Der "Hang zum Gesamtkunstwerk", die "Sehnsucht nach dem
Ganzen", die "Vereinigung mit dem Kosmos", die "Verbrüderung
der Menschheit", - sehen Sie, Herr Szeemann, dieses Thema
ihrer jetzigen Wiener Ausstellung vor allem als Sehnsucht
des Künstlers?
Ich sehe den Hang schon allgemein, ich sehe ihn irgendwann
bei jedem Menschen, z.B. in seiner Jugend, oder im Zustand
der Verliebtheit. Aber die Künstler sind dann eben die, die
auf gesellschaftlich nach tragbare Weise, als Einzelne, versuchen,
ihr Leben danach auch auszurichten, nach diesem Urdrang nach
dem "Ganzen". Ich meine, die ganze Diskussion nach '68 hat
doch wieder ergeben, daß auch für einige eingefleischte Marxisten
der Künstler irgendwie das Vorbild ist, für eine Gesellschaft,
wo jeder eigentlich schöpferisch sein sollte. Das ist dann
das Paradies.
In diesem Sinn wurde damals ja auch die Forderung nach
der Verschmelzung der Kunst mit dem Leben gestellt. Schon
1975 sprachen Sie aber vom "lohnenden Rückzug ins Private".
Und dann später: "Mich interessiert, wo die Kunst komplett,
wo die Privatisierung eminent politisch wird.*'
Die Vision des Anarchisten ist ja die größte Utopie, die
herrschaftslose Gesellschaft. Und sobald sich eben Organisationsformen
dem entgegenstellen, wie etwa die Sozialdemokratie, sah man
automatisch die Anarchisten plötzlich als moralische Instanzen.
Um nun wirken zu können, sagte z.B. Gustav Landauer "nur wenn
ich mich isoliere, kann ich beispielgebend wirken". Und in
dem Moment wird etwas genährt, was beim normalen Verbrauch
der Energien durch den Alltag unterdrückt wird, nämlich, daß
plötzlich die Vorstellungskraft größer wird. Einer nimmt es
auf sich, sich das immer wieder vorzuzustellen. Und es geht
dann plötzlich nicht darum, einen anderen zu überzeugen. Natürlich
ist der Machtanspruch impliziert, aber er wird nicht in die
Realität übertragen und daher spreche ich von Privatisierung.
" ... das Recht der Phantasie."
Wo gibt es aber nun die Unterscheidungsmöglichkeiten zwischen
solchen rein utopischen Absichten und etwa den totalitären
"Gesamtkunstwerksplänen" Hitlers?
Diese ganze Diskussion, ob jetzt im Wagner schon der Hitler
war usw. ist doch gar nicht so furchtbar interessant. Ich
meine wenn man vom Einzelnen ausgeht, dann muß man automatisch
diese Versuche der Umsetzung von Gesamtkunstwerksideen in
die Realität weglassen, denn dann ist es auch nicht mehr Kunst,
dann ist es Machtpolitik. Man muß nämlich auch mit dem Dreischritt
"Gesamtkunstwerk -Totalkunstwerk -Totalitarismus" (Bazon Brock)
sehr aufpassen, denn wenn man das dann auf einer Linie sieht,
Wagner - Bayreuth - Hiller, so ist mir das zu simpel. Es gibt
ja heute gottseidank wieder eine Generation, die eigentlich
nicht vorbelastet ist durch die damalige Realität. Und wenn
nun die wieder diese ganzen Phantasien spürt, die aus den
Mythen kommen oder aus den alten Legenden, und die jetzt mal
wertfrei interpretiert und aufnimmt, dann pocht sie eigentlich
nur auf das Recht der Phantasie. Obsession ("das Besetztsein,
die Zwangsvorstellung" nach Duden) ist ja für mich die Ursprungsenergie.
Ich finde das sehr gut bei Syberberg (Filmemacher "Hitler
- ein Film aus Deutbchland", 1977, "Parsival", 1982), es geht
ihm ja nicht um eine Glorifizierung der Nazizeit. Er nennt
es ja Trauerarbeit in dem Sinn, daß er natürlich fasziniert
ist davon, aber auf der anderen Seite sieht er das in größerem
Zusammenhang.
Aber wenn es um Utopien geht, geht es doch immer auch um
Feindschaften zum Bestehenden?
Natürlich, überall bei diesen Leuten sieht man, daß chaotische
Zustände, oder die Opposition zu bestehenden Zuständen ein
sehr starkes Ferment sind, denn nur das gibt ihnen die Möglichkeit,
sich eine neue Gesellschaft vorzustellen. Und bei Wagner glaube
ich, daß diese Formulierung des Gesamtkunstwerks ohne die
gescheiterte Revolution in Dresden nicht stattgefunden hätte.
Da gehörten das Exil, die Teilnahme an der Revolution dazu
und natürlich auch der Kontakt mit Leuten wie Bakunin. Er
sagt aber dann plötzlich: ich kann das nur für die Kunst tun.
Und es gibt da immer auch ganz merkwürdige Dinge, Charles
Fourier (1772-1837) z.B. wählt für seine nach dem permanenten
Lustprinzip lebende ideale Gesellschaft als Ort wieder ein
Schloß, das ungefähr so aussieht wie Versailles, und damit
übernimmt er fast automatisch auch wieder den absolutistischen
Herrschaftsanspruch, der von dort ausging. Und in der Science
Fiction können sie überall sehen, je weiter vorn ein Ereignis
geschildert wird, desto schneller kommen die Dinosaurier wieder
zur Hintertür herein.
"... das Nutzlose ist das Politische daran."
Sehen Sie heute eine wachsende Bedeutung solcher Ganzheitsintentionen?
Ja, es ist ein Anspruch. Deshalb fange ich ja auch bei der
französischen Revolution und bei der Romantik an, weil sich
erst seit dem Zeitpunkt der Künstler eigentlich als Gott fühlen
kann, die alten Strukturen sind weg. Im Grunde genommen fühlt
sich jeder Künstler als Schöpfergott, der da seine Welt errichtet
und dieser Anspruch ist etwas verlorengegangen und mir scheint
es nicht von ungefähr, daß er wieder auftaucht und auch der
Ruf nach der "Akademie", nicht nach der normalen, sondern
nach der übergeordneten Akademie.
Nach der platonischen?
Ja, nach der sokratisch-platonisehen Akademie, an der eben
wieder an Wertvorstellungen gearbeitet wird.
Es geht also wieder um Werte, um das Setzen von Werten?
Ich meine für mich ist so eine Ausstellung auch, wie soll
ich sagen, ein "Ja-Sagen" zu einem gewissen Anspruch, daß
eben nur der wirklich die Freiheit der Kunst nützt, der sich
eben eine ganze Welt vorstellt. Und die anderen sind halt
Dekorateure für Schlafzimmer und Vorzimmer der Zahnärzte oder
was es da sonst noch gibt. Ich glaube, wenn einer wirklich
auf Tutti geht in seinem Leben, dann gibt er auf die Dauer
der Gesellschaft mehr. Es ist immer falsch, das in einer unmittelbaren
Relation zu sehen, daß das eben einen "Profit" abwerfen muß.
Ich glaube, man soll sieh das mal aus dem Kopf nehmen, daß
etwas unmittelbar einschlagen oder Erfolg haben muß. Alan
Kaprow hat z.B. mal ein Happening gemacht an der Westküste
und, weil es für die Friedensbewegung war, eine fast ein bißchen
moralisierende Pointe an den Schluß gesetzt. Und er war darin
todunglücklich, weil es plötzlich eine Stoßrichtung bekam,
die er eigentlich nicht wollte und ich finde diese Geschichte
sehr gut in Bezug auf die Kunst. Ich glaube es wird nur poIitisch,
wenn es keinen unmittelbare. Einfluß hat, nur dann ist es
wirklich politisch.
Wenn es nutzlos ist?
Nur das Nutzlose ist das Politische daran.
Geht das nicht oft sehr stark in Richtung Künstlertypus
und Geniekult des 19. Jahrhunderts?
Ja, aber hängt das nicht ein bißchen damit zusammen, daß
die Phantasie sich doch wieder nach einem Zustand zurücksehnt,
wo es auch hätte anders verlaufen können? Jetzt gibt es in
der Minorität eine Majorität, die nicht mehr fortschrittsgläubig
ist und automatisch kommt man dann in die Gründerzeit. Es
hätte ja so verlaufen können, wie der Adolf Wölflin (1864-1930)
es sich vorgestellt hat, daß alles so gigantisch wird, daß
man die Sterne in Besitz nimmt und neue Reiche gründet am
Laufmeter. Ich meine, das 19. Jahrhundert war nun echt das
Jahrhundert, das am längsten weggeschoben wurde. Zum Teil
ist auch die Kunst nicht unfrei von dem, was man Mode und
die "Neuheit der Herbstsaison" nennt, ich meine, die Medien
leben ja zum Teil davon. Ich glaube aber schon, daß die jetzige
Rückkehr zum Bild ungeheuer notwendig war, denn im 20. Jahrhundert
gipfelte ja alles immer in polyvalenten Objekten. Ich weiß
ja, wie wir gelebt haben, Ende der 60er Jahre, wir haben ja
keine Werke mehr gesehen, wir haben aufgrund der Intention
der Künstler ausgewählt, und natürlich ist das auf einen Moment
gekommen, der jetzt politisch gesehen reaktionärer ist und
nun kann man den Schluß ziehen, daß die Kunst auch reaktionärer
geworden ist. Aber im Grunde genommen lag das schon lange
in der Luft als mögliche, als einzig mögliche Weiterführung.
" ... der reaktionäre Trend, also ‚Preußen', ‚Türken'..."
Sie gehören zur "kleinen Familie" der wichtigsten Ausstellungsmacher;
wie kommen sie eigentlich mit dieser Macht zurecht, mit
dieser Möglichkeit?
Ja was heißt mit dieser Macht. Ich glaube man muß furchtbar
aufpassen mit diesen Dingen. Administrativ und organisatorisch
muß man sie haben, nur das garantiert eine Flexibilität bis
zum Schluß. Auf der anderen Seite weiß ich ja, daß ich es
nicht allein machen kann. Macht ist ja auch immer furchtbar
anonym. Was man da für Briefe bekommt, wo sich Individuen
zurückziehen hinter einen Kommissionsentscheid und solche
Geschichten, dann habe ich einfach immer gefunden, ich will
keine Kommission mehr, sondern nur noch Zweiergespräche und
es weiß dann jeder, wen er angreifen soll. Ich bin ja ein
furchtbarer Harmoniker, ich finde immer, wenn dann der innere
Kreis der Beteiligten glücklich ist, dann ist es eigentlich
gelungen. Ob das dann noch 10000 angucken oder 5000 oder 100,
mir ist das also total schnuppe. Der Ausstellungsmacher soll
eben die Freiheit haben - soweit er selber ist - Themen und
Künstler auszuwählen.
Wien geht ja offenbar voll mit dem "Trend"; durch einzelne
hochdotierte thematische Ausstellungen bei gleichzeitiger
budgetärer Aushungerung der Museen; die Sammlung Ludwig,
das 20-er Haus, das Völkerkundemuseum. Die können ja aus
eigenem kaum etwas machen oder ankaufen.
Ich will nicht von der Ausstellungspolitik sprechen, aber
das Image eines Hauses kommt wirklich nur durch die Kontinuität
der Aktivität, und das ist dann das Gegengewicht zu diesen
großen Ausstellungen. Diese großen Ausstellungen werden immer
mehr gemacht werden, weil das ist eben auch der reaktionäre
Trend, also "Preußen", "Wittelsbacher", "Türken". Das sind
ungeheure Materialsammlungen, aber eigentlich ohne ... im
Grunde genommen sind es historische Museen, die nur aufgeblasen
werden zu riesigen Ausstellungen. Die Gegenwelt ist eben eine
kontinuierliche Arbeit, die nicht unmittelbar, also schon
von Anfang an, mit 500000 Besuchern rechnet.
Haben Sie die Türkenausstellung schon gesegen?
Nein, noch nicht.
Aha. - Sie soll angeblich 23 Millionen Schilling gekostet
haben, ihre "Monte Verita"- Ausstellung hingegen knapp 4
Millionen. Wird soetwas nicht allein vorn Aufwand her schon
wieder irgendwie absurd?
Ich glaube bei solchen Ausstellungen wie den "Türken" und
so, da gibt es auch ein anderes Publikum. Es gibt wahrscheinlich
das "Innere" auch, aber es gibt ein weiteres Publikum. Und
ich finde, wenn ein Staat die machen will, dann sollen sie
sie machen, aber natürlich sollen sie nicht den Häusern, die
gewissermaßen an der Front sind, dann Mittel wegnehmen.
Der Messepalast soll zu einer Art "Centre Pompidou" erden,
ein Zentrum für Museen, Ausstellungen und Kommerz und es
kursieren schon die abstrusesten Pläne und Vorstellungen.
Ich glaube, daß alle diese Geschichten, wenn sie nicht primär
für die Kunst gedacht sind und immer noch so halb für Parteitage,
Fachmessen und so da sein müssen, nichts bringen. Dann ergibt
das keine Patina am Gebäude. Wenn man in ein Museum geht,
weiß man, diese Wand hat immer nur mit Kunst zu tun gehabt
und ich finde einfach, wenn dann da wieder eine Schuhmesse
ist, dann ist diese Wand wieder auf lange Sicht entweiht.
Das spürt man einfach daß das dann keine geadelte Wand ist
und deshalb bin ich eigentlich sehr gegen jede Mischform.
Für Kunstmessen geht irgendein Gebäude. Aber wenn man wirklich
ein Kunstzentrum hier machen will, dann müßte man den erweiterten
Museumsbegriff einführen, weil was ich hier ein bißchen scharf
finde, ist eben, daß das 20-er Haus jetzt so 'ne Dependance
geworden ist. Bei Hofmann und Schmeller war es eben gerade
das Gute, daß Ausstellungen und Sammlung auf einem Boden,
wo nix war, wo nicht viel war, eben gegenseitig wirken konnten.
Und jetzt ist das 20-er Haus durch die Sammlung im Palais
Liechtenstein natürlich weniger attraktiv.
Noch einmal eine Assoziation zum Projekt Messepalast: Haben
sie einen dezidierten Zugang zu Hollein's Museum in Mönchengladbach,
das ja hier viel Euphorie, aber auch heftige (medial weniger
kundgetane) Ablehnung erzeugt hat?
Ja. Ich find' Mönchengladbach wirklich eine gelungene Sache.
Es gibt Details, die mir nicht passen. Die Cafeteria mit dem
Fenster da, das paßt mir gar nicht. Ganz genial find' ich
aber die Lösung dieser Kleeblatträume. Über's Eck die Öffnung
und dann hat man eigentlich vier Wände in absoluten Idealmaßen,
Räume, die man nicht mehr verändern kann, wo sich dann eben
diese Patina wirklich ansetzen kann.
" ... ohne Subvention loben können... "
Sie sprechen sich ja immer wieder vehement gegen jedwede
Kulturbürokratie aus, in Wien haben wir das aber alles sehr
ausgeprägt, fast jeder Künstier, fast jede Galerie ist irgendwie
vom Staat abhängig, von Subventionen?
In dem Fall haben wir das aber alle als gut empfunden, weil
es diese Infrastruktur nicht gab, wie wir sie haben, mit Kunsthallen
und Museen, reichen Galerien und idealistischen Galerien.
Ich glaube daß durch das Subventionieren das alles sehr beschleunigt
wurde, daß sich so die Kunde aus Österreich verbreitet hat
und daß nun doch sicher wenigstens ein paar schon ohne Subventionen
leben können, in Österreich. Der ganze Wiener Aktionismus
war ja bei uns schon lange irgendwie da und schon 1970 hatte
ich Nitsch, Mühl und Brus ins Museum genommen und als dann
die hiesigen Galerien wirklich mit einem österreichischen
Programm kamen, mit Rainer, Nitsch, Schwarzkogler, und jetzt
mit den Jungen, Schmalix usw., dann hatte das Ganze doch einen
Sinn. In Norwegen gibt's das Gesetz, nach dem jeder Künstler
Anrecht auf ein Mindesteinkommen hat. Aber dann kommt natürlich
die Frage, wer ist denn ein Künstler. Das wandelt sieh auch.
In der Schweiz gibt's relativ wenig Unterstützungen, es gibt
dieses Bundesstipendium und wenn man so die Entwicklung gesehen
hat, so hatten in den 60-er Jahren die meisten noch Nebenberufe,
als Designer, Grafiker, Fotograf oder Lehrer. Und dann plötzlich
kam diese Welle, da gab es plötzlich viele freie Künstler,
und Autodidakten waren sie meistens sowieso, es gibt ja keine
Akademie in der Schweiz. Ein paar fielen halt in das Netz
der Galerien, die anderen erhielten nie eine Unterstützung,
so wie es in Holland ist, wo jeder monatlich so und so viel
kriegt und dann am Ende des Jahres ein Bild abliefert, als
Gegenleistung.
Dort ist es eben so und da ist es so?
Szeemann: Na ja, es hat da schon ein komisches Paradebeispiel
gegeben, diese Österreich-Ausstellung für die USA, wo eigentlich
das Geld über einen Künstler kam, das Geld war aber dann doch
von einem Ministerium ...
Die Frohner-Sache?
Szeemann: Ja, und die Bedingung war, dann diesen Künstler
in die Ausstellung miteinzuschließen. Aber gleichzeitig wollte
man dann uns Ausländer, um die Ausstellung zu machen. Und
wir stellen uns dann einfach ein ganz anderes Österreichbild
vor, eben das bestmögliche, wenn wir schon nach Washington
gehen; und nicht weil einer die Idee halte, irgendjemand um
Geld anzugehen. Das hat nichts zu tun mit seiner Kunst, auch
wenn er zufällig Künstler ist. Ich meine, daß die Galerien,
die ja unterdessen ein Image haben, also die Krinzinger, die
St. Stephan, der Pakesch oder die Curtze viel wertvollere
Arbeit leisten, weil sie nur die Kunst zeigen, die sie wirklich
mögen. Über sie hat man eigentlich ein ideales Förderverhältnis.
Aber es ist doch auffallend, wieviele von den zumindest
halbwegs arrivierten Künstlern hier in den Status des beamteten
Kunstprofessors überwechseln, oder vielleicht sogar in ihn
flüchten oder flüchten müssen.
" ... Sehnsucht noch einer ‚Anstalt'..."
Na ja, z.B. in der Schweiz sind eigentlich alle Autodidakten,
aber es frappiert einen, daß in Amerika Kunst oft so nahe
an den Universitäten entstand. Es gibt kaum einen amerikanischen
Künstler, der seine Anfangszeit nicht als Unterrichtender
finanzierte. Der Ablehnung der Akademien bei uns, und ich
glaube Beuys war da sehr wichtig, nun wieder der Wunsch nach
ihrer Wiederaufwertung gegenüber. Es waren ja meistens sowieso
die Falschen als Professoren gewählt worden, aber jetzt kann
man doch sagen, daß die guten Künstler wieder an die Akademien
wollen. Auf der einen Seite ist das sicher absurd, aber andererseits,
wenn jemand das Bedürfnis hat, das was er weiß weiterzugehen
und er wird gewählt, dann ist das mehrheitlich seine Sache.
Und sicher hat ein solches verstärktes Interesse an den Akademien
mit der bereits besprochenen Sehnsucht nach einer "Anstalt"
zu tun, an der bestimmte Ansprüche höher geschraubt werden.
Es ist so der Wunsch eines Beitrages zu einer "Academia" oder
so und auch der nach dem Gesamtkunstwerk natürlich. Ja; ich
weiß schon wie das ist, dann ... weil das Künstlerleben verläuft
ja meistens ganz anders, als das Professorenleben. Ich meine,
es ist doch heute so, daß einer, wenn er ein bißchen gut ist,
schalt relativ jung sofort erkannt und hochgesteigert, wird,
hochgejubelt, irrsinnige Preise und dann natürlich mit der
Zeit verändert sich das eben wieder. Jetzt, wo wir die Bilderflut
haben, wissen wir ja nicht, ob nicht schon wieder irgendwo
ein Marcel (Duchamp) wachelt. Was früher der Selbstmord von
Van Gogh war, ist eben heute eine lange Durststrecke. Nicht
so vom Finanziellen her, sondern von der Anerkennung her.
Das ist das, was früher dann die Tragik war, der Graben. Und
in dieser Zeitspanne ist derjenige ja darin auch noch Professor
und hat vielleicht dann Ressentiments, weit er einmal verwöhnt
war und alles geigte. Dort sehe ich eine Gefahr, plötzlich
verhockt sich dann das, was einmal ein toller Elan gewesen
ist, und er ist ja dann auf Lebenszeit gewählt. Der Rhythmus,
die biorhythmische Kurve eines freien Künstlers ist eben wirklich
anders.
Geht es also nicht doch darum, andere Formen für die Akademien
zu finden und andere Formen ihrer personellen Besetzung?,
Ja, da gibt es viele Überlegungen, hauptsächlich eben diese
temporären Geschichten. Aber das ist ja immer das selbe. Dann
kommen diese Flugkosten oder Forderungen und Flugtickets und
bevor das erste Wort gesprochen ist, ist schon wieder ein
riesiges Stück Geld ausgegeben. Es ist eben nicht mehr so
einfach. Ich meine, wenn vielleicht jetzt die Reiserei ein
bißchen gestoppt wird und so, dann weckt das vielleicht automatisch
Bedürfnisse auf einer anderen Ebene. Aber im Moment oder noch
z Zeiten der Konzeptkünstler, da war immer noch der große
Traum des Meetings und der gewissermaßen freien Akademie.
Aber das muß man ja heute schon wieder organisieren, beantragen
und so und da gibt es dann auch berechtigte Zweifel, ob einer
darin mehr sagt, als man ohnehin schon weiß, daß er sagen
wird. Deshalb sage ich auch, das einzig wirklich gute Gegenargument
ist eben, wieder kontinuierlich zu arbeiten und diese Erleichterungen
der Wirtschaftswunderzeit noch zu benutzen, ohne in deren
Rhythmus zu verfallen,
Heißt das, dass die Kunst sich angesichts der heutigen
Problemstellungen sozusagen in ein Überdauerungsstadium
zurückziehen soll, daß man die Kunst ein bisschen zurücknimmt
und sich entwickeln läßt, aber eher an stillen Orten?
Ja, das muß wirklich jeder für sich entscheiden. Natürlich
ist Kunst ein wahnsinniges Vehikel, um zu überleben, auch
in der Erinnerung der anderen zu überleben. Und deshalb sag
ich ja, Ausstellungen machen, die nicht bleiben, ist eben
noch eine doppelte Herausforderung. Solange einer erzählt,
er hat damals die Ausstellung gesehen, ist es wunderbar. Dann
Ist es vorbei.
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Harald Szeemann
(geb. 1933),1961-69 Direktor der Kunsthalle Bern, die
er nach der Ausstellung "When Attitudes Became Form"
verließ, Gründung der "Agentur für geistige Gastarbeit"
(freischaffender Ausstellungsmacher), 1972 Generalsekretär
der documenta 5, Entwicklung des Konzeptes des "Visionären
Museums der Obsessionen", in diesem Rahmen folgen dann
drei große Wanderausstellungen, "Junggesellenmaschinen"
(1977), "Monte Verita" (1979) und nun "Der Hang zum
Gesamtkunstwerk" (10. 9. - 13. 11. 1983 im 20er-Haus
Wien). Für die documenta 8 (1987) ist er erneut als
Generalsekretär im Gespräch, wenn es Edi de Wilde (Stedelijk
Museum, Amsterdam) bis Herbst nicht schafft, die von
der "Findungskommission" ausgewählten Kandidaten zu
einem Thema zu vereinen. Harald Szeemann: "Ich akzeptiere
diese Findungskommission nicht. Am liebsten würde ich
vom lieben Gott persönlich ernannt."
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