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Der Biafra-Krieg und der Völkermord an den Ibo waren der
konkrete Anlaß, um das damals angewachsene Unbehagen über
die - auch in linken Kreisen - oft schematisierte Haltung
verfolgten Gruppen gegenüber, durch die Gründung der "Gesellschaft
für bedrohte Völker - BRD" (1970) in Aktivitätsmöglichkeiten
umzusetzen. Seither ist sie konsequent gegen drohende Genozide
aufgetreten, genauso aber gegen aggressive und schleichende
Formen des Ethnozids, der Vernichtung der kulturellen Identität.
Mit der Zeitschrift "pogrom" (und "Vierte Welt Aktuell") ist
kontinuierlich darauf hingearbeitet worden, die simple Beschäftigung
mit (National-) Staaten und Klassen um die Dimension unterdrückter
Minderheiten oder, wie im Fall Südafrika, Mehrheiten zu erweitern.
Tilman Zülch, der als Vertreter der bundesdeutschen Organisation
in Wien war, nennt als bisher Erreichtes die Mitwirkung an
der Roma- und Sinti-Emanzipation in der BRD (inzwischen 5
Unterstützungszentren, liberalere Handhabung der Gesetze,
breiteres Problembewußtsein) oder die Anerkennung von Minoritäten
als Flüchtlinge, selbst wenn sie entgegen der internationalen
Bedingung für die Anerkennung des Flüchtlingsstatus über Drittländer
kommen - so etwa für Kurden, Armenier, Assyrer, Yeziden, die
meist gar keine andere Chance haben. Es sei auch gelungen,
die deutsche Außenpolitik und die Hilfsorganisationen zu sensibilisieren,
z. B. für die Situation in Ost-Timor und West-Niugini oder
bezüglich der Umsiedlungspolitik in Nord-Äthiopien, die in
Wahrheit eine brutale Assimilationspolitik sei.
Die Notwendigkeit, die jahrelang von Miriam Wiegele betreute
Wiener Kontaktstelle zur deutschen Organisation nunmehr zu
einer eigenständigen Gesellschaft zu machen, ergibt sich für
die Politologin Charlotte Teuber schon aus der Praxis österreichischer
Asylpolitik. Ihr seit 1956 fortbestehender Ruf sei im Schwinden,
Österreich versteht sieh als Durchgangs- nicht aber als Aufnahmeland.
So werden im Lager Traiskirchen für Flüchtlinge aus Entwicklungsländern
nur Englisch-, nicht aber Deutschkurse abgehalten, damit sie
tunlichst in die klassischen Aufnahmeländer weitergehen. In
Traiskirchen leben Flüchtlinge oft jahrelang ohne die geringste
Möglichkeit, Grundlagen für eine Berufsausübung oder ein Studium
zu erwerben. Die österreichischen Medien schwimmen auf der
post- und neokolonialistischen Welle: "Die Presse'* verteidige
widerspruchslos die Apartheidpolitik als Verhinderung einer
Proletarisierung der dortigen Gesellschaft. Das herrschende
Klima zeige sich auch daran, daß es unmöglich war, einen einzigen
Asylanten zu bewegen, zur Pressekonferenz mitzukommen, weil
alle fürchteten, deswegen in ihrem Asylverfahren in Österreich
und mit Behörden der Heimatländer in Schwierigkeiten zu geraten.
Bis zum Gründungstag hat die Gesellschaft 52 Mitglieder
gewonnen, davon immerhin ca. 15 Vertreter bereits aktiver
Gruppen, die sich der Anliegen von Kurden, Assyrern und Sahaouris
annehmen, oder der in Uganda Verfolgten (Peter Jumba: "Unsere
Basis wird dadurch breiter, obwohl wir schon bisher alle politischen
Parteien über die mehreren hunderttausend Opfer des Obote-Terrors
informiert haben, ausgenommen die FPÖ, deren rassistische
Haltung uns bekannt ist; aber die Presse stellte sich taub.")
und der südsudanesischen Befreiungsbewegung gegen das arabisch-islamische
Numeiri-Regime. Die österreichisch-armenische Kulturvereinigung,
die sich um die Erhaltung einer armenischen Identität bemüht,
ist genauso Mitglied, wie der Arbeitskreis Indianer Nordamerikas
(AKIN). Der einzige in Österreich lebende Mapuche (indianische
Urbevölkerung Chiles) war anwesend. Martin Kaneko berichtete
über die Burakumin-Bewegung in Japan, von der bisher kaum
etwas bekannt geworden ist. Sie setzt sich aus Angehörigen
traditionell verachteter Berufe zusammen, die weiterhin in
geschlossenen Wohnvierteln leben, ohne sich äußerlich in irgendeiner
Weise von anderen Japanern zu unterscheiden. Dennoch haben
sie neuerdings verstärkt unter einer Diskriminierung zu leiden,
die so weit geht, daß große Konzerne ihre Adressen ausforschen
lassen, um sicher zu gehen, daß keiner bei ihnen beschäftigt
wird. Afghanische Interessen werden vom "Österreichischen
Hilfskomitee für Afghanistan" (Flüchtlingshilfe in Pakistan)
und vom "Sozialistischen Afghanistan-Komitee" (lnformationsarbeit)
vertreten. In Österreich wird es in erster Linie um Roma-,
Slowenen- und Kroatenprobleme geben. Als nächster Schritt
sollen in der Schweiz und in Italien Länderorganisationen
geschaffen werden.
Weder in der BRD noch hierzulande will die Gesellschaft
staatliche Subventionen bekommen, damit die Unabhängigkeit
gewahrt bleibt. Sie ist daher auf Mitgliedsbeiträge und Spenden
und freiwillige Mitarbeit angewiesen (GfbV - 1170 Wien, Jörgerstraße
28, Journaldienst Mo-Mi 9 - 13, Do 14 - 17.30. PSK 7238-909)
Daß allein im "Handbuch der westeuropäischen Regionalbewegungen"
(Hrsg. Jochen Blaschke, Syndikat, 1980) 44 vom Ethnozid bedrohte
Minoritäten erfaßt sind, dokumentiert, daß es sich bei den
Diskriminierungsmechanismen keineswegs primär um "fernliegende",
periphere politische Fragestellungen handelt und es zeigt
auch, wie schwer es solche Gruppen haben, sich international
Gehör zu verschaffen.
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