Der Weg von einer Bloch-Schülerin über den Journalismus
im Profil, über die Politiker-Beratung hin zur Intendantin
der Wiener Festwochen, das ist doch eine ziemlich zackige
Sache.
Zackig soll das sein?
Ja, so zick-zack.
Ich sehe da schon eine innere Logik drinnen. Der Utopiebegriff
bei Ernst Bloch, über den ich dissertiert, habe, hat doch
mit Wünschen zu tun, die stärker sind, als die Wirklichkeit
und damit, daß darauf bestanden wird, daß es solche Wünsche
gibt. Zunächst glaubt man, das Bestehende schon verändern
zu können, indem man es einfach beschreibt, indem man es denen
da oben hineinsagt. Dann merkt man immer stärker, daß das
Hineinsagen allein offenbar nicht allzuviel ändert und daß
man auch selbst etwas tun könnte, ohne sich darauf zu beschränken,
den anderen immer nur vorzuwerfen, wie schlecht sie alles
machen.
Dazu gehört aber doch auch, es für möglich zu halten, so
etwas mit dieser Partei, in dieser Partei zu tun.
Ja, dazu stehe ich auch. Für einen sozialdemokratischen Kulturpolitiker
muß es doch um den Anspruch gehen, nicht nur die Mehrheitskultur
zu vertreten - die sehr oft ja nur eine Kultur jener Minderheit
ist, die sie überhaupt wahrnimmt -, sondern zu lernen, über
den Rand der etablierten Gesellschaft hinauszuschauen. Gerade
darin liegt eine Bewährungsprobe dessen, was sozialistische
Kulturpolitik beinhaltet bzw. beinhalten sollte. Darin liegt
auch ein Veränderungsimpetus. Man muß sich immer wieder sagen:
Die Menschen, die zur Arbeit gehen, zumal in einer fortschreitenden
Industriegesellschaft, in der das Verhältnis zwischen Arbeit
und Freizeit immer komplizierter wird und sich die Fragen
der Kreativität anders stellen, die haben ein Anrecht auf
diese humanen Elemente der Kultur.
Nur, die "Kultur für jeden" impliziert doch irgendwie ein
einheitliches Bild des Kulturkonsumenten, übersieht die
Aufsplitterung in der Gesellschaft; auch die SPÖ ist ja
nicht eine Partei mit einheitlicher Kulturpolitik.
Es geht nicht darum, zu sagen, Hillmar Hoffmann mit seinem
Wort "Kultur für alle" hat sich geirrt, sondern darum, wie
es trotz der ganzen Schwierigkeiten gehen könnte, was an der
Subventionspolitik zu ändern ist, wie man vom Gießkannenprinzip
wegkommt. Während meiner früheren Tätigkeit im Kulturamt sind
in ständig Gruppen mit Ideen gekommen, für Veranstaltungen,
für Lesungen usw. Die Beamten dort haben dann gesagt, ja,
ein bißl Geld haben wir, nur hat es dann immer wieder nicht
gereicht, um das öffentlich wirksam zu plakatieren, um die
Medien rechtzeitig zu informieren, um den richtigen Spielort
zu kriegen. In New York zum Beispiel siehst Du überall die
Graffitis an den Wänden. Die machen die Leute dort völlig
unbezahlt, spontan und niemand würde ins Kulturamt kommen
und dafür eine Subvention verlangen. Bei uns in Wien ist es
entweder so, daß die Leute Subventionen für so etwas haben
wollen oder sie müssen mit polizeilichen Sanktionen rechnen,
wenn sie unsubventioniert aktiv werden. So könnte fälschlich
der Eindruck entstehen, Kunst ist nur, was entweder staatlich
gefördert wird oder polizeilich erlaubt ist. Also, ich glaube,
die Eigendynamik, den Eigensinn der Szene - die muß man einfach
ernster nehmen.
In der hiesigen Szene weiß man aber auch, daß ein gewisses
glattes Geschick erforderlich ist, um zu Subventionen zu
kommen und einer dann bald kein Künstler mehr, sondern ein
halber Bürokrat ist. Auf dar anderen Seite stehen private
oder staatliche "Mäzene", die zwar vielleicht Geld hergeben,
aber sonst nichts wollen. Gegenpositionen verschwimmen völlig,
wirkliche Herausforderungen fehlen. Diese quasi anonyme
Förderung trägt doch unheimlich viel zur ständig spürbaren
Lähmung bei.
Das könnte schon stimmen, nur frage ich mich, was im Falter
zu lesen wäre wenn jetzt irgendein Kulturpolitiker so mit
Künstlern umspringen würde, wie seinerzeit die kunstsinnigen
Fürsten á la Medici.
Im Negativen hat es aber in der SPÖ-Kulturpolitik genügend
Beispiele für Machtanmaßungen gegeben, die Grünzweig-Entscheidung
gegen den Preis an Hermann Nitsch, die ganzen Leherb-Förderungen,
die Staatskünstlerpartie der Hausner, Lehmden, Hundertwasser.
Das gab es, aber es hat sich inzwischen schon einiges verändert.
Was Ankäufe und Förderungen betrifft, herrscht inzwischen
eine ziemliche Transparenz, es gibt den jährlichen Kunstbericht,
wo jeder nachschauen kann. Es haben sich auch überall die
Politiker schon weitgehend aus den Gremien zurückgezogen und
lassen lieber Juroren entscheiden.
Nur Grünzweig hat dann doch gegen eine solche Jury entschieden.
Das ist wirklich ein Unglück gewesen, das muß ich einfach
sagen.
Bei Architekturwettbewerben z. B. ist es aber ganz genauso,
irgendwer bekommt den Preis, wer dann baut, wird politisch
entschieden. Und dann gibt es die Gremien, in denen Leute
sitzen, die ihre eigenen Filmprojekte begutachten und Förderungen
an sich selbst beschließen.
Das ist kein sozialdemokratisches Spezifikum, das gibt es
überhaupt. Leider!
Aber gerade von der Sozialdemokratie könnte man sich doch
einen militanteren Kampf dagegen erwarten ...
Es gibt in der Sozialdemokratie durchaus Menschen, und mit
vielen von ihnen arbeite ich zusammen, die längst kapiert
haben, dass man Kunst und Kultur nicht für die eigenen Zwecke
in Besitz nehmen kann.
Nur, Kunst, die etwas bewegt, weil sie weh tut, die ist
doch gerade in Österreich signifikant oft zuerst von eher
bürgerlichen Personen oder Grüppchen angenommen und gestützt
worden, früher, im steirischen herbst, über die Galerie
nächst St. Stephan ...
Das ist nicht wahr. Weil noch früher gab's z. B. im Jahr
1927... .
... Nein, bitte nicht, wir reden jetzt von der zweiten
Republik, von unseren Lebzeiten ...
Na, weil Ihr sagt früher. Trotzdem, da gab es den Wahlaufruf
des geistigen Wien für die Sozialdemokraten ...
... ja, von Kraus bis Austerlitz.
... Musil, Kelsen, Webern, sogar der Werfel war dabei. Das
gibt ja auch irgendwie zu denken.
Ja, ja. Aber damals hat der Polizeipräsident von Wien eben
Schober geheißen und nicht Holaubek oder Reidinger. So einfach
ist es ja mit den Gegenpositionen heute nicht mehr.
Aber gerade der verstorbene Ulrich Baumgartner, den ich sehr
verehre, hat als Vorgänger in der Festwochenintendanz doch
wirklich einiges auf die Beine gestellt und ermöglicht. Und
auch in den letzten Jahren ist einiges in. dieser Richtung
geschehen. Außerdem: Kunst muß wehtun - gut! Aber wem? Hoffentlich
nicht denen, die sie machen! Da sind andere Qualitäten im
Spiel: Freude an der Arbeit, auch Freude am Spektakel. Worum
geht es denn letztlich: um Kultur, die nicht nur konsumiert
wird, wo sich die Leute auch selber darstellen können - sich
selber finden in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit.
Gut da ist also der Zilk gekommen, als Kulturstadtrat,
und hat es möglich gemacht, daß viele Leute zu ihm vordringen,
ihre Anliegen bereden und daß einiges dann etwas schneller
passiert als sonst.
Das find ich schön, daß Ihr das sagt ...
Ich sage das zwar, sage aber zugleich, das allein ist noch
keine Qualität der Politik, da sich darin ja noch keine
Inhalte und Konzepte zeigen. Es ist höchstens signifikant
für die Zustände in Österreich, daß ein solcher Aktivismus
bereits für erfolgreiche Politik gehalten wird.
Was soll ein Kulturpolitiker machen? Er kann maximal die
Rahmenbedingungen für Menschen schaffen, die selber nicht
Kulturpolitiker sind. Er muß schauen, daß alles vorhanden
ist, damit Inhalte überhaupt einen Platz finden können.
Dennoch halte ich kulturpolitische Konzepte für möglich
und notwendig ...
... bleiben wir noch kurz bei Zilk. Wenn er einen neuen Burgtheaterdirektor
designiert, dessen Dogma oder Leitsatz heißt "Theaterarbeit
ist Oppositionsarbeit", dann kann er sich doch nur sagen,
das mache ich; den hole ich jetzt nach Wien. Weicher Art dann
die Oppositionsarbeit von Peymann sein wird oder sein soll,
das kann doch nicht der zuständige Politiker bestimmen. Das
muß er doch, wirklich dem Theatermann überlassen.
Peymann ist sicher ein positives Beispiel, ihm stehen aber
diese Lemuren aus der Theaterlandschaft gegenüber, dieses
ganze Fixpostensystem, die Einzementierung selbst bei den
Kleinbühnen. Wo bleiben die Überlegungen, in diese kulturellen
Prozesse Lebendigkeit hineinzubringen? Zum Beispiel durch
öffentliche Ausschreibung aller Posten, auch jenes des Festwochenintendanten.
Ich selbst habe die Ausschreibung weder gefürchtet noch gescheut,
nur ist es international einfach nicht üblich, so einen Posten
auszuschreiben. Außerdem habe ich diese Ernennung als Anerkennung
meiner bisherigen Arbeit gesehen und dadurch bin ich natürlich
Partei. Wichtig ist aber, daß dieser Vertrag fünf Jahre dauert,
daß es wieder einen alleinverantwortlichen Intendanten gibt
und daß man mich auch wieder kündigen kann.
Ich bin überzeugt, daß man mit Ausschreibungen und befristeten
Verträgen die Kulturszene enorm beleben könnte und sicherr
einige Emigrantenwellen aufgehalten worden wären. Diese
ganzen Lebenszeitpositionen töten ja unheimlich viel ab.
Man muß aber auch sehen, daß es inzwischen überall enorm
schwierig geworden den ist, etwa für große Theater noch Intendanten
zu finden. Ausschreibungen machen das noch schwerer, gewisse
Leute werden a priori abgeschreckt, sobald einer im Gespräch
ist, finden sich immer genügend Leute, die ihn zu verhindern
wissen.
Trotzdem muß man irgendwann einmal damit anfangen. Es ist
doch, gelinde gesagt, eine Katastrophe, sich damit abzufinden,
daß man schon zerstörerisch wirkt, wenn man mit einem öffentlichen
Thema an die Öffentlichkeit geht. Das darf doch eigentlich
nicht wahr sein in einer demokratischen Gesellschaft.
So ist es aber. Und was glaubt Ihr, wer sich aller melden
würde, wenn alle diese Positionen ausgeschrieben würden? Im
ORF war's einmal sogar ein Kapitän - ich glaub von der DDSG...
Aber das ist es ja gerade, das zeigt doch, wie kaputt das
Klima bereits ist, das Klima, in dem sich eigentlich niemand
mehr über das Groteske der üblichen Scheinausschreibungen
aufregt, wie zuletzt etwa bei der Bestellung von Kreuzer
oder Marboe.
Wenn immer wieder die Rede davon ist, daß die Szene belebter
wurde, stimmt das schon, aber auf eigenartige Weise. Es
ist mehr so ein Gefühl. Es gibt viele Lokale, aber wo ist
z. B. das Theater, das sich aus Wien entwickelt hat?
Vom Serapionstheater angefangen bis zur Gruppe 80 gibt es
einige ... aber ich werde Eurer subjektiven Meinung nicht
mein Geschmacksurteil entgegensetzen. Es ging um Transparenz
...
... und um Belebung, wie sie der Baumgartner erreicht
hat, indem er der Wiener Szene seine internationalen Entdeckungen
entgegengesetzt hat.
Da muß man unbedingt anknüpfen und schnell reagieren auf
das, was draußen passiert. Man muß alles hereinholen, was
uns unsere Maßstäbe überprüfen hilft und Dialoge ermöglicht.
Nur: Vor 15 Jahren war eine andere Zeit.
Das dürfen wir einfach nicht vergessen. Die vielen enttäuschten
Hoffnungen dürfen wir auch nicht vergessen. Ich meine nicht,
daß das deshalb alles falsch war, was man da gehofft hat.
Aber ich brauche nicht den Lyotard zu schildern, der, so hab'
ich ihn verstanden, sagt, nicht die Hoffnungen waren falsch,
sondern unsere Annäherungsversuche, sie in die Wirklichkeit
umzusetzen. Also sprich die modernen Erzählungen, wie er es
nennt, über eine gerechtere Gesellschaft oder über ein gleichwertigeres
Zusammenleben von Mann und Frau und all dieses. Diese Erzählungen
sind wahrscheinlich immer noch richtig, aber unsere Hoffnungen
wurden nicht eingelöst. Wir müssen versuchen, wie wir sie
vielleicht anders einlösen können.
Gut, wenn man Lyotard sagt, dann muß man auch sagen, warurn
die Versuche nicht den neuen Formen adäquat sind, die das
Wissen angenommen hat. Diese Formen des Wissens sind jetzt
öffentlichkeitsgeprägte, Öffentlichkeit unter Anführungszeichen,
fernsehgeprägte, mediengeprägte. Was tut da eine Festwochenintendantin?
Kann sie was dagegen tun oder wird sie mit dem Strom mitgespült?
Nein, denn nur tote Fische werden im Strom mitgespült, Nummer
eins, und da bin ich sehr optimistisch. Nummer zwei glaube
ich, daß man sehr wohl kleine Gegenlichter setzten kann.
Die nationale Identität, sagte Blecha kürzlich, muß im
ORF via Kultur definiert werden und der Bacher sagt, das
muß dem internationalen Schund entgegengestellt werden.
Ja, da bin ich dafür. Da kann ich jetzt nur antworten mit
dem Friedrich Heer, der in seinem Vorwort zum Buch vom Johnston,
Österreichs Kultur und Geistesgeschichte, sagt, daß das Österreich,
von dem die gebildeten Franzosen, Engländer, Italiener sprechen
und das Österreich, das heute hier Repräsentanten der Republik
im Auge haben und kennen und vor allem im Ausland vorstellen,
zwei völlig verschiedene Länder sind. Es wäre an der Zeit
und es ist an der Zeit, daß diese beiden Länder Beziehungen
miteinander aufnehmen, meinte Heer. Das eine ist also, man
muß und kann bei den Festwochen rascher reagieren auf alles,
was draußen passiert, als das die etablierten Institutionen
können. Und zweitens, man muß und kann länger planen für alles,
was unsere Identität, was unsere Selbstdarstellung, was die
Tradition im besten Sinn des Wortes betrifft.
Ein Vorwurf an Kulturpolitiker lautet: Man kauft Künstler
ein, um sie zu vereinnahmen.
Da fällt mir das Bloch-Zitat ein: Man setzt sich an die Spitze
einer Bewegung, um ihr die Spitze abzubrechen. Das werde ich
nicht tun, weil ich nicht die Aufgabe eines Kulturmanagers
darin sehe. Ich glaube, die Aufgabe ist besser beschrieben
von Jean Anouilh, der im "General Quixotte" glaub' ich von
jemand redet, der die eine Hälfte von Paris mit der anderen
Hälfte von Paris bekanntmacht.
Zum Thema Vereinnahmen: Nur ein tollwütig gewordener Kulturfunktionär
kann annehmen, daß es von ihm abhängt, ob die Kompositionen
komponiert werden oder die Stücke geschrieben oder die Bilder
gemalt werden, die in hundert Jahren noch interessant sind.
Das Wichtigste ist der Künstler.
Jetzt würde uns interessieren: welche Kunst mag Ursula
Pasterk?
Im Sinne des Lobbyismus? Ich glaube, es geht nicht um subjektive
Geschmacksurteile. Ich werde nicht Künstler deshalb allein
fördern, weil ich sie mag. Ich muß auch anderes ermöglichen,
soweit ich überhaupt etwas fördern kann. Es geht ja um öffentliche
Gelder, und man hat im doppelten Sinn eine Verantwortung.
Man schafft Gelegenheiten als Kulturpolitikerin. Aber wird
dann nicht alles noch verzahnter, verfilzter?
Wer arbeitet, macht Fehler, aber wäre es besser, ich lehne
mich zurück? Außerdem halte ich mich nicht für so verhabert,
das ist Nummer Eins. Dann halte ich mich für einen Menschen,
der die komische Eigenschaft hat, diskursiv vorzugehen. Ich
rede mit vielen Leuten, bilde mir dabei natürlich Meinungen,
glaube auch, daß sehr viele Gespräche immer wieder notwendig
werden.
Das Prinzip der Intendanz, daß einer eine Handschrift vorzeigt
und sich unentwegt dafür hauen lässt, dazu stehe ich auch.
Trotzdem ist es für mich kein Widerspruch, wenn ich sage,
Teamwork gehört da her. Aber eben nicht Lobbyismus.
Mir hängt die Jahrhundertwende schon zum Hals heraus, so
wichtig ich sie finde. Wie sieht das Jetzt aus, aktualisiert?
Es schadet uns gar nicht, wenn wir darüber nachdenken, was
zwischen 1848 und 1938 alles passiert ist, und das Klima seit
1945 war auch nicht dazu angetan, daß wir uns an alles erinnert
hätten. Ich stelle mir etwa neuartige Formen von Symposien
vor, während der Festwochen, wo nicht nur fürs Hirn, auch
fürs Herz etwas geboten wird, wo's nicht immer öd und fad
ist, es kann auch lustig sein, es kann eine Auseinandersetzung
sein. Ich erwähne nur das Beispiel "Literatur im März", wo
alle gesagt haben, sie glauben nicht, daß mehr als 60 Leute
kommen, wenn Herr X oder Frau Y vorlesen. Dann waren es 17000
in einer Woche.
Wenn uns die Intendantin nicht sagt, welche Künstler sie
mag, was mag sie an der Kunst?
(lacht) Ich glaube nicht mehr, daß es genügt, wenn wir uns
heute hinsetzen vor unseren Waldmüller, Grillparzer und ergriffen
sind, wir müssen uns mehr auseinandersetzen, ob das jetzt
die Friedensfrage, die Ökofrage ist, überall dort, wo ich
das Gefühl habe, daß man etwas weiterbringt von dieser Sehnsucht,
daß es besser wird.
Das Nutzlose und Unnütze an Kunst?
Jetzt muß ich leider wieder philosophisch werden. Die Kunst
ist für mich die Dialektik zwischen absolut Notwendigem und
absolut Überflüssigem. In diesem Spannungsfeld ist sie. Ich
möchte jetzt nicht kommen mit der Kunst als dem Überlebensmittel
und Überlebensmittel in beiden Betonungsformen: Insofern ist
sie das absolut Notwendige. Andererseits ist sie vor allem
in Zeiten wie diesen in Gefahr, zum absolut Überflüssigen
zu werden. Es steht nicht nur das Verhältnis von Freizeit
und Arbeit immer mehr in Frage, sondern die Form, wie wir
gesellschaftlich zusammenleben und daher wie Kunst produziert
wird schlechthin.
In dieser Dialektik steht der Kulturmanager.
Andererseits leben von dieser Dialektik auch Kunst und Künstler.
Man kann den Finger auf die wunde Stelle legen und sagen,
wenn wir uns nicht mehr Kunst und Kultur leisten, dann müssen
wir uns viel teurere Sozialsysteme leisten. Einsparungen im
Kulturbereich kommen ja selten Schulen oder Spitälern zugute
oder etwas anderem Vernünftigen, sondern meist irgendeinem
Blödsinn.
Sind die Festwochen gezwungen, mit dem Begriff Umwegrentabilität
zu operieren? Etwa wie die Salzburger Festspiele?
Gezwungen nicht. Aber ich halte es für legitim zu sagen,
Kultur ist ein Wirtschaftsfaktor. Wenn ich argumentieren muß,
die Theater darf man nicht zusperren, denn das sind in Wien
allein 15000 Arbeitsplätze, dann ist mir auch dieses Argument
recht, um zu verhindern, daß etwas zugesperrt wird.
Die Kulturpolitik ist bedroht von der Freizeitindustrie,
die mit riesigem Geldaufwand der Kunst Substanz entzieht.
Etwa so wie es die Werbung tut, alles wird ästhetisiert,
die schicken Dinge und schönen Sachen überwuchern alles
...
Die Gefahr sehe ich auch. Nur wär' es vermessen zu glauben,
die Wiener Festwochen könnten dagegen ihre Mannen oder auch
Frauen in Bewegung setzen. Man kann Widerstand leisten, dann
wird man weitersehen.
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Dr. Ursula Pasterk
geboren 1944 in Oberösterreich, Studium der Philosophie,
Psychologie, Pädagogik, Germanistik und Geschichte an
der Universität Wien, Dissertation über Ernst Bloch.
Ab 1970 im ORF (Sendungen im Bereich Wissenschaft, Familie
und Gesellschaft), seit 1972 prägende Mitarbeiterin
des "profil", seit 1979 kulturpolitische Beratung, Koordination
und Management für Kulturstadtrat Helmut Zilk. Mit ihm
1983 ins Unterrichtsministerium übersiedelt. Seit 23.
November 1984 Intendantin der Wiener Festwochen.
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