Foucault,
Camus, Derrida, Lyotard, Bourdieu. Ihn persönlich
sehr prägende Jahre, von 1966 bis 1968, hat Michel
Foucault (1926–1984) als Professor für Philosophie
in Tunis verbracht. Nach seiner Dissertation über
die Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft war
bereits „Die Ordnung der Dinge“ (eigentlich
„Die Wörter und die Dinge“, „Les
mots et les choses“) zu verschiedenen Vorstellungen
vom Wissen über den Menschen und der Machtbezogenheit
solcher Vorgänge erschienen. Gerade rechtzeitig
zur Studentenrevolte ist er wieder in Paris gewesen.
Trotz der aufwühlenden Zeiten machte er, einschließlich
konkreter Interventionen, Gefangene und deren Lebensbedingungen
zu seinem speziellen Thema, als einem der Felder, auf
denen Gesellschaften demonstrieren, wie sehr sie ihr
Funktionieren an das Ausschließen von diesen und
jenen binden. In „Archäologie des Wissens“,
das er, als neue Theorie der Macht, nach der diese sich
über Netze ausbreite und keinen zentralen Ort mehr
habe, in Tunis begonnen hatte, plädiert er entschieden
für transdisziplinäre Verknüpfungen und
dafür, „den Diskurs in seinen vielgestaltigen
Unebenheiten zu erhalten“, als einen „Raum
mannigfaltiger Entzweiungen; eine Menge verschiedener
Gegensätze, deren Ebenen und Rollen zu beschreiben
sind“. Aus der Sicht medial verdeckt ablaufender,
vielfach aggressiver werdender Homogenisierungstendenzen
klingt das im Rückblick wie eine vergebliche Beschwörung.
In der Berufung auf ein ernst zu nehmendes Stimmengewirr
scheint sich Respekt vor angeblich „Orientalischem“
auszudrücken. Er hat auch mehrfach betont, dass
dem Islam, als Religion, vor allem aber als Lebensweise,
als Zugehörigkeit zu einer Geschichte und Kultur,
eine stärker werdende Bedeutung zukommen werde,
einschließlich explosiver Komponenten. Mit seiner
Biografie allerdings habe sein Denken und Schreiben
nichts zu tun, machte er immer wieder deutlich. Das
gegenüber der französischen Provinz seiner
Herkunft erfreulich liberale Klima in Tunis, damals
wichtiger Stützpunkt für das algerische Exil
und Dritte-Welt-Aktivisten, wird aber in Kommentaren
dazu immer wieder betont.
Zum Zeitpunkt des Tunis-Aufenthalts von Michel Foucault
wäre Albert Camus (1913–1960) Anfang fünfzig
gewesen. Camus wurde im kleinen algerischen Dorf Mondovi
(heute Drean) bei Bône (heute Annaba) in der Region
Constantine geboren, einer Gegend, die für ihre
vielen römischen Stadtanlagen berühmt, für
die späteren Massaker von Guelma und Sétif
berüchtigt ist. Im Land seiner Jugend blieb er
bis 1940, als er wegen der Reportagen in der neu gegründeten
Zeitung „Alger Républicain“ über
die elende Behandlung der lokalen Bevölkerung von
den französischen Behörden aus der Stadt Algier
verwiesen wurde. Da das einem Berufsverbot gleichkam,
fuhr er mit dem noch unfertigen Manuskript von „Der
Fremde“ im Gepäck nach Paris, wenige Wochen
bevor dort deutsche Truppen einmarschiert sind, musste
deswegen aber vorerst neuerlich nach Algerien, diesmal
nach Oran, zurückkehren. „Alle haben Verrat
begangen; die zum Widerstand aufforderten und die vom
Frieden reden“, hatte er zu Kriegsbeginn in sein
Tagebuch notiert, „das sind sie, ebenso fügsam
wie die anderen, aber schuldiger. Und nie hat der Einzelne
der Lügenmaschinerie verlassener gegenübergestanden.
Aber noch kann er verachten und durch seine Verachtung
kämpfen.“ Zur Stadt, die zu seinem neuen
Lebensmittelpunkt werden sollte, sagt er einmal knapp:
„Was an Paris begeisternd ist: die fürchterliche
Einsamkeit. Als Heilmittel gegen das Leben in der Gesellschaft:
die Großstadt. Sie ist für alle Zukunft die
einzige benutzbare Wüste.“ Auch in Assia
Djebar tauchte ein solches Bild auf: „Paris war
eine Wüste.“
In die Wüste selbst hat es Camus nie gezogen, das
Bergland in Küstennähe war ihm, real und im
Imaginären, näher, mit dem vom Meer und vom
Landesinneren bestimmten Klima, dem unvergleichlichen
Licht, den nicht unbedingt sichtbaren, aber spürbaren
endlosen Flächen hinter den Gebirgen. „Der
Wind, eines der wenigen sauberen Dinge auf der Welt“,
heißt es in einer Notiz; mit „Licht und
Schatten“ („L’envers et l’endroit“)
und „Noces“ („Hochzeit des Lichts“)
hatte er sich einen Namen gemacht. „Zu gewissen
Stunden ist das Land schwarz vor lauter Sonne“,
heißt es in „Noces“, „vergebens
suchen die Augen mehr festzuhalten als die leuchtenden
Farbtropfen, die an den Wimpern zittern. Der herbe Geruch
der Kräuter kratzt in der Kehle und bestimmt in
der ungeheuren Hitze den Atem.“ Zur Situation
in Algerien bemerkte er illusionslos: „Wer etwas
lernen, sich erziehen, sich bessern will, ist hier verloren.
Dies Land gibt keine Lehren. Es verspricht nichts und
hält auch nicht mit Hoffnungen hin. Es begnügt
sich zu geben und zwar im Überfluss.“ „Seltsames
Land, das dem Menschen, den es ernährt, beides
zugleich gibt: Glanz und Elend!“ Für wie
viele Länder das weiterhin Gültigkeit haben
würde, ist damals nicht so ohne weiteres absehbar
gewesen.
Amin Maalouf, selbst aus dem Libanon stammend, aber
französisch schreibend, hat sich in unseren Gesprächen
zur Situation in Nordafrika ausdrücklich auf ihn
berufen: „Die Statements von Camus sind damals
als sehr provokant empfunden worden; er wurde nicht
verstanden und viele Leute verstehen ihn in diesem Punkt
bis heute nicht. Er hat Gerechtigkeit für die Algerier
gefordert, gegen die von Frankreich ausgeübte Gewalt.
Zugleich hat er eingestanden, dass er an seine Mutter
denke, die als Französin in Algerien lebte. Mit
diesem Gang ins Persönliche hat er eine tiefe Wahrheit
berührt. Wie soll ich mich entscheiden? Muss ich
mich entscheiden? Indem er solche Gefühle und Unschärfen
offen angesprochen hat, ist Individuelles in Widerspruch
zu generalisierenden Konzepten von Gerechtigkeit geraten.
Wenn wir auf das Geschehen in Algerien schauen, hat
er sehr profund argumentiert. Der Glaube daran war falsch,
die Dinge gemeinsam mit engstirnigen Nationalisten ändern
zu können, ohne sich um das Leid von Millionen
zu kümmern. Nur weil damit dem angeblichen Gang
der Geschichte gedient werde.“ Gerade die Zwischenposition
des Algerienfranzosen Camus, gegen die Rechten mit ihrer
schematischen, vielfach offen rassistischen Parteinahme
für die Kolonisten und gegen die Linken rund um
Sartre mit ihren schematisch-revolutionären Vorstellungen,
die nur einen Nationalismus angefacht hätten, ist
ihm nicht nur rückblickend wertvoll. „An
Camus’ Anspruch hat vor allem eines, das alle
Konflikte betrifft“, so Amin Maalouf, „meine
volle Sympathie: Es gibt immer viele Positionen um die
Realität zu betrachten. Unsere Pflicht als Beobachter,
als Zeitgenossen ist es, nicht zu simplifizieren, nichts
zu sehr zu stilisieren. Dinge nicht klar sehen zu wollen,
hat seinen Preis, ob in Bezug auf Rassismus, Nationalismus
oder Revolutionen.“
Wie Camus wurde auch Jaques Derrida in Algerien geboren,
in El-Biar in der Nähe von Algier. Wegen seiner
jüdischen Herkunft im Petain-orientierten Klima
ihn zeitlebens prägenden Repressionen ausgesetzt,
schließlich deswegen sogar von der Schule verwiesen,
blieb er doch bis zu seinen Studien in Paris und Harvard
im Land, absolvierte dann von 1957 bis 1959 seinen Militärdienst
im Algerienkrieg und gab Sprachunterricht. Auch der
sechs Jahre ältere Jean-François Lyotard
(1924–1998), der die Ideologien der Moderne als
die „großen Erzählungen“ beschrieben
und den Begriff der „Postmoderne“ in die
philosophische Debatte eingeführt hat, war Anfang
der fünfziger Jahre Philosophielehrer in Algerien.
Kolonialerfahrungen und Kolonialkriege sind also in
Frankreich biografisch so präsent wie in keinem
anderen europäischen Land.
In Algerien traf Derrida oft mit dem gleichaltrigen
Pierre Bourdieu (1930–2002) zusammen, der von
1955 bis 1958 dort als Soldat eingesetzt war und dann
noch zwei Jahre in Algier als Lehrer gearbeitet hat.
Dessen erst jüngst, nach seinem Tod, veröffentlichten
Fotos aus dieser Zeit sind lange zurückgehaltene
Dokumente von Versuchen, eine bloß teilnehmende
Beobachtung durch „teilnehmende Objektivierung“
zu ersetzen. Konzentriert auf den Norden Algeriens,
geht es ihm um Sichtweisen auf Alltagssituationen, die
wortlos Momente harter Lebensbedingungen festhalten,
ohne Trostlosigkeit zu übersteigern – als
Erfassung von Daten. Nur schiebt sich zwischen den kalten
Blick von Chronisten, Reportern, von Ästheten und
romantische Verfärbungen, zwischen die Fixierung
auf Pittoreskes, auf Folklore, bei ihm eine verhaltene,
unmerkliche Wärme, die nichts zur Schau stellt,
sondern die Fotos als Sequenzen von Abläufen begreifbar
macht. Dass die Algerienerfahrung für Bourdieu
und seine sozialen Theorien – bis zu „Das
Elend der Welt“ („La misère du monde“,
Paris 1993) – nachhaltige Wirkungen hatte, ist
von ihm mehrfach bestätigt worden. Sie habe ihm
ermöglicht, sich selbst zu akzeptieren, obwohl
er „die biografische Illusion“, also ständige
Bezüge zu einem Lebensweg, „dessen einziger
Zusammenhang in der Verbindung zu einem ‚Subjekt’
besteht“, als absurd abqualifiziert hat. „Fotografieren“,
sagte er in einem Gespräch dazu, „war im
Grunde eine Art und Weise zu versuchen, den Schock einer
niederschmetternden Realität zu bewältigen.“
Die „Ökonomie des Elends“ habe ihn
in dieser Phase besonders interessiert und „dass
die Fotografie die einzige Praxis mit künstlerischer
Dimension ist, die für alle zugänglich ist,
und zugleich auch das einzige kulturelle Gut, das allgemein
konsumiert wird“.
„Die Suche wird zum Beruf“, so beschrieb
Bourdieu die grundlegende Existenzweise der aus ihren
traditionellen Arbeitsbezügen Herausgerissenen.
Und auf sich selbst bezogen hatte er früh festgehalten:
„In einem um seine Unabhängigkeit kämpfenden
Algerien an einer wissenschaftlichen Analyse der algerischen
Gesellschaft zu arbeiten bedeutet zugleich den Versuch,
die Grundlagen wie die Ziele dieses Kampfes zu verstehen
und verständlich zu machen.“ Als Richtungsangabe
ist ihm schließlich eine „Ökonomie
des Glücks“ vorgeschwebt, „die in der
Lage ist, allen symbolischen und materiellen Gewinnen
und Kosten, die aus menschlichem Verhalten und insbesondere
aus Aktivität und Inaktivität entstehen, Rechnung
zu tragen“.
Michel Foucault: Die Ordnung der
Dinge (Les mots et les choses, Paris 1966), Frankfurt
am Main 1974.
Michel Foucault: Archäologie des Wissens (L'Archéologie
du savoir, Paris 1969), Frankfurt am Main 1973, S.
222 f.
Albert Camus: Tagebücher 1935–1951, Reinbek
bei Hamburg 1997, S. 132, 161, 179.
Assia Djebar: Weit ist mein Gefängnis (Paris
1995), Zürich 1997, S. 124.
Albert Camus: Hochzeit des Lichts. Impressionen am
Rande der Wüste, Zürich 1968, S. 7, 32.
Beispiele für Qualitäten sollten uns immer
zum Nachdenken bringen. Amin Maalouf im Gespräch
mit Christian Reder, in: Christian Reder/Simonetta
Ferfoglia. Transferprojekt Damaskus. Wien–New
2003, S. 361.
Pierre Bourdieu: Praktische Vernunft, Frankfurt am
Main 1998, S. 82.
Pierre Bourdieu in Algerien. Zeugnisse einer Entwurzelung,
Hg.: Franz Schultheis und Christine Frisinghelli,
Graz 2003, S. 37, 41, 42 ff., 176, 219.
Pierre Bourdieu: Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste
des Widerstands gegen die neoliberale Invasion (Vontre-feux,
Paris 1998), Konstanz 1998, S. 71.
|
| Saharafilme,
Drehorte. Seinen berühmten Film „Beruf:
Reporter“ mit Jack Nicholson und Maria Schneider
lässt Michelangelo Antonioni in einer trostlos-kargen
Wüstensiedlung beginnen, ohne dass deutlich wird,
um welche Gegend es sich handelt. Der Fernsehjournalist
David Locke soll dort Guerillakämpfer interviewen,
nimmt aber rasch entschlossen die Identität eines
eben verstorbenen, ihm völlig fremden Zimmernachbarns
an, inklusive Pass, Gepäck und Terminkalender,
um der Maschinerie, in die er eingespannt ist, zu entkommen.
Erst schrittweise erkennt er, dass er damit zum Waffenhändler
geworden ist. Gedreht wurden die Anfangsszenen im zu
dieser Zeit einzigen kleinen Hotel von Illizi in der
algerischen Sahara, damals, 1973, eine staubige, weit
gestreckte Ansammlung verstreuter Gebäude mit der
kleinen Hotelbar als sozialem Zentrum. Alkohol ist noch
erlaubt gewesen. Wegen dem Flughafen, den Sendemasten
und dem früheren Fort Polignac war dieser isolierten
Wüstensiedlung noch die Vergangenheit als Militärstützpunkt
anzumerken. Einige Monate vor dem Filmteam haben meine
Frau und ich auf unserer Fahrt von Wien nach Djanet,
biografisch ebenfalls eine nachwirkende, Distanz schaffende
Zäsur, dort das erste Mal Station gemacht, dem
im Umkreis von hunderten Kilometern einzigen Platz,
an dem einem ein gewisser Minimalkomfort, also Getränke,
Essen, Bett, Gesellschaft, geboten wurde. An diesem
Zugang zum Tassili-Plateau und dessen grandiosen Felsbildern
trafen sich zwangsläufig vereinzelte Reisende,
denen die schwierige, längst nur mehr aus sandigen
oder felsigen Pisten bestehende Strecke nicht zu abweisend
und zu riskant gewesen ist. Mit würdevoll auftretenden
Tuareg ergaben sich Gespräche über das Woher
und Wohin. Aus irgendwelchen Gründen aus dem Norden
dorthin Versetzte beklagten die Trostlosigkeit, konnten
unsere Faszination nicht verstehen: Männer unter
sich, denen jede Abwechslung willkommen war, denen andere
Abwechslungen vorschwebten. Eine alles verlangsamende
Melancholie charakterisierte die Situation. Der oft
verhangene Himmel ließ die Landschaft nebelig
erscheinen, sich diffus im Unbestimmten verlieren; wir
hätten uns auch irgendwo befinden können.
Es gab aber ein Ziel: Djanet. Wir würden in einigen
Stunden dort sein, war die Botschaft; gedauert hat es
zwei Tage, allerdings durch eine Landschaft ungeahnter
Dramatik. Die tagelange Fußwanderung im Tassili,
von Bildwand zu Bildwand, war dazu schlicht ein „kultivierter“,
Zeitdimensionen radikal verschiebender Höhepunkt.
Sechs Jahre später kamen wir, besser ausgerüstet,
wieder vorbei, von Tamanrasset her, damals selbst vor
der Hitze des Sommers nicht zurückschreckend. Das
Hotel und die Bar waren geschlossen; der Wunsch vieler,
wegzugehen, näher zur Küste hin, in belebtere
Gegenden, schien in Erfüllung gegangen zu sein.
Von den früheren Gesprächspartnern trafen
wir niemanden mehr. Die Konjunktur für extreme
Wüstentouren ließ noch auf sich warten. Auch
die Ölleute weiter im Norden, deren Gastfreundschaft
in klimatisierten Containern mit der Erinnerung an den
seit einem Jahr über dem Esstisch angenagelten
Skorpion verbunden war, der sich immer noch bewegte,
sind inzwischen andere gewesen. Sechs Wochen Arbeit,
drei Wochen Urlaub im Pariser Luxus war ihr Programm
gewesen. Keiner, auch ihre Frauen nicht, hatte noch
Vorstellungen, diesem Rhythmus zu entkommen. Mit den
Geiselnahmen von 2003 wurde Illizi, dieser isolierte,
nur von der Durchgangsroute lebende, inzwischen aber
expandierende Ort im Süden der Ölfelder von
In-Amenas plötzlich international wahrgenommen.
Das Wiedererkennen der tristen, normalen Zeitgefühlen
entrückten Hotelsituation in „Beruf: Reporter“
bis hin zu Details unseres Zimmers ist mir über
diese filmische Verdoppelung in der Erinnerung jedenfalls
so intensiv haften geblieben wie die damaligen Reisen
selbst, als Verbindung zu Antonioni, zu „Die rote
Wüste“, zu „La Notte“, zu Monica
Vitti, zu dessen sich überlagernden, beobachtenden,
stets respektvollen Perspektiven, mit Gesichtspunkten
also, unter denen einzelne Ereignisse auch schlicht
für sich stehen können und etwas einfach geschieht.
Auf der gängigeren Parallelroute über Tamanrasset
war um diese Zeit auch Peter Brook („The Empty
Space“, 1972) mit seiner Theatergruppe, dreißig
Leute insgesamt, unterwegs, auf der von ihrer Praxis
her legendär gewordenen Afrikareise. „In
Algerien“, berichtet er, „sind wir auf dem
Hin- und Rückweg aufgetreten. Unsere erste Aufführung
fand in Algerien statt, und das war der bewegenste Augenblick
der ganzen Reise. Wir hatten gerade den ersten Teil
der Sahara durchquert, als wir in dieses Städtchen
In-Salah kamen. Kein Mensch war auf unsere Ankunft vorbereitet,
aber wir waren da. Es war vormittags; es gab einen winzigen
Markt, und plötzlich sagte ich: ‚Jetzt spielen
wir das erste Mal – hier!’ Und alle waren
einverstanden, denn der Ort gefiel uns.“ Hinterher
fanden sie heraus, dass dort „noch niemals zuvor
etwas Ähnliches stattgefunden hatte“. „Kleine,
unvollständige Improvisationen“ genügten,
um sich „in einer gemeinsamen Sprache“ zu
verständigen. „Wir spürten schlichte
und uneingeschränkte Aufmerksamkeit, vollständiges
‚Reagieren’ und blitzschnelles Verständnis.“
(Peter Brook: Wanderjahre. Berlin 1989. S. 157ff.).
Im Jahr davor und zwei Jahre vor Antonionis Geschichte
über einen Identitätswechsel in der Wüste
war in vergleichbaren Umgebungen Werner Herzogs Film
„Fata Morgana“ entstanden, als Parabel auf
die Schöpfung, auf Schöpferisches, mit den
brutalen Aspekten einer solchen Landschaft, ihrer Hitze,
ihrem Schrott als Szenario. Wie als verkehrte Spiegelungen
davon wirken die von ihm unmittelbar nach dem Kuwait-Krieg
dokumentierten Sandebenen, die Militärtechnik und
brennende Ölquellen zum Inferno gemacht hatten
(„Lektionen in Finsternis“, 1992).
In „Casablanca“ von Michael Curtiz wiederum,
dem anhaltend populärsten Film mit nordafrikanischem
Schauplatz, wird einem von der Wüste höchstens
eine Ahnung vermittelt, ein imaginärer Geruch,
der nächtliche Wind am Flughafen, die bald verschwundenen
betont internationalen Konstellationen in solchen Städten,
die Marokkaner bloß für Nebenrollen zuließen.
Das Hinterland bleibt präsent, das Geschehen selbst
spielt sich in urbanem Umfeld ab. Es ist auch nicht
in Marokko, sondern in den Warner Studios von Hollywood
gedreht worden. Bei der Weltpremiere in New York Ende
1942 glaubte niemand so recht an einen Erfolg. Als glückliche
Fügung hat sich ergeben, dass einige Wochen danach
die „Casablanca-Konferenz" stattfand (Codebezeichnung:
„Symbol“), auf der, wie schon angemerkt,
die weitere Kriegsstrategie, mit Priorität für
eine vorgezogene Landung der Alliierten auf Sizilien,
und die Forderung bedingungsloser Kapitulation beschlossen
wurden. Das machte Stadt und Filmtitel schlagartig bekannt
und begünstigte entscheidend dessen gloriosen zweiten
Start. Wie der Film schließlich ausgehen sollte,
hatten sich die Beteiligten erst überlegt, als
die Entscheidung nicht länger aufgeschoben werden
konnte.
Für einen weiteren zweiten, allerdings beide Male
erfolgreichen Start ist Tanger der Ausgangspunkt gewesen,
wo Paul Bowles „The Sheltering Sky“ (1949)
geschrieben hat, das in den USA sofort zum Bestseller
avancierte. In der Verfilmung von Bernardo Bertolucci
(„Himmel über der Wüste“, 1990)
wird die Archaik einer in Tod und Verwirrung endenden
Dreierbeziehung chiffriert und dramatisiert, einschließlich
eines Abtauchens der Zentralfigur Kit Moresby (Debra
Winger) in die freiwillige Gefangenschaft bei den Tuareg
und prächtiger Saharabilder (Kamera: Vittorio Storaro).
Gedreht wurde teilweise in Agadez und umliegenden Wüsten
in Niger. Für „Der englische Patient“
(Drehbuch und Regie: Anthony Minghella) nach dem Roman
von Michael Ondaatje, der darin das exzentrische Leben
von Ladislaus E. Almasy und dessen in deutsche Spionagemanöver
eingebundene Erkundungstouren durch ägyptische
Wüsten verarbeitet hat, war vor allem Tunesien
der Drehort entsprechender Landschaftsszenen. Zeitlich
sind die zuletzt genannten Filme in den dreißiger
und vierziger Jahren angesiedelt, so wie „Der
Saustall“ von Bertrant Tavernier (1981), der den
internen Terror kolonialer Außenposten und die
gelassen-pragmatisch-mörderischen Reaktionen darauf
mit Philippe Noiret und Isabelle Huppert grandios umgesetzt
hat und die ganz woanders angesiedelte Vorlage, den
Roman „Pop.1280“ von Jim Thompson, in universalisierender
Weise an den Südrand der Sahara verlegte, wo auch
– in Saint-Louis an der Mündung des Senegal,
im Süden von Mauretanien, der ältesten französischen
Siedlung Westafrikas – gedreht worden ist. In
Pier Paolo Pasolinis „Erotische Geschichten aus
1001 Nacht“ (1974) hingegen, dem letzten Teil
seiner Trilogie mit dem „Decameron“ und
den „Canterbury Tales“ („Pasolinis
tolldreiste Geschichten“), geht es vor allem um
reale und imaginäre Innenräume. Die gleißende
Wüstensonne repräsentiert offensichtlich „das
Andere“, eine externe Wirklichkeit; gedreht wurde
im Jemen, in Äthiopien, im Iran und in Nepal. Sein
„Ödipus Rex – Bett der Gewalt“
(mit Franco Citti und Silvana Mangano, 1967) oder Medea
(mit Maria Callas und Guiseppe Gentili, 1970) sind teilweise
in Marokko entstanden, vor allem wegen der archaischen
Architektur, der Landschaft, des Lichts.
Mit überzeugend analytischem Realismus hat Gillo
Pontecorvo in „Die Schlacht von Algier“
(mit Jean Martin, Yacef Saadi, Musik: Ennio Morricone,
1965) den Algerienkrieg mit Laienschauspielern filmisch
komprimiert, der in eine Zeit fiel, die musikalisch
übrigens stark von den Free-Jazz-Innovationen eines
Miles Davis, eines John Coltrane, eines Ornettte Coleman,
alles Afroamerikaner, geprägt gewesen ist. Derek
Malcolm stellt die unzensierte Fassung dieses Films
– in „The Guardian“, 20. Juli 2000
– in eine Reihe mit Francesco Rosis „Salvatore
Giuliano“ und Constantin Costa-Gavras’ „Z“
und konstatiert: „In fact, this study of the Algerian
guerrilla struggle against the French colonialists in
the 50s ought to be looked at not just as pure cinema
but as a warning to those who seek by force to crush
independence movements. (…) Pontecorvo sees the
colonialists as victims of their own system, and the
rebels as taking on some of the excesses used against
them. In one scene, a group of ordinary people, French
and Algerian, are enjoying coffee and conversation near
the casbah when a rebel bomb explodes among them. The
shock of this sequence is even worse than the scenes
of the French using torture.“ Trotz Auszeichnung
mit dem Goldenen Löwen von Venedig war der Film
in Frankreich lange verboten, für Großbritannien
und die USA mussten die Folterszene herausgeschnitten
werden. Solche Grundsituationen, die eine Möglichkeit
zur Eskalation gleichsam gespeichert haben, in geläufige
Umgebungen zu transferieren, ihnen damit die anderswo
spielende Exotik zu nehmen, ist nur selten gelungen.
Rainer Werner Fassbinders „Angst essen Seele auf“
(mit Brigitte Mira, El Hedi Ben Salem, 1973) über
die Liebe zwischen der Witwe Emmi Kurowski und dem marokkanischen
Gastarbeiter Ali ist nach wie vor einer der wichtigsten
Filme, die in westlicher Umgebung (in diesem Fall München)
Verhaltensweisen unter Fremden mit ganz alltäglichem
gesellschaftlichem Druck in Beziehung setzen.
Von Publikumsfilmen hat sich politisch relevanten Themen
Nordafrikas vor allem „Omar Mukhtar. Lion of the
Desert“ gewidmet, der in erster Linie im arabischen
Raum erfolgreich war (Regie: Mustafa al-Akkad, mit Anthony
Quinn, Oliver Reed, Rod Steiger, Irene Papas, Raf Vallone,
1980). Darin wird der libysche Widerstand gegen die
italienischen Faschisten am Beispiel des Nationalhelden
Omar al-Mukhtar dramatisiert, in gewissem Sinn als Gegenepos
zu „Lawrence of Arabia“ von David Lean (1962)
und zum Verrat an den zwischen Damaskus, Bagdad und
der Arabischen Wüste geschürten Erwartungen
von Unabhängigkeit. Letzterer ist vor allem in
Jordanien gedreht worden. Ein anderer Monumentalfilm,
„Fort Saganne“ von Alain Corneau (1984),
mit Catherine Deneuve, Gerard Dépardieu und Philippe
Noiret, der Sahara-Kämpfe gegen einen imaginären
Sultan Omar als Handlungsgerüst hat, ist mit Abstand
der teuerste französische Film seiner Zeit gewesen
und das war es dann auch. Die Buchvorlage stammt von
Louis Gardel, einem Enkel des Saharaoffiziers Gabriel
Gardel, nach dem das Fort Gardel zwischen Djanet und
Tamanrasset, heute eine Ruine, benannt ist. „Taxi
nach Tobruk“ (von Denys de la Patellière,
mit Lino Ventura, Hardy Krüger, Charles Aznavour,
1960) oder „Eiskalt in Alexandrien“ (von
J. Lee Thompson, mit John Mills, Sylvia Syms, Anthony
Quayle, 1958) haben den Kriegsschauplatz Wüste
zum Thema und blieben halbwegs im Rahmen des Akzeptablen;
von „Tobruk“ / „Die Kanonen von Tobruk“
(Regie: Arthur Hiller, mit Rock Hudson, George Peppard,
1966) oder dem Fremdenlegionsepos „Marschier oder
stirb“ (Regie: Dick Richards, mit Gene Hackman,
Terence Hill, Catherine Deneuve, Max von Sydow, 1976),
beide über gelegentliche TV-Wiederholungen präsent
bleibend, lässt sich das nicht so ohne weiteres
behaupten.
Dass sich James Bond in „Der Hauch des Todes“
realen marokkanischen Situationen aussetzt oder für
„Star Wars“ tunesische Wüstenszenarien
benutzt wurden, leitet zum Standardniveau über,
das unter dem Stichwort „Sahara“ für
westliche Filme in den elektronischen Archiven auftaucht:
„Sahara – Wüste des Todes“ (USA,
1995), „Das Sahara-Projekt“ (TV-Film, 1993),
„Wüste Wege – Ein Saharatrip“
(BRD, 1988), „Das Geheimnis der Sahara“
(1987), „Sahara 1982“ (USA, 1982), „Sahara
Cross – Duell in der Wüste“ (Italien,
1977), „L.E.G.I.O.N. – Höllentor Sahara“
(CSSR, 1972), „Endstation 13 Sahara“ (BRD/GB,
1962/63), „Die Sahara brennt“ (F, 1960),
„Der Legionär der Sahara“ (USA, 1952),
„Hotel Sahara“ (GB, 1951), „Sahara
1943“ (USA, 1943). Nur die letzten beiden werden
halbwegs positiv beschrieben, auch wegen Darstellern
wie Peter Ustinov oder Humphrey Bogart. Für alle
späteren sind die Charakterisierungen ähnlich:
„Einfalt der dramaturgischen Struktur“,
„dürftige Story“, „dummer Abenteuerfilm“,
„gängige Klischees“, „magere
Geschichte“, „konzeptionsloser Kriegsfilm“,
„unglaubwürdig“, „spannungsarm“,
„die Fremdenlegion romantisch verzeichnend“.
Als Abbild gedanklich-geschäftlicher Zugänge
dürften solche Langzeit-Statistiken durchaus aufschlussreich
sein. Einseitig Kriegerisches dominiert. Im Actionfilm
„Sahara“ (USA, 2004), in dem es um einen
afrikanischen Diktator mit Atomwaffen geht, wird es
gerade wieder aktualisiert. Selbst die Unterhaltungswerte
liegen in aller Regel unterhalb dessen, was sich kommerziell
lohnt. Bei Fernsehdokumentationen wiederum gibt es kaum
Kontinuität, über die sich analytische Bilder
komplizierter Weltregionen vermitteln könnten,
wahrscheinlich wegen des Aufwands, den mehrpolige Gründlichkeit
erfordern würde. Auf Bildschirmen auftauchende
„normal“ und differenziert argumentierende
Stimmen aus anderen Kulturkreisen sind seltene Sonderfälle.
Eine Bestärkung erfahren solche Positionen im Mix
von Banalitäten, Katastrophen, Radikalisierung,
Naturschauspielen kaum. Es ergibt sich latent der verkehrte
Eindruck, dass sich eine Großregion wie die Sahara
– aus deren Randgebieten etwa UNO-Generalsekretär
Kofi Annan (Ghana) und dessen Vorgänger Boutros
Boutros-Ghali (Ägypten) stammen – nun auch
medial gegen dies und jenes sperren würde, so wie
zu Zeiten, als sie tatsächlich noch ein zu erforschendes
Niemandsland gewesen ist.
Deswegen bleiben auch Filme von Regisseuren und Regisseurinnen
aus dem Maghreb und den Regionen südlich davon
hier bewusst eine Leerstelle, in Erinnerung an ihre
marginale Präsenz in Europa und weil sie –
analog zur Erforschung dieser Gesellschaften selbst
– Expeditionen voraussetzen, Expeditionen zu Programmkinos
und Festivals. Beispiele für Algerien wären
Mohammed Chouikh („L’arche du désert“,
1997 / „Youcef“, 1993 / „El-kalaa“,
„Die Zitadelle“, 1988), Belkacem Hjadadj
(„Machado“, 1996), Abderrahmane Bourguemouh,
(„La colline oublié“, 1996), Assia
Djebar („La Nouba des femmes du mont Chenoua“,
1979; „La Zerda ou les chants de l'oubli“,
1982) oder Mohammed Lakhdar-Hamina („Chronique
des années de braise“, 1975), für
Marokko Faouzi Bensaidi („Mille mois – Alf
Chahr“, 2003) oder Daoud Aoulad Syad („Aoud
rih“, 2001), aus Senegal Safi Faye („Mossane“,
1996), die erste Frau, die im Afrika südlich der
Sahara Spielfilme verwirklichen konnte.
Deren Süden, vor allem Niger, ist auch von Jean
Rouch (1917–2004) – ein Hauptinitiator des
Cinéma vérité – zum dominierenden
Schauplatz seiner Filme gemacht worden, oft in Zusammenarbeit
mit Damouré Zika. Aus „Les maîtres
fous“ („Mad Masters“, 1953) über
den ekstatischen Hauka-Kult haben etwa Jean Genet oder
Peter Brook wichtige Impulse für ihre eigene Arbeit
bezogen. Wegen seines aufrührerischen Potenzials
war er lange von den Kolonialbehörden verboten.
Jahrzehnte später, in „Madame D’Eau“
(1992), geht es um Missverständnisse, um Ironie,
um Leichtigkeit. Als „Transfer“ aus Gebieten
südlich der Wüste über den Atlantik ist
der Blues mit seinen westafrikanischen Wurzeln eine
höchst signifikante Kraft; Filme wie „Feel
Like Going Home“ von Martin Scorsese (2003), „The
Soul of A Man“ von Wim Wenders (2003) bis zu „Piano
Blues“ von Clint Eastwood (2003) aktivieren solche
auf die USA projizierten „Erinnerungen“.
Die in ihrer Poesie, Direktheit und Komplexität
eindrucksvollsten Saharafilm der letzten Jahre hat Raymond
Depardon – von der Fotografie her kommend –
im Tschad gedreht, wo er sich schon davor monatelang
aufgehalten hatte. In „Vom Westen unberührt“
(„Un homme sans l'Occident“, Regie und Kamera:
Raymond Depardon, Darsteller: Ali Hamit, Brahim Jiddi,
Wodji Ouardougou, Hassan Yoskoi, 2002), steuert der
Nomade Alifa, ein Findelkind, als Objekt seiner Landschaft
und eines dahinfließenden Geschehens auf den abrupten
Zusammenprall mit westlicher Zivilisation zu. Vorlage
ist der gleichnamige 1946 erschienene Roman von Diego
Brosset, der, nach Jahren des Dienstes in der Sahara
und der Teilnahme am Wüstenkrieg in Nordafrika
zum General aufgestiegenen, rückblickend versucht
hat, die Sichtweise eines Tubu literarisch zu verarbeiten.
Die Schweigsamkeit im Film, in dem nur das Nötigste
gesprochen wird, stellt jede Vorstellung möglicher
Erzählungen darüber in Frage. Auch „Die
Gefangene der Wüste“ („La captivee
du desert“, Regie und Drehbuch: Raymond Depardon,
Darsteller: Sandrine Bonnaire, Dobi Kore, Dobi Wachinke,
Atchi Wahi-Li, Fadi Taha, Badei Barka, 1989) nimmt die
Geschichte der 1974 von Rebellen der Frolinat (Front
de Libération Nationale du Tchad) im Tschad verschleppten
französische Archäologin Françoise
Claustre, die dreiunddreißig Monate lang als Geisel
gefangen gehalten worden war, nicht zum Anlass für
ein Nacherzählen, sondern für emotionale Bildabstraktionen.
Es geht um Versuche, den kolonialen Blick an der Wüstenlandschaft
zerbrechen zu lassen; denn ihn noch so wohlwollend einfach
umzukehren, könne nicht funktionieren. Die Wüste
wird zum Ort für alles. Sich dem Horizont flüchtend
zu nähern, würde diesen nur neuerlich in die
Ferne schieben. Die Dimensionen sind so gewaltig, dass
jenseits solcher Linien nichts erwartet werden kann.
Zeit dehnt sich dermaßen, offenbar um jeder kleinsten
Verrichtung Monotonie beizubringen. Totale Abhängigkeit
ergibt sich von selbst. Jede Handlung, selbst Chronologie,
verglüht in der Sonne. Beziehungen zwischen Opfer
und Tätern bleiben verschlossen. Auch dieses Unnahbare
wird zur Frage nach Distanzen.
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