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Besprechen wir zuerst die wichtigsten Etappen Ihres Lebensweges,
der doch sehr eng mit der politischen Entwicklung in Afghanistan
verknüpft ist, Über solche Biographien ist ja bei uns kaum
etwas bekannt.
Geboren bin ich in Kandahar und als Zehnjähriger kam ich
dann nach Kabul. Ich bin ein Hazara...
...also ein Angehöriger einer Minorität...
... ja, und in Kabul habe ich schließlich Literaturwissenschaft
studiert, war dann zwei Jahre im Unterrichtsministerium tätig
und bin anschließend mit einem Regierungsstipendium nach England
geschickt worden. Das war im Jahr 1951. Ich habe dort an meiner
Dissertation über die mongolische Invasion von Herat und den
Widerstand der lokalen Bevölkerung gearbeitet, und zwar an
der School of Oriental and African Studies. Nach meiner Rückkehr
war ich in Kabul bis 1972 Hochschullehrer an der Literaturwissenschaftlichen
Fakultät. Vorn damaligen Premierminister Musa Shafiq bin ich
dann aufgefordert worden, an der Universität Peking zu lehren.
Das war noch zu Maos Zeiten. 1974 kam ich nach Kabul zurück.
Im Jahr davor hatte Daud mit Unterstützung der derzeit herrschenden
KP-Fraktion der Partschami den König gestürzt und die Republik
ausgerufen. Man hat mich nicht mehr an die Universität zurückgelassen,
und zwar ohne jede Begründung. Für viereinhalb Jahre war ich
arbeitslos, durfte. nicht in meinem Beruf tätig sein. Dann
kam Tarakis Staatsstreich, die sogenannte "April-Revolution"
von 1978, und im Jahr darauf steckten sie mich ins Gefängnis.
Ich wurde schwer gefoltert, bekam Elektroschocks. Jetzt noch
spüre Ich die Folgen in meinen Beinen und friere selbst in
heißen Sommern. Sie haben mir zwei Lendenwirbel gebrochen,
sie haben mir die Zähne eingeschlagen und nach zwei Wochen
Terrorverhör und Schlafentzug in der Geheimdienstzentrale
haben sie mich ins berüchtigte Pul-i-Tscharchi Gefängnis in
den Block 2 gebracht. Dort war ich ohne Prozeß und Verurteilung
für zehneinhalb Monate. Die Situation war fürchterlich: nur
elendes, stinkendes Essen, nur schmutziges Wasser. Die meisten
Gefangenen waren krank. Während ich dort inhaftiert war, ist
Taraki von Amin getötet worden und der wiederum wurde bekanntlich
im Zuge des sowjetischen Einmarsches - der Babrak Karmal an
die Macht brachte - Ende 1979 umgebracht. In unserem Block
sind dann alle Gefangenen, darunter auch ich, freigelassen
worden.
Wie hat sich angesichts der Verfolgung vor, noch brutaler
jedoch nach 1978 Ihre eigene politische Einstellung entwickelt,
wie sehen Sie das jetzt, rückblickend?
Schon seit den 60er Jahren gab es an der Universitär Kabul
unter den Lehrern eine Gruppierung, die sich für eine offene
politische Diskussion einsetzte. Die Polizei ist aber stets
sehr brutal gegen jeden solchen Versuch vorgegangen, ist in
die Universität eingedrungen, hat wild geprügelt. Oft war
auf den Gängen überall Blut. Und so haben wir ein gegen die
damalige Regierung gerichtetes Komitee gegründet, unter dem
Namen "Shora", und die Aktivitäten so gut es ging fortgesetzt.
Ich war Präsident dieses Komitees und habe in dieser Funktion
auch unsere Aufrufe unterschrieben. Der damalige Premierminister
Nur Ahmad Etemadi hat uns übers Radio immer mit der Verhaftung
gedroht, weil wir einen Umsturz planen würden. Es war ein
schwieriger politischer Kampf unter ständigem Druck. Und dann
begannen auch noch die beiden Flügel der Kommunisten - die
Chalki ("Das Volk") und die Partschami ("Die Fahne") - mit
den Versuchen, unser Komitee zu unterwandern. Wir haben uns
jedoch immer strikt dagegen gewehrt, von irgendeiner organisierten
politischen Partei abhängig zu werden. Am ehesten könnte man
uns als eine intellektuelle Bürgerrechtsbewegung bezeichnen.
Es liegt aber doch auch recht nahe, diese damaligen, auf
Reform oder Revolution ausgerichteten Gruppierungen links
im traditionellen Spektrum einzuordnen.
Es hat auch rechte Gruppen gegeben, speziell Gulbuddin, der
jetzt zu den Fundamentalisten im Widerstand gehört. Das waren
Terrorgruppen, die ihre Gegner reihenweise umgebracht haben.
Wir hingegen verstanden uns als progressive Intellektuelle,
die für politische Freiheiten und gegen jede fremde Einmischung
in unsere nationalen Angelegenheiten aufgetreten sind. Die
Rechten und speziell die Ultrarechten haben so eine Person
wie mich natürlich immer einen Linken, einen Kommunisten geschimpft.
Als Folge der Sowjetintervention sind Sie und viele andere
vorerst einmal aus dem Gefängnis frei gekommen. Wie ging es
dann weiter?
Ich war sehr krank und geschwächt und mußte gleich ins Spital.
Im Jänner 1980 habe ich im Fernsehen gesprochen, und nicht
einmal enge Freunde erkannten mich gleich, so verändert war
ich. Den Journalisten habe ich damals öffentlich geantwortet,
daß ich bei keiner Partei bin und auch mit keiner sympathisiere.
Nach einer längeren Spitalsbehandlung wurde ich von den Partschami
an die Akademie der Wissenschaften in Kabul geschickt, einen
höheren Posten hatte ich abgelehnt. Ich bekam den Rang eines
Wissenschaftlichen Beraters und gehörte damit zur Leitung
dieser Institution. Ich mußte auch in die Einheitsgewerkschaft,
in die "Vaterländische Front" und in die Loya Djirga (die
eingesetzte Nationalversammlung); viel mehr als meinen Namen
haben sie allerdings nicht bekommen. Man wollte mich eben
als Reklamefigur verwenden, weil ich bei den Studenten und
auch sonst sehr beliebt wir. Nur deswegen habe ich einen gewissen
Schutz genossen. Sie konnten und wollten nicht schon wieder
brutal mit mir umgehen. Mißtraut haben sie mir jedoch ständig.
So mußte ich z.B. in einer Fernsehübertragung neben Babrak
Karmal sitzen und so tun, als ob ich dazugehörte, während
zwei meiner Töchter im Gefängnis saßen, weil sie auf ihrer
Flucht gefasst worden waren. Dieser ständige psychische Druck,
die Erpressung mit Sippenhaft, hat mich mehr verletzt als
die schweren Folterungen früher. Es war also klar, daß ich
fort mußte, sobald meine Frau und die fünf Kinder in Sicherheit
sind. Einem ebenfalls kurz inhaftierten Sohn und der ältesten
Tochter war es schon gelungen, unter schwierigsten Umständen
nach Pakistan zu fliehen. Die beiden anderen Töchter, damals
gerade 17, 18 Jahre alt, schafften es beim zweiten Mal. Sie
haben dann in den vom "Österreichischen Hilfskomitee für Afghanistan"betreuten
Lagern gearbeitet und sind schließlich mit dessen Hilfe nach
Österreich gekommen, um studieren zu können. Meine Frau und
der zweite Sohn sind seit letztem Jahr in Pakistan. Mir ging
es während der ganzen Zeit gesundheitlich sehr schlecht. Ich
konnte kaum noch gehen, nur mit Stöcken und unter großen Schmerzen,
alles noch Folgen meiner Zeit im Gefängnis. Die Diabetes wurde
immer schlimmer, ich stand unter ständiger Bewachung, aber
schließlich erklärte man sich bereit, mich für eine medizinische
Spezialbehandlung in ein sozialistisches Land ausreisen zu
lassen. Das tschechoslowakische Gesundheitsministerium lehnte
meine Aufnahme ab, weil es kein freies Bett gäbe. Ungarn akzeptierte
dann das Ansuchen, und ich war zweieinhalb Monate im Laszló-Krankenhaus
in Budapest. Während dieser Zeit ist mein Schwiegersohn, auch
Afghane, mehrmals aus Wien gekommen und wir haben besprochen,
wie ich nach Österreich gelangen könnte. Die Kontrollen durch
unsere Botschaft sind nachlässiger geworden, und am vorausgeplanten
Tag bin ich ohne jedes Gepäck zum Flughafen. Die Grenzbeamten
haben zwar ziemlich irritiert geschaut. Wegen des Diplomatenpasses,
den ich aufgrund meiner Funktion an der Akademie habe, ging
letztlich jedoch alles glatt und eine Stunde später war ich
in Wien.
Und wie waren die ersten Erfahrungen als hochrangiger politischer
Flüchtling: gab es Probleme mit den österreichischen Behörden?
Nicht so direkt. Mein Paß liegt jetzt seit Monaten bei der
Polizei, aber noch immer ohne Ergebnis. Es schaut so aus,
als ob da Intrigen und gezielte Desinformationen mitspielen.
Bekommen Sie irgendeine Unterstützung als Flüchtling?
Seit Mitte Jänner erhalte ich vom Sozialamt 3.000.- S. pro
Monat und die Sozialversicherung; aber befristet bis Ende
März.
Gehen wir noch genauer auf die Phase vor Ihrer Flucht im
Dezember 1985 ein. Sie ist ja ein vorläufiger Schlusspunkt
nach Jahren der Verfolgung als unabhängiger, sich nicht einordnender
Intellektueller.
Die Situation in Kabul stützt sich auf drei Pfeiler: Auf
Hauptworte, auf Zeitworte und bloß auf Worte. Das Zeitwort,
als aktivstes Element eines Satzes, sind die Russen. Das Hauptwort
sind die Partschami und alles andere sind nebensächliche Wörter.
Das gegenwärtige Regime ist also nur ein Schleier über den
aggressiven sowjetischen Absichten, über ihrem wirklichen
Gesicht. Alle wichtigen Entscheidungen liegen in den Händen
russischer Berater. Sie können machen was sie wollen. Der
Chad - die Geheimpolizei - wird völlig von ihnen kontrolliert.
Das Verteidigungsministerium ist total in ihrer Hand. Was
zu geschehen hat, muß immer von den sowjetischen Stellen erlaubt
werden. Allen Behörden sind spezielle Komitees beigeordnet,
die sie Basiskomitees der Partei nennen, und deren Vertreter
sitzen überall herum und beobachten, was vor sich geht und
was gesprochen wird. Und der Geheimdienst Chad ist überall.
Er hat ja auch mein Haus Tag und Nacht bewacht.
Ihre Situation muß also eine sehr gespaltene gewesen sein,
eingebunden in das System der Karmal-Anhänger, in die Gefahren
einer Kollaboration, in die Gefahren einer passiven oder aktiven
Widerstandshaltung.
Natürlich gibt es Karmal-Anhänger. Unsere Kreise haben die
aber nie unterstützt. Und die vielen anderen mussten ja ruhig
bleiben. Ein einziges Wort gegen die Regierung genügte, um
ins Gefängnis zu kommen. Und man weiß ja, wie viele Leute
in die Regierungsarmee gepresst worden sind. Man weiß aber
auch, dass sie reihenweise jede Gelegenheit nutzten, um zum
Widerstand überzulaufen. In der Praxis ist das jedoch keineswegs
eine einfache Sache. Da gibt es Ängste um Familienangehörige
und um das eigene Leben und so bleiben viele still, anscheinend
neutral. Es hat aber auch die Generäle gegeben, die alle wichtigen
Informationen sofort der Gegenseite, an die Mujahedin von
Masud im Pandschir-Tal weitergegeben haben. Inzwischen sind
jedoch die Mujahedin und die Gruppierungen in Pakistan längst
dicht von Geheimdienstagenten durchsetzt und jede solche Kooperation
ist daher lebensgefährlich. Allerdings haben auch die Mujahedin
schon ihre Leute im Chad, das weiß ich, das spürt man.
Ihr Bericht bestätigt, was sonst wenig Beachtung findet,
nämlich die seit Jahren andauernde Verfolgung und Ausrottung
der kritischen Intelligenz des Landes mit allen ihren noch
lange spürbar bleibenden Folgen. Diese Kräfte sind immer zwischen
die Fronten geraten, sei es zu Zeiten Dauds, Tarakis oder
Amins, sei es in den aufreibenden Kämpfen zwischen dem Chalki-
und dem Parchami-Flügel der Regierungsseite, sei es in den
Konflikten zwischen den Widerstandsgruppen unterschiedlichster
Ausrichtung. Es gibt ja keineswegs nur fundamentalistische,
reaktionäre Mujahedin. Wie sehen Sie heute die am Lehen gebliebenen
Kräfte, die eine künftige politische Entwicklung mittragen
könnten?
Unglücklicherweise haben sich ja gleich zu Beginn viele
Angehörige der Intelligenz ins Ausland abgesetzt, in die Bundesrepublik,
nach Frankreich, nach Amerika. Und es stimmt, sehr sehr viele
sind im Lande selbst getötet worden. Man muß aber auch sehen,
daß es nicht jedem möglich ist, in die Berge zu gehen und
Mujahedin zu werden. Viele halten das ja physisch gar nicht
aus. Und so ist die Lage eben sehr gespalten, zersplittert.
Alle sind geschwächt. Ich setze daher große Hoffnungen auf
die Afghanen im Ausland. Unter ihnen sind ja sehr viele hochqualifizierte
Leute. Für deklarierte Linke wird es fast unmöglich sein,
Volksvertreter an einen Tisch zu bringen, eine Volksregierung
zu bilden. Deshalb sehe ich in unabhängigen Leuten mit der
entsprechenden Kompetenz eine Chance.
Und Ihre Meinung zu den von Pakistan aus agierenden Exilparteien,
die unserer Beobachtung nach nicht gerade als konstruktive,
ein künftiges Afghanistan verkörpernde Kräfte angesehen werden
können?
Ich möchte mich jetzt nicht auf einzelne der dortigen Politiker
einlassen. Eines erscheint mir jedoch als sicher: Niemand,
der nach einem Abzug der Sowjets die politische Arena zu dominieren
versucht, wird das Volk für sich gewinnen können. Es ist zuviel
passiert, als daß es von irgendwem noch eine Rettung erwarten
würde. Ahmad Shah Masud, der nicht im Exil, sondern immer
im Land gekämpft hat, wird sicher eine große Rolle spielen,
aber auch nur, wenn er sich mit anderen Gruppierungen zusammenschließt.
Inzwischen sind ja Begriffe wie "Sozialismus" oder sogar
"Demokratie" verfemt, und mit ihnen revolutionäre oder aktiv
reformerische Strömungen, weil mit dieser Terminologie so
massiv Mißbrauch getrieben worden ist. Alle versprengten,
zwischen die Fronten geratenen Kräfte. die sich innerlich
weiter auf sie berufen, müssen sich hinter unverfänglichen
Begriffen verstecken. Wie kann unter diesen Umständen den
aggressiven reaktionären Bestrebungen etwas entgegengesetzt
werden, soferne sich die UdSSR zurückzieht?
Sicher. die Exilparteien in Peshawar werden in der Lage
sein, eine Zeitlang eine aktive Rolle in einer künftigen afghanischen
Politik zu spielen. Und das gesamte Spektrum linker Ideen
ist wegen der konkreten Erfahrungen äußerst unpopulär geworden.
99 Prozent oder mehr lehnen sie ab. Als gemeinsame Plattform
kann daher nur ein demokratisches. national unabhängiges Regierungssystem
dienen, das auf afghanische Traditionen aufgebaut ist.
Hauptfaktor afghanischer Traditionen ist der Islam.
Der Islam muß eine wichtige Rolle spielen, genauso wie die
anderen positiven historischen Traditionen. Es ist unmöglich,
dazu nein zu sagen. Nur die Situation religiösen Kampfes,
wie wir sie im Iran oder in Beirut haben, die wird es in Afghanistan
- so hoffe ich sehr - nicht geben. Wir haben einen anderen
kulturellen Hintergrund und wir haben die Erfahrung des jahrelangen
Krieges, die Erfahrung mit einer ausländischen Aggression.
Ich sehe keine andere Chance als eine demokratische Regierung
aus vielen Kräften.
Die ethnischen Konflikte untereinander und die Autonomiebestrebungen
gegenüber den Zentralstallen in Kabul sowie die Dominanz der
Pashtunen waren immer signifikante Momente afghanischer Politik.
Jetzt sind alle diese Gruppen schwer bewaffnet und es könnten
-nach einem Abzug der Sowjets - die alten Konflikte in einem
direkten Kampf untereinander ausgetragen werden, bevor sich
eine hinreichende Stabilisierung erreichen lässt?
Sicher, auch derartiges ist eine Realität. Es hängt eben
alles sehr davon ab, wie rasch es gelingt, eine adäquate Regierung
zu bilden, die ausgleichend wirken und die Erfahrung mit der
Unterdrückung für einen stärkeren Zusammenhalt nutzen kann.
Ich bin aber überzeugt, daß lokale Anführer, die sich gegen
eine neue unabhängige Regierung stellen, sehr rasch ihre Anhänger
verlieren würden. Die große Masse der so hart Betroffenen
will sich endlich wieder friedlich ihrer Alltagsarbeit und
dem Wiederaufbau widmen.
Die "Fortschrittlichen" westlicher Länder - seien es linke
Gruppen, Sozialdemokraten oder was immer - haben während der
ganzen Kriegsjahre (wenn auch eher schamhaft versteckt) immer
Schwierigkeiten gehabt, die sonst meist so schnell gefundene
Position zu beziehen. "Contras" zu unterstützen paßt nicht
ins Schema und die vielen, unter dem Druck der Fundamentalisten
stiller agierenden Widerstandsgruppen sind gleichsam übersehen
worden. Amerikanische Aktivitäten und CIA-Machinationen schienen
vieles klar zu machen. Unterdessen geht sogar die Vorstellung
davon verloren, wie ein künftiger Weg für ein extrem armes,
sozial kompliziert strukturiertes Agrarland wie Afghanistan
aussehen könnte. Ein langsames, die Traditionen nicht zu schroff
brüskierendes, vorsichtig reformistisches Vorgehen ohne Technologiegläubigkeit
- das ist es noch am ehesten, was die Diskussion manchmal
wieder zusammenführt. Aus dem internationalen Kräftespiel,
mit Weltmarkt, Weltbank usw., das so wenig Positives in diesen
Fragen bewirkt, kommt auch ein unabhängiges Afghanistan nicht
heraus.
Die politisch-ökonomischen Strukturen für die Wiederaufbauphase
lassen sich nicht im voraus formulieren. Der erste Schritt
muß eine demokratische Regierung sein. von der sich die Mehrheit
des Volkes vertreten fühlt. Sie ist dann verantwortlich für
die Maßnahmen und die Offenheit der Diskussion über Entwicklungsvarianten.
Selbst wenn alles langsam vorangeht. wird sie auf die Zustimmung
im Volk bauen können. Zuerst muß das alles jedoch endlich
wirklich greifbar werden.
Ginge Ihre Kompromissbereitschaft auf diesem Weg soweit,
dass sie sich eine Koalitionsregierung aus Vertretern der
jetzigen Machthaber - die, so die Gerüchte, bald nicht mehr
von Karmal, sondern vom Geheimdienstchef Nadjib angeführt
werden sollen -, Unabhängigen und Widerstandsrepräsentanten
vorstellen können?
Sofern sich die Russen zurückziehen, könnte das durchaus
ein erster Schritt sein. Eine solche Koalition kann jedoch
nicht lange halten. Freie Wahlen werden sofort zeigen, dass
der konzentrierte Haß des Volkes auf alle diese Agenten einer
ausländischen Macht die zentrale Erfahrung der Afghanen aus
diesem Krieg sind.
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Ali Mohammad Zahma;
geboren 1928 in Kandahar. Professor für Literatur und
afghanische Geschichte Lehrtätigkeit an der Universität
Kabul (1955-1972) und in Peking (1972-1974). l974-1978
Lehrverbot. 1979 eineinhalb Monate Mitglied der Akademie
der Wissenschaften, dann zehneinhalb Monate Gefängnis;
seit Mitte 1980 Mitglied der Leitung der Akademie der
Wissenschaften in Kabul, im September 1985 Flucht über
Ungarn nach Wien. Publikationen: 48 eigene wissenschaftliche
Arbeiten und Übersetzungen, deren Manuskripte in Kabul
zurückgelassen werden mußten; nur fünf davon konnten
bisher in Druck (in Farsi) erscheinen: "Literaturgeschichte
Afghanistans vom Beginn dem Islams ])im zur Invasion
der Mongolen", Kabul 1951; "Eine politische Geschichte
Zentralasiens". Kabul 1960; "Soziale und philosophische
Essays", Kabul 1962; "Die Qarakhitay und die Chorezmshah",
Kabul 1969; "Die Geschichte der Zivilisation", Teheran
1970.
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dazu:
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"Die Afghanen ernten die Folgen der Vernachlässigung"
Ali M. Zahma, Professor aus Kabul, über Zukunftsperspektiven.
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Standard, Wien, 24./25. November
2001
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|
von Gudrun Harrer
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