, also auf zwangsläufig unübersichtliche,
widersprüchliche, oft kontraproduktive Intentionen
und Richtungsangaben der Aufklärung, die von der
„durch die moderne Wissenschaft inspirierten Vorstellung
vom unendlichen Fortschritt der Erkenntnis und eines
Fortschreitens zum gesellschaftlich und moralisch Besseren“
geprägt sind. Selbst in seinen Grundzügen
keinesfalls allgemein geläufig, geschweige denn
akzeptiert, ist es zwar durch die strukturelle Gliederung
von Verfassungsstaaten und essenzielle Elemente der
Rechtsordnungen, ansonsten aber bestenfalls rhetorisch
zum Common Sense geworden.
Das nicht in Erinnerung zu rufen, würde ausblenden,
welche Orientierungsrahmen und Kriterien für Projekte
Anwendung finden könnten (oder – und sei
es als Provokation – eben nicht), auch wenn keine
selbsttätige Geschichtsautomatik behauptet wird.
Es gelte, so Habermas in ursprünglichen, vieles
inzwischen als wichtig Erkanntes ausgrenzenden, vor
allem auf Organisation setzenden Formulierungen, „die
objektivierenden Wissenschaften, die universalistischen
Grundlagen von Moral und Recht und die autonome Kunst
unbeirrt in ihrem jeweiligen Eigensinn zu entwickeln,
aber gleichzeitig auch die kognitiven Potenziale, die
sich so ansammeln, aus ihren esoterischen Hochformen
zu entbinden und für die Praxis, d.h. für
eine vernünftige Gestaltung der Lebensverhältnisse
zu nützen“, wozu es notwendig sei, „die
gesellschaftliche Modernisierung in andere nichtkapitalistische
Bahnen“ zu lenken.
In aktualisierten Versionen wird aus der Hoffnung auf
Anderes ein Plädoyer für Zähmung: Allein
durch die „Revision des Selbstbildes könnte
beispielsweise der Westen lernen, was sich an seiner
Politik ändern müsste, wenn er als eine zivilisierende
Gestaltungsmacht wahrgenommen werden möchte. Ohne
eine politische Zähmung des entgrenzten Kapitalismus
lässt sich der verheerenden Stratifikation der
Weltgesellschaft nicht beikommen. Die disparitäre
Entwicklungsdynamik der Weltgesellschaft müsste
in ihren destruktivsten Folgen – ich denke an
die Depravierung und Verelendung ganzer Regionen und
ganzer Kontinente – wenigstens ausbalanciert werden.“
Mechanismen dafür könne nur eine differenzierte
Organisiertheit liefern, „wenn sich eines Tages
die großen kontinentalen Regime wie EU, NAFTA
[North American Free Trade Agreement] und ASEAN [Association
of South East Asian Nations] zu handlungsfähigen
Aktoren entwickelt haben, um dann transnationale Vereinbarungen
zu treffen und für ein immer dichteres transnationales
Geflecht von Organisationen, Konferenzen und Praktiken
Verantwortung zu übernehmen“. Trotz latent
erlebbarer Formen „kommunikativen Handelns“
– etwa in privilegierten Situationen an Universitäten
–, die Konsequenzlosigkeit und manipulierbare
Entscheidungsfindung kaum einschränken können,
wird auf immer dichtere Verflechtungen gesetzt. Als
Gegengewicht ließe sich auf lokaler Ebene oder
als transkulturelle Brückenbildung die Ausbaufähigkeit
von Projektkulturen forcieren.
Richard Rorty: Truth and
Progress, Cambridge 1998, S. 186ff., zit. nach: Birger
P. Priddat (Hg.): Kapitalismus, Krisen, Kultur, Marburg
2000, S. 213f. / Jürgen Habermas: Die Moderne
– ein unvollendetes Projekt (1980), in: Die
Moderne – ein unvollendetes Projekt. Leipzig
1990, S. 32ff. / Jürgen Habermas in: Jürgen
Habermas, Jaques Derrida: Philosophie in Zeiten des
Terrors. Berlin 2004, S. 61f., 66.
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| ZWEITE
MODERNE Das trifft sich mit dem Denken von
Ulrich Beck, bekanntlich Exponent eines „Projekts
des Kosmopolitismus“ im Rahmen einer offenen und
ambivalenten „Zweiten Moderne“, die nicht
mehr Nationalstaatliches zur Basis hat. Er betont, dass
„die radikale Offenheit“ grundlegendes „Wesensmerkmal
des Europäischen Projektes und sein eigentliches
Erfolgsgeheimnis“ sei, denn „wer das christliche
Abendland neu erfindet, um Europa abzugrenzen, macht
aus Europa eine Religion, beinahe eine Rasse und stellt
das Vorhaben der europäischen Aufklärung auf
den Kopf.“ Klar müsse eines sein: „Das
kosmopolitische Europa ist ein Projekt des Widerstandes“,
da es „nach dem Zweiten Weltkrieg politisch bewusst
als Antithese zum nationalistischen Europa und seiner
moralischen und physischen Verwüstung“ begründet
worden ist. Präzisierend spricht er vom „Projekt
einer anderen Globalisierung, einer anderen Moderne“
und meint damit „ein Projekt, das von einer den
ganzen Erdball einbeziehenden Vision einer ,kosmopolitischen
Vernunft‘ getragen wird“ unter selbstkritischer
„Anerkennung der Andersheit der Anderen“.
Dabei seien alle „auf Koalitionen angewiesen,
um ihre Ziele zu verwirklichen“. Es ginge um ein
neues, strukturell stabilisiertes Verständnis von
„citizen of the modern world“ und um ausgeweitete
Handlungsfreiräume für möglichst viele,
mit „Westlichem“ als selektiv Adaptierbarem.
Zum „Projekt Europa“ finden sich übrigens
bereits 1693 bei William Penn, einem Freund Defoes,
grundsätzliche Gedanken; vor allem, dass „the
Turks and Muscovites“ ebenfalls hereingenommen
werden müssten („are taken in“). Inwieweit
ethnische, religiöse, nationalstaatliche Gebundenheit
tatsächlich in kosmopolitische Konstellationen
übergehen könnte, Europa nicht bloß
ein Staatenverbund bliebe und ein „Zweites Projekt
der Moderne“ somit Chancen als Orientierungsrahmen
habe, halten Skeptiker allerorts – wie täglich
erkennbar – angesichts der Gegenkräfte für
weitgehend illusionär. Selbst auf künstlerischen,
also universellen Feldern ergibt sich ohne nationale
Basis kaum eine Bestärkung, es sei denn als Vorzeigeflüchtling
oder nach bereits Erreichtem. Auf individuell beeinflussbaren
Projektebenen selbst lässt sich dennoch in solche
Richtungen arbeiten. Anordnungen braucht es dazu nicht.
Ulrich Beck: Der kosmopolitische
Blick oder: Krieg ist Frieden, Frankfurt am Main 2004,
S. 250, 248, 252 / Ulrich Beck: Macht und Gegenmacht
im globalen Zeitalter. Neue weltpolitische Ökonomie,
Frankfurt am Main 2002, S. 447, 315, 412, 419 / William
Penn: An Essay Towards the Present and Future Peace
of Europe by the Establishment of an European Dyet,
Parliament or Estates (London 1693), Hildesheim-Zürich-New
York 1983.
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| EREIGNISSE
UND STRUKTUREN Reinhart Koselleck hält
den „Prozesscharakter der neuzeitlichen Geschichte“
für „nicht anders erfassbar als durch die
wechselseitige Erklärung von Ereignissen durch
Strukturen und umgekehrt“. Die „Unendlichkeit
des Geschehens“ erfordere die Beobachtung und
das Greifbarmachen, wie sich „eine Summe von Begebenheiten
zu einem Ereignis zusammenfügt“. Werden in
diesem Sinn „Projekte“ als spezielle Form
von Ereignissen aufgefasst, weil Absichten, Pläne,
Resultate, Abgrenzungen erkennbar sind, spricht einiges
dafür, sich die Welt oder Ausschnitte von ihr als
undurchsichtiges Gebilde vorzustellen, in dem vor allem
Projekte gewisse Anhaltspunkte liefern, weil sie Intentionen
und Ergebnisse anschaulicher machen als Dahinfließendes.
Wird somit Geschichte auf ihren verschiedenen Ebenen
als Ineinandergreifen von Projekten, von projektähnlichen
Vorhaben gesehen, als Schauplatz für Erzählungen
von Projekten, um dadurch die oft scheiternden Versuche,
neu zu beginnen, Neues zu beginnen – sowie die
Irrwege dabei – bewusster zu machen, ließe
das die eigentlich dynamisch-perspektivischen Faktoren,
wie auch die Bedingungen für ein Gelingen und Misslingen,
deutlicher hervortreten. Solche Sichtweisen erhöhen
auch die Chance, Gewichtungen anders wahrzunehmen, Reales,
Mediales, Fiktives in Abhängigkeit von einander
zu sehen.
Reinhart Koselleck: Vergangene
Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten (1979),
Frankfurt am Main 1989, S. 150, 144, 145.
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EINGRENZEN
| BEWERTEN Derartige Vereinfachungen sind immer
bis zu einem gewissen Grad Konstruktion, Stilisierung.
Von einer Überschaubarkeit, fragmentarische Synthesen
suchenden déformation professionelle wird
das bestärkt. Die Gegenposition wäre, nur große,
allerdings genauso abgegrenzte Einheiten wahrzunehmen,
in denen eben dieses oder jenes passiert. Beim Blick auf
Projekte bleibt es somit notwendig, das von Strukturen
bestimmte, das dazwischen und im Hintergrund Ablaufende,
die Machtverhältnisse oder die Eigendynamik von Institutionen
bis hin zur Strukturen stärkenden Akzeptanz von Über-
und Unterordnung nicht zu vernachlässigen. Nur Inseln
zu sehen, würde ein Fokussieren auf Besonderes, auf
Auffallendes, auf ansonsten kaum leistbare Energiekonzentrationen
bedeuten. Das macht die Einbeziehung von Vernetzungen
und Wechselbeziehungen wichtig, vor allem aber Wertungsfragen.
Schon Daniel Defoe („Projekte wie die, von denen
ich handle, sind zweifellos im Allgemeinen von öffentlichem
Nutzen …“) hat angesprochen, was Alexander
Kluge in diesem Band so formuliert: „Es gibt vertrauenswürdige
Projektemacher und nicht vertrauenswürdige, das Unterscheidungsvermögen
dafür ist elementar notwendig. Und diese Vertrauens-
oder Glaubwürdigkeitsfrage, das ist die Kernfrage“.
Von Peter Sellars wird anhand von Beispielen erläutert,
um welche Richtungen es ginge, denn „ein Projektaktivismus
bringt nur etwas, wenn er auf langfristig erzielbare Veränderungen
ausgerichtet ist. Schnell Mögliches kann genauso
schnell wieder zurückgedreht werden.“ In einer
Welt ohne Projekte würde alles diffus erscheinen,
sich einfach ergeben und es müssten andere Orientierungsmuster
gesucht werden. |
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| PROGRAMMIERTES
SCHEITERN Markanter als die Beschäftigung
damit machen sich aber Auffassungen bemerkbar, nach
denen Projekte, vor allem kühnere, zwangsläufig
scheitern oder versanden müssen. Dabei werden selbst
aus dem Verschwinden einst strahlender Unternehmen,
abgesehen von üblicher Besserwisserei, kaum tatsächlich
analytische Lehren gezogen. Dirk Baeckers Reflexionen
dazu haben Heiner Müller angeregt, in solchen Szenarien
des großen Scheiterns Stoff künftiger Tragödien,
künftiger Dramen zu sehen.
Irritierend ist aber genauso, wie flächendeckend
ein Mißlingen vorausgesetzt wird. Schon im Titel
eines aktuellen, Historisches einbeziehenden Buches
dazu wird das deutlich: Markus Krajewski (Hg.): Projektemacher.
Zur Produktion von Wissen in der Vorform des Scheiterns
(2004). „Entscheidend bleibt“, heißt
es bereits in der die Begriffsentwicklung kommentierenden
Einleitung, „dass die Vorhaben im Moment des Erfolgs
ihren Projektstatus verlassen und zum ,Werk‘,
zur ,Errungenschaft‘, zum ,Unternehmen‘
geraten. Es greift eine weitreichende Umwidmung der
zuvor noch ungewissen Tätigkeiten. Was kurz davor
noch Projekt heißt, wird durch das Gelingen zum
Produkt, zur glänzenden Leistung, zur gelobten
Erfindung, zum funktionierenden Geschäft promoviert.
Allein das, was scheitert, muss weiterhin ,Projekt‘
heißen.“ Ambivalenz wird angesprochen, weil
auch auf das „Modewort Scheitern“, also
die Gewöhnung an Krisenerscheinungen und ein Versagen
sowie das damit zusammenhängende Anwachsen „von
Projektemachern, die sich kollektiv organisieren“,
eingegangen wird. An destabilisierenden Schwarzhandelsnetzen
oder Schlepperbanden bestätige sich jedoch, „dass
inzwischen jede unvollkommene Überlegung längst
als Projekt deklariert wird“, und es – so
die ironische Forderung – „Inseln der Integrität“
brauche, wo, offenbar wegen des zunehmend subversiven
Charakters, „jede Projektemacherei“ untersagt
sei (Helmut Höge).
Zugleich ist eine solche Skepsis auf „die eigenartige
und mithin rätselhafte Figur des Projektemachers“
fixiert, die im „Übergang zwischen kritischer
Zwangslage und einer noch unentschiedenen, zu gestaltenden
Zukunft“ agiert und darauf beharrt, „das
Undenkbare zu behaupten, um das Unmögliche realisierbar
zu machen“. Weil mit solchen Ansprüchen kaum
etwas gelingen könne, liege vielleicht „in
der Niederlage die optimale Erkenntnisposition“
(Markus Krajewski).
Zu Heiner Müller: Dirk
Baecker, Alexander Kluge: Vom Nutzen ungelöster
Probleme, Berlin 2003, S. 39 / Markus Krajewski (Hg.):
Projektemacher. Zur Produktion von Wissen in der Vorform
des Scheiterns, Berlin 2004, darin: Markus Krajewski,
S. 23, 24; Helmut Höge: Der Projektemacher als
postmodernes Massenphänomen, S. 219ff., 236,
243.
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AKZEPTANZ
UND SKEPSIS Kein Architekt, der mit seinem Team
ein Projekt nach dem anderen ausarbeitet, würde sich
– zumindest a priori – solchen kategorisch-defensivenen
Sichtweisen anschließen, noch dazu, wo vielfach
gerade unrealisiert gebliebene Projekte Architekturgeschichte
geschrieben haben. „Die Arbeit in und an Projekten“,
so Wolf D. Prix in diesem Band, „ist sicher zentral
für ein wirklich aufmerksames Berufsverständnis“
und eine der „wesentlichen Funktionen um Neues anzufangen
ist die des Projektmanagers“, der „auf Überwindung
des Überwindbaren“ aus ist. Umgangssprachlich
ist es gerade in künstlerischen und gestalterischen
Berufsfeldern, die hier im Vordergrund stehen, absolut
üblich, „Werke“ auch nach Fertigstellung
als „Projekte“ zu bezeichnen. Analoges gilt
für weiterlaufende Projekte wie das der Moderne oder
das „Projekt Europa“. Daniel Barenboim und
Edward W. Said haben das von ihnen gegründete, aus
Mitgliedern jüdischer und muslimischer Herkunft gebildete
West-Eastern Divan Orchestra immer wieder als
„ihr wichtigstes Projekt“ bezeichnet. Am 21.
August 2005 konnte es sich endlich auch in Ramallah präsentieren.
Jedes Chirurgenteam muss, abgesehen von Routinefällen,
permanent entscheiden, welche Projektleistungen es im
Einzelfall benötigt, jeder größere Feuerwehreinsatz
benötigt eingespielte Projektstrukturen. Komplexe
Realisierungen im Schiffs- und Flugzeugbau gelten als
Projekte. Bauunternehmen ohne Auftragsprojekte, Museen
ohne Ausstellungsprojekte würden Regierungen gleichen,
die nicht einmal behaupten etwas vorzuhaben.
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| MEGAPROJEKTE
Selbst das Manhattan Project zur Entwicklung
der Atombombe heißt weiter „Projekt“,
obwohl es bekanntlich nicht gescheitert ist und bei
offensivem Einsatz der von ihm abstammenden Produkte
alle zivilisatorischen Errungenschaften endgültig
scheitern würden. Mitzudenken ist, dass auf Abschließbares
angelegte Vorhaben zum Inbegriff des Grauens geworden
sind, zur kategorischen Erschütterung eines Glaubens
an Fortschritt. Dem aus den Fundamentalkatastrophen
des 20. Jahrhunderts ableitbaren Verlust an Entwicklungsoptimismus
mit Megaprojekten entgegenzuwirken, gelang und gelingt
bestenfalls phasenweise.
Exemplarisches Beispiel für eine solche mobilisierende
Politik ist die inzwischen in Projektketten übergeleitete
Raumfahrt. Auf sowjetische Erfolge mussten die USA reagieren:
Sputnik, 1957; Juri Gagarin – am 12. April 1961
der erste Mensch im Weltraum; Leiter des Raumfahrtprogramms:
der frühere Gulag-Häftling Sergej Pawlowitsch
Koroljow. Deshalb hatte John F. Kennedy am 25. Mai 1961
verkündet, das space project der Mondlandung
noch in der laufenden Dekade zu realisieren: „First,
I believe that this nation should commit itself to achieving
the goal, before this decade is out, of landing a man
on the Moon and returning him safely to the Earth.“
Eine damit angefachte, den Kalten Krieg als Hintergrund
brauchende Aufbruchsstimmung ist wegen ständiger
Kriegs- und Rüstungsprojekte, der Risiken massiv
durchgezogener Vorhaben der Atomwirtschaft, Katastrophen
wie Tschernobyl, Bhopal oder Challenger im Weiteren
wieder latent in Misskredit geraten. Das gilt bis zum
Yangtse-Staudamm. Maßgebliche „Dynamik“
geht weiterhin vom viel zitierten, alles durchdringenden
„militärisch- industriellen Komplex“
aus (© US-Präsident Dwight D. Eisenhower,
1961). Selbst Projektanstrengungen des New Deal unter
Franklin D. Roosevelt mit seiner Works Progress
Administration (WPA), dem Federal
Art Project, dem Tennessee Valley Project
lassen sich als Parallelen zu primär „zivilen“
Megaprojekten Stalins (Eismeerkanal, Elektrifizierung,
Industriekombinate, Stadtgründungen), Hitlers (Autobahn,
Volkswagen) oder Mussolinis (Trockenlegung der Pontinischen
Sümpfe, „Musterstädte“ wie Littoria)
problematisieren, was im Detail bei Wolfgang Schivelbusch
nachzulesen ist.
Die großen Eisenbahnprojekte, der Suezkanal,
der Panamakanal, der Eiffelturm hatten noch ungebrochene
Fortschrittsgläubigkeit repräsentiert, mit
Eisen und Kohle als Epochematerial; dem Atomzeitalter
werden die Vorteile friedlicher Nutzung längst
nicht mehr so eindeutig geglaubt. Der Palast der
Projekte von Ilya und Emilia Kabakov (Essen, 2001)
ironisiert den Maximalismus der Moderne, den in diesem
Band Erich Klein für Russland und Ernst Strouhal
am Beispiel des Revolutionsversuchs in Grenada kommentieren.
Wolfgang Schivelbusch: Entfernte
Verwandtschaft. Faschismus, Nationalsozialismus, New
Deal 1933–1939, München 2005 / Ilya Kabakov,
Emilia Kabakov: Der Palast der Projekte, Düsseldorf
2001.
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| UNENDLICHKEIT
Auch auf wissenschaftlicher Ebene hat die von einem
Machbarkeitswahn provozierte Skepsis dauerhafte Auswirkungen.
So lehnte etwa Niklas Luhmann die „zeitlimitierten
Ordnungen“ von Projekten als organisationstechnische
Einengung eines nicht in Abschnitte zu gliedernden,
vielfach ziellosen Forschens ab. Denn mit bloßen
„Ausschnitten aus Problem/Problemzusammenhängen“
gäbe es kein Weiterkommen. Sein beabsichtigtes
Lebenswerk beschrieb er anfangs knapp als „Theorie
der Gesellschaft, Laufzeit: 30 Jahre, Kosten: keine“.
Gelegentlich hat er es dennoch als Projekt bezeichnet,
blieb aber einem Etappendenken gegenüber reserviert,
„denn Gesellschaftstheorie ist nun beim besten
Willen kein Projekt, sondern das Anliegen der Disziplin
schlechthin. Es würde sich mithin lohnen, ein Projekt
zur Erforschung der Selektivität von Projektforschung
zu beantragen“.
Niklas Luhmann: www.humboldtgesellschaft.de
/ Niklas Luhmann: Die Wissenschaft der Gesellschaft
(1990), Frankfurt am Main 1992, S. 338, 427, 339.
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| CONSULTING
Skepsis und Abwehr setzen sich gegenüber einem
exemplarischen Projektbereich, dem boomenden kommerziellen
Consulting, das vielfach sonst Undurchsetzbares begutachten,
konzipieren und voranbringen soll, fort. Eigene solche,
wegen der interessanten Projektangebote gewählte,
von Zürich aus organisierte Berufsphasen fallen
in Reformzeiten der 70er Jahre, als etwa der österreichische
Bundeskanzler Bruno Kreisky zu seinen viel zitierten
1.400 Experten auch Managementkonsulenten aus der Schweiz,
wie uns, hinzuholte (Motto: „Wir wollen ein modernes
Österreich“). Wegen der von Entwicklung zu
Einsparungen übergehenden Wende ist es mir schließlich
plausibler gewesen, ein solches Arbeiten in Sozial-
und Kulturbereiche umzulenken. Weil Organisationen kaum
darauf eingestellt sind, die von Beratern übernehmbare
Funktion wahrzunehmen, quer durch die Hierarchien Mitarbeiter
und Mitarbeiterinnen auf ihre Problemsicht hin zu befragen,
Kooperationsbarrieren zu lokalisieren und mit distanzierterem,
systemanalytischen Blick Perspektiven durchzudenken,
können solche Projekte durchaus greifbare Resultate
bringen. Dabei tauchen jede Menge innerbetriebliche
Widerstände auf. Die Art der Leistungen und Produkte
oder das Personalsystem lassen sich überdenken.
Systemkritische Möglichkeiten halten sich in Grenzen.
Auf Grund dieser Erfahrungen erscheint die Stilisierung
von McKinsey & Co zum Inbegriff neoliberaler Motorik
und Destruktion, was vom üblich gewordenen Berufsverständnis
her viel für sich hat, als eher plakativ (vgl.
etwa Werner Rügemer [Hg.]: Die Berater. Ihr
Wirken in Staat und Gesellschaft, Bielefeld 2004).
Denn es wäre auch zu fragen, woher beratungsbereite
Politiker, Politikerinnen, Institutionen, Unternehmen
solche Leistungen und Gutachten sonst beziehen könnten.
Offensichtlich wird weder in der Bürokratie noch
in Parteiapparaten, Gewerkschaften, Betrieben oder Universitäten
ein ausreichendes Reservoir gesehen, eben weil Projektorientierung
strukturell kaum vorgesehen ist. Braintrusts mysteriöser
politisch ausgerichteter Stiftungen sind vor allem in
den USA als Hinterland längst wichtiger. Unterstützende
Instrumentarien der Parlamente selbst sind sehr limitiert,
Rechnungshöfe in aller Regel bloß folgenlose
Berichte liefernde, buchhalterisch-administrativ agierende
Zentralinstanzen. Gerade Privatisierungsoffensiven und
Firmenübernahmen machen zugehörige Projekte
zu Seilschaftsangelegenheiten und zum Eldorado mitverdienenden
Consultings. Solche Einengungen demonstrieren, wie es
um professionalisiertes Mitgestalten von Entwicklungen
bestellt ist. Es wird zwar „Unabhängigkeit“
eingekauft, nur ist der Spielraum für Abweichungen
letztlich sehr eng – alles dreht sich um Anpassungen
an nicht mehr hinterfragbare Zwänge.
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| AUSWEITUNG
Selbst ein Spekulationsgewinnen die Spitze nehmendes
Projekt wie die nach dem Ökonomieprofessor James
Tobin benannte Devisenumsatzsteuer, die Tobin Tax, ist
durch anhaltendes Propagieren von „außen“
lanciert worden, bevor es in abgeschnittenen „Innenwelten“
Gehör fand. Die Art entstehender Projektkulturen
ist jedenfalls als expansiver Sektor durchaus gesellschaftsprägend,
tendiert immer wieder zu einem „Projektsumpf“
und müsste kontinuierlich analysiert werden, was
wegen der üblichen Vertraulichkeiten ein undurchsichtiges
Feld bleibt.
„Radikale Außenseiter im Management“,
heißt es dazu optimistisch zum Thema Innovation,
„orientieren sich immer an Leuten, die ihre Andersartigkeit
bestärken. Sie lernen von denen, die andere Unterscheidungen
verwenden als sie selbst …“ (Winfried Weber).
Es könnte also auch anders laufen, auf Entwicklung
hin orientiert, wird aber von Kostenmanagement, Flexibilisierung
oder Gefälligkeitsprojekten völlig überschattet
– systemkonform überschattet. Manche in diesem
Band angesprochene Ansatzpunkte haben Event-Charakter,
wie Christoph Schlingensiefs Irritationsfunktion beim
Energiekonzern E.ON. Für Fons Hickmann wiederum
wäre die Ausweitung beratender Dienstleistungen
noch ein weites Feld, denn „allein schon bei Funktionen
wie einem Designmanagement, der Architektur oder zur
Evaluierung des Betriebsklimas, der Personalsysteme,
des Medienauftritts könnte ein kontinuierliches
Zusammenwirken in ungewöhnlich konstituierten Gruppen
einiges bewirken. Probleme ließen sich so deutlicher
lokalisieren und artikulieren.“ Auch in Hinblick
auf urbane Entwicklungen plädiert Wolf D. Prix
für „Projektgruppen mit Experten und Denkern,
komplexe Netzwerke, die Strategien für lebbare
Städte, für Stadtviertel, für Stadtstrukturen
entwickeln und begleiten“.
Winfried Weber: Innovation
durch Injunktion. Warum man Innovation nicht planen
(lassen) kann, Göttingen 2005, S. 219.
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| INFLATION
UND PRIORITÄTEN Mit der Tendenz „Alles
ist Projekt“ wird Prozesshaftes betont bzw. überbetont.
Es können damit radikale Reformprogramme gemeint
sein, ein Sprung nach vorn oder ins Nichts. Institutionellem
wird das Misstrauen ausgedrückt. Neues soll entstehen
indem sich Kräfte auf Essenzielles konzentrieren.
Bewegung ist alles, Veränderung das Thema. Rhetorisch
tauchen solche Ansprüche zwar weiterhin auf, wegen
der evidenten Konsequenzen von Maximalismen und limitierter
Reformierbarkeit jedoch transformiert zur Politik der
kleinen Schritte. Da dramatische Systembrüche insgesamt
als kaum noch vorstellbar gelten, verlagern sich die
Phantasien auf vom sich selbst organisierenden Kapitalismus
geduldete Freiräume. Banalisiert wird es vor allem
um flexibel gegliederte, an Zielen orientierte Gruppenarbeit
gehen, um Dinge, die im Normalfall links liegen bleiben,
für die Routine nicht ausreicht. Wer sich nicht
in Projekten bewährt, wird in der „projektbasierten
Polis“ kaum Chancen haben. Wer nicht an EU-Forschungsgeldern
partizipiert, wird, so Barbara Rhodes Insider-Sicht,
in seiner scientific community an Ansehen verlieren.
Mit der konträren Tendenz Projekte gehören
abgeschafft (so ein provokanter Buchtitel der Managementliteratur)
wird einerseits die Beliebigkeit angefangener, verschleppter,
unzureichend unterstützter, zuwenig vernetzter,
bloß Symptomen nachlaufender, ergebnislos bleibender,
nur als Beschäftigungstherapie betriebener Projekte
angegriffen, andererseits die künstliche Abzirkelung
von Problemfeldern in Frage gestellt.
Solche Ansätze stecken Themenstellungen ab, an
denen es, wenn Organisierbarkeit und Intensität
gemeint sind, gilt konzeptiv und intervenierend weiterzuarbeiten,
sofern Arbeitswelten und Vernetzungen nicht völlig
als sich letztlich selbst organisierend betrachtet werden.
Die Internetsuchmaschine Google weist derzeit unter
dem Suchwort „Projekt“ etwa 38 Millionen,
für das französische projet 45 Millionen,
das spanische proyecto 27 Millionen und in
der englischen Version project 1,5 Milliarden
Eintragungen aus. Für deutsch-, französisch-
und spanischsprachige Bücher zu diesem Stichwort
liefert Amazon jeweils etwa 1.500 Nennungen, für
englischsprachige fast 10.000. Dass die absolute Mehrzahl
davon Versionen von Projektmanagement behandelt, ist
sichtlich Ausdruck dafür, dass weiter gefasste
Konzeptionen nur eine marginalisierte Rolle spielen
oder sich auf mehr oder minder dramatische Handlungsappelle
konzentrieren – auf notwendige, überfällige,
groß angelegte Reformprojekte, wie sie vom Brandt
Report (1981), dem Global Report 2000
bis hin zu Jean Ziegler, Joseph Stiglitz, Amartya Sen,
Jeffrey Sachs oder selbst Kofi Annan vor allem in Reden
und Büchern gefordert werden. An einer „Geschichte
alternativer Projekte“, wie sie noch um 1980 publizistisch
ein das Geschehen offensiv begleitendes Thema war, wird
zwar weitergearbeitet, und alternative Nobelpreise unterstützen
das, wie die Linien und Erfolgsmöglichkeiten dabei
tatsächlich verlaufen, wird angesichts der globalen
Vielfalt zivilgesellschaftlicher Initiativen und latenter
Gegenkräfte erst mit Abstand übersichtlicher.
Das Weltwirtschaftsforum oder diverse Weltwirtschaftsgipfel
machen mit ihrer Anziehungskraft für Oppositionskräfte
aus aller Welt anschaulich, wie viele Intentionen sich
in den organisierten Abläufen nicht mehr vertreten
fühlen aber Mitwirkung beanspruchen, indem strukturbildende,
Strukturen verändernde Projekte eingefordert werden.
Adrian W. Fröhlich:
Mythos Projekt. Projekte gehören abgeschafft.
Ein Plädoyer, Bonn 2002 / Das Überleben
sichern. Der Brandt-Report. Bericht der Nord-Süd-Kommission,
Frankfurt am Main 1981 / Global 2000. Der Bericht
an den Präsidenten, Frankfurt am Main 1980 /
Jean Ziegler: Das Imperium der Schande. Der Kampf
gegen Armut und Unterdrückung (Paris 2005), München
2005 / Joseph Stiglitz: Die Schatten der Globalisierung
(Globalization and its Discontents, New York 2002),
München 2004 / Amartya Sen: Ökonomie für
den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität
in der Marktwirtschaft (Development as Freedom, New
York 1999), München 2000 / Jan Peters (Hg.):
Die Geschichte alternativer Projekte von 1800 bis
1975, Berlin 1980 / Rolf Schwendter: Zur Zeitgeschichte
der Zukunft, 2 Bände, Frankfurt am Main 1982/1984.
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| SYSTEMTHEORIE
Selbst in ihrer Breite und Tiefe pragmatischer gewordene
Forderungskonzeptionen führen stets wieder zu Situationen,
die Dirk Baecker und Alexander Kluge mit „Systeme
sind die Wand, gegen die wir spielen“ umschreiben.
Letztere sind durchwegs „einer partiellen Blindheit“
ausgeliefert, bestehen „aus Gerede“, „können
nur Gerede an Gerede anschließen“, haben
somit auch „die größten Schwierigkeiten,
eine sich allmählich anschleichende Katastrophe
zu erkennen“. Denn Systemen und Organisationen
geht es „um die Einhaltung von Routinen“,
prägend sei „die Fähigkeit, sich wechselseitig
in einer Situation dadurch zu orientieren, dass man
sich daran orientiert, wie andere sich an ihr orientieren“.
Bei solchen Einschätzungen verwundert es nicht,
wenn etwa Pierre Bourdieu, wie schon angesprochen, nur
noch von NGO-Netzwerken und sich ständig neu formierenden
Gruppierungen etwas erwartet hat, wobei auch dabei für
Situationen gilt „dass man sich daran orientiert,
wie andere sich an ihr orientieren“.
Der sich auf diese Weise bildende Mainstream –
dessen träge Richtungsänderungen über
Börsenkurse, Wahlergebnisse, Budgetumschichtungen,
Einschaltquoten, Bestsellerlisten, Themenlancierung
erkennbar werden – lässt Zuflüsse und
Nebenstränge in sich verschwinden. In der Flussmitte,
so die Annahme, kann am wenigsten passieren, obwohl
sich fast jeder einbildet, zu ihr Distanz zu halten,
als Rest von Besonderheit. Minoritäten unter sich,
abgegrenzt durch Vorlieben und Aversionen. Für
Minoritäten und an sehr Speziellem zu arbeiten,
also ohne breite Akzeptanz, wird dennoch permanent desavouiert,
sofern sich nicht potenzielle Nachfrage- und Anwendungsfelder
abzeichnen. Die ständige Rede von zunehmender Differenzierung
der Märkte meint bloß kommerzialisierbare
Produkte und Dienstleistungen, als ob damit alles abdeckbar
wäre. Auf Projekte bezogen wird es somit wichtig
bleiben, sich von solchen Sogwirkungen fernzuhalten
und Insulares zu behaupten. Was unmittelbar brauchbar
ist, wird einem ohnedies abgenommen. Vielleicht liegen
in solchen Diskrepanzen Erklärungen dafür,
dass Robinson Crusoe das anhaltend populärste
Begleitbuch der Moderne geblieben ist, mit der Einsamkeit
der Insel, dem Distanzgewinn, den abzirkelbaren Vorhaben
als für Neuinterpretationen offener Grundsituation.
Ein Projektdenken braucht die Fiktion der Insel, genauso
aber das Interesse an Besuchern und am Fortkommen.
Dirk Baecker, Alexander Kluge:
Vom Nutzen ungelöster Probleme, Berlin 2003,
S. 121ff., 67, 37, 19.
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|
| HARD
PROBLEMS Heinz von Foerster, dem „es
immer wichtiger war, mit Leuten zu arbeiten als Texte
zu schreiben“ – geschrieben hat er vor allem
„wenn ein Forschungsprojekt abgeschlossen war“
–, argumentiert zum Thema „ein gemeinsames
Problem lösen“ fundamental, denn er empfiehlt,
sich zu fragen: „Was ist denn mit ,Lösen‘
gemeint, mit ,gemeinsam‘, mit ,Problem‘?“.
Auf forschendes Handeln bezogen lautet sein Theorem
Nr. 1: „Je tiefer das Problem, das ignoriert wird,
desto größer sind die Chancen, Ruhm und Erfolg
einzuheimsen.“ Das Theorem Nr. 2 dazu hat den
Wortlaut: „Die ,hard sciences‘ sind erfolgreich,
weil sie sich mit den ,soft problems‘ beschäftigen;
die ,soft sciences‘ haben zu kämpfen, denn
sie haben es mit den ,hard problems‘ zu tun.“
Dirk Baecker, Alexander Kluge:
Vom Nutzen ungenutzter Probleme, Berlin 2003, S. 95
/ Heinz von Foerster: Wissen und Gewissen. Versuch
einer Brücke, Frankfurt am Main 1993, S. 261,
337.
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| TANSPARENZBLOCKADEN
Sich die Welt oder Ausschnitte von ihr – wie bereits
betont – als undurchsichtiges Gebilde vorzustellen,
in dem vor allem Projekte und projektartige Versuche
gewisse Anhaltspunkte und Perspektiven liefern, kann
deutlicher vor Augen führen, wie sehr uneingelöste
Erwartungen mit einem Überdenken von Grundstrukturen
für problemund projektorientiertes Arbeiten zusammenhängen,
das von der Ausgestaltung von Rahmenbedingungen über
demokratische Verfahren, ein Implementieren ihrerseits
strukturbildender Projekte bis zur Vorbereitung auf
Unvorhergesehenes reicht. Auf Alltags-, Firmen-, Institutionen-,
Regierungs-, EU- oder UNO-Ebene würde so greifbarer,
was zustande gebracht werden kann oder eben nicht gelingt
und inwieweit veränderbare Behinderungen lokalisierbar
sind.
Gegen eine solche Transparenz wirken auf jeder Ebene
auftretende Macht-, Verbergungs- und Manipulationsinteressen.
Latent vernachlässigte Chancen, für Projektprogramme,
also erreichte und erreichbare Veränderungen etwa
unbestreitbare Sozialindikatoren heranzuziehen, um Lebensqualität,
Lebensstandard, soziale Ungleichheit, die Frauensituation,
Armut, Ausbildung oder Migration periodisch fassbar
und bewusst zu machen, bestärken eine emotionalisierte
Politik, selbst innerhalb von Institutionen. Auf Systematik,
auf Statistik wird kaum reagiert und wenn, dann um vorgefasste
Meinungen zu beweisen. Selbst „neutralen“
Instanzen gelingt es kaum, Daten in Denkmuster einfließen
zu lassen, da Geldwerte der alles dominierende Faktor
sind. Vermittlungsvorgänge funktionieren völlig
abgehoben von kontroversiellen Veränderungs- und
Aufklärungsintentionen. Genauso paradox bleibt,
wie wenig Resonanz sozial und kulturell signifikante
Projektwelten und tatsächlich oppositionelle Positionen
in den Medien haben und dass selbst eine offensivere
Berichterstattung dazu bloß wieder nur medial
Passendes verbreiten würde. Der Glaube daran, dass
nur „wirklich“ ist, was auch medial stattfindet,
provoziert, Fragen nach Abseitigem permanent neu zu
stellen.
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| AUFWANDSHIERARCHIEN
Erst größere Katastrophen machen weithin
ersichtlich, wie schwerfällig Apparate, vielfach
aber auch dafür eingerichtete Projektorganisationen
darauf reagieren. Durch die Sturmflut von New Orleans
wurde evident, wie inferior die mächtigste Nation
auf solche Notfälle vorbereitet ist, trotz riesigem
Department of Homeland Security und der Spezialorganisation
FEMA (Federal Emergency Management Agency). An Aufwandshierarchien
zeigt sich, was wichtig genommen wird. Jede staatliche
Budgetstruktur spiegelt das wider, vom Militär
bis zur Bildung. Wenn Geschäftsschädigendes
eintritt und internationale Vorschriften Ursachenforschung
obligat machen, spielen Kosten plötzlich keine
Rolle. Um etwa die Absturzursache der Swissair-Maschine
SR-111, die am 3. September 1998 vor Kanada ins Meer
gestürzt war, zu klären, mussten Millionen
Einzelteile mit Saugapparaturen vom Meeresboden geborgen
und in einem Hangar neu zusammengesetzt werden, damit
sich nach jahrelanger Projektarbeit hochspezialisierter
Experten anhand eines winzigen verschmorten Drahtstücks
feststellen ließ, dass ein Kurzschluss in der
nachträglich eingebauten Unterhaltungselektronik
als Auslöser für nicht unter Kontrolle zu
bringende Kabelbrände und Rauchentwicklungen anzunehmen
ist. Routine-Checks der für ihre Sicherheit berühmten
Swissair (1931–2001) hatten das Unglück nicht
verhindern können. Erst nach von einer Katastrophe
erzwungenem Eingreifen in Projektform konnten Sicherheitsbestimmungen
entsprechend revidiert werden.
Auch wenn dahingestellt bleibt, in welchen Fällen
– von sorgfältigen Sozialinitiativen über
kontrollierte Sprengungen zur Erneuerung von Städten
bis zur Aufklärung von Wirtschaftskriminalität
– solche Präzisionsgrade angebracht und realistisch
wären, verdeutlicht dies, wie vielfältig auf
Makro- und Mikroebenen die Orientierung von Arbeitsweisen
zwischen Routine und Sonderfällen pendelt und von
Krisenbewältigung bis Innovation Entscheidendes
auf Projektdenken, Projektfinanzierung und Projektstrukturen
angewiesen ist, ob in etablierten Bereichen der Institutionen
und Unternehmen oder – als korrigierender Ausgleich
zu Automatismen – auf zivilgesellschaftlichen,
informellen Ebenen.
www.worldwatch.org
/ Homeland Security: www.dhs.gov/dhspublic
/ Swissair: arte-Themenabend, 23. August 2005
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| TRADITIONEN
Wie im Gespräch zu Ärzte ohne Grenzen
angemerkt, sind signifikante Projektorganisationen irisch-englische
(Amnesty 1961), kanadische (Greenpeace
1971), Schweizer (Internationales Komitee vom Roten
Kreuz 1863) oder französische (Médecins
Sans Frontiéres 1971, Attac 1998)
Gründungen. Das ergibt zivilisatorische Profile,
die einiges über durchgehaltenes Engagement und
etablierbare Netzwerke aussagen. Als älteste bestehende
Menschenrechtsorganisation gilt Anti-Slavery-International
in London (gegründet 1839). In den staatsskeptischen,
aber auf ihre Weise sendungsbewussten Vereinigten Staaten
hingegen sind große NGOs wie das American
Relief Committee, das International Rescue
Committee oder CARE fast durchwegs als
„humanitärer Arm offizieller antisowjetischer
Strategien“ etabliert worden, USAID „was
often a front for CIA“. Von Nicht-Regierungsorganisationen
kann somit nicht die Rede sein, es musste und muss „eingebettet“
agiert werden. Unabhängigeren europäischen
Initiativen wird von solcher Seite permanent Linkslastigkeit
vorgeworfen. Nicht-westliche Organisationen, die Defizite
öffentlicher Leistungen ausgleichen, gelten fast
generell als dubios. Ein Humanitarian Business passt
besser ins Bild; insgesamt unterscheiden sich die Zustände
auf zivilgesellschaftlichen Ebenen trotz mancher Lichtblicke
sichtlich nur partiell von Gewohntem. Was Gegenkräfte
für notwendig halten, verdeutlichen etwa das US-amerikanische
Innocence Project, das durch DNA-Analysen laufend
unschuldig Verurteilte freibekommt, die Aufklärung
zu den US-Geheimgefängnissen liefernden Menschenrechtsorganisationen
oder das ZARA-Projekt in Wien mit seinem konsequenten
Auftreten gegen rassistische Übergriffe. „Wir
sind also bereits so weit, dass es notwendig wird“,
so Peter Sellars in diesem Band, „offensivere
Prozesse zu entwickeln, um sich abzeichnende Verluste
an Rechtssicherheit, an einklagbarer sozialer Gerechtigkeit
wenigsten ansatzweise auszugleichen.“
David Rieff: A Bed for the
Night. Humanitarianism in Crisis, New York 2002, S.
79, 115 / www.innocenceproject.org
/ www.zara.or.at
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| UN
MILLENIUM PROJECT Als rudimentärer Teilaspekt
des ursprünglichen Versprechens globaler Demokratie
wird mit dem Millenium Project der UNO versucht,
ihrer gesteuerten Unreformierbarkeit zu entkommen, indem
ein neues Projektzeitalter ausgerufen wird. Dazu Kofi
Annan in einer Rede vor der UN-Vollversammlung am 14.
September 2005: „To help you, the Member States,
chart a more hopeful course, I appointed the High-level
Panel, and commissioned the Millennium Project
…“. Es ist, als ob vernünftiges Handeln
einen Aufschwung erfahren würde, in dramatischer
Weise kühner und auf tatsächliche Grundprobleme
orientiert, als zu den Zeiten ab 1680, die erstmals
ausdrücklich als Projecting Age bezeichnet
worden sind. Entgegen der grassierenden Tendenz, öffentliche
Aufgaben zu reduzieren und Projekte als unverbindliche
Beschäftigungstherapie zu betrachten, soll das
Millenium Project bis 2015 weltweit die extremste
Armut und den Hunger als Massenerscheinung halbieren,
überall einen Grundschulzugang ermöglichen,
die Situation von Frauen verbessern, die Sterblichkeit
von Kindern und Gebärenden um zwei Drittel senken,
HIV/Aids, Malaria und andere Massenkrankheiten entschieden
bekämpfen, Umweltschäden durch Nachhaltigkeitsprogramme,
Trinkwasserzugang und Slum-Sanierungen stabilisieren.
Eine auszubauende Global Partnership for Development
soll Diskriminierungen im Handels- und Finanzsystem
beseitigen, Good-Governance-Regeln für Unternehmen
durchsetzen, Regierungen armer Länder Schulden
erlassen, sich an Programmen zur Armutsreduktion beteiligen,
Arbeitsplätze für Jugendliche schaffen oder
in armen Ländern erschwingliche Pharmaprodukte
und Informations- und Kommunikationstechnologien bereit
stellen. Am Beispiel des Marshall-Plans wird argumentiert,
dass dadurch sehr wohl eine die schlimmsten Benachteiligungen
beseitigende Dynamik in Gang gesetzt werden könnte.
Gegliedert ist dieses Programm in 8 Ziele mit 18 spezifizierten
Untergruppen:
- Goal: Eradicate extreme poverty and hunger
- Goal: Achieve universal primary education
- Goal: Promote gender equality and empower women
- Goal: Reduce child mortality
- Goal: Improve maternal health
- Goal: Combat HIV / aids, malaria and other deseases
- Goal: Ensure enviromental substainability
- Goal: Develop a global partnership for development.
In zehn Jahren wird erkennbar sein, inwieweit solche
Globalanstrengungen zu sozialem Defizitabbau tatsächlich
gelingen können, also eine „Theorie des Scheiterns“
entkräftet wird, weil mehr oder minder blühende
– und nicht zunehmend desaströse –
Projektwelten entstehen.
www.unmillenniumproject.org/goals/index.htm
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| INFRASTRUKTUR
+ HUMANKAPITAL + MARKT Wie Jeffrey Sachs, der
Leiter dieses Megaprojektes, in The End of Poverty
(mit einem Vorwort des irischen Popmusikers Bono) ausführt,
waren Kofi Annan und ihm klar, „that the United
Nations system is much better at articulating goals
than actually fulfilling them“. Es müssten,
abgesehen von der Budgetfrage, also leistungsfähige
Projektstrukturen etabliert werden, damit die von 250
Experten aus aller Welt festgelegten Ziele halbwegs
Chancen auf Umsetzung bekämen. Bestimmt ist alles
von der Auffassung, „when the preconditions of
basic infrastructure (roads, power, and ports) and human
capital (health and education) are in place, markets
are powerful engines of development“. Von Menschenrechten,
Demokratie, Liberalisierung politischer Systeme ist
– als offenbar unlösbare Einmischung –
kaum die Rede. Das alles soll sich aus wirtschaftlichem
Aufschwung ergeben, zu dem „the security of private
property“ im Sinn John Lockes die Voraussetzung
ist. Über weite Strecken lesen sich die geplanten
Maßnahmen wie das Programm eines weltumspannenden
Baukonzerns, für den Bemühungen um soziale
Verankerung Begleiterscheinungen sind, die ihn überfordern
würden. Qualitäten, etwa von Architektur,
von Planungen, von Schulmodellen, von strukturierter
Urbanisierung spielen sichtlich kaum eine Rolle, also
werden wiederum eher einschlägig vorgeprägte
Kräfte angezogen. Das macht jetzt schon erkennbar,
wo die inhaltlichen und die Umsetzung betreffenden Mängel
liegen und dass selbst so ausgebaute Organisationen
wie die UNO vom Balanceinstrument einer neuen Weltordnung
zum Inbegriff kaum reformierbarer, in wichtigen Fragen
hilfloser – dennoch nicht wegzudenkender –
Apparate geworden sind.
Jeffrey D. Sachs: The End
of Poverty. How We Can Make it Happen in Our Lifetime,
London 2005, S. 210ff., 222, 3, 321
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| UNTEN
UND OBEN Allein als „principal organs“
der UNO werden fast 100 Einrichtungen ausgewiesen, vom
Sicherheitsrat, der Generalversammlung, diversen als
Sekretariate bezeichneten Koordinierungsinstanzen, über
Programme und Fonds (UNCTAD, UNICEF, UNDP, UNHCR, WFP
etc.), Forschungs- und Trainingsinstitute, die Kommissionen
des „Economic and Social Council“, den International
Court of Justice, spezialisierte Agenturen (etwa ILO,
FAO, UNESCO, WHO, Weltbank, IMF, UNIDO) bis zu „related
organizations“ wie WTO, IAEA.
Sich die komplex verflochtene UNO und in der Grundorientierung
auch die EU, staatliche Dienstleistungsbürokratien
oder andere Organisationen als zumindest tendenziell
demokratisch verfasste, möglichst flach gegliederte
Holding-Strukturen für Rahmenbedingungen, Daueraufgaben
und Projekte vorzustellen, versimplifiziert zwar neuerlich,
unterstützt aber das Verstehen diffuser Vorgänge
und macht vielleicht deutlich, dass es auf vielen Ebenen
um variantenreich ausgestaltbare Muster für Projektarbeit
ginge – die, trotz aller inhaltlichen Trennungen,
in autonomen Sphären Analogien haben. Partiell
kommt es durchaus zu Koalitionen, wie im Bericht zu
Ärzte ohne Grenzen nachzulesen ist. Das
müsste sich auf viele Partizipationsebenen ausweiten.
Wenn Reorganisationen signifikante Projekte erleichtern
und die Personalselektion daraufhin orientieren, kann
das durchaus Inhaltliches positiv beeinflussen. Entscheidend
wäre, die bei näheren Kontakten gerade in
internationalen Organisationen fast überall erkennbare
Dominanz von Substanzlosigkeit verbreitenden Quotenmenschen,
abgeschobenen Politikern, Günstlingen und mission
junkies zurückzudrängen. Was sich auf
solchen Ebenen luxuriöser herausgebildet hat, kontrastiert
die laufende Demotivierung und Demontage öffentlicher
Dienste und nationale Systeme parteipolitischer Postenbesetzung.
Zu tun gäbe es wahrlich genug – gerade in
öffentlichem Interesse. Dass aber reformierte Strukturen
bereits „Lösungen“ implizieren, würde
Administratives krass überschätzen, denn –
so Dirk Baecker in unserem Gespräch – „für
den sich selbst organisierenden Kapitalismus sind Projekte
nur eine interessante Alternative unter vielen anderen
möglichen Organisationsformen“. „Das
Spannende an solchen überall greifenden Netzwerkstrukturen“
sind für ihn, im günstigsten Fall, ihre inhaltliche
Offenheit, die flachen Hierarchien, andere Arten von
Austausch, mit Signalen, die „inhaltlich unspezifiziert
sein können“ aber dennoch etwas bewirken.
Negativ-Variationen zu erstarrenden Verflechtungen
sind durchaus greifbar: etwa verkommene Megacities,
in denen wechselnde Gruppen durch medial verzerrte Wahlen,
oder auch ohne solche, die Macht ergreifen und, als
zentrales Projekt, für sich herausholen, was noch
herauszuholen ist, während alle anderen Arten von
Projekten in Nischen gedrängt oder verhindert werden.
Für weite Teile der Welt trifft das durchaus zu.
Mehr oder minder verdeckt und temperiert bewegt sich
vieles in solche Richtungen. Allzu krass verdrehte Phantasien
braucht es nicht, um sich irrwitzige Projektszenerien,
vom Terrorismus über Biotechnologie, exzessive
Korruption bis zu radikalisiertem Entertainment und
völligem Verfall demokratischer Mechanismen vorzustellen.
Aus langjähriger Vertrautheit mit der Situation
in Moskau konstatiert Erich Klein in diesem Band zu
solchen Perspektiven: „Wenn Russland nicht ,europäisiert‘
wird, droht umgekehrt die ,Russifizierung‘ Europas.“
UNO: http://www.un.org/aboutun/chart.html
|
„…
wenn wir von der Kunst ausgehen und nicht
vom Nutzen …“ |
„Nehmen
wir einmal an, die Idee der Kunst könnte
dahin erweitert werden, dass sie alle von
Menschen geschaffenen Dinge umfasste, einschließlich
aller Werkzeuge und alles Geschriebenen, das
zu den nutzlosen, den schönen und poetischen
Dingen der Welt hinzukäme. Unter diesem
Blickwinkel würde das Universum der von
Menschen geschaffenen Dinge ganz einfach mit
der Geschichte der Kunst identisch sein. Es
bestünde dann das dringende Bedürfnis,
bessere Möglichkeiten auszubilden, um
das von Menschen Geschaffene zu beurteilen.
Dies werden wir eher erreichen, wenn wir von
der Kunst ausgehen und nicht vom Nutzen, denn
wenn wir zunächst nach dem Nutzen fragen,
werden wir über alle nutzlosen Dinge
hinwegsehen. Wenn wir aber als Ausgangspunkt
die Frage nehmen, wie begehrenswert die Dinge
sind, dann werden doch die nützlichen
Gegenstände hauptsächlich als die
Dinge angesehen, die wir mehr oder weniger
hoch schätzen." |
George
Kubler: The Shape of Time. Remarks on
the History of Things (New Haven 1962);
Die Form der Zeit. Anmerkungen zur Geschichte
der Dinge, Frankfurt am Main 1982, S.
32 |
„Wie
anderthalb Jahrhunderte Kapitalismuskritik
gezeigt haben, widersprechen die beiden Formen
der Sozial- und Künstlerkritik einander
in vielen Punkten. Andererseits sind sie aber
auch untrennbar miteinander verbunden, insofern
sie unterschiedliche Aspekte der Lebenswirklichkeit
betonen und sich dadurch ausgleichen und wechselseitig
bestärken. Solange beide am Leben erhalten
werden, besteht die Hoffnung, dass den vom
Kapitalismus ausgelösten Verwerfungen
begegnet werden kann“. |
Luc
Boltanski, Éve Chiapello: Der neue
Geist des Kapitalismus (Paris 1999),
Konstanz 2003, S. 575 |
„Beispiele
für Qualitäten sollten uns immer
zum Nachdenken bringen. Es genügt nicht,
andere Zivilisationen in die Betrachtungen
einzubeziehen wie abgesonderte Einheiten.
Wir sollten vielmehr dazu fähig sein,
die Geschichten zu erzählen, wie es so
vielen Menschen gelungen ist, mit unterschiedlichstem
kulturellem Hintergrund, verschiedenen Sprachen,
abweichenden Verhaltensweisen all die existierenden
Sphären der Produktion mitzuprägen.
Und das würde bedeuten: der Welt zuhören.“ |
Amin
Maalouf im Gespräch mit Christian Reder:
Transferprojekt Damaskus, Wien-New
York 2003, S. 365 |
|
| RETTENDE
PROJEKTE Aber auch unter moderat-zivilen Umständen
ist offenkundig, dass sich Koalitionsregierungen auf
ein Programm und zu realisierende Projekte einigen.
Die EU basiert auf langwieriger Projektarbeit, ob Binnenmarkt,
Euro oder Schengen-Abkommen. Zur Tonlage der EU-Konferenz
The Sound of Europe hieß es in den ORF-Nachrichten
vom 27. Jänner 2006: „Konkrete Projekte müssen
Europa aus der Krise führen“. Die UNO selbst
ist von den Gründungsintentionen her Projekt geblieben
und mit vielen Projekten gescheitert. Jedenfalls: Ob
lokale, regionale, globale „Projektkulturen“
sich in eher heller oder eher düsterer Atmosphäre
entwickeln können, charakterisiert, wie es jeweils
um ein liberales Klima, freisetzbare Initiative, Ausbalancierung
der krassesten Ungerechtigkeiten und partiell umlenkbare
Geldströme steht. Wobei klar ist, dass Liberalität
allein bestenfalls Empfindungswelten tangiert. Alexander
Kluge ist sich sicher, „wenn es Projektemacher
in unserer Gegenwart um uns herum gibt, dann sehen wir
sie meist nicht.“
Erkennbar wird, was Selektionen hinter sich hat, auf
Aufmerksamkeitsebenen vordringen kann. Was Präsentationsforen
und Trägerstrukturen für künstlerische
Projekte – Medien, Documenta, Biennale Venedig,
Architekturbiennalen, Filmfestivals, Theaterfestivals,
Konzerte, Buchmessen, Ausstellungen, Preisverleihungen
– bewusst machen, repräsentiert, wie in bestimmten
Sektoren die Dinge liegen, die Dinge gesehen werden,
wie sich ein Spürsinn für Relevantes artikuliert
und wie künstlerisch agiert und reagiert wird.
Die Akzeptanz dessen oder eine Unzufriedenheit damit
sind bereits Ansätze für auf Prozesse eingehende
Projektanalysen, für Orientierungsversuche, trotz
aller Schwierigkeiten, zwischen speziellen Energiefeldern
– um die es letztlich geht – überzeugende
Verbindungen herzustellen. Gerade weil vieles davon
sehr bildhaft und emotional funktioniert, stellen sich
damit immer Fragen nach blinden Flecken. Vielfach gehe
es um ein Erkennen, „wo unsere eigenen Blindheiten
liegen“ (Peter Sellars). „Man kommt um eine
gewisse vage Bildung des Überblicks über andere
Wissenschaften und Künste nicht herum, auch wenn
dies fragmentarisch sein darf, so sehr größte
Breite wünschenswert wäre und sie die Effizienz
erhöhte“, so Burghart Schmidt in Bezug auf
Spezialisierung und auf für Kooperation offenes
Projektdenken. In der Dynamik der Realität und
von ihr erzeugten Personalkonstellationen bekommt das
kaum Rückhalt. Gesellschaft bietet vielfach „kein
Formenarchiv für Zukunft (mehr)“, konstatiert
Manfred Faßler; „Menschen sind weltweit
dabei zu lernen, ihre Absichten und Fähigkeiten
in kurzfristige, ereignishafte Vorhaben einzubringen“.
Mit solcher Offenheit umzugehen, dafür nachhaltige
Initiativmöglichkeiten zu erschließen, wäre
die eigentlich herausfordernde Globalisierungsperspektive.
Analog dazu plädiert etwa Amartya Sen dafür,
gleichsam Ansprüche an künstlerisches Arbeiten
extrapolierend, „Entwicklung als Ausweitung substanzieller
Freiheiten aufzufassen“ und „Freiheit als
Triebkraft für rapiden Strukturwandel“ zu
sehen (Ökonomie für den Menschen,
New York 1999 / München 2000, S. 352).
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| OPEN
END Sofern Anstrengungen zur Selbstorganisation
wenigstens gewisse Chancen haben, sich zu summieren,
lässt sich durchaus auf Projektkonstellationen
setzen – auch weil sie als Rückhalt einen
gewissen Selbstschutz bieten können, sogar temporäre
Souveränitätsgefühle und sie das Durcheinander
von Gedanken und Ideen in (eine) Form bringen. Vorgegebene
enge Spielräume sind oft nur durch Selbstbeauftragung
zu erweitern. Was es neben Projekten sonst noch alles
geben kann, also zeitweilig auch einmal nichts vorzuhaben,
bekommt Halt, sofern es solche Wahlmöglichkeiten
überhaupt gibt – als zu findende Balance
zwischen vita activa und vita contemplativa,
zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen Kontinuität
und Speziellem.
Auf individuelle Möglichkeitsräume bezogen
ginge es darum, was interessante Projekte aus einem
hervorholen, inwieweit dabei Elan für die Gegenwart
freigesetzt, inwieweit Wahrnehmungs- und Unterscheidungsfähigkeit
sensibilisiert werden. Entwurfsdenken, neues Zusammenhangsdenken,
Forschungssituationen, künstlerische Entwicklungen,
tatsächlich einbringbare Präsenz wären
dafür erschließbare Dimensionen. Aus Insularem,
aus kleinen Schritten da und dort, kann mehr werden
als aus voreiliger Eingliederung in Netze, in Betriebssysteme.
Ob etwas Projekt genannt wird, ist nicht der Punkt.
So Bezeichenbares geschieht auch ohne ausdrückliche
Organisation, wird oft erst rückblickend erkennbar.
Es könnten auch andere, neuerlich revidierbare
Bezeichnungen für Wünschenswertes, für
unter günstigen oder schwierigen Bedingungen erreichbar
Erscheinendes geläufig werden. Denn jede inflationäre
Verwendung löst Konturen auf.
Strukturprägend ist jeweils, inwiefern analoge
Bewegungsmomente Chancen haben, welche Projektnetzwerke
und Orientierungsmuster sich durchsetzen und ob sich
ausgleichende Finanzierungsformen und Rechtssicherheiten
ausbilden, damit Arbeitsflexibilisierung nicht fortwährend
fundamentale Anrechtsstrukturen des Sozialstaats –
die es global auszudehnen gälte – unterminiert.
Nur ein Teil davon ist lenkbar; vieles müsste sozusagen
von selbst entstehen, braucht aber adäquate Bedingungen.
„Es immer mehr Menschen zu ermöglichen,
ihr Leben, selbst wenn es in ,lineare‘, kontinuierliche
Aufgaben eingebunden ist, als sich anreichernde Kontinuität
interessanter Projekte zu realisieren, wäre eine
plausible Richtungsangabe“, so Peter Sellars Vorstellung
von ergebnisoffenem Handeln, die wie ein unabgesprochener
Leitfaden auch in vielen anderen Beiträgen dieses
Bandes thematisiert wird. Permanent erfahrbar ist, wie
konträr sich vieles entwickelt und wie abweisend
„die Systeme“ und Strukturen Projektinitiativen
behandeln, weil es primär darum geht, drinnen oder
draußen zu sein und Energien gleichzuschalten
oder aus ablaufenden Mainstream-Prozessen auszusondern.
Denn erst wenn Menschen, so Alexander Kluge, „mehr
Potenzial haben, als von ihnen gebraucht wird, von ihnen
genommen wird, dann gibt es Projekte." Nicht die
propagierte Ich-Bezogenheit, sondern „Selbstvergessenheit“
könne entscheidend sein: „Ein Projekt wird
nicht besser durch Absicht sondern durch Hingabefähigkeit.
Projekt heißt Hingabefähigkeit auf der Basis
von Gegenseitigkeit.“ – „Wenn Erfahrung
sich etwas traut, dann nimmt sie die Form des Projektes
an.“
Daniel Defoe, der sich sein Leben lang von Projekt
zu Projekt retten musste, retten konnte, hat in seinem
Projektessay von 1697 bloß einen Versuch gesehen,
„den jeder nach Belieben fortführen mag“
und „unsinnige Unternehmungen“ sind selbst
Aufklärern wie Diderot & Co plausibel gewesen,
offenbar aus der Ahnung heraus, dass die ausschließliche
Fixierung auf vermeintlich sinnvolle – oder lukrative
– Projekte einem Nützlichkeitsdenken totalitäre
Züge verleiht, weil das Sinninstanzen und abgeschlossene
Weltbilder voraussetzt, die vieles ausschließen.
Gerade deswegen sind die Art von Projekten, ihre Positionsbestimmungen,
Resultate und Überraschungsmomente, eine im Positiven,
im Diffusen, im Negativen vieles prägende Ebene,
auf der sich zeigt, was Klima und Rahmenbedingungen
auch abseits unmittelbarer ökonomischer Effekte
im Großen und im Kleinen zulassen – wie
es also tatsächlich um offen bleibende Möglichkeitsräume
steht.
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oben
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| ©
Christian Reder 2006 |
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