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In Wien und Leipzig z. B. ist 1922 in sechster Auflage ein
bei Hartleben verlegter und von Herold gedruckter "nützlicher
Führer für Fabrikanten" erschienen (Karl Maier:
"Die Ausbrüche, Sekte und Südweine nebst einem
Anhange, enthaltend die Bereitung der Strohweine, Rosinen-,
Hefe-, Malz-, Kunst-, Beeren- und Kernobstweine"), der
sich auf 182 Seiten den geläufigen Traditionen der Weinherstellung
widmet, jenen "Traditionen" also,die jetzt - wie
so ziemlich nach jedem Skandal - von allen beschworen werden,
die einem einreden wollen, es würde bald wieder Unverfälschtes
geben. Dabei ist schon vor Jahrzehnten publiziert worden,
daß es hauptsächlich um "Kommerzware"
geht, und darunter seien eben Weine zu verstehen, "die
zwar alle Anforderungen, die man an Wein stellt, besitzen,
aber sonst an irgendeinem Mangel oder Schönheitsfehler
leiden", denen eben nur die richtige Kellerbehandlung
fehle, "um sie zu einer für den Weltmarkt geeigneten
Ware zu machen". Und "merkwürdigerweise"
seien die Weinhändler mit ihren "höheren Kenntnissen
und Kapitalskräften" den Weinproduzenten in diesem
Punkte voraus. "Die Franzosen, welche durch ihre Weinreisenden
überall den Geschmack des weintrinkenden Publikums auf
das genaueste studieren lassen und alle Weine dem Geschmacke,
welcher in den betreffenden Gegenden der maßgebende
ist, entsprechend fassionieren, produzieren alle Gattungen,
die man überhaupt kennt" und diesem Vorbilde gelte
es nachzueifern. Echte Tokaier etwa gäbe es im Handel
praktisch nie, da er nur in einem sehr kleinen Gebiet wächst,
"welches zum Teile dem ehemaligen Kaiser von Österreich
und einigen anderen Besitzern gehört, welche einen Stolz
darein setzen, diesen herrlichen Wein ihr Eigentum zu nennen,
und um keinen Preis davon verkaufen". Daher ist es "selbstverständlich",
daß Fabrikanten, denen es gelingt, einige Sorten nachzuahmen,
"ihr Verfahren als tiefstes Geheimnis bewahren".
Und "seitdem die Traubenkrankheit die Weinpflanzungen
Madeiras fast gänzlich vernichtet hat, ist echter Madeira
nur mehr selten im Handel zu haben; jene Weine, welche unter
diesem Namen auf den Markt kommen, stammen meistens von den
Kanarischen Inseln her, sind aber zum noch größeren
Teile künstlich angefertigt."
Zwar nicht künstlich, dafür aber ohne Trauben,
ist der "in Österreich, Deutschland, Italien und
der Schweiz als Wein für die Arbeiter ausgegebene Haustrunk
(oder Vino piccolo)" hergestellt worden. Das Rezept:
500 Liter Wasser, 100 Kilo frischer Trester (Maische), 84
Kilo Rübenzucker und ggf. 1/2 Kilo kristallisierte Weinsäure.
"Nach den Gesetzen ist die Bezeichnung Wein für
dieses Getränk verboten".
Daß "Operationen" mit gewohnten Zutaten oft
fehlschlagen, "ist manchen chemischen Fabriken, welche
sich mit der Herstellung von Produkten für die Kellerwirtschaft
beschäftigen, wohl bekannt, und die Kenntnis derselben
verschafft ihnen eine Einnahmensquelle, welche ohne Übertreibung
oft mehrere tausend Prozent von dem ausgelegten Kapital beträgt".
Ihnen müsse man sich nicht unbedingt ausliefern, meint
der Autor, wenn man sich auf die sorgfäItige Anwendung
von ihm zusammengefasster Rezepte konzentriere. "Unbedingt
erforderlich" seien die "Urmaterialien": Weingeist,
Alkohol oder Spiritus ("nur vollkommen fuselfreie Ware");
Spiritus und Lagerbranntwein sind ausgezeichnet verwendbar,
"um gewissen imitierenden Weinen - solche, welche nicht
unter Anwendung von Trauben oder Rosinen bereitet werden -
den Charakter des echten Weines zu geben"), ferner Zucker,
Glyzerin ("jeder Wein enthält Glyzerin", "in
den meisten Staaten ist der Zusatz von Glyzerin aber verboten"),
Rosinen und für manche Sorten noch Honig. Als zusätzliche
Essenz-, Färbe- und Konservierungsmittel werden, neben
einigen erlaubten, überwiegend verbotene Stoffe angegeben,
von denen angenommen werden muß, daß der Gesetzgeber
wegen ihrer verbreiteten Verwendung einzuschreiten versucht
hat.
Einige Rezepte von Karl Maier: "Man kann Normalwein
durch Gärung auf zwei verschiedene Arten darstellen,
und zwar unter Zuhilfenahme von Wein (A) oder mit Hinweglassung
desselben (B)." Normalwein A: 1000 Liter Wein, 125 Kilo
Rosinen, 200 Kilo Zucker, 60 Liter 80%iger Weingeist. Nomalwein
B: 1000 Liter Wasser, 200 Kilo Rosinen, 350 Kilo Zucker, 100
Liter 80%iger Weingeist, 10-20 Kilo Glyzerin, 1 Kilo Weinsäure
("Nachdem in diesem Rezept auch Wasser und Glyzerin verwendet
wird, darf dieser Normalwein nicht mehr unter dem Titel Wein'
in was immer für einer Verbindung in den Handel gebracht
werden").
Ruster Ausbruch Nr.17: 100 Liter Normalwein, 5 Liter 80%iger
Weingeist, 0,2 Liter Holunderblütenessenz (4 Kilo Holunderblüten,
10 Liter 80%iger Weingeist), 0,05 Liter Macisessenz (140 dkg
Muskatblüte, 10 Liter 80%iger Weingeist), 0,05 Liter
Muskatnußessenz (140 dkg Muskatnüsse, 10 Liter
80%iger Weingeist), 10 Kilo Zucker, 1 Kilo Honig, 9,5 Kilo
Karamel.
Sève de Bourgogne (Burgunder): 90 Liter Rotwein, 10
Liter Normalwein, 11,5 Liter Burgunderkörper (Extrakt
aus 110 Liter Kirschensaft, 5,5 Liter Kinogummiessenz aus
dem eingetrockneten gerbsäurehaltigen Pflanzensaft des
Pterocarpus Marsurpium von der Malabar-Küste, 64 dkg
des pflanzlichen Gerbemittels Tannin, 0,5 Liter Himbeeressenz
aus 8 Kilo Himbeeren, 1 dkg Himbeeräther, 5 Liter 80%iger
Weingeist und 5 Liter Wasser, 4 Liter 80%iger Weingeist und
4 dkg Essigäther).
In den rein chemischen Wein setzte schon der Autor aus den
20er Jahren große Hoffnungen, denn der Chemie werde
es "einstens gelingen", alle Substanzen für
verschiedene Weinsorten herzustellen, ohne daß es möglich
sein werde, solche Weine als bloße "Fabrikate"
zu erkennen. Bis dahin bliebe nichts anderes übrig, als
jene "Kunstweine", "welche am häufigsten
bereitet werden", zu kultivieren, jene aus Stärke,
die aus Weizen oder Kartoffeln gewonnen wird.
Stärkewein (weiß): 1000 Liter Zuckerlösung,
1 Kilo Weinstein, 6 Kilo kristallisierte Weinsäure, 2
Kilo Preßhefe, 20-40 Liter 80%iger Weingeist, 2 Kilo
Karamel, 3-6 Kilo Glyzerin, 1-2 dkg Önanthäther.
Bei Stärkewein (rot) kann man sich das Karamel sparen,
dafür braucht man 1/2 Kilo Glyzerin und 1 dkg Önanthäther
mehr, sowie 2 Kilo Malvenblüten, 1,5 Kilo Tannin und
50 dkg Essigäther.
Nicht nur die in dieser Weise zusammengefaßten Grundlagen
einer fortschrittlichen Weinwirtschaft waren weitsichtig,
sondern auch die Definition dessen, was Wein ist: "eine
gelbliche oder grünliche (oder rote) Flüssigkeit
von angenehmen, spezifischem Geruch und säuerlich (-herbem)
Geschmack."
Nur sind halt beim Kommerzwein - und auch sonst - inzwischen
selbst Zutaten, wie Kirschensaft, Honig oder Malvenblüten
durch Surrogate ersetzt worden und öffentliche Fälschungsanleitungen
durch offizielle Schönfärberei.
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