Um es nicht zu romantisch, sondern eher technisch
anzugehen: Ist eine Wüste für dich als Fotografin
in erster Linie ein Lichtraum, in dem eben bestimmte
Verhältnisse herrschen, auf die zu reagieren
ist?
So gesehen ist die Sahara sicher das größte
Studio, die größte Lichtbox der Welt. Die
Sonne zeichnet dort mit ihrem harten, gerichteten Licht
sehr prägnante Schatten, die helle Wüste reflektiert
es, wirft es weich zurück. Diese Kombination ist
das Schöne. Alle Formen, Figuren, Gesichter werden
von diesen Lichtwirkungen erfasst. Die Dramatik in der
Früh und am Abend ist spektakulär, zu Mittag
wiederum ist das flirrend Diffuse interessant. Hollywood
liegt nicht zufällig in der Nähe einer Wüste.
Das Licht von Los Angeles ist ein Wüstenlicht,
sogar in der Stadt selbst, weil sie, wegen der Erdbebengefahr
sehr niedrig gebaut, selbst eine große Fläche
ist. Bevor es die moderne Lichttechnik gegeben hat,
sind alle Filme in der Wüste gedreht worden; oft
geschieht das auch jetzt noch. Ein solches Licht kriegst
du nicht so schnell irgendwo den ganzen Tag. Es ist
berechenbar, es gibt keine überraschenden Veränderungen.
So wie ich fahren viele Fotografen weiterhin nach Los
Angeles, um die Wüste wie ein Studio zu benutzen.
Deren Licht ist einfach wunderbar. Mit dem kannst du
arbeiten.
Als Steigerung eines strahlender Sonnentags, wie
wir ihn kennen?
Das Licht in Italien wäre wahrscheinlich genauso,
wenn es dort eine Wüste gäbe. In unseren Breiten
aber nimmt es grünliche, bräunliche, schwärzliche
Reflexionen auf, von Häusern, Bäumen, von
irgendwelchen gefärbten Gegenständen, mit
denen der hiesige Alltag voll ist. Es ist einfach nicht
so rein wie in einer Wüste. So schöne Farben
siehst du sonst nie. Jede kommt ganz klar und deutlich
heraus. An den Kleidern der Tuareg, die doch oft wie
abgetragene Fetzen wirken, bekommt jeder ausgewaschene
lila Schatten eine wunderbare Präsenz.
Das hat sicher auch mit der extrem klaren Luft, mit
der Temperatur zu tun. Ein Sonnenuntergang hat eine
andere Gewalt. Am Morgen ist die Sonne abrupt da,
als Ereignis.
Der Sonnenaufgang bei unserer Rückkehr ist dem
um nichts nachgestanden. Nur muss man dazu im Flugzeug
sitzen. Unsere verbauten Horizonte verhindern solche
Eindrücke. Dort ergießt sich das Licht ohne
Widerstände über die ganze Landschaft. Ihre
Reduziertheit macht bewusst, wie angefüllt unsere
Erfahrungsräume sind.
Hoch in den Bergen ergeben sich auch dramatische
Lichterlebnisse. Der Dunst unten liefert aber andere
Nuancen. Wie ist das technisch im Schnee – als
Gegenbild zur Sahara?
Schnee blendet dich richtig, von unten her. Das Licht
wird viel zu stark reflektiert. Durch den hellen, oft
rötlichen Sand ist es einfach schöner, sanfter.
Außerdem ist die Oberfläche der Wüste
so gleichmäßig wie keine uns geläufige
Berglandschaft.
Der weite Horizont, diese Dimensionen, wie lässt
sich da der fotografische Blick überhaupt fokussieren?
Durch gesteigerte Konzentration auf dein Objekt. Oft
ist der Horizont nur ein Strich, der die Person in den
Mittelpunkt stellt, sie noch unterstreicht. Die Teilung
von oben und unten bildet einen Raum, der letztlich
nicht mehr konkret ist. Du kannst ihn vollkommen frei
einteilen. Die Wüste selbst macht nichts.
Gerade auf Flächen ohne Umrahmung, ohne Gebirge,
wird besonders in der Nacht die Himmelskuppel so geometrisch
erlebbar wie auf einem anderen Planeten. Man merkt,
dass wir in unserer Zivilisation, vor allem in Städten,
den Himmel nicht wahrnehmen. Nachts ist er überall
durch künstliche Beleuchtung abgeschirmt. Mit
Licht nur mehr in Bodenhöhe, etwa auf Plätzen,
wird jetzt manchmal versucht, solche Zusammenhänge
zurückzugewinnen.
Vom nächtlichen Himmel trennen wir uns auch durch
jedes Licht, das wir selber andrehen. Bei uns wirkt
der Himmel nie gleich stark wie das, was unten ist.
Unten ist immer stärker als der Himmel, denn dort
spielt sich alles ab. Der Himmel allein interessiert
mich beim Fotografieren eigentlich nicht. Ein Raum wird
erst durch seine Begrenzung als Raum erkennbar. Nur
dann spürst du ihn wirklich. In der Wüste
wird einem das Verschmelzen von zwei gleich starken
Flächen bewusster; vielleicht auch deren Gleichwertigkeit.
Man hat oft den Eindruck, Hunderte Kilometer weit
zu sehen. Kann diese Tiefenschärfe fotografisch
bewältigt werden?
Durch das starke Licht bekommst du von zwei Meter bis
zum Horizont alles scharf. Du musst dich nicht wirklich
darum kümmern. Wenn man unbedingt will, lässt
sich natürlich etwas ganz nach vorne holen oder
Unschärfe erzeugen.
Es geht also um das Zusammenspiel von Dimension und
Detail. Ich bilde mir ein, dass auf eigenen Fotos
von einem Stein, einem ausgebleichten Holzstück
in der Wüste trotz des nahen Ausschnitts die
umliegende Weite zu merken ist; vielleicht bloß
wegen der ausgelösten Erinnerung. Man scheint
auch die Zeitdimensionen zu spüren. Kommt das
nur vom Licht?
Diesen Eindruck von Dimension, von Zeit liefert das
Licht selbst. Es verleiht dem Objekt eine besondere
Plastizität, strukturiert es deutlicher. Licht
erzeugt Stimmungen. Flaches, ins Graue gehende Licht
bestärkt subtile, traurige Stimmungen, weil es
die Räumlichkeit eher wegnimmt. Im Gegensatz dazu
wird sie vom Wüstenlicht betont. Wegen dessen Präsenz
und Klarheit kann man immer mit ihm arbeiten. Zuletzt
waren aber in der Fotografie Gegentendenzen stärker.
Mit der Mode aus England, dem Forcieren von Einfachheit,
Alltäglichkeit, ist flaches, zartes, völlig
unsensationelles Licht, von dem ostentativ unklar blieb,
von wo es herkommt, wichtig geworden. Nach den aufwendig-komplizierten
Lichtspielen und der aufgedonnerten Dramatik davor war
das eine unglaublich angenehme Abwechslung. Ein anderes
Beispiel wäre der harte Flash von vorne, also ein
Blitzlicht, das alles gleichmäßig und unparteiisch
– demokratisch, würde ich sagen – aufhellt.
Mit diesem Licht kannst du dann Partyfotos machen, wir
wissen ja, wie brutal sie oft sind, oder vollkommen
absurde Szenarien erzeugen. Du behandelst alles gleich.
Dazu ist so ein Licht notwendig, das keine Räumlichkeit
und keine Schatten macht, sondern bloß Situationen
gleichgültig aufhellt. Das zur Bedeutung von Licht
und als Gegensatz zur Gleichgültigkeit der Wüste.
Weil deren ganz andere Art von Gleichgültigkeit
Zeitdimensionen sehr dramatisch spürbar macht
– ständig fühlt man sich mit Hunderttausenden
von Jahren konfrontiert, während sich beim Blick
aufs Matterhorn keiner fragt, wie alt es eigentlich
ist – bekommt vielleicht auch der Moment eine
andere Wertigkeit.
Der Moment für das Bild wird durch die Überlegungsphase,
das Abdrücken und die Verschlusszeit bestimmt.
Bei zu langer Belichtung zerstört es sich selbst.
Dann ist einfach nichts mehr drauf. Das Papier bleibt
weiß, der Film ganz schwarz. Bevor es dazu kommt,
ergibt sich mit einem extrem unempfindlichen Film, großer
Blende und langer Belichtung ein ganz feines Korn. Es
wird alles völlig scharf von vorn bis hinten. Dann
ist praktisch keine Bewegung mehr drinnen.
Für Zeitdimensionen und Momente ist das eine
einprägsame Metapher, gerade weil es um technisch
bestimmte Vorgänge geht. Ein zugehöriges
Stichwort wäre Lichtempfindlichkeit. Lichtempfindlich
sind die Augen, lichtempfindlich sind viele Tiere,
lichtempfindlich ist ein Film.
Da es immer Situationen gibt, wo das Licht verschwindet,
etwas im Schatten vor sich geht, können auch in
der Wüste empfindliche Filme etwas bringen. Sterne
allerdings werden mit entsprechender Belichtungszeit
bekanntlich zu Strichen.
Tagsüber ist oft keinerlei Bewegung zu sehen;
es passiert nichts. Sich für ein Bild Ausschnitte
zu suchen zwischen diesem Nichts und dem Besonderen
könnte einen auch blockieren. Aber selbst ein
gestückeltes Horizontfoto von 360 Grad würde
den Raum nicht „wirklich“ abbilden können.
Mir ging es zuerst einmal darum, die Intensität
dieser Wüste selbst zu erleben und für Fotos
meinen persönlichen Zugang zu finden. Ob es dann
gelingt, das anderen zu vermitteln, ist die nächste
Frage. Zuerst muss ich es für mich selbst zusammenbringen.
New York kennt jeder längst, bevor er dort gewesen
ist. Aus Filmen, von den Fotos der besten Fotografen
ist einem fast jede Ecke vertraut. Bei der Wüste
ist es genauso, durch Bücher, durch hundertmal
gesehene Bilder. Man glaubt alles zu kennen. Gerade
an Stellen, die als Wüste schlechthin gelten, in
den Sanddünen, ist es wirklich schwierig, noch
eine ganz persönliche Sicht zu finden. Die Landschaft
wehrt sich in ihrer Gleichförmigkeit dagegen. Letztlich
geht es also darum, wie du das insgesamt inszenierst,
vom Foto selbst bis zur Art der Ausarbeitung –
ob es eben gelingt, zu dem, was wir alle kennen, noch
persönliche Nuancen hinzuzufügen, gewisse
Erwartungen zu irritieren.
Neben ihrer Statik ist die Wüste auch ein Bewegungsraum.
Ohne sich fortzubewegen würde jeder irgendwann
verdursten, verhungern, umkommen. Auch wir sind viel
gefahren und zu Fuß gewandert, in unwegsamstem
Gelände. Bewegung und Unschärfe sind also
genauso präsent wie die viel zitierte Ruhe.
Hätte ich mich allerdings verirrt, würde
ich warten, um nicht tatsächlich verloren zu gehen.
Aus der Bewegung heraus, während des Fahrens, siehst
du ununterbrochen Dinge, die du eigentlich festhalten
möchtest. Das ergibt Tausende Fotos, die ich nicht
gemacht, aber immer noch im Kopf habe. Sie sind mir
genauso wichtig wie jene, die tatsächlich entstanden
sind. Vielleicht sollte ich mich künftig mehr um
die unrealisierten kümmern. Es gab aber auch die
Lust, mit Fotos einfach schnelle Notizen zu machen,
alles zu fotografieren, was ich festhalten konnte, Bewegung
inbegriffen. Bewegung reduziert zwar manchmal die Präzision
und die Schärfe, aktiviert aber einen schnellen
und emotionellen Zugang. Idealerweise bleibt das in
den Bildern erkennbar, gerade wegen kleiner Unschärfen.
Die Wüste selbst zeigt keinerlei Emotion. Erst
durch eine Bewegung, sozusagen durch eine Flucht davor,
kommen emotionelle Momente hinzu.
Natur setzen wir mit Überfluss gleich. Was wir
normalerweise als Natur erfahren, hat immer mit Pflanzen,
mit Bäumen, mit Blumen zu tun, die romantischen
Ideen zufolge sogar mit einem sprechen. Von gelegentlichen
Palmen und Sträuchern abgesehen fehlt das in
der Wüste. Nichts erweckt auch nur den Anschein
eines solchen Dialogs. Die Natur schaut dich mitleidlos
an. Gerade darin liegt aber eine herausfordernde Qualität.
Absolut. Deswegen ist mir ein emotionelles Reagieren
darauf so wichtig. Jeder Ausschnitt sollte vermitteln
und begreifbar machen, was dich veranlasst hat, ihn
zu wählen. In der Gleichförmigkeit einer Wüste
ist das ein schwieriges Unternehmen.
Auf deine Bemerkungen über Bewegung zurückkommend,
ergibt sich daraus auch die Frage, was das Einzelbild
im Unterschied zum Film leisten kann.
Sicher könntest du endlos die Flächen, den
Horizont, die Gebirgsformationen filmen und damit auch
ohne Spielhandlung deine eigene Sicht, dein Gefühl
für diese Gegend, deine Stimmung vermitteln. Ich
glaube, dass die Fotografie den Betrachter etwas freier
lässt. Einem Film, wenn man sich einmal als Zuseher
für ihn entschlossen hat, kann sich keiner mehr
so leicht entziehen. Auf eine Serie fast gleicher Fotos
jedoch kannst du dich einlassen oder eben nicht. Sich
Zeit zu nehmen, um subtile Unterschiede zu finden, die
vielleicht mindestens so interessant sind wie großartige
Ausschnitte aus Landschaften oder filmische Abläufe,
ermöglicht einem eher das Foto. Es macht erkennbar,
wie weit man sich sensibilisieren konnte und das auch
im Weitergeben funktioniert. Gerade kleine Abweichungen
von Gewohntem befragen die Wahrnehmungsfähigkeit.
Zugleich haben die Berge und Felsen in der Wüste
eine unglaubliche skulpturale Gewalt.
Um wenigstens die Dramatik der Färbung wegzulassen,
habe ich viel schwarz-weiß fotografiert. Es ging
mir nicht darum, das auch noch zu steigern. Unvermeidbar
ist, dass einen das anzieht, was einem bekannt vorkommt,
sei es als Bild, sei es als Stimmung. Auch in einer
völlig fremden Gegend suchen wir danach, was längst
in unserem Kopf gespeichert ist.
In Anerkennung der Fotoscheu in solchen Gesellschaften
war das Herangehen vorsichtiger; Fotos von Personen
sind erst im Zuge von Annäherungen entstanden.
Zu solchen Intensitäten kam es auch deswegen,
weil wir unterwegs relativ wenig Menschen getroffen
haben.
Einen Menschen sollte man nur fotografieren, das glaube
ich ganz grundsätzlich, wenn als Gegenleistung
zumindest eine gewisse Beschäftigung mit seiner
Person stattfindet, im Gespräch, als aufmerksames
Eingehen auf seine Erscheinungsweise. Ein Bild von sich,
also von dem, was die Person ein Leben lang geformt
hat, so einfach herzugeben, sollte in einem halbwegs
ausbalancierten Austausch erfolgen. Wenn also von Touristen
für Fotos Geld verlangt wird, finde ich das völlig
berechtigt, wenigstens als Ersatzhandlung. Wird jemand
fotografiert, muss irgendetwas dafür gegeben werden.
Nach islamischen und vielen anderen Traditionen nimmt
das Foto etwas weg. Eigentlich sind das die gleichen
Gedanken.
Da ist sicher etwas dran. Um es an einem extremen Beispiel
deutlich zu machen: Ein sehr bekanntes, schönes
Fotomodell, mit dem ich oft gearbeitet habe, war irgendwann
nur mehr ein Schatten seiner selbst, weil alles an ihm
sozusagen wegfotografiert worden war. Da hat kein Styling,
kein Schminken mehr genützt. Das hört sich
komisch an, ist aber tatsächlich so. Wenn du dauernd
fotografiert wirst, nimmt dir das eine Ursprünglichkeit.
Du machst nichts mehr unbewusst. Alles wird zu etwas
anderem, auch du selbst. Du wirst in eine Richtung gedrängt,
die nichts bringt, die nicht unbedingt gut für
einen ist.
Das noch nicht so oft Fotografierte, Abgebildete
zu suchen ist aber in einer Global World längst
etwas Irreales. Ständig sehen wir Bilder aus
den entlegensten Ecken. Nichts ist mehr neu.
Die Wüste ist schon so oft fotografiert worden
und damit inzwischen Allgemeingut, dass es nur noch
um Nuancen gehen kann, um Persönliches. Erstaunlicherweise
gibt es aber doch immer wieder neue, erfrischende Zugänge;
zu allem, zu Landschaften, zu Menschen, obwohl das nun
wirklich schon sehr lang gemacht wird – gezeichnet,
gemalt, fotografiert. Kleine Chancen, Zugänge zu
finden, die es in der Art noch nicht gibt, existieren
also durchaus.
Von der Philosophie bis zur Kunst sind sehr viele
Sager zu „alles ist schon gedacht, alles ist
schon gemacht worden“ unterwegs; dieser blockierende
Zynismus nervt eher.
Das stimmt ja auch überhaupt nicht. Man kann das
doch an jungen Leuten ständig beobachten, wie sie
plötzlich Dinge anders sehen, vielleicht nicht
fundamental anders, aber doch bemerkenswert anders,
als wir es kennen.
Wer in die Wüste reist, ist Beobachter. Die
andere Seite über Gespräche und ein Abbilden
hinaus einzubeziehen, gelingt nicht so ohne weiteres.
Auch in ausführlichen Interviews bliebe eine
Transfer-Balance rudimentär. Eine gewisse Einseitigkeit
scheint unvermeidlich zu sein.
Ganz so sehe ich das nicht. Wir waren die aktiven Beobachter
und haben davon profitiert. Unsere Gegenüber aber
waren genauso Beobachter. Sie beobachten uns und finden
vieles wahrscheinlich höchst eigenartig. Sie werten
es nicht aus wie wir, aber einen Niederschlag wird es
haben und sie können auch etwas gewinnen dabei.
Eine gewisse Gegenseitigkeit hat sicher stattgefunden,
wenn fünf Frauen und fünf Männer aus
dem Westen mit sechs Tuareg und einem Araber unterwegs
sind. Durch den Respekt, den wir zeigten, haben wir
signalisiert, auf gleicher Ebene zur Verfügung
zu stehen, soweit es eben geht. So möchte ich das
und möchte auch, dass die andere Seite das so empfindet.
Das macht es beidseitig viel interessanter.
Du, als berufstätige Frau, allein in dieser
Gruppe unterwegs, ständig arbeitend, sichtlich
professionell und nicht touristisch, das ist sicher
speziell beobachtet worden.
Erfreulicherweise aber eben nie ostentativ. Es ist
sichtlich als Signal der Offenheit und einer offerierten
Disponibilität aufgenommen worden. Ich hatte auch
das Gefühl, dass ein solches selbstverständliches
Agieren geschätzt wurde.
Unausgesprochenes war besonders wichtig. Bei politischen
Informationen gab es verständlicherweise Grenzen.
Wir wollten ja auch niemanden in eine schwierige Lage
bringen.
Ich habe unseren Begleitern oft zugehört, natürlich
ohne etwas zu verstehen. Die Fröhlichkeit, Leichtigkeit,
Freundlichkeit, mit der diese Männer miteinander
umgegangen sind, war faszinierend. Dass unser Security
Man aus Bengasi keine Scheu hatte, sein Heimweh, seine
kleinen Krankheiten, seine filigrane Befindlichkeit
zu zeigen, ist wirklich bemerkenswert gewesen. In so
einer Funktion habe ich das überhaupt noch nie
erlebt, bei einem westlichen Polizisten zum Beispiel.
Angesichts der üblichen martialischen Bilder aus
der islamischen Welt war das sehr überraschend,
berührend.
Alle unsere Begleiter haben ein fast feminines Auftreten
gehabt, höflich, gefühlvoll, zurückhaltend
– wenn solche Stereotypen als Stichworte erlaubt
sind. Das waren keine Machos, auch gegenüber
den Frauen in unserer Gruppe nicht.
In keiner Weise. Vielleicht kommt das daher, weil Kinder
in einer Frauenwelt aufwachsen. Das behaupte ich jetzt
einfach. Die Männer haben sich zwar bemüht,
eine gewisse Festigkeit auszustrahlen, ihr Auftreten
jedoch war eher weich, aber auf eine sehr angenehme
Art.
Dem steht das offizielle, auch von latenten Feinden
geschürte Libyen-Bild gegenüber: Ein hoch
militarisiertes Land von Kämpfern, auch Frauen
wurden Pilotinnen. Selbst in Tripolis war davon nichts
zu bemerken, durch sehr elastische Verhaltensweisen,
Freundlichkeit, Kontaktfreude.
Die Menschen sind auffallend neugierig und unaggressiv,
mit offenem und flexiblem Blick. Ich habe mich durchwegs
ziemlich wohl gefühlt und nie Angst gehabt. In
Tunesien, in Marokko hingegen hat es ständig unangenehme
Situationen gegeben, weil sich eine westliche Frau dort
dauernd in der Defensive befindet, angestarrt wird,
sich als bloßes Objekt fühlt. Deswegen habe
ich solche Länder eher gemieden. In Libyen ist
das sichtlich anders. Ich hatte überall den Eindruck
von einer sehr freien und selbstverständlichen
Art. Manche Frauen tragen Kopftücher, manche nicht;
streng verschleierte sind mir nie aufgefallen. Am Land
sind zwar wenig Frauen zu sehen, mit denen wir aber
in Kontakt kamen, die waren – vor allem wenn kein
Mann dabei war, was ihr Verhalten ändert –
so frei, zugänglich und offen, das ist unglaublich.
Unter islamisch geprägten Ländern, von
denen ich außer Saudi-Arabien oder dem Sudan
die meisten kenne, hat es zweifellos in Libyen oder
auch in Syrien wegen sozialistisch orientierter Phasen
viel stärkere gesellschaftliche Veränderungen,
vor allem auch der Situation der Frauen gegeben. Gerade
in jenen Ländern also, die vom Westen aus zu
den Bösen gezählt werden oder wurden.
Das merkt man auch im Alltag ganz deutlich und sehr
positiv. Was mich besonders interessiert, gerade weil
ich es nicht verstehe, ist, warum sozial, aber auch
von der körperlichen Bewegungsfreiheit her derart
eingeschränkt lebende Frauen so spontan sind, so
kommunikationsfreudig, oft auffallend stark und wild.
In ihrer eigenen Umgebung nehmen sie dich sofort voll
in Beschlag, ohne jede Schüchternheit. Das kann
nicht bloß deswegen sein, weil sie so wenig Gelegenheit
dazu haben. Was macht sie also so sicher? Es dürfte
mitspielen, dass sie eine genau definierte Funktion
zu erfüllen haben, die sehr auf ein Kinderkriegen
hin orientiert ist, eben auf Dimensionen innerer Bereiche.
Für außen gesteuerte westliche Frauen ist
vieles anderes wichtig, ihr Aussehen, eigene gesellschaftliche
Kontakte, berufliches Fortkommen. Inwieweit es vorerst
einmal genügen könnte, eine Frau zu sein und
als Frau zu funktionieren, ohne Abhängigkeit von
Mann und Familie, ist kein forciertes Thema. Männer
aber funktionieren sehr wohl primär wie Männer.
Sie bewegen sich auch in unserer Gesellschaft sicherer,
weil sie von vornherein mit Vorteilen rechnen und sich
zu allem möglichen entwickeln können. Das
sage ich jetzt einmal so. Vielleicht funktioniert es
dort für das weibliche Geschlecht umgekehrt. Ich
beneide diese Frauen nicht, aber dass sie aus dieser
anderen Art von Sicherheit eigene Freiheiten entwickeln,
halte ich für bedenkenswert. Wenn sie mit dieser
Position auch persönlich frei sein könnten,
wäre das ein höchst interessanter Schritt.
Gingen aber dann ihre jetzt erkennbaren Stärken
wieder verloren, als Verwestlichung? Was uns beeindruckt,
muss jedenfalls viel mit ihrer sozialen Position zu
tun haben, so viel Unterschiede es dabei auch geben
mag.
Die gegenüber dem Westen völlig andere
Trennung von privatem und öffentlichem Raum,
bis hin zur Architektur, mit traditionell nach innen
gerichteten Häusern, ist sicher Ausdruck solcher
Prägungen. Auf gewisse Weise haben aber auch
wir vor zehn, zwanzig Jahren öffentlicher gelebt.
Vieles hat sich in Privatbereiche verlagert. Mit der
gebotenen „Öffentlichkeit“ ist kaum
wer einverstanden. Gruppen sind kleiner geworden,
sind zerfallen. Öffentliche Lokale haben ihre
Treffpunkt-Funktion verloren. Auch wir leben in Clans,
in einer Art von Stammesgesellschaft, verachten andere,
ob einer nun falsch angezogen ist oder einmal ein
paar falsche Sätze gesagt hat. Für den bewundernden
Orientalismus hingegen, der von Edward Said und anderen
endlich dekonstruiert wurde, ist der Orient nicht
sosehr eine engstirnige Cliquengesellschaft als vielmehr
die erotische Region schlechthin gewesen, ein Ort
der Fantasien, mit Bauchtänzerinnen, Harems,
Homosexualität, ungeahnten Freiheiten.
Immer als erotische Fantasien von Männern.
Sicher. Jetzt aber wird das Bild von der verschleierten,
eingesperrten Frau aus dem Orient bestimmt. Im Fernsehen
sind fast nur noch solche mit afghanischen Burkas
zu sehen; Gefängnisfrauen. Moderate, liberale
Stimmen aus solchen Gesellschaften werden einem fast
nie zugemutet. Von der Radikalisierung profitieren
eben zu viele. Solche Paradigmenwechsel werden kaum
reflektiert. Derartige Erscheinungen als unmodern
hinzustellen genügt sicher nicht. In gewisser
Weise sind das alles Reaktionen auf die Moderne, also
Teil von ihr. Die Frau aus ihrer Funktion als Sexualobjekt
und abhängiges Wesen zu befreien hat auch unsere
Entwicklungen der letzten Jahrzehnte geprägt.
Vom Islam her kommt das nun religiös verbrämt
und verdreht; anders gelagert. Von der Achtung der
Frau ist auch dabei auffallend viel die Rede.
Die Freiheit der Frau hat nichts mit Nichtachtung der
Frau zu tun.
Neben partieller Bewunderung wird sie real auch bei
uns nicht entsprechend geachtet, weil sie in aller
Regel ein Drittel weniger verdient und überall
Männer dominieren. Schreibende Frauen aus Nordafrika
müssen fast alle im Ausland leben. Der aus dem
Libanon stammende Schriftsteller Amin Maalouf hat
mir zu Protokoll gegeben, die Ausgrenzung der Frau
führe zur „Infantilisierung der Gesellschaft“.
Nun oft aggressiv hochgespielte Symbole, wie Dschellaba,
Kopftuch, Gesichtsschleier, würden bloß
repräsentieren, „wie Römer und frühe
Christen ausgesehen haben“. Dem syrischen Philosophen
Sadik J. al-Azm zufolge werden ostentativ traditionell
gekleidete Frauen von freigeistigeren Arabern „Nonnen“
genannt, „in Analogie zu den lange üblichen
christlichen Bekleidungssitten“. So einheitlich,
wie oft unterstellt, sind die Positionen also keineswegs.
Im Westen gehören Kontinuitätsbrüche
zu den vielfach höchst befreienden Erfahrungen.
Vielleicht machen einen deswegen Forderungen, an fiktive
urislamische Traditionen anzuknüpfen, so ratlos.
Daran ist nichts, was zu verstehen wäre.
Dem Argument einer Infantilisierung stimme ich selbstverständlich
voll zu. Dass die Hälfte der Menschen nichts zu
sagen hat, von diesem und jenem ferngehalten wird, ist
absurd. Und von Religion als politischer Kraft habe
ich mir nie etwas erwartet. Schizophren ist die Negation
einer Grundtatsache: Alle Männer werden von Frauen
geboren und von Frauen geprägt.
Es gibt aber auch den Ansatz, dass gerade in solchen
Gesellschaften die Mütter die patriarchalischen
Muster prolongieren, weil auch sie die Söhne
eklatant bevorzugen und verwöhnen; im Auftrag
der Männer wiederum.
Ansonsten würden sie von den Männern geächtet.
Wie schwer da auszubrechen ist, hat wohl auch unsere
Geschichte evident gemacht. Ich bin über das Fotografieren
mit Waris Dirie bekannt, einer inzwischen berühmten
Afrikanerin aus Somalia. Sie selbst war beschnitten
und davon nachhaltig traumatisiert worden. Nach einer
trostlosen Jugend wurde sie in London als Fotomodell
entdeckt. In den ersten Interviews hat sie gesagt, ich
liebe diese Welt nicht besonders, aber wenn ihr etwas
von mir haben wollt, dann erzähle ich von meiner
Beschneidung. Das hat sie auch gemacht, was für
die Modewelt ein ziemlicher Schock war, und ist dadurch
prominent, Buchautorin („Desert Flower: The Extraordinary
Journey Of A Desert Nomad“ / deutsch: „Wüstenblume“,
1999) und UNO-Botschafterin für solche Länder
geworden, um am Abschaffen dieses Wahnsinns mitzuwirken.
Ihre Methode ist interessant, denn sie arbeitet mit
den Frauen zusammen, die diese Beschneidungen durchführen
und so etwas wie einen Hebammenstatus haben. Sie verschafft
ihnen Stellen, damit sie so leben können wie vorher.
Männer, die weiterhin sagen, das sei für den
Fortbestand der Gesellschaft wichtig, als Teil traditionellen
Lebens, besticht sie mit Geld. So funktioniert das.
So können alle leben. Trotzdem ändert sich
etwas.
Ein solcher Realismus führt mich zu einem abschließenden
Thema, wie du als Fotografin zu Facetten eines sozialen,
Politisches zu fassen bekommenden Realismus stehst.
Fotos stehen doch prototypisch für die Ambivalenz,
einerseits die Welt über interessante Ausschnitte
zu ästhetisieren, andererseits die Wirklichkeit
von Deprimierendem, von Schrecklichem nur inszeniert
abzubilden oder eben auszublenden.
Als Arbeitsgebiet ist das angesichts der unglaublichen
Flut von Bildern ein äußerst schwieriges
Feld. Damit bei den Leuten überhaupt noch eine
Aufmerksamkeit oder Provokation erreicht werden kann,
wird es einerseits immer intimer; dann fotografiert
etwa einer schonungslos seine besoffenen Eltern, wie
ich das gerade gesehen habe, oder ein Paar macht seine
von Heroin unterstütze Sexualität öffentlich.
Wer sich andererseits auf der Ebene von Kriegen und
Katastrophen in den Wettbewerb des Schreckens begibt,
gerät in eine genauso harte Competition wie in
der Modefotografie. Du musst entweder ganz intim werden
oder die großen Desaster zeigen. Letzteres ist
weiter höchst notwendig, nur braucht eine solche
Aufgabe die volle Hingabe; mindestens für ein paar
Jahre. Du müsstest die Sprachen der Opfer lernen
und durch die Länder ziehen. Da kannst du nicht
am Abend nach Hause gehen und ein nettes Familienleben
haben. Auf einem solchen Weg hätte ich keine Kinder,
keinen Mann haben dürfen. Man muss dann auch mit
den Leuten leben, die so etwas machen. Mein eigener
Realismus hat sich anders herausgebildet. Dorothea Lange,
von der die Landflucht in Amerika dokumentiert worden
ist, war mir wichtig, oder Robert Frank mit seinen Serien
zu „The Americans“. Mir geht es darum, immer
wieder herauszufinden, was ich am besten kann, indem
ich ganz persönliche Positionen einnehme.
Vom aus Wien stammenden Fotografen Erich Lessing,
der die einprägsamsten Bilder vom Ungarnaufstand
gemacht hat, stammt das Statement, dass für ihn
damit Schluss war mit der Kriegsfotografie, mit dem
Entsetzlichen. Ein nachvollziehbarer Standpunkt.
Diese Art Realismus hältst du nicht lange aus,
schon weil es deine ganze Person, deinen ganzen Einsatz
erfordert und du dadurch transformiert wirst.
Dein Zugang ist also der persönliche Blick auf
Nuancen.
So kann man es sagen.
|