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Colonel Kurtz hat sich mit einer Privatarmee aus Deserteuren
und Bergstämmen ins Niemandsland jenseits der Do Long-Brücke
zurückgezogen; ein abtrünniger, von seinen Leuten vergötterter
Warlord. Mit dem Spiel der anderen kann er nichts mehr anfangen.
"Er ist ein Poet und ein Krieger", schwärmt der irre Reporter
(Dennis Hopper), dem es vor allen anderen gelungen ist, bis
zu ihm vorzudringen. Für die ehemaligen Chefs hingegen ist
er zum gefährlichen Symbol geworden, weil er sich ihrem System,
und ihrem Schutz, entzogen hat. Es heißt, er hätte den Verstand
verloren. Deswegen fährt Captain Willard flußaufwärts, im
geheimen Auftrag ihn zu töten. Eine stereotype Situation,
nur die Methoden und der getriebene Aufwand sind zeitgemäß.
Die beteiligten Pyrotechniker jedenfalls waren begeistert:
Noch nie habe es derartige Kampfinszenierungen und ein größeres
Budget für Spezialeffekte gegeben. Francis Ford Coppola selbst,
am Film bis zum Schluß zweifelnd und unter Druck der Millionenschulden,
die er sich zwecks unabhängiger Realisierung zugemutet hat,
war wenigstens mit den Drehorten auf den Philippinen zufrieden:
"Es gibt nicht mehr viele Stellen auf der Welt, wo man das
überhaupt machen könnte; in den USA würden sie es einem nie
erlauben. Die Umweltschützer würden einen umbringen. Aber
im Krieg ist so was völlig in Ordnung." Während des Aufenthalts
dort hat er die Bücher von Mishima gelesen, eines über Dschingis
Khan und immer wieder in "Herz der Finsternis" (wofür sich
Marlon Brando erst nach wiederholter Aufforderung interessierte).
Vom Elfenbeinjäger Kurtz, der von Brüssel aus in den Kongo
geschickt worden war, heißt es bei Joseph Conrad: "Er wäre
ein glänzender Führer einer extremen Partei gewesen" und "ganz
Europa hatte zur Erzeugung von Kurtz beigetragen". An amerikanischen
Universitäten wurde diese Kolonialstory wegen des Films vorübergehend
zum meistgelesenen Text. Das einzige optisch vorkommende Buch
ist übrigens "The Golden Bough", James George Frazers Studie
über Magie und Religion.
Thema der "Apokalypse" ist, abgesehen vom - ständig vorweggenommenen
- Weltuntergang und der Bestrafung der Schuldigen, auch die
Enthüllung, die Offenbarung; real geht es unter anderem um
den inzwischen überall präsenten Krieg ohne Fronten und um
das Auseinander- und Ineinanderfallen von Freund-Feind-Bildern.
Captain Willard: "Er wußte mehr über das, was ich tun würde,
als ich selbst", es war "der Dschungel, von dem er seine Befehle
erhielt". Colonel Kurtz: "Haben Sie jemals über wirkliche
Freiheiten nachgedacht, über Freiheiten von den Meinungen
anderer?" Sogar die exponierten Außenposten der US-Army sind
nicht mehr in feste Kommandostrukturen eingebunden: "Hier
gibt es keinen befehlshabenden Offizier." Das von der Zentrale
geschickte Patrouillenboot, auf dem der "christusartige" Willard
zum überwucherten Tempel des Colonel Kurtz gebracht wird,
hat den Codenamen "Street Gang". Banden kämpfen gegen Banden.
Als Form überleben sie eher als die Helden.2
Hans Magnus Enzensberger sieht das, mit späterem Blick, schließlich
durchaus ähnlich: "Vom heroischen Heiligenschein der Partisanen,
Rebellen und Guerilleros ist nichts übrig geblieben. (...)
Alle diese selbsternannten Befreiungsbewegungen, Volksbewegungen
und Fronten sind zu marodierenden Banden degeneriert, die
von ihren Gegenspielern kaum zu unterscheiden sind." 3 Die
Unterschiede zu zivilisierten Gegenden sind bloß noch graduell,
auch deren Bewohnbarkeit sei bereits gefährdet, weil "es beliebigen
Schlägerbanden freisteht, beliebige Personen auf offener Straße
zu überfallen oder ihre Wohnungen in Brand zu stecken".4
Irreguläre Gruppierungen nach ihrer - den Analytiker schon
wegen der Sinnlosigkeit faszinierenden - Gewaltbereitschaft
zu typisieren, entkoppelt das Phänomen allerdings von all
jenen informellen Formationen, die durch unauffälligeres Auftreten
oder ihre bloße Existenz weit größeren Schaden oder Nutzen
stiften können, innerhalb oder außerhalb offizieller Strukturen.
Daß ihr Druck auf Institutionen, Regeln und Kontrollmechanismen,
die zur Sicherung hinreichend zivilisierter Situationen eingerichtet
sind, in vielen Bereichen eher diskret behandelt wird, bestätigt
ununterbrochen, welchen unterschwelligen Gewalten eine argumentative
Kultur ausgesetzt ist. Separierung und Neofatalismus werden
auch durch Überforderung angeheizt. Die Delegation der "wichtigen
Fragen" an Politiker läßt sich nicht so ohne weiteres als
Entlastung empfinden, an Stammtischen nicht und schon gar
nicht in den "gutwilligen Kreisen" mit ihrem tagtäglichen
Engagiertsein. Das Dilemma, "über die eigenen Lebensentscheidungen
hinaus auch noch fürs Große Ganze zuständig zu sein", unter
dem Motto "Das geht alle an", dem "Schlüsselsatz des Betroffenheitskults"
(Cora Stephan),5 hat in der Boulevardisierung von "Bild" oder
"täglich Alles" seine erfolgreiche Entsprechung. Jeder weiß,
wie sich im privaten Untergrund, den diese Medien für sich
in Anspruch nehmen, vieles latent terroristisch - also mit
Bandenphantasien - artikuliert, durchaus unabhängig von der
sozialen Situation, eher einer Mitte als irgendwelchen Rändern
der Gesellschaft verpflichtet. Die Waren suchen ihre Kunden.
Andererseits ist offensichtlich, daß plausible Solidarbindungen,
parallel zum Individualisierungsschub und zur Akzeptanz globaler
Zusammenhänge, unerlebbarer und zufälliger geworden sind.
Das Mißtrauen in Therapien entwertet Diagnosen, obwohl "die
Kultur zivilisieren" (Bazon Brock) auch heißen müßte, "zu
lernen, mit solchen innerhalb einer Kultur unlösbaren Problemen
umzugehen, anstatt sie bloß den kulturellen Überzeugungen
und Verhaltensweisen der anderen, der Fremden, die nicht zu
unserer Kultur gehören, in die Schuhe zu schieben." 6
Dafür eingerichtete Institutionen enttäuschen begreiflicherweise
permanent; existierende Strukturen behandeln irritierende
Inhalte durchwegs so, wie es Religionsgemeinschaften tun.
Als Ersatz werden Selbsthilfegruppen attraktiv. Auch bei noch
so unterschiedlichen Interessen orientieren sie ihre Methoden
an im Wirtschaftsleben üblichem Verhalten, von der Corporate
Identity und der Logokultur über diverse sportlich-rituelle
Aspekte bis zu identitätsstärkenden Feindbildern, wie sie
jedem Managementtrainer geläufig sind. Projekt- und Teamarbeit,
als Chance zum sonst vermißten Nahverhältnis, als Gegenbild
zu unübersichtlichen Organisationen und Hierarchien, sind,
wie auch jedes übergreifende "Qualitätsmanagement", weitere
Analogien. "Weil das Team eine Gruppe ist und damit inhärent
paradoxer Natur" (Dirk Baecker), ist von Teams verantwortete
Produktion "Paradoxieauflösung unter der Bedingung, daß erst
das erstellte Produkt den Frieden bringt"; entscheidend sind
so erzielbare Beschleunigungs- und Konzentrationseffekte.7
Freiwillige oder offerierte Begeisterung für die jeweilige
Sache formiert sich zu Glaubwürdigkeit und Arbeitseifer, egal
um was es geht. Organisationen schmücken sich zwar gerne mit
Projektergebnissen, Firmen mit neuen Produkten, Forschungseinrichtungen
mit ihren Berichten, Museen mit Sonderausstellungen, gegen
eine weitergehende Projektorientierung der Arbeitsweise gibt
es aber überall programmierte Widerstände. Zwischen dem Dahinfließen
der normalen Vorgänge und konzentrierten Projekten, also zwischen
Alltagsordnung und Bandensituationen, bestehen latente Divergenzen.
Wenn die Dinge ins Stocken geraten, bekommen abgesonderte
Gruppenformationen einen höheren Stellenwert.
Gerade wo mehr erwartet wird als bloße Geschäftsmäßigkeit,
werden Anhänger und Vertraute zum wichtigen Faktor. Der archaische
Respekt für den Einzelkämpfer drängt die ihm zuarbeitenden
Helfer zwar immer in den Hintergrund, aber beide Seiten brauchen
einander. Animiert werden letztere, weil sie geschützt an
Macht und Prestige teilhaben und die Beteiligung an kühnen
Manövern oder schmutzigen Tricks heroische Gefühle freisetzt.
Daß Kunst immer wieder anders funktioniert, macht auch auf
dieser Ebene Neugier und Irritationen ihr gegenüber nachvollziehbar,
selbst wenn der exponierte Alleingang und die Faszination,
daß einzelne noch etwas zusammenbringen, wegen professioneller
Abhängigkeiten (Medien, Verlage, Museen, Galerien, Sammler,
Auftraggeber, Druckereien) zugleich etwas Fiktives an sich
haben. Weil im Normalfall das Durchsetzen, die Zauberformel
der Administrations- und Medienwelt, fast nie als isolierter
Kraftakt zu etwas führt, sondern komplexe Wirkungsmechanismen
benutzt werden müssen, braucht jeder Aktivist seinen Stab,
seine Mitspieler, um als multipliziertes Ego auftreten zu
können. Ob Ministerbüro, Wirtschaftslobby oder Mafiastruktur:
Erfolge hängen weitgehend von inoffiziellen Gruppierungen
und Koalitionen ab. Solche rivalisierenden Formationen bestimmen
das Geschehen; ob sie tatsächlich auf Gefühlen der Zusammengehörigkeit
basieren, spielt längst keine Rolle mehr.
Mit informeller Infiltration wird bewiesen, daß kaum etwas
normal, also ohne sie funktioniert. Weil für ein hinreichend
normales Funktionieren Formalismen zunehmend hinderlich wurden,
entstehen laufend neue, oft nur kurzlebige Symbiosen aus Form
und Formlosigkeit. Letztere wird als befreiend empfunden (mit
dem Eskalationsschema: Auge zudrücken, Interventionen, Filz,
Bestechung, Destruktion von Legalität), solange Bürokratie
und Regeln als störend und nicht als Sicherheiten fixierende,
provisorische Rahmen angesehen werden. Jeder Akteur ist von
dieser Schizophrenie gespalten, denn mit Standardanforderungen,
wie Qualifikation, Loyalität und Korrektheit lassen sich höchstens
subalterne Aufgaben adäquat erfüllen. Medial interessant ist
nur anderes. Speziell in aktivitätsfordernden Bereichen müssen
die Mechanismen für Verständigung, für Gegengeschäfte, für
Realisierungspakte einkalkuliert werden. Dafür sind Mittäter,
Anhänger, Paten erforderlich. Bei einem Gelingen werden die
unangenehmen Begleiterscheinungen durchwegs toleriert. Auf
verdeckt oder inoffiziell agierende Gruppen bezogen liefern
daher Begriffe wie Bandenbildung und Bandengesellschaft ein
Instrumentarium, mit dem Ähnlichkeiten und gesellschaftliche
Verhältnisse ohne vorschnelle Betonung kriminalistischer Aspekte
analysierbar werden.8
Banden sind zwar, außer in Jugendträumen und Männerphantasien,
normalerweise nirgends erwünscht, aber dennoch in verschiedenen
Ausprägungen überall präsent, wo sich institutionelle Schwächen
und Unschärfebereiche durch informelles Zusammenwirken ausnützen
lassen. Dadurch erreichbare Freiheitsgrade und Gestaltungsmöglichkeiten
sind Gegengewichte zum gewöhnlich unterstellten Manipulationsvorwurf.
Transparenz ist im allgemeinen viel zu unproduktiv, als daß
sie tatsächlich eine generell gültige Grundlage sein könnte.
Umso angegriffener oder verwahrloster Strukturen und Entscheidungsmechanismen
sind, desto plausibler ist es, mit Bandenbildung Defizite
auszugleichen und abgesonderte Kraftfelder entstehen zu lassen.
Gerade wenn ihre juristische und soziale Ächtung nicht zum
Hauptthema gemacht wird, weil die andere Dynamik, das eher
unauffällige Verfolgen bestimmter Interessen, viel relevanter
ist, zeigt sich, wie ähnlich bandenartige Aktivitätsmuster
in allen sozialen Schichten sind. Skinheads und VIP-Clubs,
Lobbies, Sekten, Seilschaften, Parteifraktionen, Greenpeace
und Amnesty, Artistic und Scientific Communities bieten Aktionsmöglichkeiten,
Ego-Bestärkung, Verbindungen, Resonanzräume, meistens als
Koalitionen auf Zeit, also wenigstens oft provisorisch, nicht
mehr allzu zwanghaft. Jeder Verein kann für ganz wo anders
wirksame Zusammenschlüsse die soziale Basis bilden. In solchen
real längst existierenden, aber analytisch eher wenig beachteten
künstlichen Großfamilien, manifestieren sich atavistische
Stammesphantasien genauso wie Abgrenzungsdünkel oder der sonst
vermisste Rückhalt für Zivilcourage. Insiderspiele sind unvermeidliche
Grundsituationen, die plötzlich in eine andere Qualität umschlagen
können, auch im Verhältnis zu Außenseitern. Der Einlaß in
Discos funktioniert nicht essentiell anders, als das Zugelassensein
an Stammtischen; man braucht nichteinmal zu wissen, wie einem
geschieht.
Diverse Kunst-Stereotypien spielen mit herein: vom Künstler,
der um Mafiasysteme nicht herumkommt, wenn er übrigbleiben
will, vom Künstler als einzigem, provokantem, subversivem
Außenstehenden oder eben vielseitigem Cultural Producer und
Projektarbeiter, Solisten und Bandenmitglied. Symbolik und
Erscheinungsformen bandenähnlicher Formationen und zugehöriger
Leader ergeben daher vielleicht Raster für schärfer werdende
Kulturkämpfe. "Jeder gegen Jeden"-Spiele funktionieren nur
mit Anhängern, bei Auseinandersetzungen um Kunstpositionen
ist es nicht anders; hilflose Schiedsrichter sind die durch
Passivität verwöhnten Medien und Institutionen. Klarheit herrscht
höchstens darüber, daß Mafiavorwürfe zur Zeit primär in Kollaboration
mit eher diffusen, (selbstge-) rechten Kulturschickerias erhoben
werden, die ihre eigene Existenz verleugnen und von zugehörigen
Gegenbildern leben. Viele der hochkommenden Metaphern sind
gefühlvoll-heroisch, einschließlich der zunehmend spartanischen
Töne. Hinter angeblicher Eleganz verbirgt sich das Barbarische
an solchen Verwechslungskomödien und Rückgriffen. An Extrempositionen
wird deutlich, wohin dieser Kampf für "Kultur" - nicht für
Kunst -, führen soll: zu ihrer Eingrenzung in "einen alles
beherrschenden, substantialisierten und geschlossenen Bereich,"
der - so Alain de Benoist in "Kulturrevolution von rechts"
- "als Befehls- und Ausgabestelle für die Werte und die Ideen
betrachtet wird".9 Für damit konfrontierte, dann für den Staat
immer noch nicht verfügbare Individuen, bekämen Bandenbildungen
so einen ganz anderen Stellenwert.
Die auf ziviler Ebene gegebenen Bandenaspekte können als
Grundformen aufgefaßt werden, die in kriegsähnlichen Situationen
als Übersteigerung des Normalen wirksam werden. Auch der Umkehrschluß
ergibt bekanntlich Sinn: Demnach bestünde ein latentes, nur
vorübergehend beruhigtes, eingefrorenes Potential für Bandenkriege,
also für irreguläre, privatisierte Konfliktzustände, die unerwartet
ausbrechen können, wie in Los Angeles, in Japan, in Ex-Jugoslawien,
im "bajuwarischen" Österreich. Nur gehen sogar unter Weglassung
von Verschwörungstheorien mit der Übertreibung, die von diversen
"Lebe-gefährlich-Ideologien", vom "Weltmodell Mafia" oder
schlicht von "Korruption - aus Freude am persönlichen Vorteil"
ihre Perspektiven beziehen, notwendige Abstufungen und Alternativen
verloren. Unterschätzt werden werden die neuen Qualitäten
an Dummheit und technoider Brutalität. Bezeichnend ist ferner,
daß sich nicht zivilisatorische, sondern eher "primitive"
Regelsysteme allgemein durchsetzen; selbst Fußballmannschaften
agieren weltweit nach den gleichen Vorschriften und liefern
trotzdem Überraschungen.
Abstrakter Hintergrund ist die Orientierung an möglichen
und unmöglichen Formen des Sich-Absonderns, die mit traditioneller
Exzentrik nicht allzuviel gemein haben müssen. Radikale Isolation
wäre die eine Formel: die Insel, das Schweigen, das Kloster,
der Eremit, das Exil, der Tod. Alltäglicher ist es, durch
Aversionen, durch äußere Kennzeichen, durch Verständigungscodes
und Zelebrieren von Kennerschaft auf Distanz zu gehen. Diesbezüglich
haben Ethnogruppen, Jugendbanden oder der klassische Dandy
zumindest im Demonstrieren von Autonomie einiges gemeinsam.
Korruptionskartelle, (Schwerpunkte: Waffen, Drogen; Bauwirtschaft,
Energie, Infrastruktur, Telekommunikation)10 könnten als Mutationen
davon aufgefasst werden. Autoritäre Charaktere, die sich nehmen
was sie brauchen, passen schon wegen der notwendigen Bewunderung
gut in solche Zusammenhänge.
Ob sich feinere Differenzierungen der Pathetik wieder beschworener
tieferer (oder höherer) Zusammengehörigkeiten überlegen erweisen,
also fiktive Rekonstruktionen von Gemeinschaften, die wie
eh und je Minderwertigkeitskomplexe oder Ausgrenzungen kompensieren
sollen, in zivile Strukturen übergehen können, umschreibt
eine der stattfindenden Polarisierungen. Multikulturelle Situationen,
denen auch weiter gefaßte Fremdheiten zugerechnet werden,
haben einen höheren sozialen Regulierungsbedarf als irgendwelche
sauberen, "bereinigten" Zustände. Auch deswegen erscheint,
zwischen perspektive- und sanktionsloser internationaler Ordnung
und immer kleiner werdenden, fragmentierten Gruppeninteressen,
der Staat mit seinem Gewaltmonopol wieder als weit geringeres
Übel. Gleichzeitig gibt es nirgends eine kritische Öffentlichkeit
und auch keine "geschlossene Arena der Normalität", für die
exponierte Auftritte oder sogar ein "gesellschaftlich auffälliges
Leben als Kunst" einen Zweck erfüllen würden; "eine Stadt
zerfällt heute in Haufendörfer von Außenseitern, die alle
auffällig werden, wenn sie an den Binnengrenzen ihrer Clans
unfreiwillig aufeinandertreffen" (Beat Wyss). 11
Auch wenn solche Ethno-Analogien nur die zugrundeliegende
Gleichförmigkeit kolorieren, stellen sie wenigstens Fragen
nach der Künstlichkeit von Individualität und nach künstlichen
Familien. Die daran anknüpfende "heute so beliebte Rede von
der Verdörflichung der Welt durch die weltweite infinite Beschleunigung
des Informationsverkehrs" macht allerdings - so Burghart Schmidt
- nur dann einen Sinn, wenn sie auf das gleichzeitige Ersetzen
von Gegenöffentlichkeit durch Teilöffentlichkeiten bezogen
wird: "In einem Dorf kann sich keine Gegenöffentlichkeit herauskristallisieren
... Was heute vielleicht noch für Gegenöffentlichkeit in Anspruch
genommen wird, gehört zum Sektentum ..." 12
Die weniger exponierten Teilöffentlichkeiten, denen aber
ebenfalls oft nur Bandenstrategien übrig bleiben, können davon
ausgehen, daß die Unterprivilegierten im großen und ganzen
ruhig gehalten werden, solange sie ihren Schutz nicht selber
organisieren müssen. Auch an den anderen Problemen wird gearbeitet.
Energiebündelungen aber ergeben sich am ehesten eruptiv, zufällig,
und das nicht nur, weil über Beeinflussungschancen und Handlungsfolgen
zuwenig bekannt ist. Zwischen Aufgabe oder radikaler Zurücknahme
jeder Utopie und einem von Personal-, Struktur- und Budgetschwächen
unterminierten "Handlungsbedarf" reduzieren sich Projekte
auf ein Abwarten des gerade Möglichen. Der offenbar auf allen
Ebene minimale offizielle Gestaltungsfreiraum bestärkt einen
diffus-apathischen Konsens und das Interesse an inoffiziellen
Impulsen, ohne dass Gewaltentrennung noch ein brisantes Thema
wäre. Selbst Kriegführende und Zivilbevölkerung auseinanderzuhalten,
hat sich als zivilisatorische Science fiction herausgestellt.
Kultiviert wird auch - angeblich vor allem in Österreich -
ein Sich-Wohlfühlen in der Rolle des Opfers mit diversen Tendenzen
zur Produktion von "Untergangskitsch" (Antonio Fian). 13
Eleanor Coppola, die ihren Mann bei seinem Opus Magnum mit
zunehmender Distanz beobachtet hat, berichtet von den Schlußphasen
lakonisch, daß er angesichts des ganzen Materials nicht mehr
wußte, "ob er ein Künstler ist oder ein Idiot". Druck gemacht
habe auch, daß ihm damals gemeinsam mit George Lucas und Steven
Spielberg die höchsten Einspielergebnisse aller Zeiten angerechnet
worden sind, aber ein paar Jahre früher das Trio der "heißesten
Regisseure" noch anders besetzt war: Coppola, Peter Bogdanovich,
Billy Friedkin. Die gelassenere Perspektive von Dennis Hopper,
mit der ihr eigenen Romantik, weg von der komplizierten Bande
und ihren unberechenbaren Partnern, zurück zum komplizierten
Individuum, ist ihr offenbar logisch vorgekommen: "Seiner
Ansicht nach sei das Filmemachen in der gleichen Entwicklungsphase
wie die bildende Kunst zur Zeit des Kathedralenbaus. Als die
großen Kathedralen Europas gebaut wurden, arbeiteten Steinmetze,
Ingenieure, Freskenmaler etc. gemeinsam und schufen durch
den Verbund ihrer Talente ein Werk. Im 19. Jahrhundert hatte
sich die Kunst zu dem Punkt hin entwickelt, wo die bedeutenderen
Werke der Zeit von einzelnen Künstlern geschaffen wurden,
die einsam an der Staffelei arbeiteten. Dennis vertrat die
Ansicht, daß das Filmemachen heute viele spezialisierte Talente
erfordert, während die wichtigen Filme in Zukunft vielleicht
von einer Person mit einer tragbaren Videoausrüstung gedreht
werden." 14
Daß sich die Dinge im großen und ganzen anders, ohne Belastung
für Hollywood-Systeme, entwickelt haben, ist eine Seite. Eine
andere wären die Veränderungen, die das Zusammenspiel der
Wenigen mit ihren Teams und den diversen Organisationen betreffen.
Wie sich künstlerische Projekte mit den stattfindenden Struktur-
und Verhaltensmodifikationen und Dauerkrisen vertragen, ergibt
sich aus der jeweiligen Konstellation. Bandenähnlich und egomanisch
muß vieles funktionieren, wenn Individuen unter Druck stehen
und einem die üblichen Abläufe keine andere Wahl lassen. Gleiches
mit Gleichm zu vergelten kann auch entlastend wirken, weil
einiges dafür spricht, "dass ich deine Arbeit gut finde, wenn
du das auch von meiner tust". Sogar wer auf solche Weise Bestärkung
erfährt, wird in Bandensituationen - einen Subtext der organisierten
Welt - hineingezogen. Aber selbst Nomaden folgen, solange
sie in ihrer Tradition bleiben, vorgezeichneten Wegen und
brauchen den Rückhalt in der Gruppe. Sie zu wechseln wird
einem überall schwer gemacht. Als Bandenmitglied diskriminieren
einen meist andere, die nicht genug wissen, also Vermutungen
brauchen.
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