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Banden, zivile, weniger zivile


Springer, Wien, Nr. 4/1995

Auch in jeder Do-it-yourself-Gesellschaft finden dort, wo es eigentlich nicht vorgesehen ist, vorübergehend Mittäter und Mitfühlende zueinander. Jedes Marketing versucht, Community-Gefühle zu dynamisieren, damit der sich herausbildende Zeichen-Mix Kaufkraft und Motivationen anzieht. Das zugehörige Bild: Konsumenten, die sich wie Bandenmitglieder verhalten, weil sie in gleichartiger Weise Obsessionen kultivieren. Es genügt auch, wenn sie bloss so tun, als ob. Daß ein Distanzhalten selbst bei weniger eindeutigen Interessenslagen zeitweilig in Nähe mündet, macht solche Vorgänge in erfreulichem oder unerfreulichem Sinn kompliziert. Trotzdem sind Ähnlichkeiten evident. Gruppen werden zu Banden, sobald sie etwas anstellen.

Gruppenzwänge vertragen sich gut mit der Standardklage über Vereinzelung, also den eher trostlosen Seiten von Individualität. Auch deswegen entstehen im Ungeregelten laufend neue, mehr oder minder hermetische Gruppierungen mit eigenen Vorschriften, mit uneinsichtigen Codes, mit Anführern und Anhängern, mit Mehrfach-Zugehörigkeiten. Selbst das Privileg des Informellen ist seinen ursprünglichen Eigentümern längst abhanden gekommen.

Bei Ordnungsfreunden erzeugt dieses Konglomerat, das die früher in eine gute und eine schlechte unterteilte Gesellschaft ersetzt hat, normalerweise Aversionen. Was im größeren Maßstab Balkanisierung, Afrikanisierung, Neues Mittelalter, Barbarei heißt, mit Reminiszenzen an den Dreißigjährigen Krieg oder die Weimarer Republik, hat beim Sozialverhalten in - keineswegs bloß destruktiven - Lifestylegruppen, Clanbildungen, Cliquen und Mafiasystemen seine Entsprechung.

Die Absonderungsformen differenzieren sich offenbar wieder - trotz aller Gleichförmigkeitstendenzen. Zu vereinfachend wäre, die Nachfrage nach überschaubaren Beeinflussungsstrukturen mit einer unausgelasteten Handlungsbereitschaft in Beziehung zu setzen, bis hin zum Gegenteil kann genauso vieles anderes zutreffen. Ein Herausgreifen von Radikalisierungen verdeckt bloß Ähnlichkeiten mit Alltagserscheinungen, eine Betonung der Kriminalisierung kommt um die Frage ungleicher Sanktionsmöglichkeiten nicht herum. Andererseits gefährdet ein mehr oder minder ausgeprägtes Bandenwesen immer zivile Zustände, also demokratische Institutionen, Formen, Grundrechte, die Beschäftigung mit öffentlichen Angelegenheiten, einschließlich ihrer universellen Komponenten. Nur hält sich bekanntlich das Interesse daran in Grenzen, wenn wenigstens im engeren Umfeld alles halbwegs funktioniert. "Es geht gut," sagt Niklas Luhmann, "solange es gut geht. Das ist die Botschaft." 1

Ein latentes Gegenbild, "Apocalypse Now" (1976-79), liefert dazu - in Fernsehwiederholungen präsente - Übersteigerungen.

 

 

Colonel Kurtz hat sich mit einer Privatarmee aus Deserteuren und Bergstämmen ins Niemandsland jenseits der Do Long-Brücke zurückgezogen; ein abtrünniger, von seinen Leuten vergötterter Warlord. Mit dem Spiel der anderen kann er nichts mehr anfangen. "Er ist ein Poet und ein Krieger", schwärmt der irre Reporter (Dennis Hopper), dem es vor allen anderen gelungen ist, bis zu ihm vorzudringen. Für die ehemaligen Chefs hingegen ist er zum gefährlichen Symbol geworden, weil er sich ihrem System, und ihrem Schutz, entzogen hat. Es heißt, er hätte den Verstand verloren. Deswegen fährt Captain Willard flußaufwärts, im geheimen Auftrag ihn zu töten. Eine stereotype Situation, nur die Methoden und der getriebene Aufwand sind zeitgemäß. Die beteiligten Pyrotechniker jedenfalls waren begeistert: Noch nie habe es derartige Kampfinszenierungen und ein größeres Budget für Spezialeffekte gegeben. Francis Ford Coppola selbst, am Film bis zum Schluß zweifelnd und unter Druck der Millionenschulden, die er sich zwecks unabhängiger Realisierung zugemutet hat, war wenigstens mit den Drehorten auf den Philippinen zufrieden: "Es gibt nicht mehr viele Stellen auf der Welt, wo man das überhaupt machen könnte; in den USA würden sie es einem nie erlauben. Die Umweltschützer würden einen umbringen. Aber im Krieg ist so was völlig in Ordnung." Während des Aufenthalts dort hat er die Bücher von Mishima gelesen, eines über Dschingis Khan und immer wieder in "Herz der Finsternis" (wofür sich Marlon Brando erst nach wiederholter Aufforderung interessierte). Vom Elfenbeinjäger Kurtz, der von Brüssel aus in den Kongo geschickt worden war, heißt es bei Joseph Conrad: "Er wäre ein glänzender Führer einer extremen Partei gewesen" und "ganz Europa hatte zur Erzeugung von Kurtz beigetragen". An amerikanischen Universitäten wurde diese Kolonialstory wegen des Films vorübergehend zum meistgelesenen Text. Das einzige optisch vorkommende Buch ist übrigens "The Golden Bough", James George Frazers Studie über Magie und Religion.

Thema der "Apokalypse" ist, abgesehen vom - ständig vorweggenommenen - Weltuntergang und der Bestrafung der Schuldigen, auch die Enthüllung, die Offenbarung; real geht es unter anderem um den inzwischen überall präsenten Krieg ohne Fronten und um das Auseinander- und Ineinanderfallen von Freund-Feind-Bildern. Captain Willard: "Er wußte mehr über das, was ich tun würde, als ich selbst", es war "der Dschungel, von dem er seine Befehle erhielt". Colonel Kurtz: "Haben Sie jemals über wirkliche Freiheiten nachgedacht, über Freiheiten von den Meinungen anderer?" Sogar die exponierten Außenposten der US-Army sind nicht mehr in feste Kommandostrukturen eingebunden: "Hier gibt es keinen befehlshabenden Offizier." Das von der Zentrale geschickte Patrouillenboot, auf dem der "christusartige" Willard zum überwucherten Tempel des Colonel Kurtz gebracht wird, hat den Codenamen "Street Gang". Banden kämpfen gegen Banden. Als Form überleben sie eher als die Helden.2

Hans Magnus Enzensberger sieht das, mit späterem Blick, schließlich durchaus ähnlich: "Vom heroischen Heiligenschein der Partisanen, Rebellen und Guerilleros ist nichts übrig geblieben. (...) Alle diese selbsternannten Befreiungsbewegungen, Volksbewegungen und Fronten sind zu marodierenden Banden degeneriert, die von ihren Gegenspielern kaum zu unterscheiden sind." 3 Die Unterschiede zu zivilisierten Gegenden sind bloß noch graduell, auch deren Bewohnbarkeit sei bereits gefährdet, weil "es beliebigen Schlägerbanden freisteht, beliebige Personen auf offener Straße zu überfallen oder ihre Wohnungen in Brand zu stecken".4

Irreguläre Gruppierungen nach ihrer - den Analytiker schon wegen der Sinnlosigkeit faszinierenden - Gewaltbereitschaft zu typisieren, entkoppelt das Phänomen allerdings von all jenen informellen Formationen, die durch unauffälligeres Auftreten oder ihre bloße Existenz weit größeren Schaden oder Nutzen stiften können, innerhalb oder außerhalb offizieller Strukturen. Daß ihr Druck auf Institutionen, Regeln und Kontrollmechanismen, die zur Sicherung hinreichend zivilisierter Situationen eingerichtet sind, in vielen Bereichen eher diskret behandelt wird, bestätigt ununterbrochen, welchen unterschwelligen Gewalten eine argumentative Kultur ausgesetzt ist. Separierung und Neofatalismus werden auch durch Überforderung angeheizt. Die Delegation der "wichtigen Fragen" an Politiker läßt sich nicht so ohne weiteres als Entlastung empfinden, an Stammtischen nicht und schon gar nicht in den "gutwilligen Kreisen" mit ihrem tagtäglichen Engagiertsein. Das Dilemma, "über die eigenen Lebensentscheidungen hinaus auch noch fürs Große Ganze zuständig zu sein", unter dem Motto "Das geht alle an", dem "Schlüsselsatz des Betroffenheitskults" (Cora Stephan),5 hat in der Boulevardisierung von "Bild" oder "täglich Alles" seine erfolgreiche Entsprechung. Jeder weiß, wie sich im privaten Untergrund, den diese Medien für sich in Anspruch nehmen, vieles latent terroristisch - also mit Bandenphantasien - artikuliert, durchaus unabhängig von der sozialen Situation, eher einer Mitte als irgendwelchen Rändern der Gesellschaft verpflichtet. Die Waren suchen ihre Kunden. Andererseits ist offensichtlich, daß plausible Solidarbindungen, parallel zum Individualisierungsschub und zur Akzeptanz globaler Zusammenhänge, unerlebbarer und zufälliger geworden sind. Das Mißtrauen in Therapien entwertet Diagnosen, obwohl "die Kultur zivilisieren" (Bazon Brock) auch heißen müßte, "zu lernen, mit solchen innerhalb einer Kultur unlösbaren Problemen umzugehen, anstatt sie bloß den kulturellen Überzeugungen und Verhaltensweisen der anderen, der Fremden, die nicht zu unserer Kultur gehören, in die Schuhe zu schieben." 6

Dafür eingerichtete Institutionen enttäuschen begreiflicherweise permanent; existierende Strukturen behandeln irritierende Inhalte durchwegs so, wie es Religionsgemeinschaften tun. Als Ersatz werden Selbsthilfegruppen attraktiv. Auch bei noch so unterschiedlichen Interessen orientieren sie ihre Methoden an im Wirtschaftsleben üblichem Verhalten, von der Corporate Identity und der Logokultur über diverse sportlich-rituelle Aspekte bis zu identitätsstärkenden Feindbildern, wie sie jedem Managementtrainer geläufig sind. Projekt- und Teamarbeit, als Chance zum sonst vermißten Nahverhältnis, als Gegenbild zu unübersichtlichen Organisationen und Hierarchien, sind, wie auch jedes übergreifende "Qualitätsmanagement", weitere Analogien. "Weil das Team eine Gruppe ist und damit inhärent paradoxer Natur" (Dirk Baecker), ist von Teams verantwortete Produktion "Paradoxieauflösung unter der Bedingung, daß erst das erstellte Produkt den Frieden bringt"; entscheidend sind so erzielbare Beschleunigungs- und Konzentrationseffekte.7 Freiwillige oder offerierte Begeisterung für die jeweilige Sache formiert sich zu Glaubwürdigkeit und Arbeitseifer, egal um was es geht. Organisationen schmücken sich zwar gerne mit Projektergebnissen, Firmen mit neuen Produkten, Forschungseinrichtungen mit ihren Berichten, Museen mit Sonderausstellungen, gegen eine weitergehende Projektorientierung der Arbeitsweise gibt es aber überall programmierte Widerstände. Zwischen dem Dahinfließen der normalen Vorgänge und konzentrierten Projekten, also zwischen Alltagsordnung und Bandensituationen, bestehen latente Divergenzen. Wenn die Dinge ins Stocken geraten, bekommen abgesonderte Gruppenformationen einen höheren Stellenwert.

Gerade wo mehr erwartet wird als bloße Geschäftsmäßigkeit, werden Anhänger und Vertraute zum wichtigen Faktor. Der archaische Respekt für den Einzelkämpfer drängt die ihm zuarbeitenden Helfer zwar immer in den Hintergrund, aber beide Seiten brauchen einander. Animiert werden letztere, weil sie geschützt an Macht und Prestige teilhaben und die Beteiligung an kühnen Manövern oder schmutzigen Tricks heroische Gefühle freisetzt. Daß Kunst immer wieder anders funktioniert, macht auch auf dieser Ebene Neugier und Irritationen ihr gegenüber nachvollziehbar, selbst wenn der exponierte Alleingang und die Faszination, daß einzelne noch etwas zusammenbringen, wegen professioneller Abhängigkeiten (Medien, Verlage, Museen, Galerien, Sammler, Auftraggeber, Druckereien) zugleich etwas Fiktives an sich haben. Weil im Normalfall das Durchsetzen, die Zauberformel der Administrations- und Medienwelt, fast nie als isolierter Kraftakt zu etwas führt, sondern komplexe Wirkungsmechanismen benutzt werden müssen, braucht jeder Aktivist seinen Stab, seine Mitspieler, um als multipliziertes Ego auftreten zu können. Ob Ministerbüro, Wirtschaftslobby oder Mafiastruktur: Erfolge hängen weitgehend von inoffiziellen Gruppierungen und Koalitionen ab. Solche rivalisierenden Formationen bestimmen das Geschehen; ob sie tatsächlich auf Gefühlen der Zusammengehörigkeit basieren, spielt längst keine Rolle mehr.

Mit informeller Infiltration wird bewiesen, daß kaum etwas normal, also ohne sie funktioniert. Weil für ein hinreichend normales Funktionieren Formalismen zunehmend hinderlich wurden, entstehen laufend neue, oft nur kurzlebige Symbiosen aus Form und Formlosigkeit. Letztere wird als befreiend empfunden (mit dem Eskalationsschema: Auge zudrücken, Interventionen, Filz, Bestechung, Destruktion von Legalität), solange Bürokratie und Regeln als störend und nicht als Sicherheiten fixierende, provisorische Rahmen angesehen werden. Jeder Akteur ist von dieser Schizophrenie gespalten, denn mit Standardanforderungen, wie Qualifikation, Loyalität und Korrektheit lassen sich höchstens subalterne Aufgaben adäquat erfüllen. Medial interessant ist nur anderes. Speziell in aktivitätsfordernden Bereichen müssen die Mechanismen für Verständigung, für Gegengeschäfte, für Realisierungspakte einkalkuliert werden. Dafür sind Mittäter, Anhänger, Paten erforderlich. Bei einem Gelingen werden die unangenehmen Begleiterscheinungen durchwegs toleriert. Auf verdeckt oder inoffiziell agierende Gruppen bezogen liefern daher Begriffe wie Bandenbildung und Bandengesellschaft ein Instrumentarium, mit dem Ähnlichkeiten und gesellschaftliche Verhältnisse ohne vorschnelle Betonung kriminalistischer Aspekte analysierbar werden.8

Banden sind zwar, außer in Jugendträumen und Männerphantasien, normalerweise nirgends erwünscht, aber dennoch in verschiedenen Ausprägungen überall präsent, wo sich institutionelle Schwächen und Unschärfebereiche durch informelles Zusammenwirken ausnützen lassen. Dadurch erreichbare Freiheitsgrade und Gestaltungsmöglichkeiten sind Gegengewichte zum gewöhnlich unterstellten Manipulationsvorwurf. Transparenz ist im allgemeinen viel zu unproduktiv, als daß sie tatsächlich eine generell gültige Grundlage sein könnte.

Umso angegriffener oder verwahrloster Strukturen und Entscheidungsmechanismen sind, desto plausibler ist es, mit Bandenbildung Defizite auszugleichen und abgesonderte Kraftfelder entstehen zu lassen. Gerade wenn ihre juristische und soziale Ächtung nicht zum Hauptthema gemacht wird, weil die andere Dynamik, das eher unauffällige Verfolgen bestimmter Interessen, viel relevanter ist, zeigt sich, wie ähnlich bandenartige Aktivitätsmuster in allen sozialen Schichten sind. Skinheads und VIP-Clubs, Lobbies, Sekten, Seilschaften, Parteifraktionen, Greenpeace und Amnesty, Artistic und Scientific Communities bieten Aktionsmöglichkeiten, Ego-Bestärkung, Verbindungen, Resonanzräume, meistens als Koalitionen auf Zeit, also wenigstens oft provisorisch, nicht mehr allzu zwanghaft. Jeder Verein kann für ganz wo anders wirksame Zusammenschlüsse die soziale Basis bilden. In solchen real längst existierenden, aber analytisch eher wenig beachteten künstlichen Großfamilien, manifestieren sich atavistische Stammesphantasien genauso wie Abgrenzungsdünkel oder der sonst vermisste Rückhalt für Zivilcourage. Insiderspiele sind unvermeidliche Grundsituationen, die plötzlich in eine andere Qualität umschlagen können, auch im Verhältnis zu Außenseitern. Der Einlaß in Discos funktioniert nicht essentiell anders, als das Zugelassensein an Stammtischen; man braucht nichteinmal zu wissen, wie einem geschieht.

Diverse Kunst-Stereotypien spielen mit herein: vom Künstler, der um Mafiasysteme nicht herumkommt, wenn er übrigbleiben will, vom Künstler als einzigem, provokantem, subversivem Außenstehenden oder eben vielseitigem Cultural Producer und Projektarbeiter, Solisten und Bandenmitglied. Symbolik und Erscheinungsformen bandenähnlicher Formationen und zugehöriger Leader ergeben daher vielleicht Raster für schärfer werdende Kulturkämpfe. "Jeder gegen Jeden"-Spiele funktionieren nur mit Anhängern, bei Auseinandersetzungen um Kunstpositionen ist es nicht anders; hilflose Schiedsrichter sind die durch Passivität verwöhnten Medien und Institutionen. Klarheit herrscht höchstens darüber, daß Mafiavorwürfe zur Zeit primär in Kollaboration mit eher diffusen, (selbstge-) rechten Kulturschickerias erhoben werden, die ihre eigene Existenz verleugnen und von zugehörigen Gegenbildern leben. Viele der hochkommenden Metaphern sind gefühlvoll-heroisch, einschließlich der zunehmend spartanischen Töne. Hinter angeblicher Eleganz verbirgt sich das Barbarische an solchen Verwechslungskomödien und Rückgriffen. An Extrempositionen wird deutlich, wohin dieser Kampf für "Kultur" - nicht für Kunst -, führen soll: zu ihrer Eingrenzung in "einen alles beherrschenden, substantialisierten und geschlossenen Bereich," der - so Alain de Benoist in "Kulturrevolution von rechts" - "als Befehls- und Ausgabestelle für die Werte und die Ideen betrachtet wird".9 Für damit konfrontierte, dann für den Staat immer noch nicht verfügbare Individuen, bekämen Bandenbildungen so einen ganz anderen Stellenwert.

Die auf ziviler Ebene gegebenen Bandenaspekte können als Grundformen aufgefaßt werden, die in kriegsähnlichen Situationen als Übersteigerung des Normalen wirksam werden. Auch der Umkehrschluß ergibt bekanntlich Sinn: Demnach bestünde ein latentes, nur vorübergehend beruhigtes, eingefrorenes Potential für Bandenkriege, also für irreguläre, privatisierte Konfliktzustände, die unerwartet ausbrechen können, wie in Los Angeles, in Japan, in Ex-Jugoslawien, im "bajuwarischen" Österreich. Nur gehen sogar unter Weglassung von Verschwörungstheorien mit der Übertreibung, die von diversen "Lebe-gefährlich-Ideologien", vom "Weltmodell Mafia" oder schlicht von "Korruption - aus Freude am persönlichen Vorteil" ihre Perspektiven beziehen, notwendige Abstufungen und Alternativen verloren. Unterschätzt werden werden die neuen Qualitäten an Dummheit und technoider Brutalität. Bezeichnend ist ferner, daß sich nicht zivilisatorische, sondern eher "primitive" Regelsysteme allgemein durchsetzen; selbst Fußballmannschaften agieren weltweit nach den gleichen Vorschriften und liefern trotzdem Überraschungen.

Abstrakter Hintergrund ist die Orientierung an möglichen und unmöglichen Formen des Sich-Absonderns, die mit traditioneller Exzentrik nicht allzuviel gemein haben müssen. Radikale Isolation wäre die eine Formel: die Insel, das Schweigen, das Kloster, der Eremit, das Exil, der Tod. Alltäglicher ist es, durch Aversionen, durch äußere Kennzeichen, durch Verständigungscodes und Zelebrieren von Kennerschaft auf Distanz zu gehen. Diesbezüglich haben Ethnogruppen, Jugendbanden oder der klassische Dandy zumindest im Demonstrieren von Autonomie einiges gemeinsam. Korruptionskartelle, (Schwerpunkte: Waffen, Drogen; Bauwirtschaft, Energie, Infrastruktur, Telekommunikation)10 könnten als Mutationen davon aufgefasst werden. Autoritäre Charaktere, die sich nehmen was sie brauchen, passen schon wegen der notwendigen Bewunderung gut in solche Zusammenhänge.

Ob sich feinere Differenzierungen der Pathetik wieder beschworener tieferer (oder höherer) Zusammengehörigkeiten überlegen erweisen, also fiktive Rekonstruktionen von Gemeinschaften, die wie eh und je Minderwertigkeitskomplexe oder Ausgrenzungen kompensieren sollen, in zivile Strukturen übergehen können, umschreibt eine der stattfindenden Polarisierungen. Multikulturelle Situationen, denen auch weiter gefaßte Fremdheiten zugerechnet werden, haben einen höheren sozialen Regulierungsbedarf als irgendwelche sauberen, "bereinigten" Zustände. Auch deswegen erscheint, zwischen perspektive- und sanktionsloser internationaler Ordnung und immer kleiner werdenden, fragmentierten Gruppeninteressen, der Staat mit seinem Gewaltmonopol wieder als weit geringeres Übel. Gleichzeitig gibt es nirgends eine kritische Öffentlichkeit und auch keine "geschlossene Arena der Normalität", für die exponierte Auftritte oder sogar ein "gesellschaftlich auffälliges Leben als Kunst" einen Zweck erfüllen würden; "eine Stadt zerfällt heute in Haufendörfer von Außenseitern, die alle auffällig werden, wenn sie an den Binnengrenzen ihrer Clans unfreiwillig aufeinandertreffen" (Beat Wyss). 11

Auch wenn solche Ethno-Analogien nur die zugrundeliegende Gleichförmigkeit kolorieren, stellen sie wenigstens Fragen nach der Künstlichkeit von Individualität und nach künstlichen Familien. Die daran anknüpfende "heute so beliebte Rede von der Verdörflichung der Welt durch die weltweite infinite Beschleunigung des Informationsverkehrs" macht allerdings - so Burghart Schmidt - nur dann einen Sinn, wenn sie auf das gleichzeitige Ersetzen von Gegenöffentlichkeit durch Teilöffentlichkeiten bezogen wird: "In einem Dorf kann sich keine Gegenöffentlichkeit herauskristallisieren ... Was heute vielleicht noch für Gegenöffentlichkeit in Anspruch genommen wird, gehört zum Sektentum ..." 12

Die weniger exponierten Teilöffentlichkeiten, denen aber ebenfalls oft nur Bandenstrategien übrig bleiben, können davon ausgehen, daß die Unterprivilegierten im großen und ganzen ruhig gehalten werden, solange sie ihren Schutz nicht selber organisieren müssen. Auch an den anderen Problemen wird gearbeitet. Energiebündelungen aber ergeben sich am ehesten eruptiv, zufällig, und das nicht nur, weil über Beeinflussungschancen und Handlungsfolgen zuwenig bekannt ist. Zwischen Aufgabe oder radikaler Zurücknahme jeder Utopie und einem von Personal-, Struktur- und Budgetschwächen unterminierten "Handlungsbedarf" reduzieren sich Projekte auf ein Abwarten des gerade Möglichen. Der offenbar auf allen Ebene minimale offizielle Gestaltungsfreiraum bestärkt einen diffus-apathischen Konsens und das Interesse an inoffiziellen Impulsen, ohne dass Gewaltentrennung noch ein brisantes Thema wäre. Selbst Kriegführende und Zivilbevölkerung auseinanderzuhalten, hat sich als zivilisatorische Science fiction herausgestellt. Kultiviert wird auch - angeblich vor allem in Österreich - ein Sich-Wohlfühlen in der Rolle des Opfers mit diversen Tendenzen zur Produktion von "Untergangskitsch" (Antonio Fian). 13

Eleanor Coppola, die ihren Mann bei seinem Opus Magnum mit zunehmender Distanz beobachtet hat, berichtet von den Schlußphasen lakonisch, daß er angesichts des ganzen Materials nicht mehr wußte, "ob er ein Künstler ist oder ein Idiot". Druck gemacht habe auch, daß ihm damals gemeinsam mit George Lucas und Steven Spielberg die höchsten Einspielergebnisse aller Zeiten angerechnet worden sind, aber ein paar Jahre früher das Trio der "heißesten Regisseure" noch anders besetzt war: Coppola, Peter Bogdanovich, Billy Friedkin. Die gelassenere Perspektive von Dennis Hopper, mit der ihr eigenen Romantik, weg von der komplizierten Bande und ihren unberechenbaren Partnern, zurück zum komplizierten Individuum, ist ihr offenbar logisch vorgekommen: "Seiner Ansicht nach sei das Filmemachen in der gleichen Entwicklungsphase wie die bildende Kunst zur Zeit des Kathedralenbaus. Als die großen Kathedralen Europas gebaut wurden, arbeiteten Steinmetze, Ingenieure, Freskenmaler etc. gemeinsam und schufen durch den Verbund ihrer Talente ein Werk. Im 19. Jahrhundert hatte sich die Kunst zu dem Punkt hin entwickelt, wo die bedeutenderen Werke der Zeit von einzelnen Künstlern geschaffen wurden, die einsam an der Staffelei arbeiteten. Dennis vertrat die Ansicht, daß das Filmemachen heute viele spezialisierte Talente erfordert, während die wichtigen Filme in Zukunft vielleicht von einer Person mit einer tragbaren Videoausrüstung gedreht werden." 14

Daß sich die Dinge im großen und ganzen anders, ohne Belastung für Hollywood-Systeme, entwickelt haben, ist eine Seite. Eine andere wären die Veränderungen, die das Zusammenspiel der Wenigen mit ihren Teams und den diversen Organisationen betreffen. Wie sich künstlerische Projekte mit den stattfindenden Struktur- und Verhaltensmodifikationen und Dauerkrisen vertragen, ergibt sich aus der jeweiligen Konstellation. Bandenähnlich und egomanisch muß vieles funktionieren, wenn Individuen unter Druck stehen und einem die üblichen Abläufe keine andere Wahl lassen. Gleiches mit Gleichm zu vergelten kann auch entlastend wirken, weil einiges dafür spricht, "dass ich deine Arbeit gut finde, wenn du das auch von meiner tust". Sogar wer auf solche Weise Bestärkung erfährt, wird in Bandensituationen - einen Subtext der organisierten Welt - hineingezogen. Aber selbst Nomaden folgen, solange sie in ihrer Tradition bleiben, vorgezeichneten Wegen und brauchen den Rückhalt in der Gruppe. Sie zu wechseln wird einem überall schwer gemacht. Als Bandenmitglied diskriminieren einen meist andere, die nicht genug wissen, also Vermutungen brauchen.

 

 
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1 Niklas Luhmann: Beobachtungen der Moderne. Opladen 1992

2 Apocalypse Now. Regie: Francis Ford Coppola, Drehbuch: Francis Ford Coppola und Francis Milius, 1979 Eleanor Coppola: Vielleicht bin ich zu nah. Notizen bei der Entstehung von "Apocalypse Now", Reinbek bei Hamburg 1980 Joseph Conrad: Herz der Finsternis (1899). Übersetzung und Nachwort von Reinhold Batberger. Frankfurt/M. 1992 Jaques Derrida: Apokalypse. Wien 1985

3 Hans Magnus Enzensberger: Aussichten auf den Bürgerkrieg. Frankfurt/M. 1993

4 Hans Magnus Enzensberger: Die Große Wanderung. 33 Markierungen. Frankfurt/M. 1992

5 Cora Stephan: Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte. Reinbek bei Hamburg 1994

6 Bazon Brock: Die Kultur zivilisieren. Essay. Der Spiegel, Hamburg, Nr. 16/1995

7 Dirk Baecker: Die Form des Unternehmens. Frankfurt/M. 1993

8 Christian Reder: Entwicklungsperspektive: Die Bandengesellschaft. Atavistische Strukturen für Ökonomisches und Emotionelles. In: Die berechnende Vernunft. Hg.: Wolfgang Müller-Funk. Wien 1993

9 Mark Terkessidis: Kulturkampf. Volk, Nation, der Westen und die Neue Rechte. Köln 1995

10 Kursbuch "Korruption", Heft 20, Berlin 1995

11 Beat Wyss: Das Verschwinden des Dandy. In: Kursbuch "Exzentriker", Heft 118, Berlin 1994

12 Burghart Schmidt: Am Jenseits zu Heimat. Gegen die herrschende Utopiefeindlichkeit im Dekonstruktiven. Wien 1994

13 Antonio Fian: Kassandra auf der Flucht. Über die Widerstandsfähigkeit einiger prominenter österreichischer Schriftsteller. Der Standard, Wien, 20./21. Mai 1995

14 Eleanor Coppola: Vielleicht bin ich zu nah. Notizen bei der Entstehung von "Apocalypse Now", Reinbek bei Hamburg 1980

 

 
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© Christian Reder 1995/2001