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Springer Wien New York
   

Sahara. Text- und Bildessays

Herausgegeben von Christian Reder und Elfie Semotan
Edition Transfer bei Springer Wien New York 2004


 

Michael Hoepfner im Gespräch mit Christian Reder
Gehen, Sehen, Erinnern

Bei dir ist langes Wandern in oft sehr einsamen, extremen Gegenden ausdrücklich Teil der künstlerischen Arbeit. Der Weg als Vorbedingung für Erlebnisse, für Ergebnisse – oder sogar als Lebensform?

Angefangen hat es in Nordspanien und in den Pyrenäen. Dort gibt es ganze Landstriche mit verlassenen Dörfern, sehr schöne Gegenden, man glaubt aber, es hätte einen Krieg, eine Seuche gegeben. Dabei sind nur alle weggezogen. Seither ist das Interesse für Grenzräume, die oft einen Wüstencharakter haben, für meine Arbeit prägend geworden, ob es mich nun in Hochsteppen Chinas, nach Nordindien, in Gebirgswüsten des Himalaya oder nach Tibet gezogen hat. Damit nehme ich eine Form des Unterwegsseins wieder auf, die in Europa aufgegeben worden ist, wobei mich aber immer zugleich der Blick zurück interessiert. Bis vor hundert Jahren hat es die weiten Wanderungen der Handwerker gegeben, ansonsten ist man große Strecken nur zu Fuß gegangen, weil es mit Reittieren, mit Fahrzeugen zu teuer war, oder, abgesehen vom Militärdienst, eben als Pilger.

Im Tassili haben wir einmal zwei Tuareg getroffen, die zu Fuß, mit fünf Kamelen als Lasttieren, von Libyen nach Agadez unterwegs waren, insgesamt monatelang, nur um Freunde zu besuchen. Bei dir ist das Ziel offensichtlich nicht so wichtig.

Mich faszinieren Wüstenlandschaften, die einen kulturellen Aspekt haben, als Grenzzonen zwischen Kulturen, zwischen großen Reichen, wegen ihrer Funktion als Transiträume. Sie waren immer Durchzugsgebiete, selbst wenn sie noch so abweisend erscheinen. In Asien oder eben in der Sahara ist der sehr lange historische Background greifbar. Wüsten, die ans Meer grenzen, wie in Namibia, in Chile, in den USA, in Mexiko sind zwar sicher beeindruckend, für mich aber nicht so interessant, weil der Grund wegfällt, sie zu durchqueren. Man kann sich genauso der Küste oder der angrenzenden Bergkette entlang bewegen. So gesehen besitzen sie kein Dahinter, das in der Sahara als Vorstellung immer präsent ist.

Bei auf Wüsten bezogenen Klagen über Verlorengehendes, über zerfallende Stammesstrukturen, die ja so ideal auch nicht gewesen sind, über vom Wind überallhin gewehte Plastiksackeln, über den Müll, geht es ausnahmsweise nicht darum, dass irgendwelche Massen etwas zerstören, sondern um das Gegenteil: Die Wüsten werden immer leerer. Alle ziehen in Städte, das Ende in Slums scheint vorgezeichnet. An den alten Nomadenzeiten beeindruckt offenbar ein „Funktionieren“, die Unabhängigkeit. Was fasziniert dich an dieser Post-post-Situation, die anscheinend keine „Zukunft“ hat? Dieses Konglomerat aus Verlassensein, Verlassenwerden, die menschenleeren Räume, kaum noch aufrechtzuerhaltende alte Lebensformen – die Weite; geht es darum?

Wenn man in einer überaus dichten Kulturlandschaft wie in Österreich aufgewachsen ist, wird Menschenleere zu etwas absolut Besonderem. Tagelang auf niemanden zu treffen, wo gelingt das schon? In der Wüste erstrecken sich die Räume ins Unendliche, vielleicht kommt irgendwann einmal ein Militärposten, sonst aber die längste Zeit nichts, da und dort Pisten, unmerkliche Pfade, vage Verbindungslinien. Du bist immer irgendwo dazwischen. „Desert is a place of transit. To stand still means death …“, oder so ähnlich hat ein Künstler einmal dazu gesagt. Entweder du bewegst dich weiter oder du vertrocknest. Von einem Punkt ganz allein zum nächsten zu gehen und den Raum dazwischen zu überbrücken, macht für mich Sinn, weil ich meine Arbeit aus dieser Bewegung heraus definiere. Dafür sind ausgesetzte Situationen ein Ansporn, weil dort Bewegung einfach notwendig ist.

Du machst auf solchen Reisen Notizen, Skizzen, bewusst aber sehr wenig Fotos, nimmst auch absichtlich sehr wenig Filmmaterial mit.

Weil ich allein unterwegs sein will, mir alles selbst trage, muss ich mir genau überlegen, was ich wirklich brauche. Schon dabei geht es um das Wesentliche. Eine aufwendige Kameraausrüstung und dreihundert Filme wären zu viel. Das heißt: von Anfang an mitdenken, was ich dort vorhabe, was ich davon erzählen will, wie ich auftauchende Gedanken festhalten möchte. In den Zeichnungen und Fotografien versuche ich widerzuspiegeln, dass es um ganz exakte Überlegungen, um eine sehr spezifische Konzentration geht, wie das nur am konkreten Ort entstehen kann.

Der Augenblick unmittelbar vor dem Abdrücken ist doch der eigentlich entscheidende Moment. Bei sich bewegenden Objekten muss ich schnell sein, um nichts zu verpassen. In einer menschenleeren Landschaft fällt dieser Druck weg, trotzdem entschließt man sich irgendwann für ein Foto. Der Zeitbegriff ist also jeweils ein ganz anderer. Die Ruhe einer vegetationslosen Wüste macht das doch ganz explizit bewusst.

Gerade dieses Zeithaben ist mir wichtig; im Augenblick des Bildes ergibt sich ein seltsames Stillstehen von Zeit. Bei der Durchsicht meiner Fotos aus Libyen ist mir bewusst geworden, dass sie auch hundert Jahre alt sein könnten. Es hat sich ja nichts verändert. Das ergibt eine seltsame Zeitlosigkeit. Was aber sagt das wirklich? Wie begreife ich mich selbst in dieser Zeit? Das wird sich ein Betrachter vielleicht auch fragen. Dass ich Schwarz-Weiß-Fotos bevorzuge, kommt daher, dass sie als Medium eine längere Geschichte haben als Farbaufnahmen. Die Nähe von Kartografie und Fotografie zu Beginn dieser Entwicklung ist mir wichtig, diese Absicht, festgehaltene, vermessene, gezeichnete Wahrheit bildlich zu unterstützen, im Bild anders auszudrücken.

Praktisch alle militärisch-geografischen Expeditionen dieser Zeit haben schon früh Fotografen mitgehabt, ob in Nordamerika oder in der Sahara. Fotografie ist damals als militärisches Explorer-Instrument eingesetzt worden. Pierre Bourdieu hingegen will als Soziologe über seine Fotos aus Algerien ein bloß teilnehmendes Beobachten durch „teilnehmende Objektivierung“ ersetzen, gerade wegen der Stimmungen. Du aber hast völlig andere Motive. Lässt sich kommentieren, wie sich die Momente für ein Foto vorbereiten – in der unfassbaren Vielfalt der Möglichkeiten, angesichts der stillstehenden Zeit und der Bewegungslosigkeit ringsum?

Ein wichtiger Faktor in der Wüste ist das Licht, weil es sich wie sonst kaum wo vorhersehen lässt. Als Fotosucher kannst du dir den Tag relativ gut einteilen. Während einer Wanderung sind es dann oft die Orte, an denen sich eine Pause ergibt, nach irgendwelchen Übergängen, Pässen, nach einem Aufstieg, an einem Platz im Schatten. Wichtig sind mir immer die Orientierungspunkte, meistens Steinhaufen, die einmal von Menschen errichtet worden sind.

Du verstehst dich als Künstler, stellst in Kunstgalerien aus, grenzt dich also von professionellen Reportern und fotografierenden Reisenden ab. Durch Präsentationen im Kunstkontext, die bei dir verhalten und sorgsam konzipiert werden, bekommst du offensichtlich die Möglichkeit, über deine Werke auch die eigene Lebensform zur Debatte zu stellen; ist das ein wichtiger Punkt, gegen alles Gerede über die nötige Trennung von Person und Werk?

Dass das als Zusammenhang funktioniert ist mir von Anfang an sehr wichtig gewesen. Landschaftsfotografie ist ja ein sehr besetztes Feld. Man muss genau überlegen, was man eigentlich vorhat. Von der militär-geografischen Fotografie mit ihrer frühen Objektivierungsintention haben wir schon gesprochen. Heute ist für die allgemeine Vorstellung jene in der Art des Geo-Magazins oder von National Geographic prägend, dieses illustrierende Verschönern, Harmonisieren. In der Kunst hingegen ist es definitiv so, dass es nicht darum gehen kann, Plätze, Orte oder Landschaften zu dokumentieren, sondern um völlig subjektive, ganz persönliche Erfahrungen und Eindrücke. Das lässt sich nicht von Erwägungen über die Herstellungsweise abspalten: zu Fuß gehen, sich viel Zeit lassen, wenig Bilder machen. Mir geht es darum, die Landschaft völlig zurückzunehmen, also nicht zu versuchen, den Raum noch zu übersteigern, großartiger zu machen, als das alles ohnehin schon ist. Durch bewusst schwache Kontraste reduziere ich den Raum, verwandle ihn in fast zweidimensionale, grau abgestufte Flächen. Erst bei genauem Hinsehen kann ein Betrachter erfassen, wie groß das alles in Wirklichkeit eigentlich ist. Der Raum muss also neu gedacht werden.

Das vordergründigste Bild von Sahara sind Sanddünen. Du hast fast nur Steinwüsten fotografiert. In den oft gesehenen Dünen, die sich überall irgendwie gleichen, verschwindet die subjektive Möglichkeit des „anderen“ Blicks. Das hat auch Elfie Semotan in unserem Gespräch für diesen Band betont.

Als Bild ist die Sandwüste von einer völlig festgefahrenen Ästhetik besetzt, durch Fotos und Filme, die alle schon hundertmal gesehen haben. Für solche Orte andere Herangehensweisen zu schaffen, und darum geht es mir natürlich, von ihnen also neue Bilder zu liefern, ist fast unmöglich. Von der Ästhetik her habe ich es in der Sandwüste kaum ausgehalten, weil sie einem eigentlich keine Chance gibt. Als Material am ehesten interessant gefunden habe ich dort irgendwelche sonderbaren Pflanzen mit ganz eigenen Formen, die dieser Gleichförmigkeit, dem Sand, dem Klima widerstehen.

Unser Weg von der Küste nach Ghadames, dann weiter über eine wunderbare, abwechslungsreiche Wüstenstrecke nach Ghat und ins Akakus-Gebirge, durch das Wadi Mathendous zur alten Garamanten-Hauptstadt Germa und weiter über die Mandara-Seen durch die Sandwüste nach Sebha und zurück nach Tripolis, ermöglichte ein im Vergleich zu meinen früheren Saharareisen sehr konzentriertes Intensiverlebnis von Wüste, mit sich ständig ändernden Situationen. Von Eintönigkeit konnte also keine Rede sein.

Fast stündlich waren wir in völlig neuen Umgebungen, auch die Materialität der Szenarien veränderte sich komplett. Die Geologie und ihre gewaltigen Zeiträume sind eindrucksvoll wahrnehmbar. Es geht über eine Ebene gleichmäßig dahin, plötzlich bricht sie ab, die felsige Struktur des Untergrunds, übereinander geschobene Platten werden sichtbar. Die Oberfläche wechselt andauernd, mit allen Varianten von Steinwüste, Schotter, riesigen Geröllbrocken, merkwürdigsten Felsformationen, dann wieder weiten sandigen Strecken und schließlich wild geformten Gebirgen. Jeder Stein liegt seit Tausenden Jahren dort, wo er liegt. Spuren bleiben oft über Jahrzehnte hinweg sichtbar. Die gewohnte Zeitwahrnehmung setzt aus. Eine andere Zeitrechnung, die geologische Zeit wird augenscheinlich. Die bis vor hundertfünfzig Jahren herrschende biblische Vorstellung einer sechstausend Jahre alten Erde transformiert sich zur Sekunde angesichts der wahren, in der Wüste begreifbaren Zeitdimensionen.

Das Fehlen von Vegetation macht Strukturen über weite Strecken sichtbarer als in den Alpen; berühmte Berge wie die „Drei Zinnen“ sind dort keine seltenen Unikate.

Es ist aber noch etwas völlig anders, denn die Felszeichnungen spiegeln lange Phasen menschlicher Geschichte wider, machen eine ganz eigene Erzählung der Menschheit präsent, zugleich scheint aber alles in Auflösung begriffen zu sein. Überall bröckelt, rieselt es vor sich hin. Nichts wird mehr wirklich greifbar. Auf meinen Wanderungen über felsiges Gelände habe ich überall dieses Zerfallen gespürt. In Gebirgen mit Eis, Gletschern, Vegetation ist das völlig anders. Diese sichtbare Auflösung und ständige Verwandlung ist für einen westlich denkenden Menschen eigentlich völlig irreal.

Der Wüstenforscher Théodore Monod hat betont, dass die Myriaden Sandkörner von der Wassererosion und nicht sosehr vom Wind erzeugt wurden und sich wieder verfestigen werden, also ungeheure Zeiträume repräsentieren. Das Sandkorn als vorübergehend verkleinerter Teil eines Berges.

Ein schöner Gedanke; deswegen versuche ich auch, solche Zeitdimensionen, mit Blick auf den Boden, in meinen Fotos spürbar zu machen.

Für Paul Virilio wiederum ist jede Beschäftigung mit Wüsten, mit Verwüstung nur eine Vorphase dazu, bis die Menschen in die Wüsten des Universums abheben. Bei gutem Wetter sehen wir ja jeden Abend eine Andeutung davon: die Mondlandschaft.

Gedanklich halte ich das für eine problematische Sache, Vorstellungen von Mikrokosmos und Makrokosmos so dramatisierend zu vermischen. Da sind wir schnell bei Esoterischem. Mir ist Reales näher. Auf meinen Wanderungen habe ich oft das Gefühl, mich wie unter einem Mikroskop zu bewegen. Aus der japanischen Kultur stammt ja diese Suiseki-Tradition, sich einen wie ein Gebirge geformten Stein auf den Tisch zu stellen, als minimalisiertes Abbild einer solchen Landschaft. Peter Kubelka spricht sie in seinen Thesen zu Ursprüngen von Kunst ausdrücklich an. An das habe ich mich oft erinnert, wegen der Ähnlichkeit kleiner und großer Formen. Oft habe ich mich wie ein winziges Wesen auf einem Steinbrocken gefühlt.

In meinem „Saharalexikon“ für diesen Band lassen sich Stichworte zur Vulkananlage von James Turrell, zu Walter de Maria, Richard Long, der oft in der Sahara war, zu Hamish Fulton, zu „walking artist“-Konzeptionen und künstlerischen Wüstenbezügen nachlesen; einerseits haben wir diese Tendenz zu gigantisch ausgebauten künstlerischen Erlebniswelten, andererseits den gleichsam ökologisch-vorsichtigen Zugang des Wanderns.

Unterschiede zwischen amerikanischen und europäischen Zugängen sind offensichtlich; in den USA ist wegen der Erfahrung von Weite der Umgang mit Landschaft ein anderer. Künstler wollen Orte in der Wüste schaffen, setzen Bagger und Bulldozer ein, es wird gesprengt, Robert Smithson war vom Flugzeug aus auf der Suche. Markante Zeichen zu setzen oder sich ein eigenes Laboratorium zu schaffen dürften wichtige Motiv dabei sein. Mit der Wüste an und für sich hat das wenig zu tun, ursprünglich war es vielleicht eine Flucht, eine Ortssuche, eine Suche nach alternativen Kunstorten, weg von der Galerie. Darin sind sich die Ausgangspunkte sicher ähnlich. Bei Richard Long und Hamish Fulton wiederum lässt sich die englische Geschichte ablesen, eine europäische Herangehensweise an Landschaft, die Landschaftswahrnehmung bedächtig vorgehender religiöser Pilger. Erst in der modernen Stadt – wie es Walter Benjamin präzise beschrieben hat – ist etwas anderes daraus geworden. Dort haben als Erste die Dadaisten den religiösen Hintergrund des Wanderns aufgehoben und sich zu „Anti Walks“ getroffen, sind als Gruppen durch Paris gegangen, um so das Leben in der Stadt neu wahrzunehmen. Treffpunkte waren durchaus manchmal Kirchen, aber dezidiert als Gegenposition zu Religion.

Nach Mekka pilgern jährlich derzeit zwei Millionen Menschen, nach Lourdes jedoch sechs Millionen. Medial vermittelter Wahrnehmung zufolge würde jeder glauben, es sei umgekehrt. Schon in frühchristlicher Zeit gab es aus Europa Pilgerströme zu den Einsiedlermönchen in den Wüsten von Syrien und Ägypten. Pilgerst du noch irgendwohin? Eigentlich ins Nichts, wenn ich das richtig sehe.

Hamish Fulton ist alten Pilgerwegen in England gefolgt, aus einem Geschichtsbewusstsein heraus, als Suche nach Landschaften, die etwas zu berichten haben. Von der täglichen Wahrnehmung wird einiges aufgeschrieben, als narrativer Ansatz, um von diesem Landschaftserlebnis zu erzählen. Von solchen englischen Traditionen habe ich mich sicher irgendwie bestärken lassen.

Als „Mapping“ erfährt das eine Aktualisierung; oft technisiert über GPS-Koordinaten, über neue Arten von Landkarten. Mit der Betonung des subversiven Elements dabei wird die Nutzung von Militärtechnologie, von Überwachungstechnik für „freies“ Arbeiten beansprucht.

Das kommt vom Traum der späten neunziger Jahre her, seine Umwelt über technische Möglichkeiten wahrzunehmen, als viel davon die Rede war, „richtiges“ Reisen werde überflüssig, weil alles im Internet stattfinden und sich jeder seine eigenen Landschaften zusammenbauen könne. Zurzeit verschiebt sich das wieder, weil wir merken, dass medialen Bildern nicht zu trauen ist. Wieder persönlich nachzuforschen, um eigene Sehnsüchte und Wahrnehmungen zu ergründen und dafür konkrete Anhaltspunkte zu finden, hat wieder einen höheren Stellenwert. Mir ist es in meiner Arbeit jedenfalls sehr wichtig, persönlich an solchen Orten zu sein, aus einem forschenden Aspekt heraus. In gewisser Weise ist eine solche Nähe zur Tradition von Forschern und Entdeckern ein paradox historischer Ansatz. Er ist aber auszuhalten.

Aus deinen Fotos neue Arten von Landkarten zu machen könnte spannende Ergebnisse bringen. Auch unser Buch ist ein Mapping von Gesichtspunkten, Blickpunkten, Textpassagen mit bloß gestrichelten Pfaden dazwischen, eine imaginäre Landkarte, ein Orientierungsraster. Versuche, ein Global Thinking zu kultivieren, zu sensibilisieren, zu befragen, nicht aus einer explizit europäischen Situationen heraus, haben uns ja zusammengeführt.

Deswegen kann es auch nicht um Kopien von etwas gehen, um aus medialen Systemen geholte Landkarten, sondern um Material für eigene Karten, wie ich es mit meinen Fotos versuche, die eben meine Erfahrungen wiedergeben. Unser Buch mit seinen verschiedenen Gesichtspunkten lässt sich durchaus als nur andeutende, die anzutreffende Vielfalt keineswegs allzu sehr fixierende Landkarte begreifen.

Selbst konventionelle Landkarten fordern die Vorstellungskraft heraus. Auch bei uns bleibt vieles offen, als Subtext von Unausgesprochenem, als textlich-visuelle Form von Cultural Studies. Die einbezogenen Stimmen ergeben gedankliche Netze, Verbindungen zu ganz anderen Zonen, das auch als Ausgleich dazu, weil wir in der Wüste auf wenig Menschen getroffen sind. Das zeigen ja auch die Fotos. Gerade in deinen kommen praktisch nie Menschen vor. Die Scheu, einen auftauchenden Tuareg sofort als willkommenes Objekt „aufzunehmen“ – wohin eigentlich, wenn das „aufnehmen“ wörtlich genommen wird ? –, wird somit deutlich.

Das ist ein ganz wesentlicher Punkt meiner Arbeit. Bei meinen Sahara-Fotos habe ich meistens den Horizont ausgespart. Ich möchte eine ganz allgemeine Landschaft daraus machen oder eben eine Wüste, deren Situierung offen bleibt. Sobald darin ein Mensch auftauchen würde, könnte man das Bild sofort in bekannte Sequenzen einreihen. Dem will ich entgehen. Vor kurzem hat allerdings ein Geologe von einigen meiner Bilder sofort sagen können, woher sie stammen, weil er die Gesteinsformationen präzise zuordnen konnte. Auf einem solchen Weg wird der Rückbezug zum Ort wieder plausibel, weil ich nicht Menschen dafür benutze.

Dieses Aussparen von Menschen als Identifikationsfiguren bringt mich zur in vielen Texten über Wüsten durchschimmernden Faszination von staatsfernen Räumen. Die Sahara war die letzte Großregion der Erde, die in einen Staatenverband und dann in Nationalstaaten hineingekämpft wurde. Wie viele „verlassene“ Gegenden es inzwischen wieder gibt, in denen der Staat als Feind betrachtet wird, wo kaum für Schulen oder Spitäler gesorgt wird, muss einem zu denken geben. Sind dennoch solche anarchisch-anarchistischen Momente in deiner Generation noch ein Punkt?

Sicher, ein wichtiger sogar. Entlegene Orte, wo es keine Menschen gibt, suche ich auf, weil dort die Aneignung des Ortes durch das Foto, durch die Zeichnung, noch krasser, noch persönlicher, noch subjektiver ausfällt. Der gehört dann nämlich wirklich mir. Da ist sonst niemand. Einen solchen Ort zu kennzeichnen, wie das Künstler immer wieder machen, ist mir eher fremd. Die Ahnung, die Vorstellung, vorübergehend ein eigenes Territorium zu haben, ist mir lieber. So gesehen sind meine Fotografien ein Dokumentieren, ein Sammeln verschiedener Territorien, aus denen sich mein ganz persönlicher Fantasiekontinent zusammensetzt. Provoziert ist das sicher dadurch, dass es in unserer eigenen Umgebung kaum mehr möglich ist, solche weiten Freiräume zu finden.

Eine sich durchziehende Fragestellung unseres Projekts dreht sich um die Tatsache, dass Europa der einzige Kontinent ohne Wüsten ist, aber im Denken weit über biblische Bezüge hinaus immer wieder Wüstenkonstellationen auftauchen.

Es ist sicher die Suche nach unbegrenzten Freiräumen, die da mitspielt. Sie als Zonen des Übergangs zu sehen führt zum Glauben, dass dort die Imaginationskraft enorm gesteigert werden kann. Europa war kartografisch ja relativ rasch abgesteckt. Menschenleere Landschaften sind Inbegriff für Unbekanntes geblieben.

Sie künstlerisch im Rahmen konkreter Aufenthalte zu nutzen scheint sich aber nach den „Orientalisten“, den nach Nordafrika gereisten Künstlern, der Land Art weitgehend erübrigt zu haben. Bruce Chatwin ist in Afghanistan zum Schriftsteller geworden, Raymond Depardon war als Fotoreporter im Tschad und hat dann hervorragende Filme gedreht und betont, wie sehr ihn diese Aufenthalte verändert haben; es wird auch andere Beispiele geben …

Alighiero Boetti fällt mir dazu ein, der in den siebziger Jahren in Kabul das „One Hotel“ betrieben und von dort aus seine Projekte betreut hat, etwa die Wandkarten, die „Mappas“, die er als Teppiche hat weben lassen und die Ausführenden dabei frei arbeiten ließ.

Damit sind wir bei meinem Punkt, Reisen und freies Arbeiten zu verbinden, Nützlichkeit immer wieder neu zu bestimmen.

Bewusste Schnitte zu machen halte ich von Zeit zu Zeit für äußerst wichtig, als Unterbrechung, als Distanzgewinn zur eigenen Kultur. Länger an Orten zu sein, die quasi das Gegenteil von dem bieten, was ich hier habe, die einem einen ganz eigenen Lebensrhythmus abfordern, lässt einen anders reflektieren. Deswegen gehe ich jetzt auch für einige Monate nach China und als Künstler arbeite ich ohnedies ununterbrochen.

Ich habe Herbert Tichy ganz gut gekannt, der jahrelang in China, in Indien gelebt hat, als erster den Cho Oyu bestieg, für uns in der Jugend alle ein Begriff war. In den Jahren vor seinem Tod in Wien war er eher deprimiert, weil er zwischen alle Kulturen geraten war, wie er selbst gesagt hat. Gerade das erscheint mir aber durchaus als wünschenswert, über längere Aufenthalte, über Arbeit, von vielem etwas aufzunehmen und anderes in den Hintergrund zu schieben. So etwas könnte doch eine sehr offene Existenzform sein, in der man nicht von seiner Herkunft gefangen bleibt – durchaus als interessantes Zwischenstadium, aus dem sich unvorhersehbare Komprimierungen ergeben können.

Zwischenstadium ist ein schönes Wort, weil damit auch der Zwischenraum zwischen den großen Städten, den die Lebensformen bestimmenden Zentren gemeint ist, um den es uns hier geht, ob das nun eine Wüste ist oder nicht. Gerade in Asien sieht man, wie die Städte am Rand solcher Zonen rasend wachsen, Megastädte entstehen und sich als Verbindungen immer wieder neue Transitrouten bilden. Diese Ränder werden auf andere Weise wichtig, zum Beispiel wenn Bodenschätze gefunden werden. Auch neue Wildniszonen sind denkbar. Die Geschichte geht weiter. Deswegen zieht es mich dorthin. Solche kulturellen Veränderungen, einschließlich in Europa zu erwartender Leerzonen, werden sicher unsere Wahrnehmung sehr stark prägen.

 

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© Michael Hoepfner / Christian Reder 2004