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Springer Wien New York
   

Sahara. Text- und Bildessays

Herausgegeben von Christian Reder und Elfie Semotan
Edition Transfer bei Springer Wien New York 2004


Für Minimalismus und sparsam-radikale Komplexität bieten Wüsten vielschichtige Projektionsflächen, selbst wenn sich ein Weiterdenken vom Landschaftseindruck völlig loslöst.

 

Christian Reder
Vorwort: Transferzone Sahara

Europa, der einzige Kontinent ohne Wüsten, ist allein schon über biblische, also jüdisch-christlich-muslimische Mythen vielfach mit solchen fremden, oft als Gegenwelten dargestellten Landschaften verbunden. Zum Anfang des Geschehens heißt es in der christlichen Version der Genesis „die Erde aber war wüst und wirr“. Nach wirksam gebliebenen Vorstellungen des Altertums ist die zivilisierte Welt von Wüsten umgeben; dort gibt es – wie auch in heutigen TV-Wirklichkeiten – nur Barbaren, die keinem anerkannten Reich angehören. Endzustände werden mit totaler Verwüstung gleichgesetzt. „Das Weite suchen“ und „in die Wüste gehen“ blieben auch in säkularen Zeiten Standardmetaphern für Fluchtfantasien, für Distanzgewinn. Wer nicht mehr dazugehören darf, wird „in die Wüste geschickt“, Deserteure wählen freiwillig ein verlassenes Dasein in irgendeiner „Desert“.

Der Mittlere Osten, mit der Sinai-Wüste, mit Palästina, mit Mesopotamien, ist dafür die eigentliche Bezugsregion. Die große Wüste im Westen des Nils gehört nur in übertragenem Sinn dazu; nach altägyptischer Tradition war sie das Reich der Toten. Trotz ihrer Nähe zum Mittelmeerraum ist die zentrale Sahara, dieses angebliche Niemandsland, dem kaum geschichtliche Bedeutung zugebilligt wurde, erst vor hundert Jahren, als letzte Großregion, „verstaatlicht“ worden. Das macht sie zur kulturgeschichtlichen Erinnerungszone für lange durchgehaltene Sonderwege. Mit einer Ausdehnung wie die USA, aber nur von etwa zwei Millionen Menschen bewohnt, kann die Sahara als Norden Afrikas, als Teil der arabischen, berberischen, schwarzafrikanischen Welt, wie auch als im Süden Europas liegend gesehen werden. Ihre planetarische Kargheit und Größe machen Raum-Zeit-Dimensionen in einer Intensität sichtbar, erfahrbar, spürbar, wie es anderswo kaum erlebt werden kann. Distanzen zwischen Urzuständen und Gegenwart heben sich immer wieder auf. Das Bild einer sich von Afrika aus über die Erde verbreitenden Menschheit bekommt Präsenz. Geschichte erscheint dann wie ein globaler Racheakt von Nachkommen am Kontinent ihrer Herkunft, der zur mysteriös-komplizierten, von Europa durch die Sahara abgeschirmten Outlaw-Zone schlechthin gemacht worden ist.

Eine in westlichem Denken immer wieder spürbare Faszination für „die Wüste“ wird mit zunehmender Nähe zu ihr nur bedingt geteilt. „Schon die phönizischen Gründer von Karthago“, so der aus dem Libanon stammende Autor Amin Maalouf dazu, „fürchteten sich vor den Wüstenbewohnern im Landesinneren. Solche Denkweisen waren immer präsent. Es ist auch weiterhin so, dass Distanz gehalten wird.“ Über sein Gehen in der algerischen Wüste, abseits geläufiger Routen, kam Otl Aicher zu ganz anderen Schlussfolgerungen: „hier muss die mathematik erfunden worden sein, die geometrie, die feststellung von größen und beziehungen. / wir lösen einen fall, statt ein festes prinzip anzuwenden. noch nie hatte ich ludwig wittgenstein so gut verstanden.“ Peter Sloterdijk wiederum konstatiert zum Thema „Weltfremdheit“ am Beispiel frühchristlicher Mönche: „Der Weg in die Wüste war der radikalste dichterische Akt, zu dem sich Menschen je aufzuschwingen vermochten.“ Für Minimalismus und sparsam-radikale Komplexität bieten Wüsten jedenfalls vielschichtige Projektionsflächen, selbst wenn sich ein Weiterdenken vom Landschaftseindruck völlig loslöst.

Damit sind Überlegungen skizziert, die in diesem Band von unterschiedlichen Positionen aus fortgeführt werden, als fragend-essayistische Angebote zum Entgrenzen vorprogrammierter Vorstellungen. Bild- und Textebenen werden als gleichrangige, eigenständige Mitteilungsformen betrachtet. Die Fotos von Elfie Semotan, die vor allem die optisch-ästhetischen Entstehungsphasen bis hin zu dieser Publikation (Grafik: Stefan Fuhrer, Tina van Duyne) diskursiv betreut hat, jene des „walking artist“ Michael Hoepfner sowie die Visualisierungsprojekte von Studierenden – Eva Thebert, Ivo Kocherscheidt, Magda Tothova, Tina van Duyne, Grischinka Teufl, Ulrich Dertschei, Verena Holzgethan – konkretisieren subjektive Sichtweisen und die jeweils gewählten Verfahren, mit eigenen Arbeiten auf grenzenlos erscheinende archaische Landschaften und die ostentative Gleichgültigkeit der Natur zu reagieren. Die Konzentration auf den Raum reflektiert die erfahrene Abwesenheit von Menschen. Es wird vermieden, sie vereinzelt als bloße Objekte vorzuführen. Indem sprachloses Denken in Bildern und schriftliche Beiträge auf Uneingrenzbares eingehen, bekommt dieses – zumindest in Aspekten – vielleicht differenzierendere Konturen. „Die Wüste ist schon so oft fotografiert worden und damit inzwischen Allgemeingut,“ sagt Elfie Semotan in ihrem kommentierenden Text dazu, „dass es nur noch um Nuancen gehen kann, um Persönliches.“ Denn „gerade an Stellen, die als Wüste schlechthin gelten, in den Sanddünen, ist es wirklich schwierig, noch eine ganz persönliche Sicht zu finden. Die Landschaft wehrt sich in ihrer Gleichförmigkeit dagegen.“ Michael Hoepfner, dessen künstlerisches Arbeiten „aus der Bewegung heraus“, das dann für Fotos, Zeichnungen, Notizen die Statik sorgsamen Innehaltens braucht, ihn schon wochenlang zu Fuß in entlegene, menschenleere Gegenden geführt hat, „faszinieren Wüstenlandschaften, die einen kulturellen Aspekt haben, als Grenzzonen zwischen Kulturen“. „Bei meinen Sahara-Fotos“, betont er, „habe ich meistens den Horizont ausgespart. Ich möchte eine ganz allgemeine Landschaft daraus machen oder eben eine Wüste, deren Situierung offen bleibt.“

Peter Kubelka wiederum nimmt als Filmmacher, als Künstler und Theoretiker, den vorrangig Nonverbales in uneingrenzbarem Sinn beschäftigt, einen irgendwo in der Sahara gefundenen Stein zum Anlass, einen solchen simplen Vorgang als Grundform des Begreifens schlechthin zu beschreiben und dies an Objekten seiner Sammlung zu demonstrieren. „Denn dieser Akt, aus irgendwelchen Erwägungen heraus einen Stein aufzuheben, der einem interessant vorkommt, der einen zu Gedanken anregt und den man sich vielleicht sogar aneignet“, bemerkt er dazu, „gehört zu den ganz archaischen Handlungsweisen der frühen Menschheit und fördert jene Objekte zu Tage, die am Ursprung der Kunst stehen. Am Ursprung der Kunst steht noch nicht etwas Bearbeitetes, sondern ein der Lebensweise der Jäger und Sammler entsprechendes Objekt, das gefunden wurde und für die Frühmenschen ähnliche Arbeit geleistet hat wie in der Moderne eine Plastik von Brancusi.“ Manfred Faßler schließt, ausgehend von den Felsbildern der Sahara, daran an, indem er über die „kulturellen und kommunikativen Logiken des Sichtbarmachens“ spekuliert. Erst noch wenig erforschte, sehr langfristig zu sehende Zusammenhänge könnten deutlich machen, dass es schwer vorstellbar ist, „wie Menschen ohne Bilder denken würden, wie sie ohne ihre Lust auf Sichtbarmachen und auf Sichtbares ihr Leben und Denken organisieren“. Für Burghart Schmidt ist an Wüsten nicht ihre Eigenschaft als Außenzone, als Rückzugsraum, als idealisierter Meditationsort entscheidend, sondern im Gegenteil ihre labyrinthische Transferfunktion. „Nirgendwo trennen Wüsten Kulturkreise voneinander ab“, heißt es dezidiert bei ihm; dass Jesus erst in der Wüste zu Jesus Christos wurde, sei als Initiationsritual zu sehen, „Wüste muss dabei mehr sein als Leere, sie muss aus lauter beanspruchenden Härten in Vielfalt bestehen“. Einer solchen Fixierung auf Leere geht Rainer Metzger in seiner „Typologie von Orten, an denen sich wenig tut“ nach, ob es sich nun um transitorische Situationen in Flughäfen, Hotels, Verkehrsmitteln, Fast-Food-Stationen, um Kunstgalerien oder generell um den Zustand des Unterwegsseins handelt. Nur „ein modisches Geschwätz will diese Lebensweise für nomadisch halten“, heißt es bei ihm konträr zu diversen Nomadologien.

Claus Leggewie polemisiert offensiv gegen die Ausgrenzung Afrikas und behauptet: „Afrika wird in hundert Jahren die Vorzeigeregion der Welt sein! Gegen alle heutige Evidenz.“ Ingrid Reder berichtet von der Kunstbiennale in Dakar, die sich „als Plattform für zeitgenössische Kunst, deren kulturelle Wurzeln in Afrika liegen“, versteht. Bilal Sidi Ibrahim erzählt aus seinem Tuareg-Leben. In Aram Mattiolis Darstellung der italienischen Kolonialherrschaft in Libyen wird deutlich, wie bedenkenlos und international kaum beachtet systematisch Menschenrechte außer Kraft gesetzt worden sind, vom ersten Bombenabwurf der Geschichte (1911) über den Einsatz von Giftgas bis hin zur Errichtung von Konzentrationslagern, um dadurch die Menschen der Wüste „zu befrieden“ und „zu zivilisieren“. Zum heutigen Alltag heißt es in Ernst Strouhals erzählenden Recherchen: „Ich bin keine Sekunde allein in Ghadames. Muhammed begleitet mich den ganzen Tag oder es findet sich, wie zufällig, stets einer seiner freundlichen Cousins oder ein Freund des Cousins, der sich mir anschließt, eine seltsame Mischung aus Gastfreundschaft und Kontrolle.“ Zu aktuellen Perspektiven wird Saadi Gaddhafi zitiert: „Libyen hat unter den Repressalien gelitten. Jetzt müssen wir all unseren Reichtum, all unser Potenzial nutzen, um ein positives Bild von uns zu entwickeln. Und dafür gibt es nichts Besseres als Fußball“. In meinem abschließenden „Sahara-Lexikon“ werden historische Zusammenhänge und vor allem im deutschsprachigen Raum wenig geläufige Ereignisse skizziert, um Vorstellungen von Wüste, die sich über religiöse Traditionen in westlichem Denken verankert haben, zu differenzieren und solche angeblichen Leerräume in globales Denken einzubeziehen. Algerische Bezüge bei Le Corbusier, Camus, Foucault, Derrida, Lyotard, Bourdieu oder Peter Brook kommen genauso zur Sprache wie eine anhaltende literarische Wüstenfaszination, arabisch-berberische Gegenstimmen von Assia Djebar bis Ibrahim al-Koni, der Status quo, Expeditionen, Orientalismuskonjunkturen, künstlerische Projekte, Saharafilme, Aspekte der Tuareg-Geschichte und des regionalen Widerstands, die Massaker von 1945 an der algerischen Bevölkerung, französische Atombombentests oder die erste Phase der Befreiung Europas im Westen – von Algerien und Tunesien aus. Sofern derartige fragmentarische Texte Vorstellungen von Nordafrika und merkwürdig einseitige Wüstenfixierungen irritieren können, wird vielleicht auch erkennbar, welche Chancen auf eine integrationsorientierte „Mittelmeerkultur“ ruiniert worden sind und inwieweit ein solches Potenzial wenigstens langfristig wieder Perspektiven ergäbe.

Vernetzung des Themas: Zeichen- und Bilderschriften sind an den Rändern von Wüsten entstanden; damit hat sich bereits meine essayistische Studie „Wörter und Zahlen. Das Alphabet als Code“ (2000) beschäftigt. Die Folgebände in der „Edition Transfer“ haben weitere transdisziplinäre Überlagerungs- und Austauschprozesse zum Inhalt: „Transferprojekt Damaskus“ (deutsch/arabisch 2003), „Afghanistan, fragmentarisch“ (2004), „Forschende Denkweisen. Essays zu künstlerischem Arbeiten“ (2004). Mit „Sahara. Text- und Bildessays“ wird dies fortgesetzt, ebenfalls zum Teil kollektiv erarbeitete Beiträge zu Regionen rund um das Schwarze Meer, zu Mediengeschichte, Urbanität, Literatur, Geografie sollen folgen. Die langjährige Betreuung von Sozialprojekten in der „Dritten Welt“ sowie extensive Reisen in der Sahara und anderen Wüstenzonen haben aus meinem Interesse für ausgegrenzte Lebenssituationen, unwirtliche Bedingungen und Small-Budget-Interventionen ein lebensbegleitendes Thema gemacht. Deshalb verbindet sich auch in den weitgehend privat finanzierten, auf unabhängiges Arbeiten setzenden Forschungs- und Visualisierungsprojekten, die ich von der Universität für angewandte Kunst in Wien aus initiiere, Inhaltliches und Geografisches mit Strukturellem – als praxisorientierter Wissenstransfer. Denn es geht dabei vor allem um die Herstellung von Rahmenbedingungen, die gedankliche Erfahrungsprozesse, übergreifende Kooperationen zwischen Kunst und Wissenschaft, von Lehrenden und Studierenden über konkrete Arbeitsangebote bestärken, damit ein Herangehen an Neues und der mentale Austausch mit „anderem“ gerade auch hinsichtlich sozial benachteiligter Regionen außerhalb Europas sensibilisiert werden. Die mit vielfältigen Bezugsfeldern vernetzten Beiträge dieses Bandes – für die eine Kerngruppe in die libysche Wüste gereist ist, bevor eine Öffnung des Landes zur offiziellen Politik wurde – sind als Teil weiterwirkender Prozesse zu verstehen, die sich im Idealfall auf andere Denkwelten übertragen, sei es im Sinn normalisierend wirkender Offenheit, sei es durch ein orientierendes Bewusstmachen von Distanzen.

Libyen, im Oktober 2003; Wien, im Sommer 2004

 

Amin Maalouf im Gespräch mit Christian Reder. In: Christian Reder / Simonetta Ferfoglia (Hg.): Transferprojekt Damaskus. Urban orient-ation, Wien-New York 2003, S. 361f

Otl Aicher: gehen in der wüste, Frankfurt am Main 1982, S. 120, 168

Peter Sloterdijk: Weltfremdheit, Frankfurt am Main 1993, S. 88


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© Christian Reder 2004