| In
der Wüste kann ein Finden viel einprägsamer
sein als gewohnt; von der Sonne durchglühte, von
Wind und Sand zu kompakten Formen geschliffene Steine
aufzuheben löst Überlegungen aus. Für
uns ist das ein sehr guter Anfang, weil es in diesem
Gespräch um Ursprünge von Kunst geht. Wir
leben doch mit einem Kunstbegriff, der ziemlich unscharf
ist. Gerade solche einfachen Vorgänge können
zu seiner Klärung beitragen. Die Sahara ist dafür
nur ein Anlass um generell zu argumentieren. Denn dieser
Akt, aus irgendwelchen Erwägungen heraus einen
Stein aufzuheben, der einem interessant vorkommt, der
einen zu Gedanken anregt und den man sich vielleicht
sogar aneignet, gehört zu den ganz archaischen
Handlungsweisen der frühen Menschheit und fördert
jene Objekte zu Tage, die am Ursprung der Kunst stehen.
Am Ursprung der Kunst steht noch nicht etwas Bearbeitetes,
sondern ein der Lebensweise der Jäger und Sammler
entsprechendes Objekt, das gefunden wurde und für
die Frühmenschen ähnliche Arbeit geleistet
hat wie in der Moderne eine Plastik von Brancusi. Kunstwerke
lassen einen die Welt sehen, so wie der Künstler
sie sich vorstellt. Das ist die heutige Position. Der
Künstler will das. Das will auch der, der die Kunst
benützt, nämlich durch den Kopf des Künstlers
schauen, um mit dessen Hirn zu denken, mit dessen Augen
zu sehen.
Tatsachen der Natur
Jene Periode zu betrachten, in der noch nicht mit Werkzeugen
gearbeitet wurde, kann das Entstehen der Medien verständlich
machen, also der Blick auf die früheste Phase der
Menschheit, die ich WEIDEZEIT nennen möchte. Sie
liegt vor der Steinzeit, in der die Menschen bereits
mit Werkzeugen etwas aktiv an der Welt zu ihren Gunsten
ändern wollten. Als sie noch Weidemenschen waren
und sich ähnlich wie unsere Verwandten unter den
Säugetieren ernährt haben, also auf einem
bestimmten Gebiet als Nomaden lebten und selbst nichts
produzierten, mussten sie wissen, wo man das, was man
zum Überleben braucht, findet. Mit demselben Blick,
mit dem die gute Nahrung gefunden und angeeignet wird,
Beeren im Wald, ein verendetes Tier, das ein Löwe
übrig gelassen hat, wird ein Stein gefunden, ein
Stein, der einen zu Gedanken anregt. Auch eine Wolke
am Himmel wäre ein solches Beispiel. Sie erinnert
vielleicht an ein Tier, ändert sich durch den Wind,
schaut plötzlich wie ein Baum aus, verändert
sich wieder und wird zu einem Wesen, wie es in Träumen
auftaucht, zu einem Mischwesen, oben ein Stier, unten
ein Mensch. Am Anfang der Kunst stehen also nicht mit
Absicht hergestellte Dinge, sondern Tatsachen der Natur,
die einem sozusagen entgegenkommen und gewisse Überlegungen
auslösen. Sie sind das Modell für das, was
später Medium genannt wird, ein Gegenstand, der
zwischen Künstler und Publikum steht. Vom Künstler
in der Erwartung hergestellt, dass der Betrachter die
eigene Weltsicht übernehmen möge.
Wenn heutige Menschen in der Sahara Steine aufheben
und auch noch mühevoll nach Hause mitnehmen, dann
ist dies also der gleiche Akt, wie er inzwischen für
den Frühmenschen vor Hunderttausenden Jahren nachgewiesen
wurde.
In archäologischen Fundhorizonten, in denen Werkzeuge,
Knochen, Essensreste, Abfälle liegen, befinden
sich auch oft ortsfremde Steine. Die längste Zeit
sind sie von den Archäologen nicht beachtet und
aus dem Analysematerial eliminiert worden, weil sie
für die üblichen Untersuchungen nicht relevant
schienen. Allmählich sind einem aber die Augen
aufgegangen, weil Geologen genau erforscht haben, wo
diese seltsamen Steine herkamen. Zuerst einmal ging
es um die Untersuchung der Verbreitung von Werkzeugen
und inzwischen ist evident, dass die Steinzeitmenschen
schon sehr früh weiteste Strecken zurückgelegt
und ihre Erzeugnisse gehandelt und getauscht haben.
In Le Grand-Pressigny in Frankreich, zum Beispiel, gab
es eine paläolithische Werkstatt für Steinwerkzeuge,
die bis in Gegenden des heutigen Russland und nach Dänemark
gelangt sind. In der Folge sind nun auch jene oft unscheinbaren
Steine untersucht worden, die keine Werkzeuge waren.
Dabei hat sich vielfach herausgestellt, dass sie über
große Entfernungen transportiert worden waren.
Im Vergleich mit anderen Fundstätten wurde offensichtlich,
dass es sich tatsächlich um gesammelte Objekte
handelt, die vielleicht nicht als Werkzeug benutzt wurden,
aber offensichtlich für Wert befunden wurden, in
Besitz genommen und aufbewahrt zu werden. Diese ausgewählten
Steine bilden die früheste Kunstgeschichte, die
materiell überlebt hat.
Das Loch als Ereignis
Betrachten wir auch Tatsachen, die heute, völlig
banalisiert, im Repertoire der Gebrauchsmittel verschwunden
sind. Zum Beispiel das Durchlöchern von Steinen,
eine Erfindung, die ins Neolithikum gehört, also
frühestens vor 12.000 Jahren stattgefunden hat.
Für „das Loch“ als gefeierte Errungenschaft
habe ich verschiedene prähistorische Beispiele
in meiner Sammlung. Ganz offensichtlich war das ein
Ereignis, wie es heute die Weltraumfahrt ist, mit der
sich die Menschheit einen Status gibt, mit der sie zeigt,
wer sie ist im Universum. Man sieht an meinen Exemplaren
sofort, dass ein solches Loch eine ganz absichtliche,
eine kostbare Tat gewesen ist, so sorgfältig ist
es jeweils gemacht. Ein Webgewicht etwa trägt es
wie einen kostbaren Schmuck in der Mitte, präzise
von beiden Seiten konisch angebohrt. Das Loch ist also
gleichzeitig eine nützliche Gegebenheit aber auchSchmuck
und prahlerischer Akt. Die Betonung des Loches in einem
aus Ton gemachten Gewicht lässt sich erst verstehen,
wenn einem die Abkunft vom Steinloch, dessen Herstellung
äußerst schwierig war, bewusst ist, im Ton
machte es ja keine technischen Schwierigkeiten mehr.
Auch amerikanische „Donuts“ leiten ihre
Form davon her, mit ihrem kostbaren Loch in der Mitte.
Das Loch ist natürlich auch ein sexuelles Symbol
– vielleicht das erste absichtliche Motiv, das
die Menschen in den Höhlen gemalt haben, das dort
aber auch als von der Natur gefertigtes OBJET TROUVÉ
vorhanden war, als gefundenes, nicht von Menschen gefertigtes
Objekt.
Werkzeuge als Menschendarstellung
Versucht man, eine einfache Haue wie ein Frühmensch
anzuschauen, lässt sich in ihr sofort ein Mensch
erkennen. Sie ist unten breiter als oben, symmetrisch,
anthropomorph, weiblich. Das führt uns zu der Tatsache,
dass die frühen Objekte vieldeutiger waren als
die heutigen. Ein Gewicht etwa hatte oft die Form einer
Frau. Eine Hacke wiederum, die zerbrochen war, wurde
durchbohrt und als Schmuckstück um den Hals getragen.
Löcher gibt es also keineswegs nur, damit etwas
funktioniert.
Um gefundene Dinge oder archaische Objekte verstehen
zu können, genügt es eben nicht, sie wie zeitgenössische
oder geschichtliche Gegenstände zu studieren, also
vor allem hinsichtlich ihrer Form, die sie fürs
Auge präsentieren, so wie wir es in unserem geschrumpften
Kunstgebrauch gewohnt sind. Archaische Objekte existieren
nicht isoliert, sie haben mehrere Aufgaben – und
IMMER haben sie KONKRETE AUFGABEN. Sie sind Werkzeuge
in der sinnlich erfassbaren Welt, aber auch in der gedachten,
geträumten, zu deren Errichtung sie selbst beigetragen
haben.
Auch die Landschaft, mit archaischen Augen betrachtet,
verändert sich. So wie eine Wolke, ein gefundener
Stein in das Weltbild einbezogen wurde, hat die gesamte
Gegebenheit, die wir als Landschaft bezeichnen, mehr
beinhaltet als heute. Wir trennen in Stadt und Land,
in bebautes und unbebautes Land, Nutzland, Erholungsland,
Real Estate usw. In der Analyse mit den heutigen Begriffen,
die auf unserer säuberlich trennenden Weltnutzung
beruhen, liegt das Hauptproblem bei der Suche nach einem
Verständnis der archaischen Welt. Eine Kunst im
heutigen Sinn hat es genauso wenig gegeben wie eine
rein praktische Zweckhandlung.
Auch die Versuche, mit rein sprachlichen Mitteln Objekte
zu erklären, die nicht-sprachlich entstanden sind,
wobei ich mich auf die gesprochene Sprache beziehe,
stoßen immer auf die Schwierigkeit, dass es keine
definierenden Wörter gibt. Weil es eben noch keine
Wörter gab, als man vor drei Millionen Jahren Steine
zurechtschlug, die man heute "Chopper" nennt.
Die archaische Welt war ihre eigene Aussage. Ihre Bewohner
lebten nicht wie wir in einer WORTWELT.
Heute ist ein Hammer ein Werkzeug und kein Kunstwerk.
Oder er ist ein Kunstwerk, aber kein Werkzeug mehr.
Alles in einem
Meiner Ansicht nach lässt sich dieses Problem
angehen, ich will jetzt nicht sagen lösen, wenn
die Form, mit der üblicherweise der Big Bang dargestellt
wird, als Leitmodell benützt wird. Von der Wurzel
des noch nicht ganz geklärten Big Bang aus, also
dem Augenblick, an dem die gesamte Materie in einem
winzigen Raum zusammengeballt war, hat sie sich auseinander
bewegt wie in einem auf der Spitze stehenden sich erweiternden
Kegel – schematisch als Dreieck vorstellbar –
und in einzelne Elemente getrennt. So wie diesen Vorgang
sehe ich die Entwicklungen der Menschheit, der kulturellen
Tatsachen, der organisatorischen Tatsachen, wie sie
heutzutage erkennbar sind. Wenn wir als Schnitt durch
diesen Kegel eine Ebene „heute“ legen und
uns etwa die Situation der Oper ansehen, dann haben
wir einen Komponisten, einen Textschreiber, einen Dirigenten,
verschiedene Musiker, die ihr Leben mit dem Erlernen
dieser Musik verbracht haben, Produzenten, die das Ganze
organisieren, ein Opernhaus, wo das stattfindet, und
hundert weitere Funktionen, die für solche Aufführungen
notwendig sind, einschließlich der Musikkritik,
die alles vorbereitet und begleitet. Wenn wir auf die
Zeitebene von Bach zurückgehen, war das viel reduzierter.
Bach hat sein Oratorium komponiert, es einstudiert,
selbst aufgeführt. Nur den Textdichter und die
Kirche als Veranstalter hat er gesondert gebraucht.
Das Ganze fließt also zusammen. Weiter zurück,
bei „geboren um 1300“, treffen wir auf Guillaume
de Machault; er hat die Musik und den Text geschrieben,
das selbst aufgeführt, auch selbst dargestellt,
was darzustellen war. Eine gesonderte Funktion hatte
vielleicht nur die Hofgesellschaft irgendwo in Frankreich,
vor der das stattgefunden hat. Das heißt, es wird
noch konzentrierter.
Bei Festen im österreichischen Innviertel zum Beispiel,
wo ich aufgewachsen bin, hat sich eine solche Intensität
lange halten können. Ein Bauer, der in dieses Gasthaus
kommt, reimt zur Gstanzlmelodie aus dem Stegreif einen
Text und spielt dazu. Er macht die Musik nicht, benützt
aber ererbte Musik. Außerdem weiß er alles
übers Wetter, über seine Böden, die Vegetation,
seine Tiere, er kann sie aufziehen, er kann sie schlachten,
kann sie verarbeiten zu essbaren Speisen, er hat seinen
Stall und sein Haus selbst gebaut, sich seine Figuren
für die Kirche gemacht. Seine nicht lesen könnende
Frau heilt Krankheiten mit Kräutern, die sie kennt,
beide wissen, wie man Kinder aufzieht. Das waren nicht
nur Selbstversorger, sondern auch selbst entscheidende
Menschen, die ihr Schicksal noch weitgehend in der Hand
hatten; jedenfalls sehr wesentlich täglich daran
gearbeitet haben. Im Vergleich mit einem heutigen Großstadtmenschen,
der lesen und schreiben kann, eine Boulevardzeitung
liest und sonst nichts und der in der Schule gerade
durchgekommen ist, was weiß der von der menschlichen
Existenz im Universum? Gar nichts.
Noch einen Schritt zurück sind wir nun nahe beim
Big Bang. Da sitzt ein Hirte, wie er weiterhin in Sizilien
oder in den Abruzzen existiert, und spielt auf der Flöte,
die er selbst hergestellt hat, eine Melodie, die ihm
einfällt, und das nur zu seinem eigenen Nutzen;
ohne jedes Publikum. Die Herde gibt gerade Ruhe, er
findet Zeit dafür. Einmal im Hotellift in Mailand
habe ich bei einem koffertragenden Sizilianer so eine
kleine Flöte, ein „piffaro“, ein Pfeiferl,
aus seiner Brusttasche ragen gesehen. Die habe er gerade
selbst gemacht. Er gehe manchmal irgendwo hinaus, hat
er erzählt, allein, für eine „bella
pifferata“. Man pfeift sich eins, heißt
das bei uns. Das ist der Big Bang: Alles in einem.
Nichts mit sich zu führen, wie etwa im Australien
der Aborigines, und sich ad hoc Instrumente und eine
eigene Musik machen, wird Teil eines Ganzen, das wir
heute dramatisiert eine Zeremonie nennen. Sie trennen
das aber nicht, haben gar keine Sprache dafür,
können das gar nicht trennen. Daher sind die Erkenntnisversuche
von Ethnologen oft so dunkel und zum Großteil
falsch angelegt. Sie haben die Leute mit unbrauchbaren
Wörtern befragt. Was soll einer auf die Frage nach
seiner Religion sagen, wenn er mit diesem Begriff nichts
anfangen kann? Wer teilweise schon christianisiert gewesen
ist, hat die Erwartung gekannt und zum Glauben an einen
höchsten Gott eben irgendetwas gesagt. Von den
frühen Ethnologen waren ja viele Missionare, Martin
Gusinde etwa, und diese hatten ein Interesse daran,
ihren Schützlingen anzudichten, dass sie an einen
einzigen Gott glauben, und es aus dem Gesagten irgendwie
herauszulesen. Das ist sehr schön. Denn die Ethnologie,
die sich doch als Wissenschaft versteht, stellt sich
dadurch als Kunstgattung heraus. Der Autor schafft sich
einen Feuerländer nach seinen Vorstellungen. Dieser
glaubt an einen Gott und das beweist, dass es immer
schon so gewesen ist.
Angreifen, begreifen
Inzwischen hat in vielen Disziplinen das Bedürfnis
zugenommen, sich mehr dem zu nähern, was einmal
tatsächlich da war, uns aber längst fremd
geworden ist. So fremd wie die Begeisterung für
ein gebohrtes Loch, das längst keine Sensation
mehr ist, weil es in die Banalität des täglichen
Lebens eingegangen ist. Ohne diese Gleichgültigkeit
käme niemand durch den Tag. Würde ich jedes
Wunder, das mir begegnet, feiern, könnte ich nie
über das Frühstück hinausgelangen. Dadurch
verdunkelt sich das Wissen über die Weltanschauung,
die unsere frühen Vorfahren einmal hatten. Gerade
das aber fasziniert mich unglaublich. Indem ich nicht
allein mit der Sprache arbeite, sondern zugleich Objekte
aus allen Kulturen, aus allen Zeiten sammle, also Gegenstände,
die man betasten und angreifen kann, versuche ich, auf
außersprachlichen Wegen Verständnis zu erlangen
und das Gefundene auch mit außersprachlichen Mitteln
weiterzugeben. Für meine Vorträge ist das
ein großer Vorteil. Ich sammle meistens Serien
von Stücken, ihrer Beziehungen wegen. Sie anzureifen
gibt einem gleich ein weiteres Standbein gegenüber
Aussprechbarem. Der direkte, sinnliche Kontakt mit materiellen
Dingen ist äußerst wichtig. Das lehrt ja
die Sprache selbst, in wunderbarer Weise, mit dem Ausdruck
„Begriff". Ich kann die Dinge begreifen,
weil ich sie tatsächlich angreife.
Oswald von Wolkenstein, der Komponist und Dichter, singt
in einem Lied davon, wie er mit einem Schiff untergeht,
und darin heißt es, der Sturm „lehrt mich
ein Fass begreifen“. An dem hat er sich angeklammert
um nicht zu ertrinken. So ist dieses Wort damals noch
verwendet worden. Inzwischen haben wir es völlig
losgelöst vom Griff der Hände. Dieses wunderbare
Wort „greifen“, begreifen, wie es im 14.
und 15. Jahrhundert noch gebraucht wurde, bringt mit
sich, dass man Dinge anders verstehen lernt. In „verstehen“
wiederum steckt „stehen“ drinnen. Also ein
Standpunkt, ein Ort, von dem aus man eine Sache betrachtet.
Solche Bezüge sind wichtig, um Dingen gründlich
nachzugehen. Die Sprache zeigt einem aber auch, je präziser
man etwas formulieren will, wie unsicher und dünn
ihr Boden ist, auf dem wir unsere Weltsicht darstellen
wollen, nirgends gibt es festen Grund. Jedenfalls macht
der Begriff, wenn das Greifen hineingedacht wird, sofort
alles klarer und anders. Weil sich durch Greifen Gegenstände
viel besser entschlüsseln lassen als nur durchs
Sehen, sind die Museen bloß zur Hälfte etwas
wert, oder nicht einmal das. Würde ich meine Dinge
in ein Museum geben, müsste sie jeder angreifen
können. Das überstehen sie natürlich
nicht lange.
Wie wichtig so was ursprünglich war, machen die
frühesten Plastiken deutlich, die ja von Nomaden
für Nomaden angefertigt wurden. Sie sind alle nicht
größer als eine Handspanne. Wenn man die
Venus von Willendorf, die 26.000 Jahre alt ist, nur
anschaut, dann ist sie nicht gerade das, was wir als
schön empfinden. Sobald sie aber in der Hand liegt,
ist das ein unglaublich erotisches Ereignis. Dazu muss
man sich vorstellen, dass sie einer mit sich getragen
hat, vielleicht monatelang. Er hat sie sicher immer
wieder angegriffen. Auch an ihrem Abguss, den ich besitze,
der wegen des Materials vom Gewicht her nicht ganz stimmt,
wird völlig klar, dass zu ihrem Verständnis
die Hand notwendig ist. Eine analoge Form, die in verschiedenen
Kulturen überlebt hat, sind die Schmeichelsteine.
Komboloi, eine Art Rosenkranz, dessen Kugeln Griechen
oder Mazedonier durch ihre Finger bewegen, geht darauf
zurück.
Bewusst muss einem bleiben, wie viel uns fehlt, weil
ein Großteil der Materialkulturen schnell vergänglich
gewesen ist. Deswegen ist auch die Bezeichnung „Steinzeit“
gefährlich, weil sie glauben macht, die Leute damals
hätten nur Steine verwendet. Eine der wichtigsten
diplomatischen Anstrengungen, die gemacht werden müsste,
wäre deshalb eine Versöhnung von Ethnologie
und Archäologie. Es ist kaum zu glauben, wie allzu
menschlich in der Wissenschaft mit so wichtigen Fragen
umgegangen wird; da gibt es Rivalitäten, Mangel
an Objektivität und Verschweigen sachdienlicher
Fakten. Wie in der Archäologie materielle Dinge,
gefundene Dinge, Fossile, die im „Graben“,
in der „fossa“ überlebt haben, ans
Licht kommen, so sind in der Ethnologie Formen und Verhaltensweisen
erhalten geblieben, auch heute hergestellte Objekte
aus vergänglichem Material, die zu den archaischen
Steinen passen und deren Verständnis erleichtern.
Erst wenn eine Zusammenschau entsteht, die auch die
Verhaltensforschung miteinbezieht, werden größere
Schritte im Verständnis der frühen Zeiten
möglich sein.
Multiple Funktionen, komplexe Bedeutungen
Jetzt möchte ich Dinge konkreter behandeln, die
wir in den hier abgebildeten Fotos von der Elfie Semotan
dokumentiert haben. Beginnen möchte ich mit diesem
Objekt aus dem bolivianischen Amazonasgebiet. An ihm
lässt sich sehr schön die Einheit von Funktionen
in einem einzigen Gegenstand nachweisen. Es ist ein
längliches Holzstück, das mit scharfen Steinen
zugeschnitten wurde. Seine Schneide ist gerade so dünn,
dass sie nicht bricht. Die verletzte Kante beweist,
dass es tatsächlich in Gebrauch war. Dieses Ding
ist ein Schlagstock aus sehr hartem, schwerem Holz,
mit dem man jederzeit jemandem den Schädel einschlagen
kann. Neben seiner Funktion als Waffe kann es aber auch
als ein anderes „Schlaginstrument“, als
ein durch Taktschlagen Zeit erzeugendes, Ekstase erzeugendes,
hart und präzis klingendes Perkussionsinstrument
benutzt werden. Zwei Töne sind ihm möglich,
so wie bei vielen dieser Gegenstände. Dabei ist
es keineswegs so, dass jedes Holzstück klingt.
Ein richtiges muss erst gefunden werden. In meiner Sammlung
habe ich ganze Serien, die das belegen. Im Weiteren,
da es eine der Länge nach durchgehende Bohrung
aufweist, dient es auch als Blasinstrument, als Flöte
– um sich selbst eine schöne Pfeiferei zu
machen. Im Wesentlichen kann es zwei Töne, ob es
nun geblasen oder geschlagen wird. Es lässt sich
darüberhinaus zum Nachahmen von Vogelstimmen verwenden,
um die Sprache der Vögel listig zu benutzen, sie
anzulocken und umzubringen. Es ist also auch ein Jagdgerät.
Zugleich war es offensichtlich ein heiliges Objekt.
Figural ist es anthropomorph, ein aufrechter Mensch.
Es ist mit Zeichen versehen, die keineswegs als „Verzierungen”
abzutun sind – wiederum so ein schrecklicher Begriff,
der in der Kunstgeschichte fürchterliches Unheil
anrichtet. Die gekreuzten Linien sind Mitteilungen,
Sprache. Man müsste sie entziffern. Alles an diesen
Gegenständen ist bedenkenswert. Da ist nichts zufällig.
Eines der wichtigsten Dinge, die man bei Überlegungen
dazu begreifen muss, ist, dass das Nützliche und
das, was wir als heilig bezeichnen, das Jenseitige,
das Geistige, dass das zusammenfällt. Im Besitz
dieses heiligen Gegenstandes konnte erreicht werden,
was einem normalen Tier – Menschen sind ja Tiere
in ganz neutralem Sinn – oder dem Nachbarstamm
nicht möglich war. Es spielt mit, was wir später
Poesie, Phantasie nennen. Auch in diesem Gegenstand
gibt es ein kunstvoll gebohrtes Loch, das nicht einfach
in einer Richtung durchgeht, sondern gebogen ist. Trotz
seines schlichten Aussehens dient dieses Ding also als
Totschläger, als Wurfholz und gleichzeitig zum
Erreichen von Ekstase. Es bewirkt Veränderungen
an der Welt, der äußeren und der inneren,
der tatsächlichen und der geträumten. Du kannst
schlagen, du kannst werfen, du kannst Töne erzeugen,
du kannst es umgehängt tragen als ein Abzeichen.
Es zeigt, wer du bist. Mit ihm kann man seinen Status
angeben.
Der Frühmensch verschmilzt mit dem Objekt in seiner
Hand. Damit verändert er seine Gattung und müsste
einen neuen Gattungsnamen tragen. Das ist das Faszinierende
am Schicksal der Menschheit. Durch diese Gegebenheit
der Hand kann jemand auf Zeit mit etwas anderem verwachsen.
Solange ich dieses Gerät umklammere, bin ich gefährlich.
Sobald ich es weglege und mir einen Kürbis pflücke,
bin ich ein anderer. Wir VERÄNDERN unsere IDENTITÄT
mit jedem Objekt, das wir in die Hand nehmen. Weil wir
sie heute tausendmal pro Tag ändern, ist das nur
mehr schwer zu begreifen. Mit einem Schreibstift in
der Hand bin ich ein Schreibstiftwesen. Wir legen ihn
weg, setzen die Brille auf, haben einen Löffel,
haben eine Frucht in der Hand. Alles das ändert
streng genommen die Identität.
Damit sind wir jetzt an der Schwelle zum weiten Gebiet
des Tätowierens, des Verkleidens, der Masken. Diese
Veränderungen am Körper sind viel älter
als jede Nutzkleidung, die vor Kälte oder Sonne
schützen soll. Sie verwandeln die Identität.
Beispiele wie dieses „tönende Schlagholz”
zeigen Einheit und komplexe Funktionsweisen zugleich.
Sichtbar bleibende Spuren
Zum Thema der darstellenden Kunst möchte ich mit
dem auf den Fotos abgebildeten Kürbis beginnen.
Wenn den ein Frühmensch angeschaut hat, dann hatte
er ganz unmittelbare Zugänge zu diesem Objekt.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass er in ihm einen Menschen
und zwar eine Frau gesehen hat. Wieso willst du wissen,
dass das für ihn eine Frau ist, wird man mir bei
dieser Behauptung entgegenhalten. Dann zeige ich einen
ähnlichen Kürbis aus der russischen Tradition,
der zu einer Babuschka verarbeitet ist und der mehr
Hinweise trägt auf das, was man sich vorstellen
soll. Er ist konkreter. Zu sehen ist eine nicht mehr
ganz junge Frau in ihrem Gewand, mit über die Brust
geschlagenen Händen. Man wird also sehr genau angeleitet.
Dann stelle ich diese Puppe weg und zeige nur mehr den
vorherigen Kürbis. Sofort weißt du, was das
ist. Um sich also zurückzutasten, in Zeiten, in
denen die Objekte viele Bedeutungen hatten, ist es nützlich,
stufenweise vorzugehen. Jetzt zeige ich dieses Sinkgewicht
für Netze aus Hawaii. Nachdem der Kürbis entschlüsselt
worden ist, versteht man auch, was das für eine
Form ist. Es ist eine Frau. Das ist eine wunderbare
Skulptur, wie sie nicht schöner gemacht sein könnte,
von niemandem. Das steht in der höchsten Klasse.
Zugleich ist sie ein Sinkgewicht für Fischer. Sie
hat auch wieder ein sehr schön gemachtes Loch und
diese dünne eingemeißelte Hüftlinie.
– Wenn man einmal den Code geschafft hat, werden
die Dinge sonnenklar.
Im Vergleich dazu die Barbiepuppe. Mit diesem überhöhten
Naturalismus beschreiben wir heute einen Menschen. Und
heutige Kinder identifizieren sich mit diesem Bild.
Mit dem eben besprochenen Stein wäre das schon
schwieriger. Die ganz Kleinen können es noch, später
würden sie die Puppe vorziehen. Weil wir so weit
in der Spezialisierung gekommen sind, brauchen wir viel
mehr Angaben und Details, als früher notwendig
waren. Die Barbie hat zwar auch einen Hintern, nur sagt
der Hintern der Steinfigur viel mehr über einen
Hintern aus. Die Steinfigur ist unglaublich sinnlich,
während die Barbie literarisch ist. Würde
eine Frau wirklich so ausschauen, wäre es entsetzlich.
Dass angeblich „Höherentwickelte“ ein
besseres Abstraktionsvermögen haben, stelle ich
also klar in Abrede. Schon über das Wort „abstrakt“
müsste man länger reden. Ich denke, es gibt
nichts Abstraktes. Der Irrtum damit hat sich mit dem
Entstehen der modernen Kunst ergeben, die sich ja stark
an der archaischen Kunst Afrikas orientiert hat. Das
so genannte Abstrakte ist nichts anderes, als dass das
realistische Augen-sehen des Akademismus plötzlich
verschwunden ist. Neben afrikanischen Beispielen kann
man die Aborigines hernehmen, ihre Röntgenmalerei,
wie das heute genannt wird. Nicht das Augenerlebnis
Känguru wird dargestellt, sondern das Wissen über
das Känguru, einschließlich seines Magens,
der Verdauung, der Speiseröhre, der inneren Organe.
Das haben sie aufgemalt und dann noch geometrisiert,
um Bedürfnisse nach Klarheit zu befriedigen. Auch
am Beispiel des abstrakten Expressionismus ist offensichtlich,
dass nicht Inhalte verschwunden sind, sondern die Malerei
ganz konkret zu sichtbaren Spuren wird, zu Spuren der
Dynamik, die geherrscht hat, als das Bild entstand,
ob nun geschüttet, wild mit dem Pinsel hingehaut,
mit der Hand gestrichen oder von Jackson Pollock Farbe
aufgegossen worden ist. Die Malerei hat sich also in
eine Richtung begeben, der in der Musik schon lange
gefolgt wird, obwohl diese natürlich auch Aussagen
hat, sofern nicht gerade ein Augen- oder Hörerlebnis
imitiert wird. Der Begriff „abstrakt“ ist
eigentlich die Schöpfung hilfloser, ursprünglich
negativ gemeinter Kritikversuche an einer Kursänderung
in der modernen bildenden Kunst. Gleichzeitig ist klar,
dass kein Maler verpflichtet sein kann, das, was er
tut, von vornherein durch Sprache auszudrücken.
Das führt nur zur heute üblichen Unterwerfung
unter die Diktatur der Sprache, zum Zwang, sprachlich
zu erläutern, was in einem Medium, das völlig
anders funktioniert, vor sich geht.
Steine als Medium
An zwei auf den ersten Blick unauffälligen Steinen
aus meiner Sammlung, die, um es noch einmal zu betonen,
in erster Linie dazu dient, dass die Dinge in die Hand
genommen, dass Abfolgen und weit gefasste kulturgeschichtliche
Bezüge studiert werden können, wird vieles
vom bisher Gesagten auf einfachste Weise deutlich. Der
eine Stein hat überhaupt keine Bearbeitungsspuren.
Er stammt aus einer 350.000 Jahre alten Ausgrabungsschicht
aus Bilzlingsleben in Thüringen, wo er mit vielen
anderen herumgelegen ist. Dass er etwas Besonderes ist,
kann einem erst bewusst werden, sobald man ihn angreift.
Nach einigen Versuchen findet sich eine Stellung, in
der er sehr genau in der Hand liegt. So wird er zur
tödlichen Waffe.
Wie lassen sich solche Vorgänge rekonstruieren?
Aus der Ethnologie ist inzwischen bekannt, dass Aborigines,
die einen Stein zuschlagen, oft Hunderte wegwerfen,
bevor sie einen akzeptieren. Es wird also ganz bewusst
gesucht, bis ein Stein gefunden ist, der wirklich gut
in die Hand passt.
Der andere Stein kommt aus Afrika. Er ist aus viel härterem
Material. Wer sich nicht auskennt, ihn nicht „lesen“
kann, würde ihn ebenfalls nicht beachten. Er weist
einen einzigen Abschlag auf, der eine scharfe Kante
erzeugt hat. Auch bei ihm findet sich eine Position,
wo er ganz genau in der Hand sitzt. Der englische Fachausdruck
dafür ist Chopper. Er ist älter als der Chopping
Tool, die nächste Bearbeitungsstufe, die deutlicher
abgeschlagen ist. Diese Chopper gehen zurück auf
2,8 Millionen Jahre. Schon unter ihnen gibt es rechts-
und linkshändig passende Steine, meistens sind
sie rechtshändig. Daran, glaube ich, rechtfertigen
sich meine Arbeitsweise, meine Sammlung und meine Vorträge.
Auf diese Dinge kommt man nicht, wenn man in Vitrinen
blickt, Bücher liest oder philosophiert. Du musst
die Steine in die Hand nehmen, musst mit ihnen spielen
können, muss mit ihnen phantasieren können.
Dann kann man sie auch lieben und versteht auch, wie
wichtig so ein Stein einmal gewesen ist. Die Ähnlichkeit,
wie der völlig unbearbeitete und der schon zugerichtete
Stein in der Hand liegen, macht auf die endlos langen
Entwicklungszeiten aufmerksam und wie geschichtet und
parallel historische Epochen verlaufen sind. Denn in
unserem Fall ist der unbearbeitete Stein zufälligerweise
nur 350.000 Jahre alt, während der schon bearbeitete
viel älter ist. Es gab auf der ganzen Erde Bumerangs,
bei uns ist es aber vielleicht 20.000 Jahre oder mehr
her, dass sie verwendet wurden, in Australien nur hundert
Jahre. Genau so ist es mit diesen Steinwerkzeugen.
Der Zeigefinger des Künstlers
Meine nächsten Beispiele beziehen sich auf das
Medium und die Landschaft. Hier habe ich einen fast
schwarzen, glänzenden Stein, der in unserer Kultur
kaum beachtet würde. Erst durch wissende Hinweise
lässt er sich richtig betrachten: In seiner Form
wird das Abbild einer Landschaft sichtbar. Er kommt
aus Japan und entstammt einer künstlerischen Tradition,
die sich Suiseki nennt, eine Kulturpraxis, die bis in
die Steinzeit zurückgeht. Schon damals eigneten
sich Menschen solche gefundenen, völlig unbearbeiteten
Steine an und bewahrten sie als Kostbarkeit auf. In
Japan konnten sich Menschen, die auf engstem Raum leben
mussten, zu einer Zeit, als es noch keine Holzschnitte
oder Fotografien gegeben hat, in Gestalt solcher Steine
Abbilder einer freien Natur in ihren Haushalt stellen.
Als Tradition lebt das auch im heutigen Japan fort.
Daran lässt sich sehr schön verstehen, was
es mit Medien an sich hat. Ein solcher Stein ist ein
Medium, indem er eine Landschaft darstellt. Ohne Hinweis
darauf würde er jedoch ignoriert, würde er
bloß daliegen und irgendein Stein sein. Im Moment,
wo die Artikulation des Künstlers dazukommt, der
zeigende Finger also, denke ich plötzlich nach,
was er zu bedeuten hat.
Der Zeigefinger ist ein frühestes Instrument der
Kunstausübung, ob er nun auf eine Wolke oder auf
das nicht so leicht erkennbare Abbild irgendeines Wesens
aufmerksam macht. Das Zeigen auf den Stein veranlasst
mich, ihn zu untersuchen. Ich werde plötzlich sehen,
dass er einer weiten Berglandschaft, mit einem Tal,
vielleicht mit einem Fluss, ähnlich ist. Wo aber
bleibt nun der Zeigefinger wenn der Finder/Erfinder
des Kunstwerks nicht mehr zugegen ist? Um dieser erklärenden
Funktion Dauer zu geben, schneidet in unserem Fall der
Künstler dem Stein einen Rahmen auf den Leib, der
genau passt, der ihn als Sockel exakt umschließt.
Da wackelt nichts, auch wenn man daran rüttelt.
Jetzt ist das plötzlich ein Bild und darunter ist
der Rahmen, so wie auch in der Malerei der Rahmen die
Aufgabe hat zu sagen, Freund, nach innen musst du schauen.
Was innerhalb des Rahmens ist, geht dich etwas an, innerhalb
ist das, was ich mitteilen will. Der Stein wird also
vom Rahmen umschlossen und dadurch zum Bild. Er wird
zur plastischen Darstellung einer Landschaft, obwohl
er völlig unbearbeitet ist. Er muss unbearbeitet
sein, sonst gilt es nicht nach den Regeln des Suiseki.
Er muss von der Natur vor/bereitet sein, gesucht werden,
erkannt werden und selbst angeeignet werden. Hier ist
das archaische „ready made”, das archaische
„objet trouvé”. Suiseki heißen
diese Steine, weil sie im Wasser gefunden werden; Su
heißt Wasser. An diesem Beispiel lässt sich
sehr schön weit zurückdenken, zu den Quellen
des Mediums, des mitteilenden Mediums.
Nonverbale Weltbilder
Ein weiterer Zugang zu frühen Vorstellungswelten
ist, wie in natürlich gegebenen Tatsachen unter
ganz komplizierten Umständen suggestive Formen
erblickt worden sind. Die für diesen Beitrag fotografierte
Astgabel sieht auf den ersten Blick wie der Teil irgend
eines Baumes aus. – Kaum ist sie um 180 Grad gedreht,
wird sie zu einem Menschen mit Händen und Beinen.
Bekommt sie noch ein Gesicht verpasst, das aus der eigenen
Kultur kommt, in diesem Fall von den Sepik aus Papua-Neuguinea,
dann hast du – modern ausgedrückt –
einen Schutzgott, einen Fetisch oder was immer. Diese
Benennungen sind natürlich sehr problematisch.
Faktum aber ist, dass ein Stück gewachsener Natur
zu einem anthropomorphen Gegenstand wird; wozu er benützt
wurde ist eine andere Sache. Interessant daran ist das
großartige Vermögen, mit formalen Erinnerungen
zu jonglieren. Der das gemacht hat, war fähig,
die Äste im Wald in seiner Vorstellung umzudrehen,
damit er die Menschenform kriegt. Aus Hunderten Bäumen
hat er sich genau dieses Stück ausgesucht und es
herausgeschnitten. Vorher aber musste er in der Lage
sein, einen verkehrten Menschen in dieser Astkonstellation
zu entdecken. Hier handelt es sich um eine Parallele
zu Chopping tools. Die natürliche Gegebenheit wird
nur geringfügig verändert, um genau erkennen
zu lassen, was gemeint ist. Wenn der Künstlermensch
dieser Kultur sich durch den Wald bewegte, war es ihm
wohl klar, dass in jedem Baum ein menschenförmiges
Wesen enthalten ist. Welch ein Erleben! Das haben wir
verloren.
Betrachten wir noch ein Beispiel für den Zusammenhang
von Erscheinungen unserer Zeit und allerfrühesten
Gebrauchgegenständen, die zugleich Kunstobjekte
waren. Diese große Bohnenschote von einem afrikanischen
Baum ist völlig unbearbeitet, wurde nur abgepflückt
und getrocknet. Sie wird seit urdenklichen Zeiten als
Musikinstrument benutzt. Die Kerne erzeugen rasselnde
Töne. Sie scheppern. Bei diesem zeitgenössischen,
als Stofftier erscheinenden Kinderschepperl ist es genauso.
Wird es geschüttelt, rasselt es. Zwischen diesen
beiden Dingen liegen, auf den Gebrauch bezogen, wahrscheinlich
mehr als eine Million Jahre. Solche Instrumente übernehmen
auch als erstes Spiel/zeug die Erziehung des Säuglings.
Sie sagen ihm: Was sich bewegt, macht ein Geräusch.
Bleibt etwas ruhig, ist nichts zu hören. Erst durch
Bewegung wird das anders. Wenn du also etwas hörst,
sollst du hinschauen, musst du aufpassen. In seiner
Einfachheit ist das genial. Solche Rasseln, solche Schepperln,
gibt es in allen Kulturen, wie weit man auch zurückgeht.
Ich habe zum Beispiel eine Menge präkolumbianischer
Beispiele. In der frühen Töpferzeit hatte
fast jedes keramische Objekt eine Stimme.
Hören ist, mit der Literatur verglichen, das Zeitwort,
ist Tätigkeit. Nur wenn etwas geschieht, gibt es
Töne. Sehen ist das Hauptwort. Was es ist, das
sehe ich. Was es tut, das höre ich. Damit sind
wir bei der Genesis der gesprochenen Sprache. Die Sprache
ist heute schon getrennt in Lauterscheinung und Bedeutung.
Das Schepperl ist noch, was es bedeutet.
Vom Zeigen und vom Zeigefinger war schon die Rede. Zum
Thema Eingrenzen des Blicks gehören auch Techniken,
um den Blick einzurahmen, wie es in der Fotografie oder
im Film geschieht. Auf unseren Fotos mache ich es einfach
mit den Händen, dann zeige ich auf eine aus der
Sahara stammende Ritzzeichnung. Das soll solche einfachen
Vorgänge verdeutlichen. Wie wichtig mir die Hand
ist, das Greifen, Begreifen, demonstriere ich mit der
bloßen, ausgestreckten Hand, der zur Kralle geformten
Hand, mit der Faust. Von der körpereigenen Faust
geht es zum steinernen Fäustel, zuerst zum völlig
unbearbeiteten Stein, dann zum Chopper, der mit nur
einem Schlag geschärft ist, dann zum Chopping Tool,
also einem schon mit zwei Schneiden und einer Spitze
versehenen Kiesel. Diese vollendeten Formen, nur geschlagen,
nicht geschliffen, sind einzigartig in ihrer Herstellung.
Ein falscher Schlag und das ganze Objekt ist zerstört.
Der Herstellungsablauf ist eine Parallele zu einem sich
ereignenden Musikstück.
Aus einer ganz anderen Zeit und Kultur stammt dieser
einfache Kieselstein aus Vietnam. Er ist mit vielen
kostbaren Lackschichten überzogen. Ich liebe seine
Eleganz, weil ich weiß, dass darunter nichts Gemachtes
ist, sondern eine Tatsache der Natur, die gefeiert wird.
Um wie viel schöner und offener ist ein solches
Objekt als jeder Herrgottswinkel, mit seiner Arroganz
eines menschlichen Gottes, der das Universum geschaffen
hätte.
Um noch einmal in die Richtung unseres Themas „Ursprünge
von Kunst“ zu stoßen: Unser Gespräch
hat, hoffe ich, gezeigt, dass die reine Sprache für
eine Auseinandersetzung mit unserem Leben einfach überfordert
ist. Zweifel an der Sprache – ob bei Wittgenstein
oder Gertrude Stein – negieren ja nicht, wie wunderbar
Sprache sein kann, sondern machen bewusst, was sie alles
nicht kann. Inzwischen finden wir uns aber in einer
Kultur, die nicht mehr von Menschen, sondern diktatorisch
von Sprachsystemen gelenkt wird. Ich schlage hingegen
vor die Einbeziehung ALLER SINNE in die Formulierung
des Weltbildes. Für Erwägungen, die uns in
der Zukunft überleben lassen, ist es unabdingbar,
Verlorengehendes aus unserem Erbe zurückzuholen.
Die außersprachliche, nonverbale Philosophie,
die nicht sprachlich formulierten Äußerungen
von Weltanschauung, können zurückerobert und
benützt werden. Das ist mir wesentlich.
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