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Springer Wien New York
Elfie Semotan / Galerie Walter Schupfer

Sahara. Text- und Bildessays

Herausgegeben von Christian Reder und Elfie Semotan
Edition Transfer bei Springer Wien New York 2004


 

Elfie Semotan im Gespräch mit Christian Reder
Licht, Horizont, Nähe, Nuancen

Um es nicht zu romantisch, sondern eher technisch anzugehen: Ist eine Wüste für dich als Fotografin in erster Linie ein Lichtraum, in dem eben bestimmte Verhältnisse herrschen, auf die zu reagieren ist?

So gesehen ist die Sahara sicher das größte Studio, die größte Lichtbox der Welt. Die Sonne zeichnet dort mit ihrem harten, gerichteten Licht sehr prägnante Schatten, die helle Wüste reflektiert es, wirft es weich zurück. Diese Kombination ist das Schöne. Alle Formen, Figuren, Gesichter werden von diesen Lichtwirkungen erfasst. Die Dramatik in der Früh und am Abend ist spektakulär, zu Mittag wiederum ist das flirrend Diffuse interessant. Hollywood liegt nicht zufällig in der Nähe einer Wüste. Das Licht von Los Angeles ist ein Wüstenlicht, sogar in der Stadt selbst, weil sie, wegen der Erdbebengefahr sehr niedrig gebaut, selbst eine große Fläche ist. Bevor es die moderne Lichttechnik gegeben hat, sind alle Filme in der Wüste gedreht worden; oft geschieht das auch jetzt noch. Ein solches Licht kriegst du nicht so schnell irgendwo den ganzen Tag. Es ist berechenbar, es gibt keine überraschenden Veränderungen. So wie ich fahren viele Fotografen weiterhin nach Los Angeles, um die Wüste wie ein Studio zu benutzen. Deren Licht ist einfach wunderbar. Mit dem kannst du arbeiten.

Als Steigerung eines strahlender Sonnentags, wie wir ihn kennen?

Das Licht in Italien wäre wahrscheinlich genauso, wenn es dort eine Wüste gäbe. In unseren Breiten aber nimmt es grünliche, bräunliche, schwärzliche Reflexionen auf, von Häusern, Bäumen, von irgendwelchen gefärbten Gegenständen, mit denen der hiesige Alltag voll ist. Es ist einfach nicht so rein wie in einer Wüste. So schöne Farben siehst du sonst nie. Jede kommt ganz klar und deutlich heraus. An den Kleidern der Tuareg, die doch oft wie abgetragene Fetzen wirken, bekommt jeder ausgewaschene lila Schatten eine wunderbare Präsenz.

Das hat sicher auch mit der extrem klaren Luft, mit der Temperatur zu tun. Ein Sonnenuntergang hat eine andere Gewalt. Am Morgen ist die Sonne abrupt da, als Ereignis.

Der Sonnenaufgang bei unserer Rückkehr ist dem um nichts nachgestanden. Nur muss man dazu im Flugzeug sitzen. Unsere verbauten Horizonte verhindern solche Eindrücke. Dort ergießt sich das Licht ohne Widerstände über die ganze Landschaft. Ihre Reduziertheit macht bewusst, wie angefüllt unsere Erfahrungsräume sind.

Hoch in den Bergen ergeben sich auch dramatische Lichterlebnisse. Der Dunst unten liefert aber andere Nuancen. Wie ist das technisch im Schnee – als Gegenbild zur Sahara?

Schnee blendet dich richtig, von unten her. Das Licht wird viel zu stark reflektiert. Durch den hellen, oft rötlichen Sand ist es einfach schöner, sanfter. Außerdem ist die Oberfläche der Wüste so gleichmäßig wie keine uns geläufige Berglandschaft.

Der weite Horizont, diese Dimensionen, wie lässt sich da der fotografische Blick überhaupt fokussieren?

Durch gesteigerte Konzentration auf dein Objekt. Oft ist der Horizont nur ein Strich, der die Person in den Mittelpunkt stellt, sie noch unterstreicht. Die Teilung von oben und unten bildet einen Raum, der letztlich nicht mehr konkret ist. Du kannst ihn vollkommen frei einteilen. Die Wüste selbst macht nichts.

Gerade auf Flächen ohne Umrahmung, ohne Gebirge, wird besonders in der Nacht die Himmelskuppel so geometrisch erlebbar wie auf einem anderen Planeten. Man merkt, dass wir in unserer Zivilisation, vor allem in Städten, den Himmel nicht wahrnehmen. Nachts ist er überall durch künstliche Beleuchtung abgeschirmt. Mit Licht nur mehr in Bodenhöhe, etwa auf Plätzen, wird jetzt manchmal versucht, solche Zusammenhänge zurückzugewinnen.

Vom nächtlichen Himmel trennen wir uns auch durch jedes Licht, das wir selber andrehen. Bei uns wirkt der Himmel nie gleich stark wie das, was unten ist. Unten ist immer stärker als der Himmel, denn dort spielt sich alles ab. Der Himmel allein interessiert mich beim Fotografieren eigentlich nicht. Ein Raum wird erst durch seine Begrenzung als Raum erkennbar. Nur dann spürst du ihn wirklich. In der Wüste wird einem das Verschmelzen von zwei gleich starken Flächen bewusster; vielleicht auch deren Gleichwertigkeit.

Man hat oft den Eindruck, Hunderte Kilometer weit zu sehen. Kann diese Tiefenschärfe fotografisch bewältigt werden?

Durch das starke Licht bekommst du von zwei Meter bis zum Horizont alles scharf. Du musst dich nicht wirklich darum kümmern. Wenn man unbedingt will, lässt sich natürlich etwas ganz nach vorne holen oder Unschärfe erzeugen.

Es geht also um das Zusammenspiel von Dimension und Detail. Ich bilde mir ein, dass auf eigenen Fotos von einem Stein, einem ausgebleichten Holzstück in der Wüste trotz des nahen Ausschnitts die umliegende Weite zu merken ist; vielleicht bloß wegen der ausgelösten Erinnerung. Man scheint auch die Zeitdimensionen zu spüren. Kommt das nur vom Licht?

Diesen Eindruck von Dimension, von Zeit liefert das Licht selbst. Es verleiht dem Objekt eine besondere Plastizität, strukturiert es deutlicher. Licht erzeugt Stimmungen. Flaches, ins Graue gehende Licht bestärkt subtile, traurige Stimmungen, weil es die Räumlichkeit eher wegnimmt. Im Gegensatz dazu wird sie vom Wüstenlicht betont. Wegen dessen Präsenz und Klarheit kann man immer mit ihm arbeiten. Zuletzt waren aber in der Fotografie Gegentendenzen stärker. Mit der Mode aus England, dem Forcieren von Einfachheit, Alltäglichkeit, ist flaches, zartes, völlig unsensationelles Licht, von dem ostentativ unklar blieb, von wo es herkommt, wichtig geworden. Nach den aufwendig-komplizierten Lichtspielen und der aufgedonnerten Dramatik davor war das eine unglaublich angenehme Abwechslung. Ein anderes Beispiel wäre der harte Flash von vorne, also ein Blitzlicht, das alles gleichmäßig und unparteiisch – demokratisch, würde ich sagen – aufhellt. Mit diesem Licht kannst du dann Partyfotos machen, wir wissen ja, wie brutal sie oft sind, oder vollkommen absurde Szenarien erzeugen. Du behandelst alles gleich. Dazu ist so ein Licht notwendig, das keine Räumlichkeit und keine Schatten macht, sondern bloß Situationen gleichgültig aufhellt. Das zur Bedeutung von Licht und als Gegensatz zur Gleichgültigkeit der Wüste.

Weil deren ganz andere Art von Gleichgültigkeit Zeitdimensionen sehr dramatisch spürbar macht – ständig fühlt man sich mit Hunderttausenden von Jahren konfrontiert, während sich beim Blick aufs Matterhorn keiner fragt, wie alt es eigentlich ist – bekommt vielleicht auch der Moment eine andere Wertigkeit.

Der Moment für das Bild wird durch die Überlegungsphase, das Abdrücken und die Verschlusszeit bestimmt. Bei zu langer Belichtung zerstört es sich selbst. Dann ist einfach nichts mehr drauf. Das Papier bleibt weiß, der Film ganz schwarz. Bevor es dazu kommt, ergibt sich mit einem extrem unempfindlichen Film, großer Blende und langer Belichtung ein ganz feines Korn. Es wird alles völlig scharf von vorn bis hinten. Dann ist praktisch keine Bewegung mehr drinnen.

Für Zeitdimensionen und Momente ist das eine einprägsame Metapher, gerade weil es um technisch bestimmte Vorgänge geht. Ein zugehöriges Stichwort wäre Lichtempfindlichkeit. Lichtempfindlich sind die Augen, lichtempfindlich sind viele Tiere, lichtempfindlich ist ein Film.

Da es immer Situationen gibt, wo das Licht verschwindet, etwas im Schatten vor sich geht, können auch in der Wüste empfindliche Filme etwas bringen. Sterne allerdings werden mit entsprechender Belichtungszeit bekanntlich zu Strichen.

Tagsüber ist oft keinerlei Bewegung zu sehen; es passiert nichts. Sich für ein Bild Ausschnitte zu suchen zwischen diesem Nichts und dem Besonderen könnte einen auch blockieren. Aber selbst ein gestückeltes Horizontfoto von 360 Grad würde den Raum nicht „wirklich“ abbilden können.

Mir ging es zuerst einmal darum, die Intensität dieser Wüste selbst zu erleben und für Fotos meinen persönlichen Zugang zu finden. Ob es dann gelingt, das anderen zu vermitteln, ist die nächste Frage. Zuerst muss ich es für mich selbst zusammenbringen. New York kennt jeder längst, bevor er dort gewesen ist. Aus Filmen, von den Fotos der besten Fotografen ist einem fast jede Ecke vertraut. Bei der Wüste ist es genauso, durch Bücher, durch hundertmal gesehene Bilder. Man glaubt alles zu kennen. Gerade an Stellen, die als Wüste schlechthin gelten, in den Sanddünen, ist es wirklich schwierig, noch eine ganz persönliche Sicht zu finden. Die Landschaft wehrt sich in ihrer Gleichförmigkeit dagegen. Letztlich geht es also darum, wie du das insgesamt inszenierst, vom Foto selbst bis zur Art der Ausarbeitung – ob es eben gelingt, zu dem, was wir alle kennen, noch persönliche Nuancen hinzuzufügen, gewisse Erwartungen zu irritieren.

Neben ihrer Statik ist die Wüste auch ein Bewegungsraum. Ohne sich fortzubewegen würde jeder irgendwann verdursten, verhungern, umkommen. Auch wir sind viel gefahren und zu Fuß gewandert, in unwegsamstem Gelände. Bewegung und Unschärfe sind also genauso präsent wie die viel zitierte Ruhe.

Hätte ich mich allerdings verirrt, würde ich warten, um nicht tatsächlich verloren zu gehen. Aus der Bewegung heraus, während des Fahrens, siehst du ununterbrochen Dinge, die du eigentlich festhalten möchtest. Das ergibt Tausende Fotos, die ich nicht gemacht, aber immer noch im Kopf habe. Sie sind mir genauso wichtig wie jene, die tatsächlich entstanden sind. Vielleicht sollte ich mich künftig mehr um die unrealisierten kümmern. Es gab aber auch die Lust, mit Fotos einfach schnelle Notizen zu machen, alles zu fotografieren, was ich festhalten konnte, Bewegung inbegriffen. Bewegung reduziert zwar manchmal die Präzision und die Schärfe, aktiviert aber einen schnellen und emotionellen Zugang. Idealerweise bleibt das in den Bildern erkennbar, gerade wegen kleiner Unschärfen. Die Wüste selbst zeigt keinerlei Emotion. Erst durch eine Bewegung, sozusagen durch eine Flucht davor, kommen emotionelle Momente hinzu.

Natur setzen wir mit Überfluss gleich. Was wir normalerweise als Natur erfahren, hat immer mit Pflanzen, mit Bäumen, mit Blumen zu tun, die romantischen Ideen zufolge sogar mit einem sprechen. Von gelegentlichen Palmen und Sträuchern abgesehen fehlt das in der Wüste. Nichts erweckt auch nur den Anschein eines solchen Dialogs. Die Natur schaut dich mitleidlos an. Gerade darin liegt aber eine herausfordernde Qualität.

Absolut. Deswegen ist mir ein emotionelles Reagieren darauf so wichtig. Jeder Ausschnitt sollte vermitteln und begreifbar machen, was dich veranlasst hat, ihn zu wählen. In der Gleichförmigkeit einer Wüste ist das ein schwieriges Unternehmen.

Auf deine Bemerkungen über Bewegung zurückkommend, ergibt sich daraus auch die Frage, was das Einzelbild im Unterschied zum Film leisten kann.

Sicher könntest du endlos die Flächen, den Horizont, die Gebirgsformationen filmen und damit auch ohne Spielhandlung deine eigene Sicht, dein Gefühl für diese Gegend, deine Stimmung vermitteln. Ich glaube, dass die Fotografie den Betrachter etwas freier lässt. Einem Film, wenn man sich einmal als Zuseher für ihn entschlossen hat, kann sich keiner mehr so leicht entziehen. Auf eine Serie fast gleicher Fotos jedoch kannst du dich einlassen oder eben nicht. Sich Zeit zu nehmen, um subtile Unterschiede zu finden, die vielleicht mindestens so interessant sind wie großartige Ausschnitte aus Landschaften oder filmische Abläufe, ermöglicht einem eher das Foto. Es macht erkennbar, wie weit man sich sensibilisieren konnte und das auch im Weitergeben funktioniert. Gerade kleine Abweichungen von Gewohntem befragen die Wahrnehmungsfähigkeit.

Zugleich haben die Berge und Felsen in der Wüste eine unglaubliche skulpturale Gewalt.

Um wenigstens die Dramatik der Färbung wegzulassen, habe ich viel schwarz-weiß fotografiert. Es ging mir nicht darum, das auch noch zu steigern. Unvermeidbar ist, dass einen das anzieht, was einem bekannt vorkommt, sei es als Bild, sei es als Stimmung. Auch in einer völlig fremden Gegend suchen wir danach, was längst in unserem Kopf gespeichert ist.

In Anerkennung der Fotoscheu in solchen Gesellschaften war das Herangehen vorsichtiger; Fotos von Personen sind erst im Zuge von Annäherungen entstanden. Zu solchen Intensitäten kam es auch deswegen, weil wir unterwegs relativ wenig Menschen getroffen haben.

Einen Menschen sollte man nur fotografieren, das glaube ich ganz grundsätzlich, wenn als Gegenleistung zumindest eine gewisse Beschäftigung mit seiner Person stattfindet, im Gespräch, als aufmerksames Eingehen auf seine Erscheinungsweise. Ein Bild von sich, also von dem, was die Person ein Leben lang geformt hat, so einfach herzugeben, sollte in einem halbwegs ausbalancierten Austausch erfolgen. Wenn also von Touristen für Fotos Geld verlangt wird, finde ich das völlig berechtigt, wenigstens als Ersatzhandlung. Wird jemand fotografiert, muss irgendetwas dafür gegeben werden.

Nach islamischen und vielen anderen Traditionen nimmt das Foto etwas weg. Eigentlich sind das die gleichen Gedanken.

Da ist sicher etwas dran. Um es an einem extremen Beispiel deutlich zu machen: Ein sehr bekanntes, schönes Fotomodell, mit dem ich oft gearbeitet habe, war irgendwann nur mehr ein Schatten seiner selbst, weil alles an ihm sozusagen wegfotografiert worden war. Da hat kein Styling, kein Schminken mehr genützt. Das hört sich komisch an, ist aber tatsächlich so. Wenn du dauernd fotografiert wirst, nimmt dir das eine Ursprünglichkeit. Du machst nichts mehr unbewusst. Alles wird zu etwas anderem, auch du selbst. Du wirst in eine Richtung gedrängt, die nichts bringt, die nicht unbedingt gut für einen ist.

Das noch nicht so oft Fotografierte, Abgebildete zu suchen ist aber in einer Global World längst etwas Irreales. Ständig sehen wir Bilder aus den entlegensten Ecken. Nichts ist mehr neu.

Die Wüste ist schon so oft fotografiert worden und damit inzwischen Allgemeingut, dass es nur noch um Nuancen gehen kann, um Persönliches. Erstaunlicherweise gibt es aber doch immer wieder neue, erfrischende Zugänge; zu allem, zu Landschaften, zu Menschen, obwohl das nun wirklich schon sehr lang gemacht wird – gezeichnet, gemalt, fotografiert. Kleine Chancen, Zugänge zu finden, die es in der Art noch nicht gibt, existieren also durchaus.

Von der Philosophie bis zur Kunst sind sehr viele Sager zu „alles ist schon gedacht, alles ist schon gemacht worden“ unterwegs; dieser blockierende Zynismus nervt eher.

Das stimmt ja auch überhaupt nicht. Man kann das doch an jungen Leuten ständig beobachten, wie sie plötzlich Dinge anders sehen, vielleicht nicht fundamental anders, aber doch bemerkenswert anders, als wir es kennen.

Wer in die Wüste reist, ist Beobachter. Die andere Seite über Gespräche und ein Abbilden hinaus einzubeziehen, gelingt nicht so ohne weiteres. Auch in ausführlichen Interviews bliebe eine Transfer-Balance rudimentär. Eine gewisse Einseitigkeit scheint unvermeidlich zu sein.

Ganz so sehe ich das nicht. Wir waren die aktiven Beobachter und haben davon profitiert. Unsere Gegenüber aber waren genauso Beobachter. Sie beobachten uns und finden vieles wahrscheinlich höchst eigenartig. Sie werten es nicht aus wie wir, aber einen Niederschlag wird es haben und sie können auch etwas gewinnen dabei. Eine gewisse Gegenseitigkeit hat sicher stattgefunden, wenn fünf Frauen und fünf Männer aus dem Westen mit sechs Tuareg und einem Araber unterwegs sind. Durch den Respekt, den wir zeigten, haben wir signalisiert, auf gleicher Ebene zur Verfügung zu stehen, soweit es eben geht. So möchte ich das und möchte auch, dass die andere Seite das so empfindet. Das macht es beidseitig viel interessanter.

Du, als berufstätige Frau, allein in dieser Gruppe unterwegs, ständig arbeitend, sichtlich professionell und nicht touristisch, das ist sicher speziell beobachtet worden.

Erfreulicherweise aber eben nie ostentativ. Es ist sichtlich als Signal der Offenheit und einer offerierten Disponibilität aufgenommen worden. Ich hatte auch das Gefühl, dass ein solches selbstverständliches Agieren geschätzt wurde.

Unausgesprochenes war besonders wichtig. Bei politischen Informationen gab es verständlicherweise Grenzen. Wir wollten ja auch niemanden in eine schwierige Lage bringen.

Ich habe unseren Begleitern oft zugehört, natürlich ohne etwas zu verstehen. Die Fröhlichkeit, Leichtigkeit, Freundlichkeit, mit der diese Männer miteinander umgegangen sind, war faszinierend. Dass unser Security Man aus Bengasi keine Scheu hatte, sein Heimweh, seine kleinen Krankheiten, seine filigrane Befindlichkeit zu zeigen, ist wirklich bemerkenswert gewesen. In so einer Funktion habe ich das überhaupt noch nie erlebt, bei einem westlichen Polizisten zum Beispiel. Angesichts der üblichen martialischen Bilder aus der islamischen Welt war das sehr überraschend, berührend.

Alle unsere Begleiter haben ein fast feminines Auftreten gehabt, höflich, gefühlvoll, zurückhaltend – wenn solche Stereotypen als Stichworte erlaubt sind. Das waren keine Machos, auch gegenüber den Frauen in unserer Gruppe nicht.

In keiner Weise. Vielleicht kommt das daher, weil Kinder in einer Frauenwelt aufwachsen. Das behaupte ich jetzt einfach. Die Männer haben sich zwar bemüht, eine gewisse Festigkeit auszustrahlen, ihr Auftreten jedoch war eher weich, aber auf eine sehr angenehme Art.

Dem steht das offizielle, auch von latenten Feinden geschürte Libyen-Bild gegenüber: Ein hoch militarisiertes Land von Kämpfern, auch Frauen wurden Pilotinnen. Selbst in Tripolis war davon nichts zu bemerken, durch sehr elastische Verhaltensweisen, Freundlichkeit, Kontaktfreude.

Die Menschen sind auffallend neugierig und unaggressiv, mit offenem und flexiblem Blick. Ich habe mich durchwegs ziemlich wohl gefühlt und nie Angst gehabt. In Tunesien, in Marokko hingegen hat es ständig unangenehme Situationen gegeben, weil sich eine westliche Frau dort dauernd in der Defensive befindet, angestarrt wird, sich als bloßes Objekt fühlt. Deswegen habe ich solche Länder eher gemieden. In Libyen ist das sichtlich anders. Ich hatte überall den Eindruck von einer sehr freien und selbstverständlichen Art. Manche Frauen tragen Kopftücher, manche nicht; streng verschleierte sind mir nie aufgefallen. Am Land sind zwar wenig Frauen zu sehen, mit denen wir aber in Kontakt kamen, die waren – vor allem wenn kein Mann dabei war, was ihr Verhalten ändert – so frei, zugänglich und offen, das ist unglaublich.

Unter islamisch geprägten Ländern, von denen ich außer Saudi-Arabien oder dem Sudan die meisten kenne, hat es zweifellos in Libyen oder auch in Syrien wegen sozialistisch orientierter Phasen viel stärkere gesellschaftliche Veränderungen, vor allem auch der Situation der Frauen gegeben. Gerade in jenen Ländern also, die vom Westen aus zu den Bösen gezählt werden oder wurden.

Das merkt man auch im Alltag ganz deutlich und sehr positiv. Was mich besonders interessiert, gerade weil ich es nicht verstehe, ist, warum sozial, aber auch von der körperlichen Bewegungsfreiheit her derart eingeschränkt lebende Frauen so spontan sind, so kommunikationsfreudig, oft auffallend stark und wild. In ihrer eigenen Umgebung nehmen sie dich sofort voll in Beschlag, ohne jede Schüchternheit. Das kann nicht bloß deswegen sein, weil sie so wenig Gelegenheit dazu haben. Was macht sie also so sicher? Es dürfte mitspielen, dass sie eine genau definierte Funktion zu erfüllen haben, die sehr auf ein Kinderkriegen hin orientiert ist, eben auf Dimensionen innerer Bereiche. Für außen gesteuerte westliche Frauen ist vieles anderes wichtig, ihr Aussehen, eigene gesellschaftliche Kontakte, berufliches Fortkommen. Inwieweit es vorerst einmal genügen könnte, eine Frau zu sein und als Frau zu funktionieren, ohne Abhängigkeit von Mann und Familie, ist kein forciertes Thema. Männer aber funktionieren sehr wohl primär wie Männer. Sie bewegen sich auch in unserer Gesellschaft sicherer, weil sie von vornherein mit Vorteilen rechnen und sich zu allem möglichen entwickeln können. Das sage ich jetzt einmal so. Vielleicht funktioniert es dort für das weibliche Geschlecht umgekehrt. Ich beneide diese Frauen nicht, aber dass sie aus dieser anderen Art von Sicherheit eigene Freiheiten entwickeln, halte ich für bedenkenswert. Wenn sie mit dieser Position auch persönlich frei sein könnten, wäre das ein höchst interessanter Schritt. Gingen aber dann ihre jetzt erkennbaren Stärken wieder verloren, als Verwestlichung? Was uns beeindruckt, muss jedenfalls viel mit ihrer sozialen Position zu tun haben, so viel Unterschiede es dabei auch geben mag.

Die gegenüber dem Westen völlig andere Trennung von privatem und öffentlichem Raum, bis hin zur Architektur, mit traditionell nach innen gerichteten Häusern, ist sicher Ausdruck solcher Prägungen. Auf gewisse Weise haben aber auch wir vor zehn, zwanzig Jahren öffentlicher gelebt. Vieles hat sich in Privatbereiche verlagert. Mit der gebotenen „Öffentlichkeit“ ist kaum wer einverstanden. Gruppen sind kleiner geworden, sind zerfallen. Öffentliche Lokale haben ihre Treffpunkt-Funktion verloren. Auch wir leben in Clans, in einer Art von Stammesgesellschaft, verachten andere, ob einer nun falsch angezogen ist oder einmal ein paar falsche Sätze gesagt hat. Für den bewundernden Orientalismus hingegen, der von Edward Said und anderen endlich dekonstruiert wurde, ist der Orient nicht sosehr eine engstirnige Cliquengesellschaft als vielmehr die erotische Region schlechthin gewesen, ein Ort der Fantasien, mit Bauchtänzerinnen, Harems, Homosexualität, ungeahnten Freiheiten.

Immer als erotische Fantasien von Männern.

Sicher. Jetzt aber wird das Bild von der verschleierten, eingesperrten Frau aus dem Orient bestimmt. Im Fernsehen sind fast nur noch solche mit afghanischen Burkas zu sehen; Gefängnisfrauen. Moderate, liberale Stimmen aus solchen Gesellschaften werden einem fast nie zugemutet. Von der Radikalisierung profitieren eben zu viele. Solche Paradigmenwechsel werden kaum reflektiert. Derartige Erscheinungen als unmodern hinzustellen genügt sicher nicht. In gewisser Weise sind das alles Reaktionen auf die Moderne, also Teil von ihr. Die Frau aus ihrer Funktion als Sexualobjekt und abhängiges Wesen zu befreien hat auch unsere Entwicklungen der letzten Jahrzehnte geprägt. Vom Islam her kommt das nun religiös verbrämt und verdreht; anders gelagert. Von der Achtung der Frau ist auch dabei auffallend viel die Rede.

Die Freiheit der Frau hat nichts mit Nichtachtung der Frau zu tun.

Neben partieller Bewunderung wird sie real auch bei uns nicht entsprechend geachtet, weil sie in aller Regel ein Drittel weniger verdient und überall Männer dominieren. Schreibende Frauen aus Nordafrika müssen fast alle im Ausland leben. Der aus dem Libanon stammende Schriftsteller Amin Maalouf hat mir zu Protokoll gegeben, die Ausgrenzung der Frau führe zur „Infantilisierung der Gesellschaft“. Nun oft aggressiv hochgespielte Symbole, wie Dschellaba, Kopftuch, Gesichtsschleier, würden bloß repräsentieren, „wie Römer und frühe Christen ausgesehen haben“. Dem syrischen Philosophen Sadik J. al-Azm zufolge werden ostentativ traditionell gekleidete Frauen von freigeistigeren Arabern „Nonnen“ genannt, „in Analogie zu den lange üblichen christlichen Bekleidungssitten“. So einheitlich, wie oft unterstellt, sind die Positionen also keineswegs. Im Westen gehören Kontinuitätsbrüche zu den vielfach höchst befreienden Erfahrungen. Vielleicht machen einen deswegen Forderungen, an fiktive urislamische Traditionen anzuknüpfen, so ratlos. Daran ist nichts, was zu verstehen wäre.

Dem Argument einer Infantilisierung stimme ich selbstverständlich voll zu. Dass die Hälfte der Menschen nichts zu sagen hat, von diesem und jenem ferngehalten wird, ist absurd. Und von Religion als politischer Kraft habe ich mir nie etwas erwartet. Schizophren ist die Negation einer Grundtatsache: Alle Männer werden von Frauen geboren und von Frauen geprägt.

Es gibt aber auch den Ansatz, dass gerade in solchen Gesellschaften die Mütter die patriarchalischen Muster prolongieren, weil auch sie die Söhne eklatant bevorzugen und verwöhnen; im Auftrag der Männer wiederum.

Ansonsten würden sie von den Männern geächtet. Wie schwer da auszubrechen ist, hat wohl auch unsere Geschichte evident gemacht. Ich bin über das Fotografieren mit Waris Dirie bekannt, einer inzwischen berühmten Afrikanerin aus Somalia. Sie selbst war beschnitten und davon nachhaltig traumatisiert worden. Nach einer trostlosen Jugend wurde sie in London als Fotomodell entdeckt. In den ersten Interviews hat sie gesagt, ich liebe diese Welt nicht besonders, aber wenn ihr etwas von mir haben wollt, dann erzähle ich von meiner Beschneidung. Das hat sie auch gemacht, was für die Modewelt ein ziemlicher Schock war, und ist dadurch prominent, Buchautorin („Desert Flower: The Extraordinary Journey Of A Desert Nomad“ / deutsch: „Wüstenblume“, 1999) und UNO-Botschafterin für solche Länder geworden, um am Abschaffen dieses Wahnsinns mitzuwirken. Ihre Methode ist interessant, denn sie arbeitet mit den Frauen zusammen, die diese Beschneidungen durchführen und so etwas wie einen Hebammenstatus haben. Sie verschafft ihnen Stellen, damit sie so leben können wie vorher. Männer, die weiterhin sagen, das sei für den Fortbestand der Gesellschaft wichtig, als Teil traditionellen Lebens, besticht sie mit Geld. So funktioniert das. So können alle leben. Trotzdem ändert sich etwas.

Ein solcher Realismus führt mich zu einem abschließenden Thema, wie du als Fotografin zu Facetten eines sozialen, Politisches zu fassen bekommenden Realismus stehst. Fotos stehen doch prototypisch für die Ambivalenz, einerseits die Welt über interessante Ausschnitte zu ästhetisieren, andererseits die Wirklichkeit von Deprimierendem, von Schrecklichem nur inszeniert abzubilden oder eben auszublenden.

Als Arbeitsgebiet ist das angesichts der unglaublichen Flut von Bildern ein äußerst schwieriges Feld. Damit bei den Leuten überhaupt noch eine Aufmerksamkeit oder Provokation erreicht werden kann, wird es einerseits immer intimer; dann fotografiert etwa einer schonungslos seine besoffenen Eltern, wie ich das gerade gesehen habe, oder ein Paar macht seine von Heroin unterstütze Sexualität öffentlich. Wer sich andererseits auf der Ebene von Kriegen und Katastrophen in den Wettbewerb des Schreckens begibt, gerät in eine genauso harte Competition wie in der Modefotografie. Du musst entweder ganz intim werden oder die großen Desaster zeigen. Letzteres ist weiter höchst notwendig, nur braucht eine solche Aufgabe die volle Hingabe; mindestens für ein paar Jahre. Du müsstest die Sprachen der Opfer lernen und durch die Länder ziehen. Da kannst du nicht am Abend nach Hause gehen und ein nettes Familienleben haben. Auf einem solchen Weg hätte ich keine Kinder, keinen Mann haben dürfen. Man muss dann auch mit den Leuten leben, die so etwas machen. Mein eigener Realismus hat sich anders herausgebildet. Dorothea Lange, von der die Landflucht in Amerika dokumentiert worden ist, war mir wichtig, oder Robert Frank mit seinen Serien zu „The Americans“. Mir geht es darum, immer wieder herauszufinden, was ich am besten kann, indem ich ganz persönliche Positionen einnehme.

Vom aus Wien stammenden Fotografen Erich Lessing, der die einprägsamsten Bilder vom Ungarnaufstand gemacht hat, stammt das Statement, dass für ihn damit Schluss war mit der Kriegsfotografie, mit dem Entsetzlichen. Ein nachvollziehbarer Standpunkt.

Diese Art Realismus hältst du nicht lange aus, schon weil es deine ganze Person, deinen ganzen Einsatz erfordert und du dadurch transformiert wirst.

Dein Zugang ist also der persönliche Blick auf Nuancen.

So kann man es sagen.

 

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© Elfie Semotan / Christian Reder 2004