Wenn ein Kärntner 1963/64 nach Zagreb gegangen ist. um
Malerei zu studieren, so war das doch ein ziemlich charakteristischer
Schritt?
Ungewöhnlich war es schon, ich war auch der einzige Ausländer
dort. Nach zwei Jahren an der Akademie am Schillerplatz -
wo ich später doch noch mein Diplom gemacht habe - bin ich
dort weg, weil ich mich mit Sergius Pauser total überworfen
hatte: außerdem habe ich mich damals sehr für Wand- und Freskomalerei
interessiert und dafür hat sich in Zagreb eine gute Möglichkeit
geboten. Ich habe kroatisch gelernt, etwas slowenisch hatte
ich vom Großvater, der aus Laibach stammt, vage mitbekommen.
Persönliche Verbindungen zu Jugoslawien gab es keine mehr,
aber eine gewisse Sehnsucht, ein Interesse für diese Gegenden
ist natürlich geblieben ...
... ganz im Gegensatz zu all den Äußerungen feindseliger
Dumpfheit, die in Kärnten so latent "kultiviert" werden.
Während meiner Schulzeit war die Minderheitenfrage eigentlich
kein Problem. Erst später hat sich das enorm zugespitzt. Heule
kann ich mich mit den Freunden von damals, die inzwischen
Ingenieure oder Diplomkaufleute in Klagenfurt sind, praktisch
nicht mehr verständigen. In der ersten Phase nach dem Krieg
ist das nicht so bemerkbar gewesen, weil die Nazis einfach
noch in ihren Löchern waren; sie haben sich damals noch gefürchtet
und daher geschwiegen.
Der Gegendruck ist paradoxerweise gerade in sozialdemokratischen
Zeiten schwächer geworden?
Die "Liberalisierung" hat die braunen Ratten wieder aus
den Löchern getrieben. Heute hörst du ja Sprüche, das ist
unvorstellbar. Meine Mutter sammelt mir Postwurfsendungen
des Kärntner Heimatdienstes; es ist kaum zu glauben, was sich
dort für Gedankengänge finden und wie dünn die Auflehnung
dagegen ist. Sogar 1969, bei meiner ersten Einzelausstellung
- in der Galerie Heide Hildebrand in Klagenfurt - war es vergleichsweise
noch "normal". 1985 habe ich in denselben Räumen wieder ausgestellt
und selbst von meinen Schulkollegen ist nur ein einziger zur
Eröffnung gekommen, bloß weil ich mit einem zweisprachigen
Plakat etwas getan hatte, das boykottiert gehört.
Es ist da ja insgesamt etwas ins Rutschen gekommen in
diesem Land, sozusagen durchaus im Sinn unserer oppositionellen
Debatten, die immer gegen die offiziellen Harmonisierungs-
und Verbergungsmechanismen gerichtet waren.
Sicher. Die Konsequenz der Waldheim-Geschichte ist doch,
daß sich viele Leute in einer Art und Weise deklariert haben,
die längst fällig war. Der Vorteil der Sache ist, daß man
jetzt besser Bescheid weiß. Wahnsinnig deprimierend ist es
trotzdem, auch weil es auf diese spezifisch österreichische
Art deprimierend ist und eben schon wieder überall gebügelt
wird.
Sogar die NS-Kunst wird rehabilitiert, damit dieser Bruch
an der Oberfläche unmerklicher wird.
Wenn die intimsten Mitwisser des Grauens, wie ein Arno Breker,
der das alles noch ausgeschmückt hat, jetzt wieder eine "achtbare"
Rolle zugewiesen erhalten, so ist das eigentlich kaum glaublich.
Um nocheinmal zu Biograpischem zu kommen, gab es entscheidende
Impulse jenseits austro-carinthischer Erfahrungen?
Meine drei Jahre in England, in der brutalen Athmosphäre
des Londoner East Ends, haben mich sozusagen politisiert und
verstärkt hat sich das dann anschließend in dem einen Jahr
in Südamerika. Es gibt da dieses Buch "Die offenen Adern Lateinamerikas"
(von Eduardo Galeano) und man kann das dort wirklich so sehen.
Man sieht, wie die Adern laufen, man versteht den Mechanismus
in einer sehr direkten Weise ...
...was dann in der Malerei einen ganz anderen Ausdruck
findet.
Ich sehe es einfach nicht als meine Aufgabe an, in meiner
Arbeit politische Kommentare zu verwerten, genauso, wie ich
mich verweigere, in ihr direkte Bemerkungen zu meiner eigenen
Person zu machen. Meine lange Reise durch Lateinamerika hat
mich eigentlich erst wirklich reif gemacht. Von da an, so
könnte man sagen, habe ich anfangen können zu malen, auch
weil ich nun wußte, dass es keine direkte politische Malerei
sein kann.
Fünf Jahre davor, als Mitglied der "Wirklichkeiten"- Gruppe,
die 1968 in derSezession ein beträchtliches Echo hatte (Kocherscheidt,
Martha Jungwirth, Pongratz, Ringel. Herzig, Zeppel-Sperl),
sind die Absichten noch diffuser gewesen?
Das war für uns alle eine wirklich literarische Zeit, wir
haben in unseren Bildern dauernd aus der Pop-Sphäre usw. zitiert
und das wurde ich langsam leid. Es war nicht meine Sache,
das darzustellen. Gleich nach dieser Ausstellung hat ja auch
jeder dieser Freundesgruppe ganz verschiedene Wege eingeschlagen.
Heute verstehen wir uns kaum noch, oder eben nur sehr oberflächlich.
Zu malen ist ja damals sowieso eine sehr einsame Sache
gewesen, weil Konzepte, Environment usw. angesagt waren.
Man war sicher so eine Art Fossil. Von jedem Arsch mußte
man sich sagen lassen, daß man falsch liegt, daß man auf dein
falschen Dampfer sitzt. Da war die Freundschaft mit Attersee
und Pichler wirklich sehr wichtig für mich, für mein Überleben
als Künstler, weil ich von ihnen immer respektiert wurde,
als jemand, der eine ordentliche Arbeit macht - obwohl uns
von der Arbeitsweise her vieles voneinander trennt. Bei Attersee
ist es die doch sehr literarische Form; als Maler habe ich
in ihm jedoch immer eine wichtige Parallelfigur gesehen. Bei
Pichler ist es das Räsonieren über den Tod, den Körper, die
Figur.
Daß letzteres bei Dir nicht erkennbar wird, ist angesichts
Deiner akuten Gefährdung nach Herzinfarkten und schweren
Operationen doch ein - durch Abwesenheit - sehr bestimmendes
Element.
Literarische Malerei ist mir, wie gesagt, immer unmöglicher
geworden und auch jede allzu intensive Beschäftigung mit dem
eigenen Körper. Als ich mit meinem dann selbst Schwierigkeiten
bekommen habe, hat sich das sogar noch verstärkt. Jedenfalls
wollte ich mehr und mehr alle meine Ästhetizismen hinter mir
lassen, auch den Pinselstrich als solchen, und das alles in
einer strengen Form überwinden. In einem solchen Prozeß werden
eben viele Dinge nebensächlich, die streicht man einfach heraus.
Ich fange oft mit einer gewissen Ornamentik an - sehr häufig
in schwarz-weiß - und mache sie immer mehr zu, überdecke ihre
Kompliziertheit, bis übrig ist, was übrig bleiben soll.
Konsequenz als Reduktion?
Ja, eben die möglichst essentielle Aussage in einer reinen
Sprache, die für sich steht, die eine radikale Übersetzung
ist, ohne noch Literarisches zu brauchen.
Wie hat sich dieser streckenweise sehr isolierte Kurs mit
der plötzlichen Inflation an "Neuer Malerei" vertragen?
Na ja, diese schwere Weile voll Malerei war eben ziemlich
plötzlich da; man hat sozusagen den Pinsel wieder entdeckt,
es gab ein breites Bedürfnis, wieder zu malen, die Ausstellungsmacher
haben das sehr gefördert und besser verkaufen aIs Konzeptkunst
konnte man die Sachen auch. Einer, der schon zwanzig Jahre
dran war, sieht sich da einem ganz schonen Punch ausgesetzt.
Andererseits hat er den großen Vorteil, daß er mit einer Gelassenheit
arbeiten und weiterarbeiten kann, während die Newcomer wegen
dieser unglaublichen Publizität unter einem wahnsinnigen Druck
stehen und ja sichtlich auch darunter leiden. Ich konnte mich
wenigstens noch langsam und bedächtig entwickeln und kann
daher heute das ziemlich ruhig mitansehen.
Sonderbar ist es aber doch, Kocherscheidt, der Vorläufer
und zugleich der Geheimtyp.
Der Umgang mit Museen usw. war immer das Letzte, was ich
mir vorstellen konnte. Ich mag das nicht und habe das auch
nie können. Am Leben erhalten haben mich zwei, drei Sammler
und jetzt habe ich einen Vertrag mit der Galerie Curtze. Dieses
relativ isolierte Dasein war eben der Preis, dass ich in gelassener
Weise konzentriert arbeiten konnte.
Spielt da die Wiener Durchhalteideologie mit herein?
Die hat natürlich was für sich, nur verfallen gerade "Durchhalter"
sehr leicht in eine Koketterie. Die gilt es zu vermeiden.
Mir war ja auch der hiesige Totenkult ein Anlaß, gerade das
nicht zu machen. Gegen das ganze Selbstmitleid und dieses
zur Illustration des eigenen Verfalls werden, wehre ich mich,
solange ich kann. Es geht doch nicht darum, irgendeine Linie,
einen Stil krampfhaft beizubehalten. Man muß immer noch soweit
offen sein, dass man merkt, was rundum und mit einem selbst
vorgeht.
Also wäre auch in dieser Hinsicht "Autonomie" ein Begriff,
mit dem sich solche latenten Spannungen und Bestrebungen
plausibel ausdrücken lassen?
Autonomie ist für mich ein extrem wichtiger Begriff. Nur
mußt du Autonomie eben immer neu formulieren und dabei den
Kopf drüber haben. Wenn ich den Künstler überhaupt definiere,
dann am ehesten als eine Person, die es sozusagen mit ihrem
Beruf verbindet, ständig die eigene Situation zu überdenken,
sie pausenlos zu analysieren, die pausenlos "zu bearbeiten".
Angesichts der Bedrohung ringsum ist man ja dauernd verführt,
alles aufzugeben, alles als sinnlos einzustufen. Man muß aber
- eben als Gegenkraft - konsequent dran bleiben an seiner
Sache, selbst wenn es morgen aus wäre. Die Frage nach der
Haltung ist schon sehr wichtig und sie erübrigt die nach dem
Aufgeben. Es gibt keine andere Möglichkeit für den Künstler.
AIso Kunst als individuelles Exempel für ein sonst nicht
durchhaltbares permanentes Sich-selbst-befragen, als Dokument
radikaler Skepsis, als Fragment von etwas Anderem?
Selten wir es eher Iapidar. Kunst ist eine tragische, schmerzliche
Angelegenheit, die sich bloß litt Rückblick so schön ausdehnt
und gut in die Landschaft paßt. Wenn man in ihr drinnen steckt,
muß man zu einem Punkt kommen, von dem aus der Blick über
die nächsten Stoppelfelder reicht, sonst kommt man unter die
Räder. Dennoch: Man erwartet von der Kunst zu viel. Man erwartet
von der Kunst die Lösung aller Dinge - und aller-letztlich
ist sie das sogar, weil sie Haltungen manifestiert, die bleiben.
Gleichzeitig hat es immer Figuren gegeben, den D'Annunzio
oder eben den Breker, die aufgehört haben, sich zu befragen
und in diesen Pool hineingesprugen sind, zu dem sie geladen
worden sind. Sehr viele sind gesprungen, viele haben sich
verweigert, sind in die Emigration gegangen. Nicht nur ein
Georges Grosz musste gehen, der dann im Exil untergegangen
ist, weil er kein Thema mehr hatte für deine Arbeit, sondern
auch ein Max Beckmann, ein eher unpolitischer Mensch, dessen
Kunst auf eine ganz andere Weise politisch geworden ist. Und
ein Picasso, der offensichtlich fast so etwas wie ein Kollaborateur
war, der bleibt auch. Nur, man ist immer wieder gefragt worden
- und wird es auch heute -, eine persönliche Position einzunehmen,
und die hat man dann gefälligst einzunehmen, und zwar mit
einer ganz besonderen Genauigkeit. Wenn wir uns hier dem Thema
"Kunst und Utopie" nähern, so ist es doch im Sozialistischen
Realismus oder auch im Nationalsozialismus ganz besonders
deutlich geworden, dass sich hier Dinge auf verschiedenen
Ebenen bewegen. Kunst bewegt sich parallel zur Gesellschaft,
eben nicht auf derselben Ebene wie sie.
Bei Deiner Bautätigkeit im Südburgenland, mit diversen
Zu- und Umbauten bei einem ganz gewöhnlichen Bauernhof,
allerdings inklusive einer Erdwärmeanlage, gibt es ja Analogien
zu Künstlerfreunden; sind das nicht zugleich konkret "utopische"
Aspekte, die sich da in der Schaffung einer gestalteten
"eigenen" Umgebung ausdrücken?
Selbst zu entwerfen und zu bauen macht mir einfach Freude,
mehr sehe ich darin eigentlich nicht. Der Zweck des ganzen
ist, zur Not dort einfach leben zu können und möglichst wenig
von anderen abhängig zu sein. So gesehen ist es natürlich
wiederum ein Streben nach Autonomie.
|
Kurt Kocherscheidt
geb. 1943 in Klagenfurt, Studium an der Akademie der bildenden
Künste in Wien und Zagreb; erste Ausstellung im Rahmen
der "Wirklichkeiten"-Gruppe in der Sezession (1968); Aufenthalt
in England (1972/73); mehrere Ausstellungen in der Galerie
Klewan, München, in der Galerie Curtze, Düsseldorf, in
der Galerie Onnasch, Berlin; Teilnahme an der "New Art"
in der Tate Gallery, London (1984), an der "Arte Austriaca"
in Bologna (1985).
Im Museum des 20. Jahrhunderts (Schweizergarten) wird
vom 21. November 86 bis 18. Jänner 87 eine Retrospektive
über die Arbeit der letzten Jahre gezeigt, die vom Kulturhaus
Graz, dem Rupertinum Salzburg, der Kunsthalle Karlsruhe
und dem Van Abbe Museum in Eindhoven übernommen wird.
|
|