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Europa, der einzige Kontinent ohne Wüsten, ist
allein schon über biblische, also jüdisch-christlich-muslimische
Mythen vielfach mit solchen fremden, oft als Gegenwelten
dargestellten Landschaften verbunden. Zum Anfang des
Geschehens heißt es in der christlichen Version
der Genesis „die Erde aber war wüst und wirr“.
Nach wirksam gebliebenen Vorstellungen des Altertums
ist die zivilisierte Welt von Wüsten umgeben; dort
gibt es – wie auch in heutigen TV-Wirklichkeiten
– nur Barbaren, die keinem anerkannten Reich angehören.
Endzustände werden mit totaler Verwüstung
gleichgesetzt. „Das Weite suchen“ und „in
die Wüste gehen“ blieben auch in säkularen
Zeiten Standardmetaphern für Fluchtfantasien, für
Distanzgewinn. Wer nicht mehr dazugehören darf,
wird „in die Wüste geschickt“, Deserteure
wählen freiwillig ein verlassenes Dasein in irgendeiner
„Desert“.
Der Mittlere Osten, mit der Sinai-Wüste, mit Palästina,
mit Mesopotamien, ist dafür die eigentliche Bezugsregion.
Die große Wüste im Westen des Nils gehört
nur in übertragenem Sinn dazu; nach altägyptischer
Tradition war sie das Reich der Toten. Trotz ihrer Nähe
zum Mittelmeerraum ist die zentrale Sahara, dieses angebliche
Niemandsland, dem kaum geschichtliche Bedeutung zugebilligt
wurde, erst vor hundert Jahren, als letzte Großregion,
„verstaatlicht“ worden. Das macht sie zur
kulturgeschichtlichen Erinnerungszone für lange
durchgehaltene Sonderwege. Mit einer Ausdehnung wie
die USA, aber nur von etwa zwei Millionen Menschen bewohnt,
kann die Sahara als Norden Afrikas, als Teil der arabischen,
berberischen, schwarzafrikanischen Welt, wie auch als
im Süden Europas liegend gesehen werden. Ihre planetarische
Kargheit und Größe machen Raum-Zeit-Dimensionen
in einer Intensität sichtbar, erfahrbar, spürbar,
wie es anderswo kaum erlebt werden kann. Distanzen zwischen
Urzuständen und Gegenwart heben sich immer wieder
auf. Das Bild einer sich von Afrika aus über die
Erde verbreitenden Menschheit bekommt Präsenz.
Geschichte erscheint dann wie ein globaler Racheakt
von Nachkommen am Kontinent ihrer Herkunft, der zur
mysteriös-komplizierten, von Europa durch die Sahara
abgeschirmten Outlaw-Zone schlechthin gemacht worden
ist.
Eine in westlichem Denken immer wieder spürbare
Faszination für „die Wüste“ wird
mit zunehmender Nähe zu ihr nur bedingt geteilt.
„Schon die phönizischen Gründer von
Karthago“, so der aus dem Libanon stammende Autor
Amin Maalouf dazu, „fürchteten sich vor den
Wüstenbewohnern im Landesinneren. Solche Denkweisen
waren immer präsent. Es ist auch weiterhin so,
dass Distanz gehalten wird.“ Über sein Gehen
in der algerischen Wüste, abseits geläufiger
Routen, kam Otl Aicher zu ganz anderen Schlussfolgerungen:
„hier muss die mathematik erfunden worden sein,
die geometrie, die feststellung von größen
und beziehungen. / wir lösen einen fall, statt
ein festes prinzip anzuwenden. noch nie hatte ich ludwig
wittgenstein so gut verstanden.“ Peter Sloterdijk
wiederum konstatiert zum Thema „Weltfremdheit“
am Beispiel frühchristlicher Mönche: „Der
Weg in die Wüste war der radikalste dichterische
Akt, zu dem sich Menschen je aufzuschwingen vermochten.“
Für Minimalismus und sparsam-radikale Komplexität
bieten Wüsten jedenfalls vielschichtige Projektionsflächen,
selbst wenn sich ein Weiterdenken vom Landschaftseindruck
völlig loslöst.
Damit sind Überlegungen skizziert, die in diesem
Band von unterschiedlichen Positionen aus fortgeführt
werden, als fragend-essayistische Angebote zum Entgrenzen
vorprogrammierter Vorstellungen. Bild- und Textebenen
werden als gleichrangige, eigenständige Mitteilungsformen
betrachtet. Die Fotos von Elfie Semotan, die vor allem
die optisch-ästhetischen Entstehungsphasen bis
hin zu dieser Publikation (Grafik: Stefan Fuhrer, Tina
van Duyne) diskursiv betreut hat, jene des „walking
artist“ Michael Hoepfner sowie die Visualisierungsprojekte
von Studierenden – Eva Thebert, Ivo Kocherscheidt,
Magda Tothova, Tina van Duyne, Grischinka Teufl, Ulrich
Dertschei, Verena Holzgethan – konkretisieren
subjektive Sichtweisen und die jeweils gewählten
Verfahren, mit eigenen Arbeiten auf grenzenlos erscheinende
archaische Landschaften und die ostentative Gleichgültigkeit
der Natur zu reagieren. Die Konzentration auf den Raum
reflektiert die erfahrene Abwesenheit von Menschen.
Es wird vermieden, sie vereinzelt als bloße Objekte
vorzuführen. Indem sprachloses Denken in Bildern
und schriftliche Beiträge auf Uneingrenzbares eingehen,
bekommt dieses – zumindest in Aspekten –
vielleicht differenzierendere Konturen. „Die Wüste
ist schon so oft fotografiert worden und damit inzwischen
Allgemeingut,“ sagt Elfie Semotan in ihrem kommentierenden
Text dazu, „dass es nur noch um Nuancen gehen
kann, um Persönliches.“ Denn „gerade
an Stellen, die als Wüste schlechthin gelten, in
den Sanddünen, ist es wirklich schwierig, noch
eine ganz persönliche Sicht zu finden. Die Landschaft
wehrt sich in ihrer Gleichförmigkeit dagegen.“
Michael Hoepfner, dessen künstlerisches Arbeiten
„aus der Bewegung heraus“, das dann für
Fotos, Zeichnungen, Notizen die Statik sorgsamen Innehaltens
braucht, ihn schon wochenlang zu Fuß in entlegene,
menschenleere Gegenden geführt hat, „faszinieren
Wüstenlandschaften, die einen kulturellen Aspekt
haben, als Grenzzonen zwischen Kulturen“. „Bei
meinen Sahara-Fotos“, betont er, „habe ich
meistens den Horizont ausgespart. Ich möchte eine
ganz allgemeine Landschaft daraus machen oder eben eine
Wüste, deren Situierung offen bleibt.“
Peter Kubelka wiederum nimmt als Filmmacher, als Künstler
und Theoretiker, den vorrangig Nonverbales in uneingrenzbarem
Sinn beschäftigt, einen irgendwo in der Sahara
gefundenen Stein zum Anlass, einen solchen simplen Vorgang
als Grundform des Begreifens schlechthin zu beschreiben
und dies an Objekten seiner Sammlung zu demonstrieren.
„Denn dieser Akt, aus irgendwelchen Erwägungen
heraus einen Stein aufzuheben, der einem interessant
vorkommt, der einen zu Gedanken anregt und den man sich
vielleicht sogar aneignet“, bemerkt er dazu, „gehört
zu den ganz archaischen Handlungsweisen der frühen
Menschheit und fördert jene Objekte zu Tage, die
am Ursprung der Kunst stehen. Am Ursprung der Kunst
steht noch nicht etwas Bearbeitetes, sondern ein der
Lebensweise der Jäger und Sammler entsprechendes
Objekt, das gefunden wurde und für die Frühmenschen
ähnliche Arbeit geleistet hat wie in der Moderne
eine Plastik von Brancusi.“ Manfred Faßler
schließt, ausgehend von den Felsbildern der Sahara,
daran an, indem er über die „kulturellen
und kommunikativen Logiken des Sichtbarmachens“
spekuliert. Erst noch wenig erforschte, sehr langfristig
zu sehende Zusammenhänge könnten deutlich
machen, dass es schwer vorstellbar ist, „wie Menschen
ohne Bilder denken würden, wie sie ohne ihre Lust
auf Sichtbarmachen und auf Sichtbares ihr Leben und
Denken organisieren“. Für Burghart Schmidt
ist an Wüsten nicht ihre Eigenschaft als Außenzone,
als Rückzugsraum, als idealisierter Meditationsort
entscheidend, sondern im Gegenteil ihre labyrinthische
Transferfunktion. „Nirgendwo trennen Wüsten
Kulturkreise voneinander ab“, heißt es dezidiert
bei ihm; dass Jesus erst in der Wüste zu Jesus
Christos wurde, sei als Initiationsritual zu sehen,
„Wüste muss dabei mehr sein als Leere, sie
muss aus lauter beanspruchenden Härten in Vielfalt
bestehen“. Einer solchen Fixierung auf Leere geht
Rainer Metzger in seiner „Typologie von Orten,
an denen sich wenig tut“ nach, ob es sich nun
um transitorische Situationen in Flughäfen, Hotels,
Verkehrsmitteln, Fast-Food-Stationen, um Kunstgalerien
oder generell um den Zustand des Unterwegsseins handelt.
Nur „ein modisches Geschwätz will diese Lebensweise
für nomadisch halten“, heißt es bei
ihm konträr zu diversen Nomadologien.
Claus Leggewie polemisiert offensiv gegen die Ausgrenzung
Afrikas und behauptet: „Afrika wird in hundert
Jahren die Vorzeigeregion der Welt sein! Gegen alle
heutige Evidenz.“ Ingrid Reder berichtet von der
Kunstbiennale in Dakar, die sich „als Plattform
für zeitgenössische Kunst, deren kulturelle
Wurzeln in Afrika liegen“, versteht. Bilal Sidi
Ibrahim erzählt aus seinem Tuareg-Leben. In Aram
Mattiolis Darstellung der italienischen Kolonialherrschaft
in Libyen wird deutlich, wie bedenkenlos und international
kaum beachtet systematisch Menschenrechte außer
Kraft gesetzt worden sind, vom ersten Bombenabwurf der
Geschichte (1911) über den Einsatz von Giftgas
bis hin zur Errichtung von Konzentrationslagern, um
dadurch die Menschen der Wüste „zu befrieden“
und „zu zivilisieren“. Zum heutigen Alltag
heißt es in Ernst Strouhals erzählenden Recherchen:
„Ich bin keine Sekunde allein in Ghadames. Muhammed
begleitet mich den ganzen Tag oder es findet sich, wie
zufällig, stets einer seiner freundlichen Cousins
oder ein Freund des Cousins, der sich mir anschließt,
eine seltsame Mischung aus Gastfreundschaft und Kontrolle.“
Zu aktuellen Perspektiven wird Saadi Gaddhafi zitiert:
„Libyen hat unter den Repressalien gelitten. Jetzt
müssen wir all unseren Reichtum, all unser Potenzial
nutzen, um ein positives Bild von uns zu entwickeln.
Und dafür gibt es nichts Besseres als Fußball“.
In meinem abschließenden „Sahara-Lexikon“
werden historische Zusammenhänge und vor allem
im deutschsprachigen Raum wenig geläufige Ereignisse
skizziert, um Vorstellungen von Wüste, die sich
über religiöse Traditionen in westlichem Denken
verankert haben, zu differenzieren und solche angeblichen
Leerräume in globales Denken einzubeziehen. Algerische
Bezüge bei Le Corbusier, Camus, Foucault, Derrida,
Lyotard, Bourdieu oder Peter Brook kommen genauso zur
Sprache wie eine anhaltende literarische Wüstenfaszination,
arabisch-berberische Gegenstimmen von Assia Djebar bis
Ibrahim al-Koni, der Status quo, Expeditionen, Orientalismuskonjunkturen,
künstlerische Projekte, Saharafilme, Aspekte der
Tuareg-Geschichte und des regionalen Widerstands, die
Massaker von 1945 an der algerischen Bevölkerung,
französische Atombombentests oder die erste Phase
der Befreiung Europas im Westen – von Algerien
und Tunesien aus. Sofern derartige fragmentarische Texte
Vorstellungen von Nordafrika und merkwürdig einseitige
Wüstenfixierungen irritieren können, wird
vielleicht auch erkennbar, welche Chancen auf eine integrationsorientierte
„Mittelmeerkultur“ ruiniert worden sind
und inwieweit ein solches Potenzial wenigstens langfristig
wieder Perspektiven ergäbe.
Vernetzung des Themas: Zeichen- und Bilderschriften
sind an den Rändern von Wüsten entstanden;
damit hat sich bereits meine essayistische Studie „Wörter
und Zahlen. Das Alphabet als Code“ (2000) beschäftigt.
Die Folgebände in der „Edition Transfer“
haben weitere transdisziplinäre Überlagerungs-
und Austauschprozesse zum Inhalt: „Transferprojekt
Damaskus“ (deutsch/arabisch 2003), „Afghanistan,
fragmentarisch“ (2004), „Forschende Denkweisen.
Essays zu künstlerischem Arbeiten“ (2004).
Mit „Sahara. Text- und Bildessays“ wird
dies fortgesetzt, ebenfalls zum Teil kollektiv erarbeitete
Beiträge zu Regionen rund um das Schwarze Meer,
zu Mediengeschichte, Urbanität, Literatur, Geografie
sollen folgen. Die langjährige Betreuung von Sozialprojekten
in der „Dritten Welt“ sowie extensive Reisen
in der Sahara und anderen Wüstenzonen haben aus
meinem Interesse für ausgegrenzte Lebenssituationen,
unwirtliche Bedingungen und Small-Budget-Interventionen
ein lebensbegleitendes Thema gemacht. Deshalb verbindet
sich auch in den weitgehend privat finanzierten, auf
unabhängiges Arbeiten setzenden Forschungs- und
Visualisierungsprojekten, die ich von der Universität
für angewandte Kunst in Wien aus initiiere, Inhaltliches
und Geografisches mit Strukturellem – als praxisorientierter
Wissenstransfer. Denn es geht dabei vor allem um die
Herstellung von Rahmenbedingungen, die gedankliche Erfahrungsprozesse,
übergreifende Kooperationen zwischen Kunst und
Wissenschaft, von Lehrenden und Studierenden über
konkrete Arbeitsangebote bestärken, damit ein Herangehen
an Neues und der mentale Austausch mit „anderem“
gerade auch hinsichtlich sozial benachteiligter Regionen
außerhalb Europas sensibilisiert werden. Die mit
vielfältigen Bezugsfeldern vernetzten Beiträge
dieses Bandes – für die eine Kerngruppe in
die libysche Wüste gereist ist, bevor eine Öffnung
des Landes zur offiziellen Politik wurde – sind
als Teil weiterwirkender Prozesse zu verstehen, die
sich im Idealfall auf andere Denkwelten übertragen,
sei es im Sinn normalisierend wirkender Offenheit, sei
es durch ein orientierendes Bewusstmachen von Distanzen.
Libyen, im Oktober 2003; Wien, im Sommer 2004
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