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In Peshawar, der pakistanischen Provinzstadt am Fuß des Khaiber-Passes,
läuft das übliche Exilspiel einander konkurrenzierender Politgruppen
ab, und das größte Echo erzielen die PR-Talente, denen genügend
Geld zur Verfügung steht, um ihre Organisation halbwegs repräsentativ
in Szene zu setzen. Sie sind es, zu denen der örtliche Press-Commissioner
und jeder Rikschafahrer die Vertreter der Weltpresse schleust.
Und sie organisieren auch die kurzen, "geheimen" Ausflüge
nach Afghanistan hinein, wo dann, zum Beispiel vom "Time Magazine"
(Ausgabe vom 14. 4. 1980), die grenznahen Aktivitäten "der
sechs großen, von Peshawar aus gesteuerten Gruppen des antikommunistischen
Muslimwiderstandes" besichtigt werden können. Die damit gemeinten,
eher orthodox-islamischen Exilparteien, die sich voneinander
hauptsächlich durch die Person ihrer zerstrittenen Führer
Khales, Hekmatiar, Rabani, Nabi Mohammadi, Mujadiddi und Gailani
unterscheiden, werden dadurch zu den Kommandozentren des Widerstandes
hochstilisiert. Alles paßt so ins vorgefertigte Bild vom irrationalen,
in diesem Fall jedoch plötzlich heldenhaften heiligen Krieg
gegen die Ungläubigen und für einen islamischen Staat. Aber
auch engagiertere Berichterstatter, die sich in Kabul und
unter den Flüchtlingen einen kritischen Überblick über die
Situation und die Perspektiven verschaffen wollten, wie die
internationale "Vereinigung demokratischer Juristen", unterliegen
denselben Mechanismen. Der Fall scheint damit allen Seiten
ziemlich klar, im rückständigen Afghanistan wehren sich bloß
die Mullahs, die Orthodoxen, die unbelehrbaren Reaktionäre
oder naive, benutzbare Widerständler.
Sich einem realistischeren Bild zu nähern ist schwierig,
braucht Zeit, Zufälle. In den wenigen Krankenhäusern der Region
sprechen wir mit den verstümmelten Opfern dieses Krieges,
sie erzählen von Fliegerangriffen, Flächenbombardements, Kampfhandlungen.
Ganze Täler und Dörfer sind zerstört, von den Bewohnern verlassen,
in Paktia, bei Jelalabad, im Kunartal. Aus den grenznahen
Gebieten sind bisher 700.000 Menschen nach Pakistan und vermutlich
300.000 in den Iran geflüchtet. Aus dem Landesinneren gelingt
die Flucht nur wenigen. Auslösendes Moment war die Machtübernahme
Tarakis im April 1978, speziell aber erst der Beginn massiver
politischer Verfolgungen und militärischer Repressionen einige
Monate später. Der Widerstand gegen inhaltlich wichtige, aber
völlig unzureichend vorbereitete, diktatorisch angeordnete
Reformen (Aufhebung der Schuldknechtschaft, Landreform, Stellung
der Frau und anderes) und gegen rücksichtslose Eingriffe in
die regional und ethnisch stark abweichenden Gewohnheitsrechte
und Stammestraditionen wurde mit einer rigorosen Bekämpfung
jeglicher Opposition beantwortet.
Die Geheimpolizei Aasa (später KAM), die Militärpolizei Sarandoy,
die Parteimiliz der Demokratischen Volkspartei und Regierungstruppen
"verteidigen" auf blutigste Weise den Regierungskurs. Es gibt
allein in diesem Jahr Zehntausende Tote, grausamste Folterungen,
tausende Hinrichtungen und zahllose politische Gefangene.
Verläßliche Quellen nennen für die Herrschaft von Taraki und
Amin, der, bevor er selbst Taraki stürzt, Premierminister
und Geheimdienstchef war (und nach jetziger Kabul-Version
auch noch CIA-Agent), die Zahl von 250.000 Toten und 150.000
politischen Gefangenen (siehe auch: "Amnesty International
Report", September 1979). Die vorerst beratende, dann direkt
militärische Beteiligung der Sowjetunion an diesem Bürgerkrieg
hat die Kämpfe verschärft und dem Widerstand die zusätzliche
Motivation geliefert.
Unter den Flüchtlingen in Pakistan ist von einer Kampfbegeisterung
aber nicht allzu viel zu spüren. Sie haben keine Waffen, außer
ein paar alten Renommierflinten, und durch die monatelange
Untätigkeit verbreitet sich eine gewisse Resignation und Apathie.
Die zehn der 57 offiziellen, von Pakistan und der UNO betreuten
und die Dutzende wilden, unorganisierten Lager, die wir in
den entlegendsten Gegenden in drei Wochen besucht haben, sind
jedenfalls keine Militärbasen oder Ausbildungslager. Hier
hausen jeweils Tausende, manchmal Zehntausende Menschen auf
engstem Raum in eiligst errichteten Zeltlagern, bisher ohne
jede medizinische Betreuung, ohne Sanitäreinrichtungen, bei
dürftigster und unregelmäßiger Versorgung mit Lebensmitteln.
Sicher gehen viele immer wieder zurück über die Grenze, um
zu kämpfen, aber eher in Form eines Schichtdienstes, sich
an einer der eingesetzten Waffen ablösend.
Die Informierteren unter ihnen ahnen, daß sie allein stehen,
daß sich das plötzliche Weltinteresse bloß auf "echte", also
internationale Kriegsereignisse und auf die sowjetischen Absichten,
nicht aber auf Afghanistan selbst konzentriert.
Wahrscheinlich wären auch wir ohne jede greifbare Perspektive
wieder abgereist, wenn uns nicht wenigstens vom Widerstand
in Afghanistan ein Eindruck vermittelt worden wäre, der sich
wesentlich von der orthodox-reaktionären Abstempelung unterscheidet.
Informationsquelle dafür waren insbesondere die langen Gespräche
mit dem Guerillakommandanten der Provinz Nuristan, einem den
Hinrichtungskommandos in Kabul entkommenen Arzt mit dem Decknamen
Dr. Satar, mit Abdul Quader, dem Kommandanten der Region Badel
bei Chagha-Sarai, mit dem interimistischen Vorsitzenden der
Volksräteversammlung (Loya Djirga) Babrakzai, mit einem lange
inhaftierten und schwer gefolterten Journalisten der großen
Tageszeitungen "Anis" und "Eslah", mit Vertretern der sozialdemokratischen
Partei Afghan Mellat und der Jusogruppe Mellat.
Ihre Auskünfte und Beurteilungen decken sich weitgehend.
Die Mujaheddin ("Freiheitskämpfer"), wie inzwischen alle Guerillaeinheiten
genannt werden, führen nicht den heiligen Krieg der Orthodoxie
oder den Abwehrkampf einer feudalen Stammesgesellschaft -
die Feudalherren sind größtenteils geflüchtet -, sondern sind
viel eher auf dem Weg zu einer Nationalen Befreiungsfront,
in der vorläufig ideologische Differenzen zurückgestellt werden.
Die propagandawirksamen Aktionen der von Peshawar aus gesteuerten
Parteimilizen beschränken sich fast nur auf den grenznahen
Raum. Zwischen den Exilparteien und hier speziell den relativ
finanzstarken Islamparteien und dem organisierten Widerstand
im Lande bestehen bisher praktisch keine Beziehungen. Die
Regierungs- und Interventionstruppen kontrollieren nur die
Städte und die wichtigsten Verkehrswege. Ganze Provinzen,
wie Nuristan und die angrenzenden Gebiete im Nordosten des
Landes, sind fest in der Hand des Widerstandes. Er ist im
wesentlichen nach überschaubaren Regionen und damit vorrangig
nach Stammeszugehörigkeiten organisiert, aber überregionale
Kommandotrupps und Planungsstellen sind im Aufbau. Die Versorgungslage
ist vor allem in den umkämpften Gebieten sehr angespannt,
es fehlen Nahrungsmittel, weil die Felder vielfach nicht bestellt
werden können, es gibt kaum mehr Medikamente. Waffen und Munition
stammen aus alten Beständen, aus Überfällen auf Kasernen,
Depots und Transporte sowie von den zahlreichen Überläufern
aus der Regierungsarmee. Daß es vom Ausland her Waffenlieferungen
gegeben hätte, wird energisch und enttäuscht verneint. Die
gefährlichste Waffe des Gegners sind die gepanzerten Mi-24-Hubschrauber,
die mit Infrarotgeräten auch versteckte Menschen, Unterstände
und Höhlen aufspüren, ohne daß dagegen irgendwelche Abwehrmittel
eingesetzt werden können. Nach der Schneeschmelze im Gebirge
wird sich aber ihre eigene Beweglichkeit und Kampfkraft wieder
stark erhöhen. An einen militärischen Sieg will niemand denken,
eine Eroberung von Kabul wird bei derzeitigem Kräfteverhältnis
ausgeschlossen. Die Argumente darüber, wer sie, ohne unerwünschte
Bedingungen zu stellen, im Lande selbst unterstützen sollte,
sind unsicher, von undeutlichen, teils naiven Hoffnungen geprägt.
Auffällig ist die von verschiedenster Seite bestätigte Zurückhaltung
islamischer Staaten, sich in der Afghanistanfrage politisch
oder durch materielle Hilfe besonders stark zu engagieren.
Gegenüber einer Carter-Brzezinski-Politik besteht ein tiefverwurzeltes
Mißtrauen, das sich immer wieder auf die bisherige amerikanische
Politik in diesem Raum beruft. Der Olympiaboykott und ähnliches
wirken auf die unmittelbar an den Kämpfen und an der Opposition
Beteiligten als sehr ferne, abstrakte Ereignisse, über die
eher bitter gelächelt wird. Die meisten wissen gar nichts
davon.
Politisches Ziel des Widerstandes ist die Fortsetzung des
Kampfes für ein unabhängiges Afghanistan auch unter schwierigsten
Bedingungen und für eine demokratische Staatsform. Der Islam
als Grundlage der afghanischen Gesellschaft steht außer Streit,
nur haben seine klerikalen Überspitzungen und politischen
Machtansprüche in den Zukunftsüberlegungen keinesfalls einen
dominierenden Stellenwert. Über ein konkretes Modell gibt
es noch keine genaueren Vorstellungen, und es wird auch kein
bestimmter Staat als Vorbild anerkannt, mit der Begründung,
daß in der islamischen Welt zuviel in Bewegung geraten ist
und jedes Land einen eigenen Weg versuchen sollte. An eine
Rückkehr des Königs Zahir Shah, der seit 1973 im römischen
Exil lebt, denkt nur eine unbedeutende Splittergruppe unter
den Exilparteien. Verhandlungen mit Babrak Karmal sind für
alle unvorstellbar, weil er als sowjetische Marionette gilt
und für die brutalen Unterdrückungsmaßnahmen mitverantwortlich
ist. Von einer Neutralisierung hält zum Beispiel Dr. Satar
wenig, weil sie wieder eine ausgewogene Überwachung des Landes
und eine Einmischung in dessen innere Angelegenheiten mit
sich bringen würde. Auslandskontakte des kämpfenden Widerstandes
können erst jetzt anlaufen, nach einer Konsolidierung der
militärischen Lage in den Nordostregionen.
Zum entscheidenden Instrument des politischen Handelns könnte
die Loya Djirga werden, die große Bundesversammlung, mit gewählten
und delegierten Vertretern aller Stämme und Regionen, die
Anfang Mai jenseits der Grenze, in Peshawar, zusammengetreten
ist. Sie ist ein Instrument für echte Krisenzeiten oder grundsätzliche
Entscheidungen und hat seit der Gründung Afghanistans im Jahre
1747 nicht mehr als zehnmal getagt, zuletzt etwa im Zweiten
Weltkrieg, zur Verabschiedung der ersten Verfassung und unmittelbar
nach der sowjetischen Intervention. Ihre derzeit 3000 Mitglieder,
die Unterausschüsse und noch zu wählenden Vertreter sollen
die Organisation einer Nationalen Befreiungsfront festigen,
eine neue Verfassung ausarbeiten, die Finanzierung des Widerstandes
und die Auslandskontakte auf eine breite und koordinierte
Basis stellen. Die Loya Djirga und die kämpfenden Widerstandsgruppen
haben dieselbe regions- und stammesbezogene soziale Verankerung,
und es könnte ihnen gemeinsam gelingen, eine halbwegs geschlossene
Oppositionsbewegung zu bilden, der sich auch die etwa zwanzig
zersplitterten Exilparteien unterordnen.
Für eine solche Chance spricht, daß die politischen Parteien
noch längst keine Massenbasis haben, sie bisher nie unbeschränkt
zugelassen waren, die ersten, zumindest ansatzweise demokratischen
Wahlen erst 1965 stattgefunden haben. Keine einzige Partei
und speziell nicht die autoritär geführte Demokratische Volkspartei
Babrak Karmals ist so weit im Volk verankert, daß sie Vermittlungsinstrument
politischer Erneuerung und notwendiger Reformen sein könnte.
Auch war der Einfluß jeder Zentralregierung immer unbedeutend
und auf die städtische Bevölkerung (13%, z. B. im Iran 50%)
konzentriert. Die dominierende soziale Struktur ist die ethnisch,
regional und nach Familien gegliederte bäuerliche Dorf- und
Stammesorganisation, deren Milizen auch im Widerstand die
führende Rolle spielen. Sie wurden verstärkt durch oppositionelle
Städter und Mitglieder der Intelligenz. Ein aktivierbares
Potential an Industriearbeitern fehlt völlig. Es ist die Masse
der rund zehn Millionen Bauern, um die es geht. Die eine Million
Nomaden sind eine ziemlich isolierte Minorität (Gesamtbevölkerung:
12 bis 15 Mill.). Und entgegen gängigen Schilderungen haben
gerade im sunnitischen Afghanistan die Mullahs keinen allzu
starken meinungsbildenden Einfluß.
Daher bildet eine primär von den Stammesorganisationen getragene
Widerstandsfront für die jetzt nur mehr 20.000 bis 30.000
Mann umfassende Regierungsarmee und für die 100.000 Mann Sowjettruppen
einen schwer zu bekämpfenden Gegner. Und sie könnte auch zum
geeigneten Forum für eine Veränderung starrer Einstellungen
und Strukturen werden. Jedenfalls erscheint es als absurde
Fehlinterpretation gesellschaftlichen Fortschritts, wenn nicht
das im ganzen Land fest verankerte System der Djirga, der
Ratsversammlungen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene
als zentrales Überzeugungsforum eingesetzt wird. Unter dem
einigenden Druck von außen und durch Veränderungen der Lebensweise
im Widerstandskampf, speziell etwa der Rolle der Frau, könnten
Prozesse beschleunigt werden, deren Einleitung hier bisher
keiner Instanz gelungen ist, ohne gleichzeitig achtenswerte
Elemente des sozialen Verhaltens zu zerstören oder eine Politik
der eigenen Interessen zu betreiben.
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*) Dr. Christian Reder
hat mit der Ärztin Dr. Uta Pichl und dem in Wien lebenden
Afghanen Nassim Jawad drei Wochen lang die Flüchtlingslager
in Pakistan bereist und ein Programm für österreichische
Hilfsmaßnahmen ausgearbeitet.
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