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Beiträge zur Geschichte der Sprachwissenschaft
   

Kurzrezensionen:
Christian Reder: Wörter und Zahlen. Das Alphabet als Code.

von Klaus D. Lutz (Münster)

Beiträge zur Geschichte der Sprachwissenschaft
Hrsg. v. Klaus D. Dutz (Münster) & Peter Schmitter (Münster; Seoul)
in Zusammenarbeit mit Stefano Gensini, Even Hovdhaugen, Vivien A. Law, Jan Noordegraaf
Münster; Nodus Publikationen, Nr. 11 / 2001

 

 

Der Untertitel dieses Buches legt nahe, mit Reders Darstellung eine auch historiographisch interessierende Studie über die Entwicklungen oder die Grundlagen der Schriftentwicklung, oder eine Theorie der Schriftentwicklung vorzufinden. Dem könnte man auch folgen, findet man doch Bezugnahmen auf u.a. Anaximander, Aristoteles, Augustinus, über Kant, Leibniz, Pico della Mirandola, Pythagoras, Russell bis hin zu Spinoza, Turing und Wittgenstein. Das Programm des Autors ist jedoch ein völlig anderes.

Er benutzt die historischen Bezüge lediglich, um seiner eigenen Idee Gestalt zu geben, Wörter und Zahlen statistisch zu betrachten und - vom Methodischen her gesehen - in reiner Analogie zwischen diesen semiotischen Teilbereichen. interpretativ hin und her zu springen. Hierzu apostasiert Reder den jeweiligen Zeichensystemen 'Ordnung', die allerdings nur auf der Durchzählung der mitteleuropäischen alphabetischen Schriftbuchstaben beruht. Dies geschieht zusätzlich insofern rudimentär, als auch Mitteleuropäern vertraute Sonderzeichen, Umlaute, Nasalierungen und Ligaturen völlig unberücksichtigt bleiben. Die Phon(em)-/ Graphem-Beziehung fällt völlig aus der Betrachtung heraus. So erhält der Buchstabe 'a' - wir sollten hier auch bei der von Reder gebrauchten alltagssprachlichen Formulierung bleiben - den Zahlencode 'l' und der Buchstabe 'z' den Zahlencode '26' zugewiesen. In einem weiteren Schritt addiert der Autor die "Zahlenwerte" von Buchstaben eines Wortes (zwischen Kernmorphemen bis hin zu Komposita wird nicht differenziert), um zu einer Summe zu gelangen. Dieses Verfahren hat aber auch einen methodologischen 'Haken': Die Zahlenwertsumme von /lage/ und /egal/ zum Beispiel ist demzufolge identisch. Dieses Verfahren ist beileibe nicht neu, ähnliche Verfahren wurden viel weitergehend in der arabischen Mystik praktiziert und die Philosophen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts haben schon hunderte Seiten an zahlenkombinatorischen Entwürfen verfaßt, die (auch in ihrer mathematischen wie kombinatorischen Reflexion) weit über das Vorliegende hinausgingen. Die 'rationalen' Teilaspekte solcher Betrachtungen mündeten immer in schrittweisen Entwicklungen eines formalen Denkens, die nicht-rationalen Aspekte versickern merkwürdigerweise.

Wenngleich Reder auch dieses Problem (so weit ich sehen kann) nicht behandelt, will er in einem weiteren Schritt /Wörter/ mit gleichem Zahlenwert auch analogisch in Beziehung zueinander setzen. Hier wird die Lektüre für den Leser in interessanter Weise amüsant. Aufgrund des vorgegebenen, simplifizierten Zählschemas gelangt er - gleichsam kabbalistisch, hierzu später - auf die Zahlenwertsumme (manchmal auch: Stellenwertsumme) '351' für alle Buchstaben seines Alphabets. Genau diese Summe addiert er ebenfalls aus dem lateinischen Originaltitel - Baruch Spinozas Ethica, und in Angriff auf die "Analytiker" (S. 250) analogisiert er den "dezidiert 'geometrische[n]' Zugang und die numerische Übereinstimmung als eindrucksvolle[n] Beweis der mit dieser [seiner] Methode erzeugbaren Aussagepräzision" (S. 251). Mehr noch: Spinoza habe den Titel seines (postumen) Hauptwerks mit dem "Wert der Schriftzeichen abgestimmt", oder, wenn nicht, wäre dies "als unbeabsichtigte Entsprechung [...] letztlich noch signifikanter, jeder Spekulation über bewußt symbolische Aspekte enthoben" (S. 251). Ohne Zweifel; ein donquichottischer Windmühlenkampf gegen die Logik der Interpretatio. Wichtiger wäre festzuhalten, daß der Autor weder 'Bedeutung' noch 'Signifikanz' jemals definiert, geschweige denn eingrenzt oder intensional beschreibt. In der Folge seiner Darstellung findet Reder eine Unmenge von summierten Buchstabenwertentsprechungen - naheliegend: Man muß ja nur die richtigen Wörter auswählen. Wenn man sie nicht findet, dann wird als "missing link" die "magische Zahl 9 (32)" (zugleich ja die Quersumme wn '351') eingesetzt, und schon langt man an bei der '360', über die man nun wörter- wie zahlmengentechnisch weiter analogisieren und assoziieren kann, was mit Hilfe der Potenzrechnung auf der Basis 3 ein zahlentheoretisch einfaches Verfahren ist.

Noch einmal zurück zu den historiographischen Quellen Reders, oder zu der Möglichkeit, sein Buch als eine historiographisch-interpretative Fortsetzung solcher zu lesen. Die Assoziation zu kabbalistischen Verfahren oder dem Denken more geometrico liegt nahe. Nun erwähnt der Autor z.B. die hierfür zentrale Figur Ramón Llull überhaupt nicht - vielleicht, weil er dann über die Wörter 'Palast' und 'Barrikade' hätte analogisieren müssen? Oder doch über 'Geheimschrift'? Auch die Kabbala findet nur am Rande Erwähnung. Historische Denker werden zumeist aus sekundärer Quelle zitiert und dienen zumeist nur als Analogisierungsanlaß. Die gesamte Darstellung zeugt von einem geradezu unheimlichen Lesefleiß, nur daß die Lesefrüchte wie eine beliebige Assoziationskette dahinfließen, aus der alles, also auch das Gegenteil ableitbar wäre, folglich stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Aufwand und Effekt. Der eigentlich schon überwunden geglaubte, 'postmoderne' Anflug in der Argumentation kann nicht unbedingt den Eindruck erwecken, hier produktive, über das bislang Uberlegte hinausgehende, Darstellungen zu finden. Auf Reders Bühne befinden sich viel Rauch und nur wenige Schauspieler. Laut Klappentext befassen sich die Publikationen und Essays des Autors "vor allem mit Strukturfragen und Transfers zwischen verschiedenen Denkzonen". Strukturfragen einer historiographischen Betrachtung von Schrift lassen sich im vorliegenden Buch kaum finden, und die "Denkzone" der Sprachwissenschaft ist m.E. implizit ausgeklammert.

Aufmachung und graphische Gestaltung des Buches sind ausgezeichnet und originell. Der zweifarbige Druck und die Kolumnenspalten begünstigen die Lesbarkeit erheblich. Die Seitenzählung in ausgeschriebener Form auszuführen - "siebenundneunzig" statt "97" - verunmöglicht schnelles Nachschlagen und erscheint als Manierismus. Zusammengefaßt: Wer als Kabbalist oder als Zahlen- und Buchstabenmystiker neues Material sucht, wird hier Vieles finden. Vor dem linguistischen Hintergrund ist Vieles grundsätzlich zu bedenklich, um das Buch als mehr als ein Konzept- oder Kunstbuch zu empfinden. Vor allem sollte eine anti-rationalistische Denkrichtung sich als solche auch deutlicher zu erkennen geben.

 

 
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© Klaus D. Lutz / Beiträge zur Geschichte der Sprachwissenschaft 2001