Steiner: Was uns ‚Hinterbliebene' immer interessiert: Warum
weg aus Wien, warum solange New York, warum nicht zurück.
warum nicht woanders hin?
Abraham: Das ist einfach zu beantworten. Ich fühlte mich
plötzlich eingeengt, es gab da so einen Stillstand. Mein Studienkollege
und zeitweiliger Arbeitspartner Friedrich St. Florian, der
schon an der Rhode Island School of Design tätig war, hat
mich dann, 1964, für eine kleine Ausstellung und ein Seminar
eingeladen und dort hat man mir eben eine Professur angeboten
und so bin ich geblieben. Zuerst war ich ein paar Monate in
New York, dort habe ich Frederick Kiesler kennengelernt und
er hat mir sein Atelier zur Verfügung gestellt, weil er krank
war, und so habe ich zum ersten Mal diese Stadt erfahren.
Das war wie eine Erlösung. Und in den zwanzig Jahren seither
habe ich gelernt, wie der Abstand zur eigenen Kultur Sensibilitäten
hervorruft, z.B. in Bezug auf die Muttersprache, die man ohne
ihn nicht findet. Inzwischen hat sich New York wie jede andere
internationale Stadt auch dem Innentourismus geopfert . Die
Leute verlieren ihr Gesicht, die Stadt wird anonym. Da bleibt
man eben mehr zu Hause. Jedenfalls, ich kann nirgendwo so
gut arbeiten wie dort. Ich bin ja auch Österreicher geblieben
und meine Arbeiten sind ja nicht amerikanisch.
Reder: 1963 ist Dein Buch ‚Elementare Architektur' erschienen
(kurz nach Roland Rainers ‚Anonymes Bauen ini Burgenland'
und vor Rudofskys ‚Architecture without Architects') und
im selben Jahr ist mit Pichler das Gemeinschaftsprojekt
des Landhauses bei Oggau entstanden, während wiederum Pichler
und Hollein damals ihre wichtige Ausstellung ,Architektur'
gemacht haben. Läßt sich, ausgehend von damaligen Gemeinsamkeiten,
rückblickend Signifikantes zu den individuellen Entwicklungen
seither sagen?
Abraham: Ich will mich auf Prinzipien, nicht auf Personen
konzentrieren. Hollein war damals einflußreich, weil er gerade
aus Amerika gekommen ist und in unsere Abgeschlossenheit internationale
Gedanken gebracht hat. Damals überzeugte mich seine Position,
daß Design ein Feind der Architektur sei; und von der hat
er sich inzwischen wohl sehr deutlich gelöst. Mir hingegen
ist es sogar immer wichtiger geworden, Design wirklich bloß
als Werkzeug zu benutzen. Design ist Formgebung - indem man
Form manipuliert. An Form bin ich aber nur interessiert, wenn
sie aus einem Prozeß von Ereignissen zustandekommt, wenn sie
nicht bloße Erscheinung bleibt, Kunst bezieht ja Konflikte
ein, während Design, genauso wie Politik, Konflikte eliminieren
will, im Dienste einer Verwendbarkeit. Mit Pichler teile ich
weiterhin eine gemeinsame Sensibilität des Zeichnens, versuche
allerdings, mich nicht im Detail oder an dem, was ich kann,
zu ergötzen. Über so etwas denke ich, wie über Theorie, nicht
nach. Ich versuche Probleme zu lösen.
Steiner: Die Antworten sind sehr oft zeichnerische, nicht
gebaute Vorstellungen für ganz konkrete Aufgaben, an konkreten
Orten in Venedig, Paris, New York oder Berlin. Da steckt
doch ein Widerspruch drinnen.
Abraham: Nein. Es geht um Ideen. Die Idee ist dimensionslos
und vom Moment an, wo sie bildhaft - also dimensional - wird,
ist sie schon eine Lösung ist sie schon eine Übersetzung.
Die Zeichnung ist autonom, nicht eine Vorstufe . Das Blatt
Papier ist für mich der Ort und Architektur ist für mich Eingriff
in den Ort. Heidegger hat darauf hingewiesen. daß es eben
zwei Wurzeln von Design gibt: signum und seccare. Seccare
heißt einschneiden, pflügen. Und architektonisches Zeichnen
ist genau das. Ich bin mir in dem Sinn vollkommen bewusst,
welches Papier ich verwende. Wenn ich mit einer harten Mine
zeichne, dann ist da eben ein Schnitt. Man macht ein Tal in
den Ort. Wenn ich mit einer weichen Mine zeichne, dann baue
ich und mit Textur oder Farbtönen baue ich eine Landschaft
auf. Für einen konkreten Bau allerdings, wie jetzt in Berlin,
zeichne ich fast nichts, da konzentriere ich> mich auf Modelle.
Reder: In Wien zeichnen sich - um bei diesem wichtigen
Wort zu bleiben - enorme städtebauliche Möglichkeiten ab,
die Donauverbauung, die Gürtelfrage, der Messepalast; und
die guten Leute werden sogar langsam in deren Nähe gelassen.
Darin könnte man ja Hoffnungsschimmer sehen, vor der nächsten
Ratlosigkeitsphase.
Abraham: Für eine kollektive Erneuerung sehe ich derzeit
keinerlei Anzeichen. Alles ist in Händen von Technokraten,
von Politikern wie seit jeher. Es gibt einfach nur sehr wenig
wirklich architektonische Eingriffe. In Manhattan zählen für
mich nur das Guggenheim-Museum und das Seagram-Building dazu;
alles andere, einschließlich Chrysler- oder Empire State-Building
ist für mich Indigenous Architecture ...
Reder: ... Gewohnheitsarchitektur?
Abraham:Ja, so könnte man das Übersetzen. Und zum Thema Hoffnung;
sie ist ein untrennbar mit Verzweiflung verknüpftes philosophisches
Problem, das in dieser Dualität die Menschheit von Beginn
an begleitet. Wichtig wäre, daß jeder Einzelne ehrlich die
Grenzen und Möglichkeiten der Sprache, die er spricht, erforscht.
Und schon weil das nicht stattfindet, geht Städtebau mit Masterplan-Mentalität
einfach nicht. Das ist völlig unmöglich. Aber man kann fragmentarisch
bauen. Jedes Fragment hat seine eigene Ausstrahlung.
Steiner: Als Chance auf echte Überraschungen.
Abraham: Ich verachte Idealprogramme. Die Verhallensweisen
des Menschen sind unbeschränkt. Für seine Bewegungsmöglichkeiten
gibt es wohl Grenzen, aber auch die sind unbestimmt. Schon
gar nicht gibt es optimale Verhaltensweisen, das wäre faschistisch.
Programme, die man jetzt für Architektur formuliert, müßten
also genauso poetisch sein, wie Architektur poetisch sein
müßte. Ein Gedicht kann ein Programm sein.
Steiner: Dennoch, der Mensch als Bestandteil von Architektur?
Abraham: Ja, aber nicht passiv, nebensächlich. Sondern so
wie in einem weißen Dorf in Griechenland, wenn eine schwarzgekleidete
Frau vorbeigeht, dann ist das ein Ereignis. Genauso, wie wenn
eine Person über den leeren Markusplatz geht. Oder sehen wir
uns eine Violine an, als wunderschönes Objekt. Wenn man nicht
weiß, wofür es ist, dann dominiert seine Ästhetik. Jeder Musiker
aber würde sofort Töne spüren, die man mit diesem Instrument
spielen kann. Da gibt es unendlich viele.
Reder: Die Sprache der Moderne in der Architektur kommt
da nur in den allerseltensten Fällen mit.
Abraham: Es kommt da - auch bei mir - zum Zusammenprall der
Idealsprache des Geometrischen mit der begrenzten Sprache
des Physiologischen. Peter Kubelka hat mich schon früh auf
Ernst Mach aufmerksam gemacht, auf die ‚Analyse der Empfindungen',
auf ‚Erkenntnis. und Irrtum', was mich sehr stark beeinflusst
hat. Im Artikel über Geometrie und Raum sagt er eben, daß
architektonischer Raum nur verständlich wird, wenn man ihn
als Polarität zwischen einem unendlichen geometrischen und
einem begrenzten physiologischen Raum versteht. Für mich hat
Geometrie selber keine Erinnerung. Ein Würfel bleibt immer
ein Würfel. Nur wenn er dann ein Steinwürfel wird oder ein
Stahlwürfel, so fängt es an, dann wird er Wirklichkeit. Wenn
man ihn sich hohl und geschlossen vorstellt, schwarz, fast
biblisch, wie die noch dunkle Welt, da könnte man wirklich
ein Loch in den Würfel machen und würde das Fenster wieder
erfinden. Aber ein Fenster nur für das Licht. Und ein anderes
Loch könnte das Fenster für das Auge sein und ein weiteres
die Öffnung für den Körper.
Reder: ‚Elementare Architektur' also, wie sie von Dir schon
seinerzeit in Wien gefordert worden ist?
Abraham: Mein Buch über die anonymen Holzbauten ist ja interessanter
Weise parallel zu meinen ersten sogenannten visionären Projekten
entstanden. Später ist es mir dann wie eine ‚Blut und Boden'-Geschichte
vorgekommen, bis mir bewußt wurde, daß es sehr wohl architektonische
Wurzeln behandelt, die in der sogenannten zeitgenössischen
Architektur verlorengegangen sind, obwohl sie ein entscheidendes
Element der Moderne sind, die ja anfangs nicht nur Vergangenes,
sondern die jeweilige Sprache selber in Frage gestellt hat.
Die Reduktion eines Mies van der Rolle, eines Malewitsch,
eines Webern waren ja Fragestellungen, wie weit man Sprache
zum Nichts, zum Nullpunkt führen kann - und auch jetzt müßte
man, um zu erneuern, zum Nullpunkt zurückkehren. Darum hat
die Moderne für mich noch gar nicht angefangen. Diese sogenannte
postmoderne Phase hat etwas Lächerliches, weil da künstlich
ein Entwicklungsschritt kreiert wird, ohne daß man bedenkt,
daß sich die Moderne aus einem Zusammenbruch der sozialen
Systeme, der Revolution, der Technik heraus formiert hat,
also aus einem Klima, in dem die Reduktion zur Notwendigkeit
wurde. Mies ist ja auch der einzig moderne Architekt, der
die Griechen verstanden hat, der gesehen hat, daß ihr zweitausendjähriger
Einfluß auf uns von der Reduktion herkommt, vom Prototyp des
Tempels etwa, wo im kleinsten Element die Gesamtstruktur des
Bauwerkes enthalten ist.
Steiner: An der amerikanischen Architektur sehen wir doch
sehr signifikant, daß davon keine Rede mehr ist, daß es
bloß noch um Wahrnehmung geht und um eine Indienstnahme
der Architektur für den Markt, für die großen Gesellschaften,
für die Politik.
Abraham: Wahrnehmung ist Illusion. Ihr muß die Authentizität
des Künstlers entgegenstehen, der als einziger die Macht hat,
authentisch zu sein. Maurice Blanchot, der einzige französische
Literat, der mich derzeit als Philosoph und Theoretiker interessiert
und der völlig zurückgezogen lebt, untersucht die angesprochene
Reduzierbarkeit zu einem Nullpunkt sehr genau. Es gibt für
ihn nur einen Punkt, den wir alle erreichen wollen, der aber
nie erreichbar ist. Das ist eine Sehnsucht, das Kreative eben,
und die muß man haben. In der amerikanischen Situation hingegen
ist, wenn wir von Architektur reden, alles total manipuliert
und zwar von einem Mann, von Philip Johnson, dessen Nazi-Vergangenheit
in Berlin ja kein Geheimnis ist und der schon seit damals
die Postmoderne konsequent vorbereitet hat. In seinem Buch
‚International Style' (1932) ist die Moderne, die ja Stile
eliminiert hatte, das erste Mal verraten worden, um das Postmoderne
zu rechtfertigen. Dem muß man George Kublers ‚Shape of Time'
(das deutsch ‚Umriß - nicht Formen - der Zeit' heißen sollte)
gegenüberstellen, das für mich wesentlichste historische Buch
der letzten Jahrzehnte, eine Kritik von Geschichte, in der
es z. B. über den Stil heißt, er sei wie ein Regenbogen, der
verschwindet, wenn man glaubt, ihm nahegekommen zu sein.
Reder: Die Manipulationssysteme bezüglich Architektur und
Kritik werden hierzulande auf provinzieller Ebene schlicht
kopiert. Wieso kann das eigentlich so primitiv funktionieren?
Abraham: Jede politische Bewegung ist letztenendes primitiv,
weil sie philosophische Grundsätze verneinen muß. Der Populismus
der Postmoderne ist signifikant fürs amerikanische Leben und
genauso. für faschistische Tendenzen. Selbst Venturi ist ganz
planmäßig mißverstanden worden.
Steiner: Und jetzt muß sein enger Kontakt zu Louis Khan
für Rettungsversuche herhalten.
Abraham: Es geht ihnen langsam die Luft aus. Khan schätze
ich übrigens mit Mies am höchsten ein, weil sie beide den
Mut hatten, wirklich zu reduzieren, während Wright oder Corbusier
doch immer eher ihre Genialität ausgespielt haben. So wie
Wittgenstein gesagt hat ‚Logic takes care of itself' hat Lou
Khan gesagt ‚don't worry about architecture, architecture
takes care of itself'; man muß also nur so klar als möglich
formulieren. Dennoch: Politik will ja Versöhnung, will ein
System das läuft, will also Kunst eliminieren. In Amerika
ist das jetzt gelungen durch Geld. In der triumphalen Phase
des Kapitalismus ist Kunst eliminiert und zwar in der raffiniertesten
Form, weil man die Gegner nicht mehr kennt. Da waren die Bücherverbrennungen
ja noch ein klarer Akt der Gegnerschaft. Das Furchtbare jetzt
ist, daß es keine Kritik mehr gibt . Alles wird unkritisch
hingenommen, man wird gelobt, erwähnt oder ausgelassen, ganz
nach dem Prinzip der Diplomatie.
Steiner: Kunst wird eliminiert und die Architektur kehrt
als politische Veranstaltung zurück?
Abraham: Ja.
Reder.' Wie kann da von Hochschulen aus eingegriffen werden,
nach Deinen Erfahrungen in Rhode Island und während der
letzten Jahre an der Cooper Union in New York? Die hiesigen
Positionen sind ja durchaus hochrangig besetzt, und dennoch
... .?
Abraham: Es gibt da schon sehr wichtige Unterschiede im System.
In Amerika haben wir längst nicht mehr diese starren Hierarchien,
bei den Lehrern gibt es bloß verschiedene akademische Grade
und beim Unterrichten sind alle gleichwertig. In Europa gibt
es kaum pädagogische Architekturschulen, es dominiert die
professionelle Ausrichtung. Da werden gleich professionelle
Aufgaben angegangen, bevor die Studenten zu denken lernen,
bevor es zu einer engagierten Auseinandersetzung über Grundsätzliches
kommt. Ich glaube in Amerika wird intensiver unterrichtet,
es gibt wunderbare Werkstätten, der Student wird in seiner
Entwicklung sehr vielfältig unterstützt. Das Klima ist offener,
Hochschulen sind Bastionen des Widerstandes und zugleich kontemplative
Orte, an denen Geduld geübt wird in einem sehr engen Kontakt
untereinander. Während hierzulande das System schon ziemlich
korrupt ist, mit seinen Hierarchien und nur selten auftauchenden
Professoren und irgendwelchen obskuren Assistenten, die die
tägliche Arbeit machen.
Reder: Eine konsequente Ausrichtung auf Projekte und Projektstudien,
die ja keineswegs zwingend banal professionalisierend ablaufen
müssen, würde doch eine derartige Konzentration der Kräfte
begünstigen, herausfordern?
Abraham: Intensität - auch der Unterstützung - beim Durchdenken
und Ausarbeiten von Ideen ist sicher das, um was es primär
gehen sollte ...
Steiner: ... und - allein zum Trotz? - um Architektur als
Kunst, um Kunst als Fragment?
Abraham: Die extremste Form von Kritik war immer die Kunst,
weil eben nur dort dieser Versuch möglich ist, den Nullpunkt
zu erreichen - nirgendwo anders.
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Raimund Abraham
geb. 1933 in Lienz, Architekturstudium an der TU Graz,
frühe Wohnbauten in Wien, Oberwart und Salzburg, gleichzeitig
entstehen die ersten visionären Projekte (in engem Kontakt
mit Walter Pichler, Haus Hollein, Friedrich St. Florian,
u. a.), 1963 erscheint ‚Elementare Architektur'; 1964
Übersiedlung in die USA, zuerst als Professor an der Rhode
Island School of Design in Providence, nach 1970 in New
York mit eigenem Architektur- und Design-Studio und als
Professor an der Cooper Union. Zahlreiche Ausstellungen,
z. B. im Museum of Modern Art, New York, im Moderna Museet
Stockholm, auf den Triennalen in Mailand, den Architektur-Biennalen
in Venedig und im Juni '86 nach der einzigen bisherigen
Wiener Ausstellung (Galerie Kalb 1973) wieder in Wien
(Otto Wagner-Archiv). Nach vielen Projekten, Erfolgen
in internationalen Wettbewerben, temporären Installationen
und kleineren Bauten entsteht derzeit im Rahmen der Internationalen
Bauausstellung in Berlin wieder ein Wohngebäude. Der Schwerpunkt
der Arbeit liegt weiterhin in der Präzisierung künstlerisch-theoretischer
Positionen. |
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