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Springer Wien New York
   

Sahara. Text- und Bildessays

Herausgegeben von Christian Reder und Elfie Semotan
Edition Transfer bei Springer Wien New York 2004


 

Peter Kubelka
Ursprünge von Kunst: suchen, finden, begreifen
Ein Gesprächstext, aufgezeichnet von Christian Reder

In der Wüste kann ein Finden viel einprägsamer sein als gewohnt; von der Sonne durchglühte, von Wind und Sand zu kompakten Formen geschliffene Steine aufzuheben löst Überlegungen aus. Für uns ist das ein sehr guter Anfang, weil es in diesem Gespräch um Ursprünge von Kunst geht. Wir leben doch mit einem Kunstbegriff, der ziemlich unscharf ist. Gerade solche einfachen Vorgänge können zu seiner Klärung beitragen. Die Sahara ist dafür nur ein Anlass um generell zu argumentieren. Denn dieser Akt, aus irgendwelchen Erwägungen heraus einen Stein aufzuheben, der einem interessant vorkommt, der einen zu Gedanken anregt und den man sich vielleicht sogar aneignet, gehört zu den ganz archaischen Handlungsweisen der frühen Menschheit und fördert jene Objekte zu Tage, die am Ursprung der Kunst stehen. Am Ursprung der Kunst steht noch nicht etwas Bearbeitetes, sondern ein der Lebensweise der Jäger und Sammler entsprechendes Objekt, das gefunden wurde und für die Frühmenschen ähnliche Arbeit geleistet hat wie in der Moderne eine Plastik von Brancusi. Kunstwerke lassen einen die Welt sehen, so wie der Künstler sie sich vorstellt. Das ist die heutige Position. Der Künstler will das. Das will auch der, der die Kunst benützt, nämlich durch den Kopf des Künstlers schauen, um mit dessen Hirn zu denken, mit dessen Augen zu sehen.


Tatsachen der Natur

Jene Periode zu betrachten, in der noch nicht mit Werkzeugen gearbeitet wurde, kann das Entstehen der Medien verständlich machen, also der Blick auf die früheste Phase der Menschheit, die ich WEIDEZEIT nennen möchte. Sie liegt vor der Steinzeit, in der die Menschen bereits mit Werkzeugen etwas aktiv an der Welt zu ihren Gunsten ändern wollten. Als sie noch Weidemenschen waren und sich ähnlich wie unsere Verwandten unter den Säugetieren ernährt haben, also auf einem bestimmten Gebiet als Nomaden lebten und selbst nichts produzierten, mussten sie wissen, wo man das, was man zum Überleben braucht, findet. Mit demselben Blick, mit dem die gute Nahrung gefunden und angeeignet wird, Beeren im Wald, ein verendetes Tier, das ein Löwe übrig gelassen hat, wird ein Stein gefunden, ein Stein, der einen zu Gedanken anregt. Auch eine Wolke am Himmel wäre ein solches Beispiel. Sie erinnert vielleicht an ein Tier, ändert sich durch den Wind, schaut plötzlich wie ein Baum aus, verändert sich wieder und wird zu einem Wesen, wie es in Träumen auftaucht, zu einem Mischwesen, oben ein Stier, unten ein Mensch. Am Anfang der Kunst stehen also nicht mit Absicht hergestellte Dinge, sondern Tatsachen der Natur, die einem sozusagen entgegenkommen und gewisse Überlegungen auslösen. Sie sind das Modell für das, was später Medium genannt wird, ein Gegenstand, der zwischen Künstler und Publikum steht. Vom Künstler in der Erwartung hergestellt, dass der Betrachter die eigene Weltsicht übernehmen möge.
Wenn heutige Menschen in der Sahara Steine aufheben und auch noch mühevoll nach Hause mitnehmen, dann ist dies also der gleiche Akt, wie er inzwischen für den Frühmenschen vor Hunderttausenden Jahren nachgewiesen wurde.
In archäologischen Fundhorizonten, in denen Werkzeuge, Knochen, Essensreste, Abfälle liegen, befinden sich auch oft ortsfremde Steine. Die längste Zeit sind sie von den Archäologen nicht beachtet und aus dem Analysematerial eliminiert worden, weil sie für die üblichen Untersuchungen nicht relevant schienen. Allmählich sind einem aber die Augen aufgegangen, weil Geologen genau erforscht haben, wo diese seltsamen Steine herkamen. Zuerst einmal ging es um die Untersuchung der Verbreitung von Werkzeugen und inzwischen ist evident, dass die Steinzeitmenschen schon sehr früh weiteste Strecken zurückgelegt und ihre Erzeugnisse gehandelt und getauscht haben. In Le Grand-Pressigny in Frankreich, zum Beispiel, gab es eine paläolithische Werkstatt für Steinwerkzeuge, die bis in Gegenden des heutigen Russland und nach Dänemark gelangt sind. In der Folge sind nun auch jene oft unscheinbaren Steine untersucht worden, die keine Werkzeuge waren. Dabei hat sich vielfach herausgestellt, dass sie über große Entfernungen transportiert worden waren. Im Vergleich mit anderen Fundstätten wurde offensichtlich, dass es sich tatsächlich um gesammelte Objekte handelt, die vielleicht nicht als Werkzeug benutzt wurden, aber offensichtlich für Wert befunden wurden, in Besitz genommen und aufbewahrt zu werden. Diese ausgewählten Steine bilden die früheste Kunstgeschichte, die materiell überlebt hat.


Das Loch als Ereignis

Betrachten wir auch Tatsachen, die heute, völlig banalisiert, im Repertoire der Gebrauchsmittel verschwunden sind. Zum Beispiel das Durchlöchern von Steinen, eine Erfindung, die ins Neolithikum gehört, also frühestens vor 12.000 Jahren stattgefunden hat. Für „das Loch“ als gefeierte Errungenschaft habe ich verschiedene prähistorische Beispiele in meiner Sammlung. Ganz offensichtlich war das ein Ereignis, wie es heute die Weltraumfahrt ist, mit der sich die Menschheit einen Status gibt, mit der sie zeigt, wer sie ist im Universum. Man sieht an meinen Exemplaren sofort, dass ein solches Loch eine ganz absichtliche, eine kostbare Tat gewesen ist, so sorgfältig ist es jeweils gemacht. Ein Webgewicht etwa trägt es wie einen kostbaren Schmuck in der Mitte, präzise von beiden Seiten konisch angebohrt. Das Loch ist also gleichzeitig eine nützliche Gegebenheit aber auchSchmuck und prahlerischer Akt. Die Betonung des Loches in einem aus Ton gemachten Gewicht lässt sich erst verstehen, wenn einem die Abkunft vom Steinloch, dessen Herstellung äußerst schwierig war, bewusst ist, im Ton machte es ja keine technischen Schwierigkeiten mehr. Auch amerikanische „Donuts“ leiten ihre Form davon her, mit ihrem kostbaren Loch in der Mitte. Das Loch ist natürlich auch ein sexuelles Symbol – vielleicht das erste absichtliche Motiv, das die Menschen in den Höhlen gemalt haben, das dort aber auch als von der Natur gefertigtes OBJET TROUVÉ vorhanden war, als gefundenes, nicht von Menschen gefertigtes Objekt.

Werkzeuge als Menschendarstellung

Versucht man, eine einfache Haue wie ein Frühmensch anzuschauen, lässt sich in ihr sofort ein Mensch erkennen. Sie ist unten breiter als oben, symmetrisch, anthropomorph, weiblich. Das führt uns zu der Tatsache, dass die frühen Objekte vieldeutiger waren als die heutigen. Ein Gewicht etwa hatte oft die Form einer Frau. Eine Hacke wiederum, die zerbrochen war, wurde durchbohrt und als Schmuckstück um den Hals getragen. Löcher gibt es also keineswegs nur, damit etwas funktioniert.
Um gefundene Dinge oder archaische Objekte verstehen zu können, genügt es eben nicht, sie wie zeitgenössische oder geschichtliche Gegenstände zu studieren, also vor allem hinsichtlich ihrer Form, die sie fürs Auge präsentieren, so wie wir es in unserem geschrumpften Kunstgebrauch gewohnt sind. Archaische Objekte existieren nicht isoliert, sie haben mehrere Aufgaben – und IMMER haben sie KONKRETE AUFGABEN. Sie sind Werkzeuge in der sinnlich erfassbaren Welt, aber auch in der gedachten, geträumten, zu deren Errichtung sie selbst beigetragen haben.
Auch die Landschaft, mit archaischen Augen betrachtet, verändert sich. So wie eine Wolke, ein gefundener Stein in das Weltbild einbezogen wurde, hat die gesamte Gegebenheit, die wir als Landschaft bezeichnen, mehr beinhaltet als heute. Wir trennen in Stadt und Land, in bebautes und unbebautes Land, Nutzland, Erholungsland, Real Estate usw. In der Analyse mit den heutigen Begriffen, die auf unserer säuberlich trennenden Weltnutzung beruhen, liegt das Hauptproblem bei der Suche nach einem Verständnis der archaischen Welt. Eine Kunst im heutigen Sinn hat es genauso wenig gegeben wie eine rein praktische Zweckhandlung.
Auch die Versuche, mit rein sprachlichen Mitteln Objekte zu erklären, die nicht-sprachlich entstanden sind, wobei ich mich auf die gesprochene Sprache beziehe, stoßen immer auf die Schwierigkeit, dass es keine definierenden Wörter gibt. Weil es eben noch keine Wörter gab, als man vor drei Millionen Jahren Steine zurechtschlug, die man heute "Chopper" nennt. Die archaische Welt war ihre eigene Aussage. Ihre Bewohner lebten nicht wie wir in einer WORTWELT.
Heute ist ein Hammer ein Werkzeug und kein Kunstwerk. Oder er ist ein Kunstwerk, aber kein Werkzeug mehr.


Alles in einem

Meiner Ansicht nach lässt sich dieses Problem angehen, ich will jetzt nicht sagen lösen, wenn die Form, mit der üblicherweise der Big Bang dargestellt wird, als Leitmodell benützt wird. Von der Wurzel des noch nicht ganz geklärten Big Bang aus, also dem Augenblick, an dem die gesamte Materie in einem winzigen Raum zusammengeballt war, hat sie sich auseinander bewegt wie in einem auf der Spitze stehenden sich erweiternden Kegel – schematisch als Dreieck vorstellbar – und in einzelne Elemente getrennt. So wie diesen Vorgang sehe ich die Entwicklungen der Menschheit, der kulturellen Tatsachen, der organisatorischen Tatsachen, wie sie heutzutage erkennbar sind. Wenn wir als Schnitt durch diesen Kegel eine Ebene „heute“ legen und uns etwa die Situation der Oper ansehen, dann haben wir einen Komponisten, einen Textschreiber, einen Dirigenten, verschiedene Musiker, die ihr Leben mit dem Erlernen dieser Musik verbracht haben, Produzenten, die das Ganze organisieren, ein Opernhaus, wo das stattfindet, und hundert weitere Funktionen, die für solche Aufführungen notwendig sind, einschließlich der Musikkritik, die alles vorbereitet und begleitet. Wenn wir auf die Zeitebene von Bach zurückgehen, war das viel reduzierter. Bach hat sein Oratorium komponiert, es einstudiert, selbst aufgeführt. Nur den Textdichter und die Kirche als Veranstalter hat er gesondert gebraucht. Das Ganze fließt also zusammen. Weiter zurück, bei „geboren um 1300“, treffen wir auf Guillaume de Machault; er hat die Musik und den Text geschrieben, das selbst aufgeführt, auch selbst dargestellt, was darzustellen war. Eine gesonderte Funktion hatte vielleicht nur die Hofgesellschaft irgendwo in Frankreich, vor der das stattgefunden hat. Das heißt, es wird noch konzentrierter.
Bei Festen im österreichischen Innviertel zum Beispiel, wo ich aufgewachsen bin, hat sich eine solche Intensität lange halten können. Ein Bauer, der in dieses Gasthaus kommt, reimt zur Gstanzlmelodie aus dem Stegreif einen Text und spielt dazu. Er macht die Musik nicht, benützt aber ererbte Musik. Außerdem weiß er alles übers Wetter, über seine Böden, die Vegetation, seine Tiere, er kann sie aufziehen, er kann sie schlachten, kann sie verarbeiten zu essbaren Speisen, er hat seinen Stall und sein Haus selbst gebaut, sich seine Figuren für die Kirche gemacht. Seine nicht lesen könnende Frau heilt Krankheiten mit Kräutern, die sie kennt, beide wissen, wie man Kinder aufzieht. Das waren nicht nur Selbstversorger, sondern auch selbst entscheidende Menschen, die ihr Schicksal noch weitgehend in der Hand hatten; jedenfalls sehr wesentlich täglich daran gearbeitet haben. Im Vergleich mit einem heutigen Großstadtmenschen, der lesen und schreiben kann, eine Boulevardzeitung liest und sonst nichts und der in der Schule gerade durchgekommen ist, was weiß der von der menschlichen Existenz im Universum? Gar nichts.
Noch einen Schritt zurück sind wir nun nahe beim Big Bang. Da sitzt ein Hirte, wie er weiterhin in Sizilien oder in den Abruzzen existiert, und spielt auf der Flöte, die er selbst hergestellt hat, eine Melodie, die ihm einfällt, und das nur zu seinem eigenen Nutzen; ohne jedes Publikum. Die Herde gibt gerade Ruhe, er findet Zeit dafür. Einmal im Hotellift in Mailand habe ich bei einem koffertragenden Sizilianer so eine kleine Flöte, ein „piffaro“, ein Pfeiferl, aus seiner Brusttasche ragen gesehen. Die habe er gerade selbst gemacht. Er gehe manchmal irgendwo hinaus, hat er erzählt, allein, für eine „bella pifferata“. Man pfeift sich eins, heißt das bei uns. Das ist der Big Bang: Alles in einem.
Nichts mit sich zu führen, wie etwa im Australien der Aborigines, und sich ad hoc Instrumente und eine eigene Musik machen, wird Teil eines Ganzen, das wir heute dramatisiert eine Zeremonie nennen. Sie trennen das aber nicht, haben gar keine Sprache dafür, können das gar nicht trennen. Daher sind die Erkenntnisversuche von Ethnologen oft so dunkel und zum Großteil falsch angelegt. Sie haben die Leute mit unbrauchbaren Wörtern befragt. Was soll einer auf die Frage nach seiner Religion sagen, wenn er mit diesem Begriff nichts anfangen kann? Wer teilweise schon christianisiert gewesen ist, hat die Erwartung gekannt und zum Glauben an einen höchsten Gott eben irgendetwas gesagt. Von den frühen Ethnologen waren ja viele Missionare, Martin Gusinde etwa, und diese hatten ein Interesse daran, ihren Schützlingen anzudichten, dass sie an einen einzigen Gott glauben, und es aus dem Gesagten irgendwie herauszulesen. Das ist sehr schön. Denn die Ethnologie, die sich doch als Wissenschaft versteht, stellt sich dadurch als Kunstgattung heraus. Der Autor schafft sich einen Feuerländer nach seinen Vorstellungen. Dieser glaubt an einen Gott und das beweist, dass es immer schon so gewesen ist.

Angreifen, begreifen

Inzwischen hat in vielen Disziplinen das Bedürfnis zugenommen, sich mehr dem zu nähern, was einmal tatsächlich da war, uns aber längst fremd geworden ist. So fremd wie die Begeisterung für ein gebohrtes Loch, das längst keine Sensation mehr ist, weil es in die Banalität des täglichen Lebens eingegangen ist. Ohne diese Gleichgültigkeit käme niemand durch den Tag. Würde ich jedes Wunder, das mir begegnet, feiern, könnte ich nie über das Frühstück hinausgelangen. Dadurch verdunkelt sich das Wissen über die Weltanschauung, die unsere frühen Vorfahren einmal hatten. Gerade das aber fasziniert mich unglaublich. Indem ich nicht allein mit der Sprache arbeite, sondern zugleich Objekte aus allen Kulturen, aus allen Zeiten sammle, also Gegenstände, die man betasten und angreifen kann, versuche ich, auf außersprachlichen Wegen Verständnis zu erlangen und das Gefundene auch mit außersprachlichen Mitteln weiterzugeben. Für meine Vorträge ist das ein großer Vorteil. Ich sammle meistens Serien von Stücken, ihrer Beziehungen wegen. Sie anzureifen gibt einem gleich ein weiteres Standbein gegenüber Aussprechbarem. Der direkte, sinnliche Kontakt mit materiellen Dingen ist äußerst wichtig. Das lehrt ja die Sprache selbst, in wunderbarer Weise, mit dem Ausdruck „Begriff". Ich kann die Dinge begreifen, weil ich sie tatsächlich angreife.
Oswald von Wolkenstein, der Komponist und Dichter, singt in einem Lied davon, wie er mit einem Schiff untergeht, und darin heißt es, der Sturm „lehrt mich ein Fass begreifen“. An dem hat er sich angeklammert um nicht zu ertrinken. So ist dieses Wort damals noch verwendet worden. Inzwischen haben wir es völlig losgelöst vom Griff der Hände. Dieses wunderbare Wort „greifen“, begreifen, wie es im 14. und 15. Jahrhundert noch gebraucht wurde, bringt mit sich, dass man Dinge anders verstehen lernt. In „verstehen“ wiederum steckt „stehen“ drinnen. Also ein Standpunkt, ein Ort, von dem aus man eine Sache betrachtet. Solche Bezüge sind wichtig, um Dingen gründlich nachzugehen. Die Sprache zeigt einem aber auch, je präziser man etwas formulieren will, wie unsicher und dünn ihr Boden ist, auf dem wir unsere Weltsicht darstellen wollen, nirgends gibt es festen Grund. Jedenfalls macht der Begriff, wenn das Greifen hineingedacht wird, sofort alles klarer und anders. Weil sich durch Greifen Gegenstände viel besser entschlüsseln lassen als nur durchs Sehen, sind die Museen bloß zur Hälfte etwas wert, oder nicht einmal das. Würde ich meine Dinge in ein Museum geben, müsste sie jeder angreifen können. Das überstehen sie natürlich nicht lange.
Wie wichtig so was ursprünglich war, machen die frühesten Plastiken deutlich, die ja von Nomaden für Nomaden angefertigt wurden. Sie sind alle nicht größer als eine Handspanne. Wenn man die Venus von Willendorf, die 26.000 Jahre alt ist, nur anschaut, dann ist sie nicht gerade das, was wir als schön empfinden. Sobald sie aber in der Hand liegt, ist das ein unglaublich erotisches Ereignis. Dazu muss man sich vorstellen, dass sie einer mit sich getragen hat, vielleicht monatelang. Er hat sie sicher immer wieder angegriffen. Auch an ihrem Abguss, den ich besitze, der wegen des Materials vom Gewicht her nicht ganz stimmt, wird völlig klar, dass zu ihrem Verständnis die Hand notwendig ist. Eine analoge Form, die in verschiedenen Kulturen überlebt hat, sind die Schmeichelsteine. Komboloi, eine Art Rosenkranz, dessen Kugeln Griechen oder Mazedonier durch ihre Finger bewegen, geht darauf zurück.
Bewusst muss einem bleiben, wie viel uns fehlt, weil ein Großteil der Materialkulturen schnell vergänglich gewesen ist. Deswegen ist auch die Bezeichnung „Steinzeit“ gefährlich, weil sie glauben macht, die Leute damals hätten nur Steine verwendet. Eine der wichtigsten diplomatischen Anstrengungen, die gemacht werden müsste, wäre deshalb eine Versöhnung von Ethnologie und Archäologie. Es ist kaum zu glauben, wie allzu menschlich in der Wissenschaft mit so wichtigen Fragen umgegangen wird; da gibt es Rivalitäten, Mangel an Objektivität und Verschweigen sachdienlicher Fakten. Wie in der Archäologie materielle Dinge, gefundene Dinge, Fossile, die im „Graben“, in der „fossa“ überlebt haben, ans Licht kommen, so sind in der Ethnologie Formen und Verhaltensweisen erhalten geblieben, auch heute hergestellte Objekte aus vergänglichem Material, die zu den archaischen Steinen passen und deren Verständnis erleichtern. Erst wenn eine Zusammenschau entsteht, die auch die Verhaltensforschung miteinbezieht, werden größere Schritte im Verständnis der frühen Zeiten möglich sein.

Multiple Funktionen, komplexe Bedeutungen

Jetzt möchte ich Dinge konkreter behandeln, die wir in den hier abgebildeten Fotos von der Elfie Semotan dokumentiert haben. Beginnen möchte ich mit diesem Objekt aus dem bolivianischen Amazonasgebiet. An ihm lässt sich sehr schön die Einheit von Funktionen in einem einzigen Gegenstand nachweisen. Es ist ein längliches Holzstück, das mit scharfen Steinen zugeschnitten wurde. Seine Schneide ist gerade so dünn, dass sie nicht bricht. Die verletzte Kante beweist, dass es tatsächlich in Gebrauch war. Dieses Ding ist ein Schlagstock aus sehr hartem, schwerem Holz, mit dem man jederzeit jemandem den Schädel einschlagen kann. Neben seiner Funktion als Waffe kann es aber auch als ein anderes „Schlaginstrument“, als ein durch Taktschlagen Zeit erzeugendes, Ekstase erzeugendes, hart und präzis klingendes Perkussionsinstrument benutzt werden. Zwei Töne sind ihm möglich, so wie bei vielen dieser Gegenstände. Dabei ist es keineswegs so, dass jedes Holzstück klingt. Ein richtiges muss erst gefunden werden. In meiner Sammlung habe ich ganze Serien, die das belegen. Im Weiteren, da es eine der Länge nach durchgehende Bohrung aufweist, dient es auch als Blasinstrument, als Flöte – um sich selbst eine schöne Pfeiferei zu machen. Im Wesentlichen kann es zwei Töne, ob es nun geblasen oder geschlagen wird. Es lässt sich darüberhinaus zum Nachahmen von Vogelstimmen verwenden, um die Sprache der Vögel listig zu benutzen, sie anzulocken und umzubringen. Es ist also auch ein Jagdgerät. Zugleich war es offensichtlich ein heiliges Objekt. Figural ist es anthropomorph, ein aufrechter Mensch. Es ist mit Zeichen versehen, die keineswegs als „Verzierungen” abzutun sind – wiederum so ein schrecklicher Begriff, der in der Kunstgeschichte fürchterliches Unheil anrichtet. Die gekreuzten Linien sind Mitteilungen, Sprache. Man müsste sie entziffern. Alles an diesen Gegenständen ist bedenkenswert. Da ist nichts zufällig.
Eines der wichtigsten Dinge, die man bei Überlegungen dazu begreifen muss, ist, dass das Nützliche und das, was wir als heilig bezeichnen, das Jenseitige, das Geistige, dass das zusammenfällt. Im Besitz dieses heiligen Gegenstandes konnte erreicht werden, was einem normalen Tier – Menschen sind ja Tiere in ganz neutralem Sinn – oder dem Nachbarstamm nicht möglich war. Es spielt mit, was wir später Poesie, Phantasie nennen. Auch in diesem Gegenstand gibt es ein kunstvoll gebohrtes Loch, das nicht einfach in einer Richtung durchgeht, sondern gebogen ist. Trotz seines schlichten Aussehens dient dieses Ding also als Totschläger, als Wurfholz und gleichzeitig zum Erreichen von Ekstase. Es bewirkt Veränderungen an der Welt, der äußeren und der inneren, der tatsächlichen und der geträumten. Du kannst schlagen, du kannst werfen, du kannst Töne erzeugen, du kannst es umgehängt tragen als ein Abzeichen. Es zeigt, wer du bist. Mit ihm kann man seinen Status angeben.
Der Frühmensch verschmilzt mit dem Objekt in seiner Hand. Damit verändert er seine Gattung und müsste einen neuen Gattungsnamen tragen. Das ist das Faszinierende am Schicksal der Menschheit. Durch diese Gegebenheit der Hand kann jemand auf Zeit mit etwas anderem verwachsen. Solange ich dieses Gerät umklammere, bin ich gefährlich. Sobald ich es weglege und mir einen Kürbis pflücke, bin ich ein anderer. Wir VERÄNDERN unsere IDENTITÄT mit jedem Objekt, das wir in die Hand nehmen. Weil wir sie heute tausendmal pro Tag ändern, ist das nur mehr schwer zu begreifen. Mit einem Schreibstift in der Hand bin ich ein Schreibstiftwesen. Wir legen ihn weg, setzen die Brille auf, haben einen Löffel, haben eine Frucht in der Hand. Alles das ändert streng genommen die Identität.
Damit sind wir jetzt an der Schwelle zum weiten Gebiet des Tätowierens, des Verkleidens, der Masken. Diese Veränderungen am Körper sind viel älter als jede Nutzkleidung, die vor Kälte oder Sonne schützen soll. Sie verwandeln die Identität.
Beispiele wie dieses „tönende Schlagholz” zeigen Einheit und komplexe Funktionsweisen zugleich.


Sichtbar bleibende Spuren

Zum Thema der darstellenden Kunst möchte ich mit dem auf den Fotos abgebildeten Kürbis beginnen. Wenn den ein Frühmensch angeschaut hat, dann hatte er ganz unmittelbare Zugänge zu diesem Objekt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er in ihm einen Menschen und zwar eine Frau gesehen hat. Wieso willst du wissen, dass das für ihn eine Frau ist, wird man mir bei dieser Behauptung entgegenhalten. Dann zeige ich einen ähnlichen Kürbis aus der russischen Tradition, der zu einer Babuschka verarbeitet ist und der mehr Hinweise trägt auf das, was man sich vorstellen soll. Er ist konkreter. Zu sehen ist eine nicht mehr ganz junge Frau in ihrem Gewand, mit über die Brust geschlagenen Händen. Man wird also sehr genau angeleitet. Dann stelle ich diese Puppe weg und zeige nur mehr den vorherigen Kürbis. Sofort weißt du, was das ist. Um sich also zurückzutasten, in Zeiten, in denen die Objekte viele Bedeutungen hatten, ist es nützlich, stufenweise vorzugehen. Jetzt zeige ich dieses Sinkgewicht für Netze aus Hawaii. Nachdem der Kürbis entschlüsselt worden ist, versteht man auch, was das für eine Form ist. Es ist eine Frau. Das ist eine wunderbare Skulptur, wie sie nicht schöner gemacht sein könnte, von niemandem. Das steht in der höchsten Klasse. Zugleich ist sie ein Sinkgewicht für Fischer. Sie hat auch wieder ein sehr schön gemachtes Loch und diese dünne eingemeißelte Hüftlinie. – Wenn man einmal den Code geschafft hat, werden die Dinge sonnenklar.
Im Vergleich dazu die Barbiepuppe. Mit diesem überhöhten Naturalismus beschreiben wir heute einen Menschen. Und heutige Kinder identifizieren sich mit diesem Bild. Mit dem eben besprochenen Stein wäre das schon schwieriger. Die ganz Kleinen können es noch, später würden sie die Puppe vorziehen. Weil wir so weit in der Spezialisierung gekommen sind, brauchen wir viel mehr Angaben und Details, als früher notwendig waren. Die Barbie hat zwar auch einen Hintern, nur sagt der Hintern der Steinfigur viel mehr über einen Hintern aus. Die Steinfigur ist unglaublich sinnlich, während die Barbie literarisch ist. Würde eine Frau wirklich so ausschauen, wäre es entsetzlich.
Dass angeblich „Höherentwickelte“ ein besseres Abstraktionsvermögen haben, stelle ich also klar in Abrede. Schon über das Wort „abstrakt“ müsste man länger reden. Ich denke, es gibt nichts Abstraktes. Der Irrtum damit hat sich mit dem Entstehen der modernen Kunst ergeben, die sich ja stark an der archaischen Kunst Afrikas orientiert hat. Das so genannte Abstrakte ist nichts anderes, als dass das realistische Augen-sehen des Akademismus plötzlich verschwunden ist. Neben afrikanischen Beispielen kann man die Aborigines hernehmen, ihre Röntgenmalerei, wie das heute genannt wird. Nicht das Augenerlebnis Känguru wird dargestellt, sondern das Wissen über das Känguru, einschließlich seines Magens, der Verdauung, der Speiseröhre, der inneren Organe. Das haben sie aufgemalt und dann noch geometrisiert, um Bedürfnisse nach Klarheit zu befriedigen. Auch am Beispiel des abstrakten Expressionismus ist offensichtlich, dass nicht Inhalte verschwunden sind, sondern die Malerei ganz konkret zu sichtbaren Spuren wird, zu Spuren der Dynamik, die geherrscht hat, als das Bild entstand, ob nun geschüttet, wild mit dem Pinsel hingehaut, mit der Hand gestrichen oder von Jackson Pollock Farbe aufgegossen worden ist. Die Malerei hat sich also in eine Richtung begeben, der in der Musik schon lange gefolgt wird, obwohl diese natürlich auch Aussagen hat, sofern nicht gerade ein Augen- oder Hörerlebnis imitiert wird. Der Begriff „abstrakt“ ist eigentlich die Schöpfung hilfloser, ursprünglich negativ gemeinter Kritikversuche an einer Kursänderung in der modernen bildenden Kunst. Gleichzeitig ist klar, dass kein Maler verpflichtet sein kann, das, was er tut, von vornherein durch Sprache auszudrücken. Das führt nur zur heute üblichen Unterwerfung unter die Diktatur der Sprache, zum Zwang, sprachlich zu erläutern, was in einem Medium, das völlig anders funktioniert, vor sich geht.

Steine als Medium

An zwei auf den ersten Blick unauffälligen Steinen aus meiner Sammlung, die, um es noch einmal zu betonen, in erster Linie dazu dient, dass die Dinge in die Hand genommen, dass Abfolgen und weit gefasste kulturgeschichtliche Bezüge studiert werden können, wird vieles vom bisher Gesagten auf einfachste Weise deutlich. Der eine Stein hat überhaupt keine Bearbeitungsspuren. Er stammt aus einer 350.000 Jahre alten Ausgrabungsschicht aus Bilzlingsleben in Thüringen, wo er mit vielen anderen herumgelegen ist. Dass er etwas Besonderes ist, kann einem erst bewusst werden, sobald man ihn angreift. Nach einigen Versuchen findet sich eine Stellung, in der er sehr genau in der Hand liegt. So wird er zur tödlichen Waffe.
Wie lassen sich solche Vorgänge rekonstruieren? Aus der Ethnologie ist inzwischen bekannt, dass Aborigines, die einen Stein zuschlagen, oft Hunderte wegwerfen, bevor sie einen akzeptieren. Es wird also ganz bewusst gesucht, bis ein Stein gefunden ist, der wirklich gut in die Hand passt.
Der andere Stein kommt aus Afrika. Er ist aus viel härterem Material. Wer sich nicht auskennt, ihn nicht „lesen“ kann, würde ihn ebenfalls nicht beachten. Er weist einen einzigen Abschlag auf, der eine scharfe Kante erzeugt hat. Auch bei ihm findet sich eine Position, wo er ganz genau in der Hand sitzt. Der englische Fachausdruck dafür ist Chopper. Er ist älter als der Chopping Tool, die nächste Bearbeitungsstufe, die deutlicher abgeschlagen ist. Diese Chopper gehen zurück auf 2,8 Millionen Jahre. Schon unter ihnen gibt es rechts- und linkshändig passende Steine, meistens sind sie rechtshändig. Daran, glaube ich, rechtfertigen sich meine Arbeitsweise, meine Sammlung und meine Vorträge. Auf diese Dinge kommt man nicht, wenn man in Vitrinen blickt, Bücher liest oder philosophiert. Du musst die Steine in die Hand nehmen, musst mit ihnen spielen können, muss mit ihnen phantasieren können. Dann kann man sie auch lieben und versteht auch, wie wichtig so ein Stein einmal gewesen ist. Die Ähnlichkeit, wie der völlig unbearbeitete und der schon zugerichtete Stein in der Hand liegen, macht auf die endlos langen Entwicklungszeiten aufmerksam und wie geschichtet und parallel historische Epochen verlaufen sind. Denn in unserem Fall ist der unbearbeitete Stein zufälligerweise nur 350.000 Jahre alt, während der schon bearbeitete viel älter ist. Es gab auf der ganzen Erde Bumerangs, bei uns ist es aber vielleicht 20.000 Jahre oder mehr her, dass sie verwendet wurden, in Australien nur hundert Jahre. Genau so ist es mit diesen Steinwerkzeugen.

Der Zeigefinger des Künstlers

Meine nächsten Beispiele beziehen sich auf das Medium und die Landschaft. Hier habe ich einen fast schwarzen, glänzenden Stein, der in unserer Kultur kaum beachtet würde. Erst durch wissende Hinweise lässt er sich richtig betrachten: In seiner Form wird das Abbild einer Landschaft sichtbar. Er kommt aus Japan und entstammt einer künstlerischen Tradition, die sich Suiseki nennt, eine Kulturpraxis, die bis in die Steinzeit zurückgeht. Schon damals eigneten sich Menschen solche gefundenen, völlig unbearbeiteten Steine an und bewahrten sie als Kostbarkeit auf. In Japan konnten sich Menschen, die auf engstem Raum leben mussten, zu einer Zeit, als es noch keine Holzschnitte oder Fotografien gegeben hat, in Gestalt solcher Steine Abbilder einer freien Natur in ihren Haushalt stellen. Als Tradition lebt das auch im heutigen Japan fort. Daran lässt sich sehr schön verstehen, was es mit Medien an sich hat. Ein solcher Stein ist ein Medium, indem er eine Landschaft darstellt. Ohne Hinweis darauf würde er jedoch ignoriert, würde er bloß daliegen und irgendein Stein sein. Im Moment, wo die Artikulation des Künstlers dazukommt, der zeigende Finger also, denke ich plötzlich nach, was er zu bedeuten hat.
Der Zeigefinger ist ein frühestes Instrument der Kunstausübung, ob er nun auf eine Wolke oder auf das nicht so leicht erkennbare Abbild irgendeines Wesens aufmerksam macht. Das Zeigen auf den Stein veranlasst mich, ihn zu untersuchen. Ich werde plötzlich sehen, dass er einer weiten Berglandschaft, mit einem Tal, vielleicht mit einem Fluss, ähnlich ist. Wo aber bleibt nun der Zeigefinger wenn der Finder/Erfinder des Kunstwerks nicht mehr zugegen ist? Um dieser erklärenden Funktion Dauer zu geben, schneidet in unserem Fall der Künstler dem Stein einen Rahmen auf den Leib, der genau passt, der ihn als Sockel exakt umschließt. Da wackelt nichts, auch wenn man daran rüttelt. Jetzt ist das plötzlich ein Bild und darunter ist der Rahmen, so wie auch in der Malerei der Rahmen die Aufgabe hat zu sagen, Freund, nach innen musst du schauen. Was innerhalb des Rahmens ist, geht dich etwas an, innerhalb ist das, was ich mitteilen will. Der Stein wird also vom Rahmen umschlossen und dadurch zum Bild. Er wird zur plastischen Darstellung einer Landschaft, obwohl er völlig unbearbeitet ist. Er muss unbearbeitet sein, sonst gilt es nicht nach den Regeln des Suiseki. Er muss von der Natur vor/bereitet sein, gesucht werden, erkannt werden und selbst angeeignet werden. Hier ist das archaische „ready made”, das archaische „objet trouvé”. Suiseki heißen diese Steine, weil sie im Wasser gefunden werden; Su heißt Wasser. An diesem Beispiel lässt sich sehr schön weit zurückdenken, zu den Quellen des Mediums, des mitteilenden Mediums.

Nonverbale Weltbilder

Ein weiterer Zugang zu frühen Vorstellungswelten ist, wie in natürlich gegebenen Tatsachen unter ganz komplizierten Umständen suggestive Formen erblickt worden sind. Die für diesen Beitrag fotografierte Astgabel sieht auf den ersten Blick wie der Teil irgend eines Baumes aus. – Kaum ist sie um 180 Grad gedreht, wird sie zu einem Menschen mit Händen und Beinen. Bekommt sie noch ein Gesicht verpasst, das aus der eigenen Kultur kommt, in diesem Fall von den Sepik aus Papua-Neuguinea, dann hast du – modern ausgedrückt – einen Schutzgott, einen Fetisch oder was immer. Diese Benennungen sind natürlich sehr problematisch. Faktum aber ist, dass ein Stück gewachsener Natur zu einem anthropomorphen Gegenstand wird; wozu er benützt wurde ist eine andere Sache. Interessant daran ist das großartige Vermögen, mit formalen Erinnerungen zu jonglieren. Der das gemacht hat, war fähig, die Äste im Wald in seiner Vorstellung umzudrehen, damit er die Menschenform kriegt. Aus Hunderten Bäumen hat er sich genau dieses Stück ausgesucht und es herausgeschnitten. Vorher aber musste er in der Lage sein, einen verkehrten Menschen in dieser Astkonstellation zu entdecken. Hier handelt es sich um eine Parallele zu Chopping tools. Die natürliche Gegebenheit wird nur geringfügig verändert, um genau erkennen zu lassen, was gemeint ist. Wenn der Künstlermensch dieser Kultur sich durch den Wald bewegte, war es ihm wohl klar, dass in jedem Baum ein menschenförmiges Wesen enthalten ist. Welch ein Erleben! Das haben wir verloren.
Betrachten wir noch ein Beispiel für den Zusammenhang von Erscheinungen unserer Zeit und allerfrühesten Gebrauchgegenständen, die zugleich Kunstobjekte waren. Diese große Bohnenschote von einem afrikanischen Baum ist völlig unbearbeitet, wurde nur abgepflückt und getrocknet. Sie wird seit urdenklichen Zeiten als Musikinstrument benutzt. Die Kerne erzeugen rasselnde Töne. Sie scheppern. Bei diesem zeitgenössischen, als Stofftier erscheinenden Kinderschepperl ist es genauso. Wird es geschüttelt, rasselt es. Zwischen diesen beiden Dingen liegen, auf den Gebrauch bezogen, wahrscheinlich mehr als eine Million Jahre. Solche Instrumente übernehmen auch als erstes Spiel/zeug die Erziehung des Säuglings. Sie sagen ihm: Was sich bewegt, macht ein Geräusch. Bleibt etwas ruhig, ist nichts zu hören. Erst durch Bewegung wird das anders. Wenn du also etwas hörst, sollst du hinschauen, musst du aufpassen. In seiner Einfachheit ist das genial. Solche Rasseln, solche Schepperln, gibt es in allen Kulturen, wie weit man auch zurückgeht. Ich habe zum Beispiel eine Menge präkolumbianischer Beispiele. In der frühen Töpferzeit hatte fast jedes keramische Objekt eine Stimme.
Hören ist, mit der Literatur verglichen, das Zeitwort, ist Tätigkeit. Nur wenn etwas geschieht, gibt es Töne. Sehen ist das Hauptwort. Was es ist, das sehe ich. Was es tut, das höre ich. Damit sind wir bei der Genesis der gesprochenen Sprache. Die Sprache ist heute schon getrennt in Lauterscheinung und Bedeutung. Das Schepperl ist noch, was es bedeutet.
Vom Zeigen und vom Zeigefinger war schon die Rede. Zum Thema Eingrenzen des Blicks gehören auch Techniken, um den Blick einzurahmen, wie es in der Fotografie oder im Film geschieht. Auf unseren Fotos mache ich es einfach mit den Händen, dann zeige ich auf eine aus der Sahara stammende Ritzzeichnung. Das soll solche einfachen Vorgänge verdeutlichen. Wie wichtig mir die Hand ist, das Greifen, Begreifen, demonstriere ich mit der bloßen, ausgestreckten Hand, der zur Kralle geformten Hand, mit der Faust. Von der körpereigenen Faust geht es zum steinernen Fäustel, zuerst zum völlig unbearbeiteten Stein, dann zum Chopper, der mit nur einem Schlag geschärft ist, dann zum Chopping Tool, also einem schon mit zwei Schneiden und einer Spitze versehenen Kiesel. Diese vollendeten Formen, nur geschlagen, nicht geschliffen, sind einzigartig in ihrer Herstellung. Ein falscher Schlag und das ganze Objekt ist zerstört. Der Herstellungsablauf ist eine Parallele zu einem sich ereignenden Musikstück.
Aus einer ganz anderen Zeit und Kultur stammt dieser einfache Kieselstein aus Vietnam. Er ist mit vielen kostbaren Lackschichten überzogen. Ich liebe seine Eleganz, weil ich weiß, dass darunter nichts Gemachtes ist, sondern eine Tatsache der Natur, die gefeiert wird. Um wie viel schöner und offener ist ein solches Objekt als jeder Herrgottswinkel, mit seiner Arroganz eines menschlichen Gottes, der das Universum geschaffen hätte.
Um noch einmal in die Richtung unseres Themas „Ursprünge von Kunst“ zu stoßen: Unser Gespräch hat, hoffe ich, gezeigt, dass die reine Sprache für eine Auseinandersetzung mit unserem Leben einfach überfordert ist. Zweifel an der Sprache – ob bei Wittgenstein oder Gertrude Stein – negieren ja nicht, wie wunderbar Sprache sein kann, sondern machen bewusst, was sie alles nicht kann. Inzwischen finden wir uns aber in einer Kultur, die nicht mehr von Menschen, sondern diktatorisch von Sprachsystemen gelenkt wird. Ich schlage hingegen vor die Einbeziehung ALLER SINNE in die Formulierung des Weltbildes. Für Erwägungen, die uns in der Zukunft überleben lassen, ist es unabdingbar, Verlorengehendes aus unserem Erbe zurückzuholen. Die außersprachliche, nonverbale Philosophie, die nicht sprachlich formulierten Äußerungen von Weltanschauung, können zurückerobert und benützt werden. Das ist mir wesentlich.

 

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© Peter Kubelka / Christian Reder 2004