|
Der Untertitel dieses Buches legt nahe, mit Reders Darstellung
eine auch historiographisch interessierende Studie über
die Entwicklungen oder die Grundlagen der Schriftentwicklung,
oder eine Theorie der Schriftentwicklung vorzufinden. Dem
könnte man auch folgen, findet man doch Bezugnahmen auf
u.a. Anaximander, Aristoteles, Augustinus, über Kant,
Leibniz, Pico della Mirandola, Pythagoras, Russell bis hin
zu Spinoza, Turing und Wittgenstein. Das Programm des Autors
ist jedoch ein völlig anderes.
Er benutzt die historischen Bezüge lediglich, um seiner
eigenen Idee Gestalt zu geben, Wörter und Zahlen statistisch
zu betrachten und - vom Methodischen her gesehen - in reiner
Analogie zwischen diesen semiotischen Teilbereichen. interpretativ
hin und her zu springen. Hierzu apostasiert Reder den jeweiligen
Zeichensystemen 'Ordnung', die allerdings nur auf der Durchzählung
der mitteleuropäischen alphabetischen Schriftbuchstaben
beruht. Dies geschieht zusätzlich insofern rudimentär,
als auch Mitteleuropäern vertraute Sonderzeichen, Umlaute,
Nasalierungen und Ligaturen völlig unberücksichtigt
bleiben. Die Phon(em)-/ Graphem-Beziehung fällt völlig
aus der Betrachtung heraus. So erhält der Buchstabe 'a'
- wir sollten hier auch bei der von Reder gebrauchten alltagssprachlichen
Formulierung bleiben - den Zahlencode 'l' und der Buchstabe
'z' den Zahlencode '26' zugewiesen. In einem weiteren Schritt
addiert der Autor die "Zahlenwerte" von Buchstaben
eines Wortes (zwischen Kernmorphemen bis hin zu Komposita
wird nicht differenziert), um zu einer Summe zu gelangen.
Dieses Verfahren hat aber auch einen methodologischen 'Haken':
Die Zahlenwertsumme von /lage/ und /egal/ zum Beispiel ist
demzufolge identisch. Dieses Verfahren ist beileibe nicht
neu, ähnliche Verfahren wurden viel weitergehend in der
arabischen Mystik praktiziert und die Philosophen in der zweiten
Hälfte des 17. Jahrhunderts haben schon hunderte Seiten
an zahlenkombinatorischen Entwürfen verfaßt, die
(auch in ihrer mathematischen wie kombinatorischen Reflexion)
weit über das Vorliegende hinausgingen. Die 'rationalen'
Teilaspekte solcher Betrachtungen mündeten immer in schrittweisen
Entwicklungen eines formalen Denkens, die nicht-rationalen
Aspekte versickern merkwürdigerweise.
Wenngleich Reder auch dieses Problem (so weit ich sehen kann)
nicht behandelt, will er in einem weiteren Schritt /Wörter/
mit gleichem Zahlenwert auch analogisch in Beziehung zueinander
setzen. Hier wird die Lektüre für den Leser in interessanter
Weise amüsant. Aufgrund des vorgegebenen, simplifizierten
Zählschemas gelangt er - gleichsam kabbalistisch, hierzu
später - auf die Zahlenwertsumme (manchmal auch: Stellenwertsumme)
'351' für alle Buchstaben seines Alphabets. Genau diese
Summe addiert er ebenfalls aus dem lateinischen Originaltitel
- Baruch Spinozas Ethica, und in Angriff auf die "Analytiker"
(S. 250) analogisiert er den "dezidiert 'geometrische[n]'
Zugang und die numerische Übereinstimmung als eindrucksvolle[n]
Beweis der mit dieser [seiner] Methode erzeugbaren Aussagepräzision"
(S. 251). Mehr noch: Spinoza habe den Titel seines (postumen)
Hauptwerks mit dem "Wert der Schriftzeichen abgestimmt",
oder, wenn nicht, wäre dies "als unbeabsichtigte
Entsprechung [...] letztlich noch signifikanter, jeder Spekulation
über bewußt symbolische Aspekte enthoben"
(S. 251). Ohne Zweifel; ein donquichottischer Windmühlenkampf
gegen die Logik der Interpretatio. Wichtiger wäre festzuhalten,
daß der Autor weder 'Bedeutung' noch 'Signifikanz' jemals
definiert, geschweige denn eingrenzt oder intensional beschreibt.
In der Folge seiner Darstellung findet Reder eine Unmenge
von summierten Buchstabenwertentsprechungen - naheliegend:
Man muß ja nur die richtigen Wörter auswählen.
Wenn man sie nicht findet, dann wird als "missing link"
die "magische Zahl 9 (32)" (zugleich ja die Quersumme
wn '351') eingesetzt, und schon langt man an bei der '360',
über die man nun wörter- wie zahlmengentechnisch
weiter analogisieren und assoziieren kann, was mit Hilfe der
Potenzrechnung auf der Basis 3 ein zahlentheoretisch einfaches
Verfahren ist.
Noch einmal zurück zu den historiographischen Quellen
Reders, oder zu der Möglichkeit, sein Buch als eine historiographisch-interpretative
Fortsetzung solcher zu lesen. Die Assoziation zu kabbalistischen
Verfahren oder dem Denken more geometrico liegt nahe. Nun
erwähnt der Autor z.B. die hierfür zentrale Figur
Ramón Llull überhaupt nicht - vielleicht, weil
er dann über die Wörter 'Palast' und 'Barrikade'
hätte analogisieren müssen? Oder doch über
'Geheimschrift'? Auch die Kabbala findet nur am Rande Erwähnung.
Historische Denker werden zumeist aus sekundärer Quelle
zitiert und dienen zumeist nur als Analogisierungsanlaß.
Die gesamte Darstellung zeugt von einem geradezu unheimlichen
Lesefleiß, nur daß die Lesefrüchte wie eine
beliebige Assoziationskette dahinfließen, aus der alles,
also auch das Gegenteil ableitbar wäre, folglich stellt
sich die Frage nach dem Verhältnis von Aufwand und Effekt.
Der eigentlich schon überwunden geglaubte, 'postmoderne'
Anflug in der Argumentation kann nicht unbedingt den Eindruck
erwecken, hier produktive, über das bislang Uberlegte
hinausgehende, Darstellungen zu finden. Auf Reders Bühne
befinden sich viel Rauch und nur wenige Schauspieler. Laut
Klappentext befassen sich die Publikationen und Essays des
Autors "vor allem mit Strukturfragen und Transfers zwischen
verschiedenen Denkzonen". Strukturfragen einer historiographischen
Betrachtung von Schrift lassen sich im vorliegenden Buch kaum
finden, und die "Denkzone" der Sprachwissenschaft
ist m.E. implizit ausgeklammert.
Aufmachung und graphische Gestaltung des Buches sind ausgezeichnet
und originell. Der zweifarbige Druck und die Kolumnenspalten
begünstigen die Lesbarkeit erheblich. Die Seitenzählung
in ausgeschriebener Form auszuführen - "siebenundneunzig"
statt "97" - verunmöglicht schnelles Nachschlagen
und erscheint als Manierismus. Zusammengefaßt: Wer als
Kabbalist oder als Zahlen- und Buchstabenmystiker neues Material
sucht, wird hier Vieles finden. Vor dem linguistischen Hintergrund
ist Vieles grundsätzlich zu bedenklich, um das Buch als
mehr als ein Konzept- oder Kunstbuch zu empfinden. Vor allem
sollte eine anti-rationalistische Denkrichtung sich als solche
auch deutlicher zu erkennen geben.
|
|