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Istanbul, herausgegeben
von Christian Reder und Erich Klein
Edition Transfer bei Springer Wien New
York 2008
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Medienresonanz

Recherche. Zeitung für Wissenschaft, Nr. 1 / 2008
Jacques Le Rider: Mitteleuropa, Dekonstruktion einer Apotheose
Mitteleuropa,
Dekonstruktion einer Apotheose
Aus
Gesprächen mit Jacques Le Rider zusammengefasst von Christian
Reder.
Neu belebt wurde der Begriff ‚Mitteleuropa‘ im Zuge der
Wiedervereinigung Deutschlands und der Emanzipation der Völker
Osteuropas von der zerfallenden Sowjetunion. Mit Geografie hat er wenig
zu tun. Es gibt keine akzeptierte Mitte Europas. Mitteleuropa ist eine
politische Raumvorstellung, für die Unfestes, Wandelbares, Achtloses
charakteristisch ist. Dennoch hieß es unvermutet, das ehemalige
Mitteleuropa kehre zurück nach Europa – vor allem auf Seiten jener, die
behaupten, dessen Standards zu verteidigen und ein Definitionsmonopol
reklamieren, das sich auf eine bewertbare Skala des Europäischen
beruft. Diese Kluft-Mentalität des EU-Europa macht die
Auseinandersetzung mit der Kulturgeschichte Mitteleuropas, mit dessen
vielfach idealisierten interkulturellen Traditionen diffizil. Die
Einstellung dazu verdeutlicht, wie sehr ein Europagefühl eine Frage der
Generationen und kultureller Prägung ist. Nicht korrekt übersetzbar,
ist dieser belastete Begriff in Frankreich, in Großbritannien schwer
verständlich. Europe centrale, Central Europe
bedeuten etwas ganz anderes. Deswegen ist einerseits ‚Zentraleuropa‘,
andererseits ‚Donauraum‘ gebräuchlicher geworden. Inwieweit Deutschland
Mitteleuropa repräsentiert, blieb ein strittiges Thema, auch was
Österreich dazu leistet oder leisten könnte. Wegen seines Konnexes mit
den Ideen von 1914 und der Politik der Mittelmächte und der
Achsenmächte in beiden Weltkriegen hat ein Mitte-Denken sogar etwas
Gespenstisches an sich. Seine politische Brisanz stammt aus Friedrich
Naumanns Buch Mitteleuropa. Die von ihm
beeinflussten deutschen Militärs haben bekanntlich weit über das darin
angedachte – Ostpreußen, Polen, das Baltikum einschließende und von
Hamburg in Richtung Konstantinopel, als Zugang nach Bagdad, nach Suez
auszuweitende – Mitteleuropa hinausgeplant, obwohl Naumann selbst als
Gemäßigter in der Tradition des Nationalliberalismus stand. Bulgarien
hat er erst zu Mitteleuropa gezählt, als es zum Bündnispartner geworden
war. Die Ukraine hat längst schon als Kornkammer und
Kolonisierungsgebiet im Blickfeld der Begehrlichkeiten gestanden.
Dieser historische Konnex der preußischen Mitteleuropa-Konzeption
verschwimmt latent mit der habsburgischen für den Donauraum in Richtung
Schwarzes Meer, der Region, in der Österreich so lange mit dem
Osmanischen Reich und dann mit Russland um seine Vormachtstellung
gerungen hat. Selbst in der deutschen und österreichischen Geschichte
ist ‚Mitteleuropa‘ somit ein schwieriger, komplexe Zusammenhänge
komprimierender Begriff. Friedrich Naumanns 1915 propagierte, die
Interessen des Zweibundes zusammenführende Vermischung dieser beiden
Mitteleuropatraditionen erhellt seine Geschichte, wäre aber eine höchst
problematische Leitlinie. Grenzen werden zwar kaum noch offensiv in
Frage gestellt, Kapitalhegemonie ist aber durchaus ein Thema. Worauf
nördliche Versionen angeblich integrativer, mitteleuropäischer
Nachbarschaft hinauslaufen sollten, als sich das Bildungsbürgertum nach
deutscher Reinheit sehnte, machte früh Gustav Freytags Soll
und Haben anschaulich. Als Ausdruck dessen antislawischer,
antisemitischer Tendenz ist immer wieder abfällig von „polnischer
Wirtschaft“ die Rede. Theodor Fontane, der das Feinste ist, was man
sich unter preußischem Geist vorstellen kann, hatte damit keine
Probleme. In seinem Kommentar zum Buch heißt es: „Die Polenwirtschaft
ist durch sich selbst dem Untergange geweiht. Preußen ist der Staat der
Zukunft, weil er, solange es einen Protestantismus gibt, immer einem
tief gefühlten Bedürfnis entsprechen wird und das Bürgertum ist
unbestritten die sicherste Stütze jedes Staates und der eigentliche
Träger aller Kultur und allen Fortschritts.“ Solche deutschen
Vorstellungen von kulturellem, politischem, wirtschaftlichem
Messianismus machen den Begriff ‚Mitteleuropa‘ im historischen Kontext
so unerträglich, so unheimlich, auch so gefährlich. Für den deutschen
Imperialismus bezeichnete er nichts anderes als Kolonialismus in
Richtung Osten. Der nach 1848 im Zuge der Debatten pro und kontra
Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation – das weder sprachlicher noch
ethnischer Begründung bedurfte – kursierende Traum von Vereinigten
Staaten von Mitteleuropa war nach dem Krieg zwischen Preußen und
Habsburg und der Ausrufung des Deutschen Kaiserreiches zerbrochen. Mit
diesem radikalen Traditionsbruch reklamierte das protestantische
Preußen die Semantik des Reiches unter Ausschluss des katholischen
Österreichs für sich – als Teilung, nicht als Vereinigung und als
Beginn des deutschen Sonderweges, der schließlich so negativ
eskalierte.
Auf den ersten Blick viel friedlicher stellte sich die Lage in
Österreich-Ungarn dar. Baedeker-Reiseführer der
Zeit schildern das habsburgische Mitteleuropa als kulturellen Raum, in
dem es keinen Passzwang und auch sonst kaum noch Barrieren gab: „Die
Kenntnis der deutschen Sprache ist in den slawischen und italienischen
Gebieten bei den Gebildeten fast überall verbreitet“, selbst
„Zollbeamte, Gendarmen und Schutzleute, Hotelbedienstete und Kutscher
sind fast durchwegs der deutschen Sprache mächtig“, „die Speisehäuser
haben in der ganzen Monarchie die gleiche Einrichtung“. Das war auch
bei Cafés von Wien bis Lemberg oder Czernowitz so, selbst deren
Mehlspeisen unterschieden sich kaum. Die Architektur der Provinzstädte
repräsentierte Wien in kleinem Format. Dieses homogenisierende
Gesamtstaatsdenken prägte die mitteleuropäische Realität, obgleich es
sich im Osten und Südosten um ein Quasi-Kolonialreich gehandelt hat, um
eine Kompensation für die Kolonialreiche Englands und Frankreichs. Das
deutschnationale Bürgertum konnte dort andere kultivieren und
kolonisieren, im Namen deutschsprachiger Bildungswerte, deutscher
Arbeit, deutschen Kapitals. Somit kann kaum von einem nichtdeutschen
Mitteleuropa gesprochen werden. Mitteleuropa blieb, und das ist die
große Schwäche und Ambivalenz dieser Zugehörigkeitsbehauptung, bis
heute primär eine Vorstellung von Deutschen und Österreichern bezogen
auf Regionen östlich von Berlin und östlich von Wien, wo das
‚Zwischeneuropa‘ von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer – zwischen
Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland liegend – den damaligen
Großmächten Expansionsmöglichkeiten bot.
Gleichzeitig ist es eine Tatsache, dass es seit dem Ausgleich mit
Ungarn 1867 zu einem Zusammenwachsen der Länder, zum Entstehen eines
Kultur-, Wirtschafts- und Verkehrsraumes gekommen war, der nicht mehr
bloß ein dynastischer Herrschaftsverbund gewesen ist. Die 24 Bände Österreichischungarische
Monarchie in Wort und Bild präsentieren die Pluralität der
erträumten Mitteleuropa-Monarchie unter beachtlicher Analyse der
Multikulturalität und Verschiedenheit. Generell wird unterstellt, dass
Kultur verbinde. Die stärkere Erfahrung, dass Kultur – nach den
Kriterien Herders definiert als Sprache, Brauchtum, Religion – trennt,
blieb illusionistisch ausgespart. Die Kultur- und
Wirtschaftsgemeinschaft Mitteleuropa war zugleich Verbindung und
Trennung. Für Polen etwa gab es nie ein Mitteleuropa. Sein Zusammenhang
mit dem deutschen und dem österreichischen Mitteleuropa resultierte aus
seiner Aufteilung, von der Preußen, Österreich und Russland profitiert
hatten. Tschechen wurden permanent als zweitklassig brüskiert. Auch
Serben, Bosnier, Italiener entwickelten kaum Zugehörigkeitsgefühle für
Mitteleuropa. Solche konnte es nur bei Nutznießern wie in Ungarn geben,
als Partizipation an der Hegemonie.
Während sich deutsche Emigranten des Mittelalters und der frühen
Neuzeit, abgesehen von Enklaven, assimilierten, zu Polen, Balten,
Russen oder Ungarn geworden sind, waren später, nach klassischer
Reichspolitik – wie seit Alexander dem Großen – Verwalter, Militärs,
Handwerker und Bauern angesiedelt und Steuern eingetrieben worden, mit
ganz anderer Signifikanz für ein Zusammenleben. Sie sollten sich nicht
mehr integrieren, sondern als lokale Eliten deutsche und
österreichische Besonderheiten repräsentieren, den Staat, bestimmte
Wirtschaftsweisen, um zivilisierend zu wirken. Wichtig für das
Verständnis ist auch der Effekt zunehmend nationsbezogener Aufklärung,
Unterschiede zu überzeichnen, zu vergrößern, überzubewerten, die davor
Jahrhunderte lang eine quantité négligable waren.
Historische Rekonstruktionen sollten essenzielle Differenzen deutlich
zu machen. Gerade in Mitteleuropa hat die Bevölkerung zunehmend die
Hypostatisierung der kleinen Unterschiede einem Zusammengehen, einer
Annäherung vorgezogen.
Zu beachten ist, dass sich unter dem österreichisch-ungarischen
Dualismus Zisleithanien, also dem Bogen von Venedig bis nach
Czernowitz, und Transleithanien, die Gebiete der Stephanskrone, ganz
anders entwickelt haben. Das Nord- und Südslawen trennende Ungarn bezog
sich auf das Großungarn von Matthias Corvinus vor der türkischen
Invasion, verfolgte ganz andere Auffassungen von Multikulturalität und
Pluralität. Sein einziger Ausgleich, jener mit Kroatien und Slawonien,
wurde permanent durch Magyarisierung und Zentralismus ausgehöhlt.
Verstreut lebende Serben oder die Rumänen in Siebenbürgen und im Banat
wurden in Ungarn viel rigoroser behandelt als früher von den
Habsburgern, als die ethnisch gemischten Bewohner der „Militärgrenze“
gegen das Osmanische Reich einen Sonderstatus hatten, durchaus ähnlich
wie die Kosaken in Russland, nur dass durch eine heterogene
Siedlungspolitik dafür gesorgt wurde, dass unter dieser
Grenzbevölkerung keine Solidarität entstand.
Das Modell, die Utopie eines mitteleuropäischen Pluralismus und
Liberalismus ist höchstens in Zisleithanien vorstellbar und in Ansätzen
real gewesen. In Ungarn lief das anders, gleichsam im Rücken der
Monarchie in Affinität zur französischen politischen Kultur mit ihrer
Vorstellung einer demokratisch aufgebauten und integrativ offenen
Nation, in der ethnic und linguistic
communities keinen legitimen Sonderstatus haben. In
Verfassungsrealität und Tagespolitik ist davon allerdings wenig
sichtbar geworden. Bemühungen, zumindest den Slawen einen
gleichberechtigten Status zu verschaffen, kamen bekanntlich zu spät.
Gegenüber Deutschen (24%) und Ungarn (20%) blieb die Mehrheit der in
zwölf anerkannte Nationen gegliederten Bevölkerung Österreich-Ungarns
von einer wirksamen politischen Repräsentation ausgeschlossen, die
Tschechen (13%), die Polen (10%), die Ruthenen, also die
‚österreichischen‘ Ukrainer (8%), die Rumänen (6%), Kroaten (5%),
Slowaken (4%), Serben (4%), Slowenen (3%), Italiener (2%) und Bosnier
(1%). Auch in den Nachfolgestaaten ist die Minoritätenpolitik
spannungsreich, ob bezogen auf die Ungarn in der Slowakei und in
Rumänien, auf Albaner im Kosovo, Türken in Bulgarien, Roma und Sinti.
In aller Regel gelten ansässige Juden weiterhin nicht als Teil der
eigenen Nation. Selbst die Grenze zum orthodoxen, kyrillischen,
‚byzantinischen‘ Europa als Linie
Kroatien–Slowenien–Österreich–Slowakei–Polen– Baltikum spielt in mehr
oder minder verdeckter Form immer wieder eine Rolle.
Ein entscheidender Punkt für Reflexionen zu Mitteleuropa sind für mich
die frühen Ansätze einer Konfliktanalyse von Ludwig Gumplowicz, der,
selbst assimilierter Jude aus Galizien, als Anthropologe und Soziologe
an der Universität Graz gelehrt hat und die Geschichte Mitteleuropas
hellsichtig unter dem Titel Der Rassenkampf (1883)
beschrieb: Mitteleuropa als Hexenkessel des Rassenkampfes, als
Nährboden der bösartigsten Formen des Nationalismus und ethnischer
Säuberungen, als brodelndes Potenzial einander feindselig
gegenüberstehender sozialer Gruppen. Gumplowicz machte die Furie des
habsburgischen Mythos kenntlich. Es gibt also diese Polaritäten im
österreichischen Erbe. Harmonisierende Darstellungen verschließen die
Augen davor, welche Vorgeschichte zur Eskalation nationaler
Chauvinismen und zur exzessiven Radikalisierung des Antisemitismus
geführt hat.
Die Situation der Juden, im Grunde genommen die einzig lebendige,
greifbare Realität Ost-Mitteleuropas, ist dafür der zentrale Punkt.
Gerade von jüdischen Eliten ist ein Mitteleuropadenken wach gehalten
und in eine erlebbare Kulturgemeinschaft verwandelt worden.
Assimilierte Juden haben nach der Revolution von 1848 den Liberalismus
und den habsburgischen Föderalismus mitgeprägt. Joseph Samuel Bloch,
Vertreter des heute ukrainischen Kolomyja (Kolomea) im Reichsrat, hat
in Der nationale Zwist und die Juden in Österreich
(1886) diese mitteleuropäische Kulturgemeinschaft am schönsten zum
Ausdruck gebracht. In den urbanen Inseln des mitteleuropäischen
Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg waren Juden die Basis dieser
Wirklichkeit gewordenen Völkergemeinschaft und Interkulturalität, man
möchte fast sagen einer mitteleuropäischen Supranationalität. Zugleich
wurden das Wien Karl Luegers und die Konkurrenzmetropole Budapest
parallel zu den dort erbrachten eindrucksvollen künstlerischen und
wissenschaftlichen Leistungen bekanntlich Zentren eines rabiaten
Antisemitismus, der sich in der Zwischenkriegszeit in Ungarn durch
frühe antijüdische Gesetze weiter verschärfte und in beiden Ländern zur
bereitwilligen Kooperation mit der Nazimacht geführt hat. Was punktuell
in Ostmitteleuropa als emanzipiert-jüdische Kultur experimentiert und
vorgeführt worden war, entsprach Ansätzen europäischer Identität.
Emigration und Vernichtung haben einem daran orientierten –
unreflektiert wieder geläufigen – Vorbilddenken jede Basis entzogen.
Nach 1945 war Mitteleuropa ein halbes Jahrhundert lang verschwunden –
ein bloßer Erinnerungsort. Mitteleuropa-Konjunkturen und
-Diskontinuitäten verlagerten sich auf unterschwellige Diskurse, unter
Berufung auf die Schicksalsgemeinschaft jener Länder, die unter ihrem
hausgemachten Faschismus, dem Nationalsozialismus, dem Stalinismus und
Post-Stalinismus gelitten haben. Mit dem Vordringen Russlands nach
Mitteleuropa war dessen seit jeher argwöhnisch verfolgter ‚Drang nach
Westen‘ Realität geworden, verschärft durch Kommunismusfurcht. Der
unterbrochene West-Ost-Bezug war noch allgemein geläufig, weil viele
aus dem Osten zugewandert oder im Osten gewesen waren, vielleicht dort
hatten kämpfen müssen. Von ‚außen‘ betrachtet, ist die Mitte Europas
als Ausgangspunkt der Aggression durchwegs mit Misstrauen betrachtet
worden. Im Zuge der Debatten um die Millionen deutschen
Heimatvertriebenen geriet die Betonung von Mitteleuropa oft genug in
Verdacht, Stichwort für Revanchisten zu sein. Semantische Zurückhaltung
schien geboten. Die gespenstische Präsenz von Mitteleuropa im wichtigen
Buch von István Bibó über Die Misere der osteuropäischen
Kleinstaaterei ist zu nennen. Bei Czeslaw Milosz, Milan
Kundera, György Konrád und anderen namhaften Intellektuellen bekam
Mitteleuropa als rückwärtsgewandte Utopie, als Projektionsfläche
schönerer Zeiten neu gefasste Konturen, vielfach als Ermutigung, sich
überhaupt eine Zukunft für Europa vorstellen zu können – unter Bezug
auf Situationen, als in kultureller Hinsicht die Peripherie im Zentrum
lag, der Rand Europas dessen Mitte gewesen ist. Für deutschsprachige
Intellektuelle gab es bei diesem Thema die alles weiter
verkomplizierende Schwierigkeit, mit den Dissidenten des Ostblocks
umgehen zu können, ohne in die Nähe der Kalten Krieger zu geraten. Es
galt, direkte Vergleiche der Schrecken der Nazizeit mit den Schrecken
des Stalinismus zu vermeiden, um ein Bewusstsein für beides
wachzuhalten, ohne Relativierung und ohne das Unvergleichliche am
nazistischen Mitteleuropa zu verwischen. Für Teile der
Nachkriegsgeneration – sagen wir die 68er – waren das vielfach
existenzielle Fragen der eigenen Orientierung angesichts der damals
erst rudimentär aufgearbeiteten Umstände, Dimensionen, Zusammenhänge.
Oswald Wieners die verbesserung von mitteleuropa
(1969) ist als verzweifelte, skeptische Auflehnung gegen das reale
Mitteleuropa der 1960er Jahre zu lesen. Sinkt bei jüngeren
Generationen, denen Informationen längst zugänglicher sind, mit dem
zeitlichen Abstand auch das Interesse, dann um den Preis eines gewissen
Verlustes an historischem Bewusstsein. Die Rollenverteilung zwischen
Deutschland und Österreich wirft ein weiteres Licht auf diese Prozesse:
einerseits das – zumindest tendenziell und offiziell – eher vornehme
Deutschland mit seiner beispielhaften, geopolitisch zurückhaltenden
Vergangenheitsbewältigung, andererseits Österreich, das unbekümmert
Mitteleuropa-Nostalgien reaktivieren konnte, als im Vergleich dazu
halbe Sache, wie auch sonst bei der Aufarbeitung seiner Vergangenheit.
Dennoch schien im Zuge der Neuordnung Europas nach 1989 der
Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn als Modell wieder Zukunft zu haben,
bestärkt etwa vom französischen Germanisten und Historiker Pierre Béhar
durch sein Buch L’Autriche-Hongrie, idée d’avenir –
Permanences géopolitiques de l’Europe centrale et balkanique
(1991) (auf deutsch: „Österreich-Ungarn als Zukunftsidee geopolitischer
Permanenz von Zentral- und Balkaneuropa“). Als eine Art Verheißung für
die Osterweiterung der EU sollte vom preußischen – in der Folge
nazistischen –, mit Nationalismus, Imperialismus, Antisemitismus,
Antislawismus belasteten Mitteleuropa neuerlich die idealisierte
Vorstellung eines an österreichisch-habsburgischen Traditionen
orientierten multikulturellen Mitteleuropas abgespaltet werden. In
bestimmten konservativen österreichischen Kreisen war diese Version
höchst willkommen; man freute sich über die Aufwertung des eigenen
Erbes, des eigenen Stellenwerts. Im Zuge des EU-Beitritts wurde ständig
Österreichs Mitteleuropa-Kompetenz betont, seine Brückenfunktion im
Donauraum, die sich die EU nutzbar machen könne. Heute, fast zwei
Jahrzehnte später, ist absehbar, inwieweit das Realität wurde oder
Illusion, beziehungsweise bloße Propaganda gewesen ist. Abgesehen von
sich anbietenden Investitionen ist nicht zu sehen, wo diese Phrasen
demokratiepolitisch gegriffen hätten. Hauptproblem ist die in
Eruptionen kulminierende Tendenz vom Nebeneinander zum Gegeneinander
geblieben. Sie eine Zeit lang unter Kontrolle zu halten, war der
Kreativität des habsburgischen Mitteleuropa nur während kurzer Phasen
gelungen, bevor es unter dem Druck der Nationalitätenkämpfe auseinander
gebrochen ist. Praktisch jede sich in der Donauregion formierende
Gesellschaft hatte und hat Raumvorstellungen, die nicht mit aktuellen
Grenzen übereinstimmen. Das ist das Verhängnis Mitteleuropas, das die
Friedensverträge von Versailles und Saint-Germain, die Kriegsverträge
gewesen sind, noch verschärft und perpetuiert hatten. Außerhalb
nationaler Grenzen lebende Deutsche, Ungarn, Serben, Kroaten, Rumänen,
Bulgaren, Albaner wurden – wenn es die Lage zuließ – zum Sprengstoff,
wie sich am Zerfall Jugoslawiens gezeigt hat. Ein solidarisches
Miteinander, einerseits die Aufnahme ungarischer und
tschechoslowakischer Flüchtlinge in Österreich, andererseits die
Vorreiterrolle Jugoslawiens und dann Ungarns bei der Liberalisierung
des Grenzverkehrs, blieben solitäre Situationen. Selbst bessere
Verkehrsverbindungen von Wien nach Prag oder Bratislava sind erst
zwanzig Jahre nach der Wende in konkreterem Realisierungsstadium.
Während es nach französischer Tradition eine Selbstverständlichkeit
ist, französisch sprechende Belgier oder Schweizer, auch wenn ihr
Gebiet in alten Zeiten vielleicht zu Frankreich gehört hat, nach ihrer
Nationsbildung nicht mehr als Franzosen anzusehen, hat gerade
Österreich auf dem Balkan mitgewirkt, mit seinem
kulturell-konfessionellen Verständnis von Nation eine strikt politische
Auffassung von Nationalstaaten zu konterkarieren, obwohl es unmöglich
ist, in dieser Region kulturelle Zugehörigkeit mit politischen Grenzen
in Deckung zu bringen. Dieser furchtbare Bürgerkrieg, all diese
Gemetzel waren eine unmittelbare Folge der überstürzten
Nationalstaatsbildung. Abgesehen von Slowenien war Jugoslawien noch
nicht bereit, diesen kurzen Übergang von einem autoritären Föderalismus
zur Bildung von Nachfolgestaaten im Verhandlungsweg zu gehen.
Frankreich hat lange versucht, einem südslawischen Bund ohne Abspaltung
den Weg zu bereiten. Deutschland war dagegen, weil es darunter ein
Groß-Serbien verstanden hat und ihm seine einstigen Protektorate
Slowenien und Kroatien sichtlich näher standen … Solche
mitteleuropäische Konfusionen halten in Erinnerung, wie sich
historische Linien eines ursprünglich preußischen, ‚bösen‘,
imperialistischen Mitteleuropa und eines habsburgischen, anscheinend
‚guten‘, zukunftsträchtigen Mitteleuropa vermischt haben. Das ehemals
österreichisch-ungarische Mitteleuropa hat die Polarität von beidem in
nachwirkender Weise internalisiert. Als überlegenes Projekt hat es sich
nie erwiesen. Erst Brüche machen ein Ablösen von Vergangenem zur
Chance, nicht Nostalgie. Mitteleuropa ist, wie Europa insgesamt, das
Beste und das Übelste in einem, es ist zugleich mehr oder minder
sublimierter Chauvinismus und Rassenkampf – was Ludwig Gumplowicz als
das Destruktivste an ihm benannt hat – und auf Pragmatik angewiesene,
permanent neu zu belebende Utopie.
Literatur
Jacques Le Rider: Mitteleuropa.
Auf den Spuren eines Begriffes. Essay (Paris
1994), übersetzt von Robert Fleck, Wien 1994
Friedrich Naumann: Mitteleuropa.
Berlin 1915
Ludwig Gumplowicz: Der
Rassenkampf. Innsbruck 1883
Oswald Wiener: die
verbesserung von mitteleuropa, roman. Reinbek bei Hamburg
1969
Joseph Samuel Bloch: Der
nationale Zwist und die Juden in Österreich, Wien 1886
Pierre Béhar: L’Autriche-Hongrie,
idée d’avenir – Permanences géopolitiques de l’Europe centrale et
balkanique, Paris 1991
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