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Wespennest
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Transferprojekt Damaskus
urban orient-ation

Herausgegeben von Christian Reder und Simonetta Ferfoglia
Institut für Medienkunst / Kunst- und Wissenstransfer
Universität für angewandte Kunst Wien
Edition Transfer bei Springer Wien New York 2003
402 Seiten, durchgehend in deutscher und arabischer Sprache

"Transferprojekt Damaskus" ist ein Kompendium
zu audiovisueller Erforschung von Urbanität,
zu künstlerisch-essayistischen Sichtweisen,
zu transkultureller Arbeit über symbolische Dimensionen und Facetten sozialen Handelns, als experimenteller Umgang mit Komplexität.

 

Pressereaktionen

 

Wespennest
Wien, No 135-2004

von Christoph Winder

9/11, M-II: Seit den menschlichen und politischen Katastrophen, für die diese schicksalsschweren Abbreviaturen stehen, wandelt die arabische Welt ständig am Rande des Pauschalverdachts entlang, dass sie sich ohne nennenswerten inneren Widerstand zur größten Brutstätte des internationalen Terrorismus entwickelt habe. Das Arsenal an Missverständnissen und Missbefindlichkeiten zwischen dem christlichen Abendland und dem Islam (der sich natürlich nicht auf die arabische Welt beschränkt und diese auch keineswegs erschöpfend definiert, aber dort doch sein spirituelles Gravitationszentrum hat) ist offenkundig wieder einmal bis zum Bersten gefüllt und scheint den globalen Kulturkampfszenarien des mürrischen US-Politologen Samuel Huntington Recht zu geben. Dass das Bemühen um wechselseitige Verständigung intensiviert werden sollte, ist inzwischen nicht mehr nur einem kleinen Kreis politischer Connaisseure bekannt. Nur: Dort wo diese Art des west-östlichen <Dialogs> überhaupt stattfindet, tut er dies meist in den begrenzten und von einem spezifischen Erkenntnisinteresse geprägten Sphären der Politik und der Wirtschaft. Wo es hingegen um Kultur, in jedem Sinne, geht, tun sich sogleich tiefe Kluften auf. Nur in einigen hochspezialisierten Sub-Szenen (Archäologie etc.) lässt sich ein dauerhafter und institutionalisierter Austausch überhaupt feststellen.

Unter diesem Gesichtspunkt ist Transfer Damaskus, ein von dem Wiener Essayisten und Sozial- und Strukturforscher Christian Reder und der Künstlerin Simonetta Ferfoglia herausgegebenes «Kompendium für audiovisuelle Erforschung von Urbanität», ebenso sehr ein Unikum wie das Projekt, das ihm zu Grunde liegt. In seiner Eigenschaft als Lehrender am Institut für Medienkunst/Kunst- und Wissenschaftstransfer an der Universität für Angewandte Kunst in Wien hat Reder in einem Akt eigenwilliger und intelligenter Subventionstätigkeit den Begriff der dislozierten Lehrveranstaltung mit ganz neuem Sinn und Leben erfüllt: Er hat einigen Dutzend jungen Künstlerinnen und Künstlern längere Studien- und Arbeitsaufenthalte in der syrischen Hauptstadt Damaskus ermöglicht, damit sie sich dort fern von jeder touristischen Eile forschenderweise mit einem ungewohnten soziokulturellen Umfeld auseinandersetzen und die Ergebnisse ihrer Erkundungen in den unterschiedlichsten Medien festhalten konnten. Ein Unternehmen, das mit modernen Mitteln an die lange Tradition der Expeditionsreise anknüpft, zugleich aber auch der Vermessung eines subtilen und fremdartigen urbanen Umfeldes dienen sollte.

Transfer Damaskus dokumentiert zum einen eine Fülle von Projekten, die in diesem Kontext entstanden sind: Es sind Arbeiten, die sich durch Experimentierfreude, Neugierde und eine erstaunliche Bandbreite an künstlerisch-essayistischen Herangehensweisen auszeichnen, aber auch durch eine durchgängige Haltung des Respekts gegenüber dem Destinationsort. Dieser Respekt drückt sich auch darin aus, dass Transfer Damaskus nicht in der gegenwärtigen Lingua Franca, dem Englischen abgefasst ist, sondern durchgängig zweisprachig Arabisch-Deutsch. Obwohl es die Diversität der Projekte verbietet, sie auf ein paar einfache Formeln zu reduzieren, lassen sich dennoch gemeinsame Parameter und Auffassungen, auf denen sie basieren, festmachen: Dass etwa künstlerische Auseinandersetzung keineswegs eine Flucht vor den Problemen der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit bedeuten muss, welche im Falle Syriens doch auch ihre gravierend unerfreulichen Aspekte hat, sondern im Gegenteil mitten ins Herz dieser Probleme hineinführen kann. Verena Rempel veranschaulicht dies zum Beispiel mit einer ironisch-vielschichtigen Installation, in dem sich das Ästhetische und das Politische hintergründig vermählen: Rempel hat einen Innenhof in Damaskus sukzessive mit Plastik-Wasserflaschen der Marke «Boukein» bestückt, welche, von oben betrachtet, die Struktur eines wasserblauen Mosaiks ergeben, das jeder Vorstellung von orientalischer Ornamentik perfekt entspricht. Unter der ansprechenden Oberfläche dieser Installation schwelen freilich subkutane politische Botschaften: Der implizite Verweis auf das Problem des Umweltschutzes etwa oder auf die Wasserfrage, die, wie die Journalistin Dana Charkasi in einem kenntnisreichen Beitrag darlegt, im Mittleren Osten ein ständiger Stein auch des politischen Anstoßes ist.

Ähnlich polyvalente Botschaften strahlt ein spektakulärer Motorradhelm von Constantin Luser aus: Luser hat den Gegenstand, eines von jenen vielen herzlos gefertigten industriellen Massenprodukten, die in unserem Alltag allgegenwärtig sind, von Handwerkern im Souk von Damaskus mit kostbaren Holzintarsien verzieren lassen und so ein befremdlich-schönes Stück geschaffen, in dem die Spannung zwischen West und Ost, Tradition und Moderne, Geschwindigkeit und Langsamkeit in ein- und demselben Objekt gleichsam wie eingefroren erscheint. Andere Projekte umfassen etwa Stadtkartografien von Damaskus (Nikolaus Gansterer), eine einlässliche Erforschung von Leben und Arbeit des syrischen Kosmonauten Muhammed Faris, der auch mit seinem österreichischen Kollegen Franz Viehböck ins Gespräch gebracht wurde (Barbara Lippe, Florian Bettel), oder Fotos des syrischen Medienkünstlers Erfan Khalifa, der die «urbanen Spinnennetze» abgelichtet hat, welche von Straßenbahnleitungen in den Himmel gezeichnet werden. Alle diese Arbeiten zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich dagegen sperren, den Rezipienten mit einem vorgefertigten kleinen Instant-Sinn abzuspeisen, sondern sie vertrauen vielmehr auf dessen Fantasie, Intelligenz und Bereitschaft, sich auf mentale Erkundungsreisen einzulassen.

Wer sich darauf einlässt, wird sich am Ende von jenen Stereotypen freigemacht haben, die der syrische Philosoph Sadik J. Al-Azm, einer von 8o arabischen Intellektuellen, die coram publico gegen die berüchtigte Fatwa des Imam Khomeini gegen Salman Rushdie aufgetreten sind, in einem Gespräch mit Christian Reder als besonders störendes Element im europäischen Diskurs über den «Orient» agnosziert hat: «Mit Sicherheit ist das intellektuelle und kulturelle Leben in der muslimischen Welt keineswegs so konformistisch islamisch, so bedingungslos religiös und geistig so stagnierend, wie einen die zahllosen Darstellungen, Interpretationen und Erklärungen glauben machenwollen.»

 

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© Wespennest/Christoph Winder, Wien 2004